Seelenhandlung statt Grabenkrieg

von Helmut Krebs

Mülheim an der Ruhr, 4. April 2008. Es war eine Zeit, da war noch etwas Geheimnisvolles um die Vaterschaft, und im Kampf um die Selbstvergewisserung des bürgerlichen Individuums wurden psychisch Kranke noch mit mechanischen Mitteln wie Zwangsjacken sediert. In diese Zeit, die Zeit der Entstehung des 1887 uraufgeführten frühen Strindberg-Dramas, führt uns die Inszenierung Thomas Peter Goergens am Theater an der Ruhr zurück.

Dabei beginnt Goergen in einer zeitlos wirkenden Atmosphäre präzis einstudierter Gesten, unterkühlten Sprechens. Seine Hauptfigur, der von Albert Bork dargestellte Rittmeister, ist Zentrum des ersten und letzten Aktes, dazwischen die Peripetie, in der der Hausherr mit dem Verdacht auf seinen getrübten Geisteszustand bis hin zur Androhung der Entmündigung konfrontiert wird.

Seine Antagonistin, die eigene Ehefrau, versteht es, stets die Zügel in der Hand zu halten. Petra von der Beek gibt sie mit tiefer menschlicher Einfühlung, weniger als Teufelin, mehr als in ihrem instinktiven festen Willen verfangen. Sie treibt mit den Anspielungen auf die zweifelhafte Vaterschaft, mit dem eignen Anspruch, in der Ehe der stärkere, überlegenere Teil zu sein, die Intensität des Konflikts hervor und reguliert ihn wieder durch zärtliche Vertrautheit, wenn der Mann, außer sich geraten, die Lampe nach der Frau wirft.

Goergen inszeniert das als psychologisiertes Schock-Moment. Wenn die Lampe von oben urplötzlich ins Dunkel der Hinterbühne zu Boden stürzt, zeigt das an, wie das von den Frauen geträufelte Gift des Selbstzweifels wirksam wird.

Hirnkasten als Kampfarena 

In Mülheim hat das Ensemble unter der Regie daraus eine vielschichtige und kompakt zusammengeführte Seelenhandlung gemacht. Das Bühnenrund, nach hinten abgeschlossen durch eine hohe, halbkreisförmige Wand (Bühne: Gralf-Edzard Habben) ist Kampfarena der Geschlechter, aber auch Hirnkasten. Im Lauf des Abends werden "draußen", auf der Hinterbühne, die Räume der anderen, die gute Stube und schließlich das Weihnachtszimmer im geselligen Beisammensein, erkennbar, von denen der Held ausgeschlossen ist. 

Mit dem Schlussbild sind wir ins 19. Jahrhundert eingetaucht, während noch am Anfang der neue Arzt mit modernem Fahrradhelm auftritt. Schließt sich hier der Kreis zu den heutigen Fragen um die Rolle des Mannes im Dreieck von Beruf-Familie-Liebe?

Im ersten Akt hat Bork neben dem vom kalten Licht erleuchteten Stehpult noch den Kontrabass als Partner. Er kriecht hinter sein Instrument und schmiegt sich ihm an wie einer Geliebten. Im zweiten Akt bleibt er dann eher Stichwortgeber, als wolle er sich für die Endrunde des Boxkampfes ausruhen, in der er zermürbt und willig die Zwangsjacke anlegt. Aufgerieben vom fortgesetzen Zweifel an seiner Vaterschaft, schmachtet er am Ende dahin – sehnsüchtig nach einer liebenden Verbindung, für die er längst zu schwach geworden. 

Gezähmter Strindberg

In diesem Spiel gibt Steffen Reuber einen charmanten wie instinktiv vorsichtigen Doktor, der nach dem Zerwürfnis zwischen den Eheleuten sogleich mit Frau Rittmeister anzubändeln beginnt.

Während der Pastor und Bruder der Ehefrau (Fabio Menéndez) eher blass bleibt, gewinnt Lisa Schöller in der Rolle des Kindes in den bildhaften Auftritten zum Schluss ihr Profil. Bedauerlich angesichts Rosmarie Brüchers Kratzigkeit, matronen- gouvernantenhafter Eleganz und Selbstvergessenheit die Striche, mit denen die Figur der Amme gestutzt wurde.

Klug gedacht und mit dem Ensemble geschickt umgesetzt, zeigt das Theater an der Ruhr Strindberg, den Menschenbeobachter und Geschlechterspezialisten. Dabei leiden Radikalität und Lebendigkeit der Szene, ja auch ihre spielerische Deutlichkeit nur ein wenig unter dem Willen von Raumgestaltung und Dramaturgie.

 

Der Vater
von August Strindberg
Regie: Thomas Peter Goergen, Bühne: Gralf-Edzard Habben, Kostüme: Heinke Stork, Dramaturgie: Helmut Schäfer.
Mit: Albert Bork, Petra von der Beek, Steffen Reuber, Fabio Menéndez, Rosmarie Brücher, Lisa Schöller/ Denise Dufeu, Robin Kaiser/ Julian Rauter.

www.theater-an-der-ruhr.de

 

Kritikenrundschau 

Jens Dirksen nimmt in der Neuen Ruhr Zeitung (7.4.2008) durchaus beifällig zur Kenntnis, dass Thomas Peter Goergen in seiner Mülheimer Inszenierung von Stindbergs "Der Vater" "sich nicht sonderlich weidet am Geschlechterkampf. Durch kluge Kürzungen und eine geschickte Personenführung legt er vielmehr die soziale Mechanik hinter dem Ehedrama frei, das gegenseitige Aufschaukeln der Parteien im häuslichen Krieg – und was da zugrunde liegt, die unter allem lauernde Angst vor der wirtschaftlichen Deklassierung, die schwankenden Rollenbilder von Männern und Frauen, die so gar nicht mit der Wirklichkeit da draußen übereinstimmen, all das trägt das Stück in Goergens Formung ins Heute." Albert Bork in der Titelrolle trage "das Schlindern (sic!) in den Wahn ... sehr kontrolliert, aber äußerst überzeugend nach außen". Petra von der Beek spiele seine Frau "als Erniedrigte im berechtigten Aufbegehren, als Beleidigte auf kühlem Rachefeldzug".

 

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