Regiefrauen unter Einfluss

6. Januar 2025. Susanne Kennedy gilt mit ihren radikalen Arbeiten als Solitärin im Theaterbetrieb. Schaut man sich die Arbeiten junger Regisseurinnen von Lucia Bihler über Rieke Süßkow bis Marie Schleef an, wird jedoch klar, wie prägend gerade ihre frühe Ästhetik für eine ganze Künstlerinnen-Generation wurde – und was ihr Erfolgsgeheimnis ist.

Von Janis El-Bira

Geprägt von der Kennedy-Ästhetik: Lucia Bihlers Inszenierung "Die Eingeborenen von Maria Blut" am Wiener Burgtheater 2023 © Susanne Hassler-Smith

6. Januar 2025. Als "The Work", die jüngste Arbeit der Regisseurin Susanne Kennedy, im Mai des gerade vergangenen Jahres an der Berliner Volksbühne Premiere hatte, konnte man sich leicht ein wenig abgehängt fühlen. Nicht nur deshalb, weil sich das Ansinnen der Veranstaltung zur Gänze allenfalls den intimen Kennern des "work", also der Arbeitsbiographie der Regisseurin, erschlossen haben dürfte. Hinzu kam, dass sich inmitten all dieser sehr jungen, sehr hippen und sehr internationalen Menschen im Publikum schnell etwas eingerostet vorkommen mochte, wer die Entwicklung dieser Regisseurin über die vergangenen Jahre vielleicht nicht ganz so genau verfolgt hat.

Aus dem Nistkasten des Stadttheaters

Denn Susanne Kennedy hat, das war bei "The Work" wieder eindrücklich zu beobachten, längst eine kultisch eingeschworene Anhängerschaft. Die Menschen, die ihre Inszenierungen besuchen, sieht man ansonsten eher bei Ausstellungseröffnungen und auf den internationalen Biennalen als im Theater. Erinnert sich noch jemand daran, wie eine Zeit lang die "Öffnung" des Theaters "zur bildenden Kunst hin" gefühlt überall zum guten Ton der Saisonvorschauen und Intendanzprogramme gehörte? Bei Kennedy scheinen sich die Welten gefunden zu haben – auch wenn die Regisseurin ganz klassisch aus dem Nistkasten des Stadttheaters stammt und eben gar nicht irgendwo in der Kunstwelt entdeckt wurde.

Künstlerinnen-Avatare mit großer Anhängerschaft: Susanne Kennedys "The Work" 2024 in der Berliner Volksbühne © Moritz Haase

Interessanter noch als die Fans im Publikum erscheint allerdings die Spur, die Kennedy innerhalb des Betriebs selbst hinterlassen hat. Für eine ganze Generation junger Theatermacherinnen – und es sind tatsächlich vor allem Frauen – ist ihre Ästhetik zu einem Referenzpunkt geworden. Man darf behaupten, dass Susanne Kennedy die einflussreichste Regiefrau der vergangenen zehn Jahre ist, wenn man die Prägewirkung eines bestimmten Stils zum Maßstab nimmt. Die wichtigste Einschränkung, die man hierbei jedoch gleich machen sollte, besteht darin, dass dieser Einfluss vor allem von einer Phase ihres Werks auszugehen scheint, die sich von ihrem aktuellen Schaffen in vielen Punkten unterscheidet.

Vor dem transhumanistischen Turn

Kennedys stilistisch maßgebliche, größtenteils an den Münchner Kammerspielen entstandene Arbeiten erschienen zwischen etwa 2013 und 2019. Beginnend mit ihren jeweils zum Theatertreffen eingeladenen Durchbruchsinszenierungen "Fegefeuer in Ingolstadt" (2013) und "Warum läuft Herr R. Amok?" (2014) über "Die Selbstmord-Schwestern" (2017) bis hin zu "Drei Schwestern" (2019). Die Phase also, bevor Susanne Kennedy im Konzeptionsgespann mit dem Bühnenbildner Markus Selg gleichermaßen von der Regisseurin zur Eigenmarke wurde. Bevor das Interesse an Transhumanismus, Avataren und New Age-Spiritualität nicht mehr nur die Ästhetik informierte, sondern in Form eigener Stückentwicklungen Konzept und Inhalt wurde. Von hier an war sie unkopierbar. Staunenswert – und wenig erwähnt – ist dennoch der Einfluss, den ihre Arbeiten vor dem jüngeren transhumanistischen Turn ausübten.

Kennedys extreme Ästhetik der Fragmentierung, Zeitdehnung und Verfremdung von Körper und Stimme polarisierte bereits in ihren frühen Arbeiten. Von "Dekonstruktion ohne Erbarmen" und "Mutantentheater" war in den Kritiken die Rede. "Unglaublich", so brachte es ein Kollege um 2015 in einem Gespräch auf den Punkt, "mit was für einem Selbstbewusstsein die einem diese Dinger vor den Latz knallt." Es klang Bewunderung mit, aber auch mehr als nur ein Hauch Skepsis. Verdoppelte sich durch jene strikt geschlossene Form nicht genau die Zurichtung des Menschen im Kapitalismus, der eigentlich die Kritik gilt? Verrät nicht die Figuren, wer sie zu Zombies und Automatenwesen stilisiert, heruntergestutzt auf ihre bloß noch vegetative Existenz?

DreiSchwestern 3 560 JudithBuss uZombies und Automatenwesen? Susanne Kennedys Inszenierung "Drei Schwestern" 2019 an den Münchner Kammerspielen © Judith Buss

Dass Andere damals fasziniert zugeschaut haben, lässt sich heute in jeder Saison mehrmals nachvollziehen. Arbeiten vieler junger Regisseurinnen aus der mittlerweile ersten Reihe des Betriebs wie Rieke Süßkow, Lucia Bihler, Yana Thönnes, Marie Schleef oder Mirjam Loibl tragen regelmäßig Merkmale der in den 2010er Jahren von Kennedy etablierten Ästhetik. Zu ihnen gehören das Spiel mit Masken oder wächsern geschminkten Gesichtern, die verstörende Dissonanz von Körper und Stimme durch eingesprochenen Text, die radikale Verknappung sowohl der Bewegungsfreiheit der Figuren als auch des Stücktexts beziehungsweise überhaupt: von Sprache, Wiederholung als gestalterisches Prinzip (der "Loop") sowie installative, oft laborähnliche Bühnenentwürfe.

Natürlich war und ist Susanne Kennedy nicht die erste oder einzige Regisseurin, die mit diesen ästhetischen Versatzstücken arbeitet oder gearbeitet hat. Auch bei einem Regisseur wie Ersan Mondtag, der ungefähr zur selben Zeit wie Kennedy mit dunkel-schauerromantischen, gleichfalls hochstilisierten Inszenierungen seinen Durchbruch erlebte, finden sich Verlangsamung und Wiederholung als wichtige Gestaltungsprinzipien. Claudia Bauer arbeitet ebenso mit Masken und scharfen Verfremdungseffekten, und auch von Katie Mitchell ließe sich lernen, wie ein radikal wirkästhetischer Zugriff auf Stoffe und Texte aussehen kann. Trotz sich teils überschneidender Gestaltungsprinzipien gelangen allerdings Mondtag, Bauer, Mitchell und eben auch Kennedy zu gänzlich anderen Ergebnissen. Vor allem Kennedys Theatersprache bleibt aber selbst dort als Einfluss erkennbar, wo sie sich – was praktisch immer der Fall ist – mit anderen Stilen und Eigenheiten mischt.

Ein Toolkit des Theaters

Nimmt man etwa Lucia Bihlers Hamburger "Woyzeck", bei dem sich die mordtreibende Geschichte in einem Gehege aus Plastik und Neonlicht immer wieder von Neuem ereignet; Rieke Süßkows per Voiceover ihren Kannibalismus rechtfertigende Schwab-Latexpuppen (in "Übergewicht, unwichtig: Unform"), ihre von einer Dirigentin getakteten Dioramen aus "Mein Lieblingstier heißt Winter" am Schauspiel Frankfurt oder auch Yana Thönnes' ins Licht der klinischen Analyse getauchte Schaukästen des Horrors ("In Memory of Doris Bither") – ohne Susanne Kennedys Arbeiten sähen diese für sich genommen sehr unterschiedlichen Inszenierungen vermutlich anders aus. Trotzdem kommen sie nicht epigonal daher, sind keine Kopien von Kennedys Ästhetik, und gerade das macht deren Bedeutung umso eindrücklicher. Schließlich ist Stil vor allem dort einflussreich, wo er nicht 1:1 übernommen werden muss, um sichtbar zu bleiben. Kennedys Stilelemente aus den 2010er Jahren sind teilbar, erweiterbar und gegebenenfalls auch ihrerseits wieder reduzierbar. Ein vielteiliges Toolkit des Theaters zur Herstellung bestimmter Effekte und Affekte, die ihrerseits im Dienst einer Haltung stehen.

Genau darin, also in der mit diesen Stilelementen vermittelten Haltung, scheint der Grund ihrer Attraktivität, multiplen Anwendbarkeit und eben vor allem auch Wiedererkennbarkeit zu liegen. Der Theaterwissenschaftler Mathias Meert hat in einem 2023 erschienenen Sammelband über Susanne Kennedy auf den von Jens Roselt etablierten Begriff der "Ausfühlung" als Gegenmodell zur empathischen "Einfühlung" des psychologisch-realistischen Spiels verwiesen. Im Gegensatz zu dieser gehe es in der "Ausfühlung" eben gerade nicht um die Frage, ob sich der Zuschauer in den Figuren auf der Bühne wiederkenne – sondern vielmehr darum, worin diese sich von ihm unterscheiden, sie also fremd bleiben.

Die Moeglichkeit des Boesen 01 1200 Gabriela Neeb uFremdheitserfahrung: Marie Schleefs Inszenierung "Die Möglichkeit des Bösen" 2024 an den Münchner Kammerspielen © Gabriela Neeb

Diese Ästhetik der Fremdheit verbindet sich auch in vielen Arbeiten der von Kennedy beeinflussten Regisseurinnen mit einer geradezu klassischen und zeitlos anschlussfähigen Kritik an den Unterdrückungsmechanismen und Verblendungszusammenhängen von Klasse, Kirche und Kapitalismus. Diese "Ausfühlung" zielt aber weder auf das Mitleid der Tragödie noch auf die Reflexionsprozesse des epischen Theaters, sondern stellt in der Regel ab auf eine ins Fratzenhafte übersteigerte Beschreibung der Ist-Zustände: Man soll sich vor allem fürchten vor dem Horror dessen, was einem dort so fremdgestaltig gegenübertritt – um dann idealerweise zu bemerken, dass es so fremd gar nicht ist (was die Sache allerdings nur noch furchteinflößender macht).

So erlebt man Figuren, die keiner Entwicklung mehr fähig sind. Die wie eingemauert wirken oder wie von kurzen Fäden als Marionetten Gezogene. Dass der Wille nicht mehr frei ist, sondern ausgehebelt erscheint von den (selbstgeschaffenen) Verhältnissen, wird als Horrorshow doppelt unterstrichen, wenn etwa Woyzeck ins Schlachthaus und somit in einen wortlosen Kreislauf aus Schweinehälften und Wurstproduktion geschickt wird (Mirjam Loibls "Woyzeck I Marie" in Mainz). Das beeindruckt, ohne dass man deshalb auch nur eine Träne vergießen möchte.

Affekt und Effekt

Auch hier hat Kennedys frühes Theater der Kritik durch Furcht und Zittern sich als wirkmächtig erwiesen, weil es mit einer Dominanzästhetik einhergeht, in der wie in einer gut gemachten Geisterbahn jedes Detail sitzen muss. Der Affekt stellt sich nur ein, wenn der Effekt stimmt. So steht das von ihr geprägte Theater im Zeichen der Beherrschung und Kontrolle durch das vorgegebene Konzept. Es ist gewissermaßen weniger postdramatisch als vielmehr ein Regietheater 2.0, das die Mittel seiner Zurichtung so stolz präsentiert wie der Folterknecht seine Werkzeuge. Da kann man nur staunen.

Und gestaunt haben damals eben auch viele darüber, dass ausgerechnet ein solches Theater von einer Frau kommen sollte. So grimmig, gleichzeitig so kühl, sarkastisch, selbstbewusst und vor allem so meisterlich beherrscht – das schien vielen noch immer Männersache zu sein. Auch damit hat Susanne Kennedy Schluss gemacht und ist so für junge Regisseurinnen nicht nur ästhetisch, sondern auch innerbetrieblich ein Vorbild geworden. In der Folge haben gerade bei den Frauen die "starken Handschriften" zugenommen, die großen ästhetischen "Setzungen", radikalen Konzepte und Entwürfe.

Deutsches Schauspielhaus Hamburg,"Woyzeck" von Georg Büchner / in einer Fassung von Lucia Bihler und Mats Süthoff Premiere: 29.10.2022,Regie: Lucia Bihler, Bühne: Pia Maria Mackert, Kostüme: Belle Santos, Video: Florian Schaumberger, Licht: Susanne Ressin, Musik: Johannes Cotta, Dramaturgie: Mats Süthoffmit:Paul Behren, Ute Hannig, Matti Krause, Josef Ostendorf, Bettina StuckySchlagzeug: Johannes CottaCopyright (C) Thomas AurinGleditschstr. 45, D-10781 BerlinTel.:+49 (0)30 2175 6205 Mobil.:+49 (0)170 2933679Veröffentlichung nur gegen Honorar zzgl. 7% MWSt. und BelegexemplarSteuer Nr.: 11/18/213/52812, UID Nr.: DE 170 902 977Commerzbank, BLZ: 810 80 000, Konto-Nr.: 316 030 000SWIFT-BIC: DRES DE FF 810, IBAN: DE07 81080000 0316030000Kritik an den Verblendungszusammenhängen: Lucia Bihlers "Woyzeck"-Inszenierung 2023 am Hamburger Schauspielhaus © Thomas Aurin

Kennedys Theatersprache hat sich als universalisierbar erwiesen. Man kann mit ihr fast alles verhandeln, vor dem es sich zu fürchten gilt. Und wahrscheinlich ist der Druck gerade für junge Theaterfrauen noch immer sehr groß, sich nicht nur als kritischer Geist, sondern auch als Visionärin mit Durchsetzungskraft zu präsentieren.

Aber der Kalender zeigt nicht mehr 2014, die Messer der Kritik dürfen angesichts ihres Stumpfwerdens an einer immer schrilleren Gegenwart gerne neu geschliffen werden. Susanne Kennedy selbst ist längst zu anderen Welten aufgebrochen, umkreist das Theater eher vom Orbit aus und hat auch dort ihre Fans gefunden. Neue Ikonen wie Florentina Holzinger stehen indes schon bereit. Ob sie ebenso Schule machen werden, wird die Zukunft zeigen.

 

JanisElBira ThomasAurin smJanis El-Bira, geboren 1986 in Braunschweig, ist Redakteur von nachtkritik.de. Er studierte Philosophie und Geschichtswissenschaften in Berlin. Seit 2015 arbeitet er als Journalist, Autor und Moderator mit Theaterschwerpunkt. Texte und Beiträge für die Berliner Zeitung, Deutschlandfunk Kultur, SWR2 und andere. Seit 2016 ist er freier Redakteur und Moderator des wöchentlichen Theatermagazins "Rang 1" im Deutschlandfunk Kultur. 2016 bis 2021 leitete er das "Theatertreffen-Blog" bei den Berliner Festspielen. Er ist Mitglied der Jury für das Berliner Theatertreffen 2023–2025.

Kommentare  
Essay Kennedys Ästhetik: Aufschlussreich
Danke für diesen aufschlussreichen Artikel!
Essay Kennedys Ästhetik: Stilbildende Frauen*
Es ist doch toll zu sehen, wieviele Frauen* oder Finta-Personen mittlerweile nicht „nur“ in Regiepositionen sind, sondern massgeblich stilbildend. Zudem hilft der Rückgriff auf Texte von Frauen* den Kanon zu weiten. All diese Entwicklungen nehme ich mit Freude zur Kenntniss.
Essay Kennedys Ästhetik: Der Hype ist vorbei
Ich beobachte eher, dass sich die Ästhetik der genannten Frauen totgelaufen hat. Pina Karabuluts letzte Arbeiten waren eher enttäuschend. Es wird interessant zu sehen, wie lange ihre Arbeit noch funktioniert in Zürich beispielsweise. Ebenso Lucia Bihler. Der Hype ist vorbei. Nur Herr El-Bira sieht es noch nicht und unterfüttert seine Theatertreffenauswahl damit schon vorsorglich.
Essay Kennedys Ästhetik: Vinge/Müller unerwähnt?
Es ist kompletter Irrsinn, dass die Arbeiten von Vinge und Müller hier nicht erwähnt werden. Endlose Wiederholungen, das Zombiehafte, die Maskerade, Handlungen auf der Bühne mit Tönen aus dem Off unterlegen, die Allgegenwart von Gewalt: kam alles von der Wildente und John Gabriel Borkman. War ja eher erschreckend, wie unverschämt da ab den 10er-Jahren geklaut wurde. Gerade von einigen der oben erwähnten Regiepositionen.
Essay Kennedys Ästhetik: Zweifel
Ein interessanter Text. Die Frage ist, wann die Auffassung der Welt als Spielplatz der Avatare bei Kennedy oder bei ihren Nachahmerinnen in Übereinstimmung mit dem Text gebracht werden kann, und wann aus einem sinnfälligen Modell eine Manier wird. Passt sie wirklich für die "Drei Schwestern" ebenso wie für Bontempellis "Minnie la candida", für "Die Selbstmord-Schwestern" ebenso wie für "R.U.R"? Oder ist Susanne Kennedy bloß so verliebt in ihren Einfall, der so neuartig ist wie Nô, Kabuki und die Blue Man Group? Es ist deprimierend, wenn Künstler*innen andere nachahmen oder, weniger freundlich, plagiieren, aber es reicht schon, wenn eine oder einer, ermutigt durch unverdienten Beifall, sich selbst kopiert und dabei aus den Augen verliert, was die ursprüngliche Idee war. Folgt man El-Biras Überlegungen, möchte man das für Kennedy ausschließen. Ich habe, sorry, meine Zweifel.
Essay Kennedys Ästhetik: Call Gillian Wearing!
Warum, liebe Freund*innen der Kunst, spricht niemand über GILLIAN WEARING? Die Videokünstlerin aus UK, die mit (wächsernen) Masken ganz beeindruckende und verstörende Kunst erschaffen hat? 2012 war eine große Ausstellung in der Whitechapel Gallery London zu sehen, Ende 2012 in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen Düsseldorf und 2013 dann im Museum Brandhorst in München, wo quasi zeitgleich Susanne Kennedys „Fegefeuer“ entstand. Welch nachhaltig einflussreiche (und wiederum von Cindy Sherman beeinflusste) Kunst: “Album“ (2003) oder eben „Confess All On Video. Don't Worry You Will Be in Disguise. Intrigued? Call Gillian“. Manchmal hilft ein Blick über die deutsche Theaterbubble hinaus, zumindest als Referenzsystem ...
Essay Kennedys Ästhetik: Dank + Ergänzung
Besten Dank an Janis El-Bira für den erhellenden Artikel zu den Arbeiten von Susanne Kennedy. Vergessen wird fast immer die erste an den Münchner Kammerspielen gezeigte Arbeit von Susanne Kennedy: Sie inszenierte 2011 (noch in der Intendanz von Johan Simon, der sie an die Kammerspiele holte) im Werkraum: "They shoot horses, don't they?". Es war eine sehr berührende Inszenierung, die sich auf mehreren Ebenen damit auseinandergesetzt hat, wie es ist, einerseits gesehen und angeschaut zu werden und andererseits zu beobachten und anzuschauen. Thomas Schmauser arbeitete - wenn ich mich recht erinnere - bei der Textübersetzung mit und übernahm damals eine tragende Rolle und verkörperte das Dilemma von Gesehen-werden-wollen und sich deshalb produzieren müssen als existenzielles Thema, das über die Geschmacklosigkeit aller Risiko-Shows von "Wetten das" über Dschungelcamp und andere mediale Grausamkeiten (auch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen) weit hinausging.
https://www.abendzeitung-muenchen.de/kultur/durchdringend-traurige-gesellschaftskritik-art-137094


Die Aufnahme von Samuel Koch ins Ensemble der Münchner Kammerspiel, der sich im Dez. 2010 bei "Wetten dass" bei einer Wette so schwer verletzte, dass er vom Hals abwärts querschnittgelähmt ist, wäre ein Grund mehr, diese frühe Arbeit von Susanne Kennedy nochmals wieder aufzunehmen.

Sehens- und lesenswert ist auch in der Nachtkritik-Reihe "Neue Dramatik":
https://www.nachtkritik.de/index.php?option=com_content&view=article&id=20384:neue-dramatik-in-zwoelf-positionen-12-susanne-kennedy&catid=53&Itemid=60
Essay Kennedys Ästhetik: Copycat
Auch ich möchte nochmal erwähnen: Jede/r, der/die „Fegefeuer in Ingolstadt“ gesehen hat, weiss, dass vorher Vegard Vinge und Ida Müller am Prater eingeschlagen hatten und der Einfluss auf Kennedies Arbeit ist maximal. Totale Künstlichkeit.
Dass El-Bira das nicht koppelt, ist wirklich ein Versäumnis. Selbst wenn er Vinge/Müller nicht gesehen haben sollte, darf das in seinem Text nicht unerwähnt bleiben. Die Bihlers, die Mondtags, die Kennedies etc, undenkbar ohne Vinge/Müller
Essay Kennedy: Vinge / Müller
Liebe*r Huibuh, danke für Ihren freundlichen Hinweis. Ich glaube tatsächlich, dass Vinge / Müller und Kennedy eher Oberflächenähnlichkeiten haben. Die Behandlung und Bedeutung von Sprache, Psychologie (gibt's die bei Kennedy überhaupt?), Figurenzeichnung, Stücktext usw. ist bei genauem Hinsehen doch sehr unterschiedlich. Ja, es gibt die Masken, Verlangsamungen, Wiederholungen - aber da könnte man genauso Robert Wilson ins Feld führen. Vinge / Müller kommen m.E. aus dem Geist der Romantik – ganz weit weg von Kennedy.

Herzliche Grüße
Janis El-Bira
Kennedy-Ästhetik: Zero Natural
Lieber Janis El-Bira,
liebeS Huibuh!...müßte es heißen..ich bin ja ein Gespenst. Ohne Geschlecht.

Die Ästhetik von Vinge und Müller ist 0,0 naturalistisch. Die totale Verweigerung von Naturalismus ist stilprägend. Alle Elemente, Bühne, Stimme, Körper, Gesicht, Mimik, Biographie des/r Darsteller/in sind verfremdet, bzw. werden transformiert. Es gibt keine natürliche Quelle mehr. Das macht Kennedy auch, nicht ganz so konsequent und darin, zumindest soweit ich da bislang Einblick hatte, noch etwas uneindeutig bzw unklar. Vor allem sprachlich. Bei "Fegefeuer" arbeitet sie noch, ähnlich wie Vinge/Müller, mit den verfremdeten, eigenen Stimmen, bzw die Darsteller dubben sich selbst.
Und ja, warum auch nicht Wilson...Die Zusammenhänge sind ja interessant. Bestimmt könnte man noch viele andere Inspirationsquellen, auch für Vinge/Müller finden.
Mir ging es vor allem darum, daß mitunter Künstler*innen, die nicht im klassischen Repertoire-Betrieb stattfinden, bei der Rezeption oft hinten runterfallen. Die ewige Dominanz des Repertoire-Betriebs, dem sich Vinge/Müller (künstlerisch zu recht?!) verweigern. Viele (jüngere) Theaterschaffende kennen deshalb vlt Vinge/Müller gar nicht und denken ahhh, die Kennedy, der Mondtag, die Bihler, die sind die Urquelle...nein, sind sie nicht...Schön wäre, wenn dann so ein von mir geschätzter Kritiker wie Sie das nicht vergißt.
Kommentar schreiben