Kommentar zur Auswahl des Berliner Theatertreffens 2025
Gültiger Ausdruck düsterer Zeiten
22. Januar 2025. Wie repräsentativ ist die Auswahl für das Berliner Theatertreffen jedes Jahr für das deutschsprachige Theaterschaffen? Was sagt das Zehner-Tableau über unsere jeweilige Gegenwart aus? Gibt es tektonische Verschiebungen im Kontext des Festivals, in der Jury und überhaupt? Ein Kommentar.
Von Christian Rakow
Die Theatertreffen-Jury 2025 im Haus der Berliner Festspiele © Fabian Schellhorn
22. Januar 2025. David Lynch ist tot. Aber sein Erbe lebt. Im Theater, und auf dem Berliner Theatertreffen 2025. Ersan Mondtag ist mit Double Serpent (einem Missbrauchsstück von Sam Max) zum Festival der "bemerkenswertesten" deutschsprachigen Inszenierungen der Saison eingeladen, vor Ort in Wiesbaden für die David-Lynch-Anmutung gelobt, von der Theatertreffen-Jury ob seiner stilisierten, "albtraumhaften Theatersprache" (Sabine Leucht) für Berlin ausgewählt.
Das Stück fügt sich in eine Tendenz der diesjährigen Festival-Auswahl: Suggestive, vorzugsweise düstere Atmosphären und Raumerfahrungen prägen das Zehner-Tableau, das die Kritiker*innenjury (Eva Behrendt, Katrin Ullmann, Janis El-Bira, Sascha Westphal, Martin Thomas Pesl, Valeria Heintges, Sabine Leucht) aus 738 Sichtungen in der Schweiz, Österreich und Deutschland zusammengestellt hat. Mit "[EOL]. End of Life. Eine virtuelle Ruinenlandschaft" vom Kollektiv DARUM (Victoria Halper und Kai Krösche) aus dem brut Wien taucht man mittels VR-Brille in ein virtuelles Totenreich voller "Datenschrott" ein, das die "Beschäftigung mit dem Metaverse konsequent weiter denkt", so Juror Martin Thomas Pesl. Katie Mitchells Hamburger Neufassung von Bernarda Albas Haus (Text: Alice Birch nach Federico García Lorca) entwirft ein präzise choreographiertes, klaustrophobisches Familienbildnis.
Gesamtkunstwerke statt Schauspielerfeste
Während das letztjährige Theatertreffen ein Fest der Schauspielkunst versprach (und dann auch hielt), wirkt die diesjährige Ausgabe auf den ersten Blick wieder conaisseurhafter, mit Zug zu ausgeklügelten Gesamtarrangements, in denen Musikerinnen und Bühnenbildner mindestens so wichtig wie die Spieler*innen sind. Viele Arbeiten suchen den Grenzbereich zu anderen Künsten: Da gibt es die Bühnenadaption eines Hörspiels von Georges Perec in Anita Vulesicas Die Maschine oder: Über allen Gipfeln ist Ruh aus Hamburg. Oder die Wieder-Aneignung eines Pina-Bausch-Tanzabends "Kontakthof – Echoes of '78" durch Regisseurin Meryl Tankard, die einst selbst in der Uraufführung von "Kontakthof" tanzte und eine Protagonistin der Company von Pina Bausch war (aus Wuppertal).
Luise Voigt zeigt Bertolt Brechts Die Gewehre der Frau Carrar im Gewand eines 1930er-Jahre-Spielfilms und durchschneidet es dann mit einem neuen Text von Björn SC Deigner, "Würgendes Blei" (Residenztheater München), um die Frage nach Waffenlieferungen in unseren Kriegstagen zu problematisieren. Florentina Holzinger wiederum stößt sich bei einer Oper von Paul Hindemith ab, um in SANCTA mit ihrem reinen Frauenensemble einen "sexpositiven Feminismus" zu zelebrieren (Eva Behrendt). Also hybride Gesamtkunstwerke allerorten.
Manche Traditionslinien schreiben sich fort: Unser Deutschlandmärchen von Dinçer Güçyeter, inszeniert am Berliner Maxim Gorki Theater von Hakan Savaş Mican, nimmt sich als sensible Mutter-Sohn-Geschichte und emanzipatorisches Porträt der türkischen Einwanderungsgesellschaft wie das (post)migrantische Pendant zu Falk Richters The Silcence aus. Die in den letzten Jahren von Herbert Fritsch (Murmel, Murmel) oder auch Claudia Bauer (Humanistää!) vertretene Dada- und Wortkunst-Rezeption wird durch Anita Vulesica (die bei Claudia Bauer auch als Schauspielerin aktiv ist) weitergeführt.
Novitäten
Ansonsten frappiert die repräsentative Breite der Auswahl und das Spotlight auf Novitäten: Mit Wiesbaden ("Double Serpent"), Schwerin ("SANCTA") und Magdeburg (Blutbuch von Kim de l'Horizon in der Regie von Jan Friedrich) sind drei Landeshauptstädte vertreten, die man selten beim Theatertreffen fand. Sieben Regisseur*innen sind erstmals eingeladen: Anita Vulesica, Hakan Savaş Mican, Meryl Tankard, Jan Friedrich, Luise Voigt sowie DARUM (Halper/Krösche). Friedrich und Voigt wurden erst unlängst beim Nachwuchs-Regiefestival "radikal jung" in München vorgestellt.
Weitere Novitäten hält Theatertreffen-Leiterin Nora Hertlein-Hull für die kommende Jurybesetzung parat: Neben Christine Wahl (Berlin), Falk Schreiber (Hamburg) und Alexandra Kedves (Zürich) als "in der Branche bekannte Namen" (Hertlein-Hull) seien mit Vincent Koch (Leipzig) und Yaël Koutouan (Mainz) bewusst "Newcomer" berufen worden, die am Anfang ihrer Kritikerlaufbahn stehen. Dafür ist erstmals kein Vertreter des Fachblatts "Theater heute" in der neuen Jury, dessen Gründer und langjähriger Redakteur Henning Rischbieter das Theatertreffen 1964 wesentlich mit anstieß.
Was fehlt, und was wirklich fehlt
Was beim Theatertreffen 2025 fehlt, ist teils inhaltlich auszumachen: Das Klima-Thema scheint von den Bühnen verschwunden, diagnostiziert die Jury. Zumindest in seiner direkten Ausformulierung. Fragen des "Erbes" und der "Hinterlassenschaft" durchziehen die Arbeiten (Janis El-Bira). "Die Zeiten sind düster", so Jurorin Valeria Heintges, und das bilde sich auch in der Theatertreffen-Auswahl ab.
Der Abend, der dieses "Gegenwartsgefühl" ungebremst einfängt und ausagiert, ist der schönste und schmerzlichste in dieser Auswahl: ja nichts ist ok von René Pollesch und Fabian Hinrichs aus der Berliner Volksbühne ist die zehnte Arbeit des diesjährigen Festivals, das Werk einer großen Künstlerfreundschaft, das unserer zerrissenen Zeit ihren gültigen Ausdruck verleiht. Hinrichs als "existenzieller Einzelner" führe uns darin in seinem "apokalyptischen Weltschmerz an den Rand des Absurden", sagt Janis El-Bira. "Ein großartiger Schluss".
Nach Kill Your Darlings. Streets of Berladelphia (2012) ist es die zweite Einladung des Duos Pollesch/Hinrichs zum Theatertreffen. Es wird keine weitere folgen, René Pollesch verstarb im Februar 2024 zwei Wochen nach der umjubelten Premiere. Er fehlt, selbst wenn er jetzt noch einmal da ist. Und wird fehlen.
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