Wenn die Oberflächen dicht halten

von Matthias Schümann

Rostock, 28. Januar 2016. Drei Männer stehen regungslos auf der Bühne, sie sprechen mit ruhigen Stimmen. Ihre letzten Gedanken drehen sich um ihre Familien, die eben gehabte Liebesnacht. Darum, dass es keinen Gott gibt. Die drei Männer treiben in der eiskalten Ostsee, der Fischkutter, auf dem sie eben noch unterwegs waren, ist gesunken. Wenig später sind sie tot: Kapitän, Maschinist und Lehrling. Der Fischkutter hieß "Beluga" und versank im März 1999 zwischen Rügen und Bornholm. Die Autorin und Regisseurin Yvonne Groneberg nahm sich dieses Stoffs nun an, hat für das Volkstheater Rostock ein Stück geschrieben und inszeniert: "Beluga schweigt". Seit dem Unglück konkurrieren zwei Auffassungen über die Ursachen. Die eine, offizielle: Die Seeleute handelten fahrlässig, der Kapitän versenkte die "Beluga" durch eine versehentlich offen gelassene Luke. Die andere Version: Die "Beluga" geriet in ein geheimes Nato-Manöver auf der Ostsee und wurde versehentlich versenkt.

Die Hauptfigur in Gronebergs Stück ist Erik, der in dessen letzter Liebesnacht gezeugte Sohn des Lehrlings auf der "Beluga". Erik macht heimlich eine Aufnahmeprüfung bei der Marine und besteht. Als er seine Mutter vor vollendete Tatsachen stellt, kommt es zum Krach: "Die Marine hat deinen Vater auf dem Gewissen", schreit sie ihren Sohn an und versinkt wieder in ihre seit 17 Jahren anhaltende Trauer. Erik ist trotzig: Er will beweisen, dass die Marine, sein erträumter Arbeitgeber, eben nicht schuld ist am Tod seines Vaters.

Scheitern am Aufklärungswillen

Diese Perspektivverschiebung erweist sich als äußerst fruchtbar. Zum einen ermöglicht sie durch die jugendliche Hauptfigur einen ungetrübten Blick auf die Ereignisse. Zum anderen vergrößert sie die Fallhöhe: Denn die Suche nach den Ursachen des Unglücks, die Bekräftigung der Unschuld der Marine mündet in einen emotionalen Niedergang, an dessen Ende Eriks Leben in Scherben liegt. Filip Grujic macht diesen Wandel erlebbar: Sein Erik tritt auf als bescheidener und doch irgendwie zappeliger Junge, linkisch und lebensbejahend. Er endet als gramzerfurchter Mann mit wirrem Haar und Verzweiflung im Blick – wie die meisten eher depressiven Figuren, denen er begegnet.

Beluga 560 ThomasHaentzschel uFilip Grujic als Erik und Inga Wolff als seine Mutter © Thomas Häntzschel

Da ist zunächst die eigene Mutter. Inga Wolf spielt sie als gebeugte Person, stets den Tränen nah, wortkarg und regungslos, keifend und aufbrausend, wenn die Sprache auf den Untergang des Kutters kommt, ihr Schmerzensthema. Dann ist da ein Journalist (Steffen Schreier), der schon seit Jahren den Fall "Beluga" recherchiert. Sein Festhalten am von der Armee verschuldeten Untergang kostete ihn den Job. Er hüllt sich in eine Pferdedecke, aus deren Saum er die "Beluga"-Akten zieht, zu Papierschiffchen gefaltet. Um sein Wissen, seine Recherchergebnisse erleichtert, wirkt auch er nur noch ausgebrannt.

Machtlos gegen die Macht

Ob tatsächlich ein langes Stahlseil, das zwischen zwei Kriegsschiffen gespannt war, den Kutter binnen einer Minute zum Untergang brachte, so dass die drei Männer an Bord nicht einmal Zeit hatten, in ihre Rettungswesten zu schlüpfen, klärt auch Yvonne Gronebergs Theaterstück nicht. Erik verzweifelt weniger an der Ungewissheit über die Unglücksursache als an der Tatsache, dass er sich, genau wie die Witwen der ertrunkenen Fischer, die ihr Leid herausschreien, abgeblockt, ausgeschlossen und übervorteilt fühlt, machtlos gegen die mächtigen Staatsorgane, gegen Politiker, Ministerien und Marine. Repräsentiert werden diese Instanzen durch Till Demuth, der etwa in der Rolle des aalglatten Leutnant Masur zunächst korrekte Freundlichkeit ausstrahlt, die sich zunehmend in Arroganz und autoritäre Abfälligkeit wandelt. Das ist insgesamt eine zugegebenermaßen bärbeißige Weltsicht, die allerdings durch die tragische biografische Grundierung der Hauptfigur paranoider Peinlichkeit leidlich entwischt.

Die Inszenierung in der kleinen Spielstätte "Heck" des Volkstheaters fällt sparsam aus und setzt ganz auf die Präsenz der Darsteller*innen, die zur Vorbereitung der Aufführung mit einem alten Schlepper über die Ostsee geschippert sind. Bis auf die Papierschiffchen des Journalisten wird auf der Bühne auf maritime Reminiszenzen verzichtet (Ausstattung: Norbert Bellen). Auf einen Glitzervorhang projizierte Wellen wirken nicht heimelig, sondern bedrohlich (Video: Stefano di Buduo). Die Darsteller springen aus dem Publikum auf, wenn sie an der Reihe sind. Ihre Rollenwechsel werden so plausibel, wie auch der Einsatz des Ensembles als Chor, der das Geschehen trübsinnig bis mitleidlos begleitet und die Hauptfigur umso einsamer dastehen lässt. Am Ende hat der Staat einen verlässlichen Bürger weniger und der Zuschauer immerhin das gute Gefühl, dass Theater sich relativ dicht und risikoreich entlang einer konkreten Lebenswirklichkeit bewegen kann, ohne dabei platt und didaktisch zu werden.

Beluga schweigt
von Yvonne Groneberg
Uraufführung
Regie: Yvonne Groneberg, Ausstattung: Norbert Bellen, Videoinstallation: Stefano di Buduo, Komposition: Wieland Franke, Dramaturgie: Martin Stefke.
Mit: Filip Grujic, Inga Wolff, Sandra-Uma Schmitz, Juschka Spitzer, Till Demuth, Alexander Wulke, Steffen Schreier.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.volkstheater-rostock.de

 

Kritikenrundschau

"Beluga schweigt" erreiche "mit wenig Mitteln ungeheuer viel. Ein Besuch lohnt sich", so resümiert IANE in den Norddeutschen Neuesten Nachrichten / Schweriner Volkszeitung (30.1.2015) den Abend. Regisseurin Yvonne Groneberg habe den regionalen Stoff fesselnd umgesetzt. "Sie geht so weit, dass es gerade noch zu ertragen ist."

"Der Anfang ist nur schwer zu ertragen", findet Michael Meyer von der Ostsee Zeitung (30.1.2016). "Mit dieser Inszenierung setzt das Volkstheater konsequent den Weg fort, ins Volk, zum Volk zu gehen und über die Debatten, Gespräche und Themen der Menschen in dieser Seeregion Relevanz zu erzeugen."

"Regisseurin Yvonne Groneberg hat mit 'Beluga schweigt' ein Stück inszeniert, das, so möchte man meinen, keines sein kann.", schreibt René Heilig für die Zeitung Neues Deutschland (1.2.2016). Die stärkste Szene sei die Anfangsszene, in der drei Fischer "jämmerlich ersaufen". "Sie gruselt, man ist verdammt zum Zuschauen.", findet Heilig.

 

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