Das falsche Leben der Jugendlichen

von Heiko Ostendorf

Osnabrück, 17. Oktober 2009. Sie agieren im Gleichklang, haben ihre Bewegungen choreografisch genau synchronisiert. Dabei sind sie nur zwei Jungen, Teenager, Möchtegern-Afroamerikaner, die in jeder Bewegung ihren Vorbildern nacheifern. Cool in der Hüfte wippend bei jedem Schritt und lässig bei jedem Wort mit einem Arm die Gangster-Rapper-Geste abspulend. Jannis und Boris sind Kumpels, was ersteren nicht davon abhält sich über den anderen lustig zu machen, der eine Beinprotese trägt.

Auch hindert es ihn nicht daran, Boris' Freundin Jana zu umwerben. Letztlich wird er sie vergewaltigen. Doch dieses Wort fällt in dem Stück "Birds" von Juliane Kann nicht, das am Samstag in der Nebenspielstätte emma des Theater Osnabrück uraufgeführt wurde. Stattdessen ist es immer wieder das F-Wort, mit dem Jana versucht zu beschreiben, was ihr widerfahren ist. Überhaupt fehlen den Jugendlichen für ihre Gefühle häufig die richtigen Worte. Kraftausdrücke stehen anstelle von Emotionen, sportliche Duelle ersetzen den verbalen Schlagabtausch.

Gefangene ihrer Selbstinszenierungen

Juliane Kann hat in Hamburg bei der Langen Nacht der Autoren 2008 den mit 10.000 Euro dotierten Preis der Thalia-Freunde für dieses Stück erhalten. Das präsentiert sich nun in Osnabrück unter der Regie von Tanja Richter als spritziges Schauspiel, das die Welt der Jugendlichen nicht 1:1 nachzeichnen will, sondern ihre Probleme überzeichnet und dadurch hier und da der Lächerlichkeit preisgibt.

Und Probleme haben alle vier Protagonisten. Jannis Mutter säuft und schlitzt sich gerne mal die Pulsadern auf. Der Vater geht fremd – die Mutter auch. Janas Eltern stehen kurz vor der Scheidung. Boris nennt sich selbst einen "Krüppel" und kompensiert seine Behinderung mit fanatischem Schwimmtraining. Maria schließlich kämpft mit ihrer lesbischen Veranlagung. Doch das sind nur die Hintergrundgeschichten. In den Unterhaltungen der jungen Menschen dreht sich alles um Sex. Wer wann und mit wem und warum, beziehungsweise warum nicht.

Die Darsteller agieren mit überzogenen Gesten: die sich ständig wiederholenden Posen der Mädchen, als wären sie Popstars, das schamlose in die eigene Scham Greifen der Jungs. In den (Musik-)Pausen zwischen den Szenen rennen sie fast besinnungslos im Kreis. Danach schmeißen sie sich in riesige Kuscheltierhaufen oder reiten auf einem überdimensionalen blauen Wellensittich. Sie wirken gehetzt, in ihren Selbstinszenierungen gefangen, fast schon lebendige Marionetten.

Gratwanderung zwischen Jugend- und Erwachsenentheater

Und das passt gut zum Stück. Hier treffen Worthülsen aufeinander und Plattitüden überlagern sich. Jugend live, ohne wesentlichen Tiefgang und sprachlos. Außer wenn es um Sex geht. Dominik Lindhorst als Jannis, Saskia Boden als Jana, Moritz Gabriel als Boris und Andrea Casabianchi toben großartig und mit hoher Spielfreude zwischen Graffiti-Treppe und Partysofa. Sie zeigen die Karikatur einer Jugend, die man so nur aus TV-Reportagen kennt: zur Unkenntlichkeit verdichtet.

Dadurch verhindert Regisseurin Richter, dass das Stück an Klischees oder falscher Betroffenheit erstickt. Denn am Ende ist Jana von der Vergewaltigung schwanger, rammt sich selbst solange die Faust in den Bauch, bis es zur Fehlgeburt kommt. Zu viert verscharren sie die Totgeburt im Wald, von der Aufführung jetzt nüchtern und kalt erzählt. Das braucht keine weiteren Worte, keinen Kommentar.

Auch wenn man das mehr oder weniger schon aus Neil LaButes "Weit von hier" kennt, muss man anerkennen, dass Kann mit lakonischen Sätzen dieses Leben am Rand der Gesellschaft eingefangen und Richter die geschriebenen Zeilen mit viel Tempo für die Bühne adaptiert hat. "Birds" ist ein Stück, das weder richtig Jugendtheater noch ein reines Erwachsenenstück ist, eine Gratwanderung, die diesem Abend meist erfolgreich gelingt.

 

 

Birds (UA)
von Juliane Kann
Regie: Tanja Richter, Bühne und Kostüme: Marc Weeger.
Mit: Dominik Lindhorst, Andrea Casabianchi, Moritz Gabriel, Saskia Boden.

www.theater-osnabrück.de

 


Mehr lesen? Im Februar 2008 inszenierte Seraina Maria Sievi in Stuttgart die Uraufführung von Juliane Kanns the kids are allright. In den Kann-Kosmos wurde auch die legendäre französische Chanson-Sängerin Edith Piaf integriert: Piaf. Keine Tränen kam im Dezember 2008 in der Regie von Daniele Löffner am Düsseldorfer Schauspielhaus heraus. Birds wurde im Juni 2008 bei den Hamburger Autorentagen mit dem Preis der Thalia-Freunde ausgezeichnet.

 

Kritikenrundschau

Erfolgsdruck und Schönheitswahn. Trennung der Eltern, Selbstmordversuch der Mutter. Sexuelle Verwahrlosung, Partyvergewaltigung, Fehlgeburt, Verscharren des Fötus. "Hui", schreibt Daniel Benedict in der Osnabrücker Zeitung (19.10.), "die Teenies in Juliane Kanns 'Birds' machen ja ganz schön was durch!" Regisseurin Tanja Richter habe die Liste der Jugendnöte erst einmal auf Vollständigkeit überprüft. "Autoaggressives Verhalten hatte die Autorin im Eifer des Gefechts vergessen. Richter trägt es nach und lässt das lesbische Mädchen sich am Bühnenrand die Arme ritzen." Aber, und das sei das Problem des Theaterabends: die Uraufführung füge dem Stück nichts hinzu. "Tanja Richter und Juliane Kann präsentieren vier Teenager, die jede Fähigkeit zur Schwäche verloren haben." Da Kann ganz auf sprachliche Eindimensionalität baue, "gelingen ihr auch keine Zwischentöne im Gefühlsleben der Figuren und keine Beobachtungen, die über das Vorurteil hinausgingen." Vom ersten Auftritt an präsentieren sich die Teenies in Richters Inszenierung in ritualisierten Posen der Coolness, und so "plakativ wie die Schauspielführung ist auch die Idee, den Verlust der Kindheit mit Haufen abgelegter Kuscheltiere zu illustrieren".

 

 

 

 

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