Sein oder Sein oder was? 

von Rudolf Mast

Hamburg, 18. September 2010. "Mehr Inhalt, wen'ger Kunst." Gibt man das "i" hinzu, das Schlegel in seiner Übersetzung von 1843 dem Versmaß opferte, dann ist in diesem längst zum Sprichwort gewordenen Zitat aus Shakespeares "Hamlet", noch einmal 250 Jahre älter als die Übersetzung, ziemlich genau die Erwartungshaltung formuliert, die das Publikum, aber auch die über Subventionen entscheidende Politik, an das zeitgenössische Theater heranträgt. Welterklärung, Bildung und Orientierung stehen noch immer auf dem Auftragszettel.

hamlet07
© Armin Smailovic

Auch wenn dort Begriffe wie Authentizität die Herkunft aus vergangenen Jahrhunderten verschleiern wollen. Erstaunlicherweise stimmen auch immer mehr Theaterleute in einen Ruf ein, dessen Widersinn sich deutlich zeigt, wenn man ihn beispielsweise an die Malerei heranträgt: Es wäre ihr Garaus.

Dumpfe Ahnung
Dass auch im Theater Zeitgenossenschaft sich der Form verdankt, belegt Luk Percevals "Hamlet"-Inszenierung, die gestern Abend am Thalia Theater Premiere hatte. Ein Motiv für diesen Ansatz findet sich im Stück selbst, just in jener Szene, der obiges Zitat entstammt. Mit diesem nämlich reagiert der König von Dänemark auf Polonius' weitschweifige Beschreibung der Strategie, mit Hilfe derer er die Gründe für Hamlets vertrackte Seelenlage herausfinden zu können glaubt. Der Einwurf des Königs formuliert die dumpfe Ahnung, dass da wohl nichts zu machen ist. Von dieser Unmöglichkeit handelt der zweistündige Abend, und das Frappierende ist, wie viel da über vertrackte Seelenlagen zu erfahren ist.

Die zeichnen sich, da ist Hamlet nur ein Beispiel, vor allem durch ihre Widersprüche aus, und davon ist schon das Bühnenbild von Annette Kurz geprägt: Im Bühnenhaus steht eine schwarze Wand, die sich bei genauem Hinsehen als recht durchlässig erweist, weil sie aus in zehn, zwölf Reihen übereinander gehängter Mäntel besteht, die Hunderte Einzelstücke und doch eine Masse sind, den Raum teilen und zugleich verbinden, Auf- und Abtritte erlauben und zugleich verzichtbar machen. Auch der Boden ist ein Widerspruch, weil er aus zig einzelnen Vierkanthölzern besteht, die eine ebene Spielfläche bilden. Kein Widerspruch, dafür ein Rätsel, ist ein gold gefärbter großer toter Hirsch, der nahe der Rampe liegt.

Derangierte Ballerina
Paradoxe Formulierungen erfordert die Beschreibung der Figuren, die durchweg Unvereinbares auf sich vereinen. Allen voran Hamlet, der hier von zwei Schauspielern gebildet wird, die über weite Strecken in einem Kostüm stecken. Der Ältere der beiden (Josef Ostendorf) ist deutlich älter als der Darsteller des Onkels (André Szymanski), der durch den Mord an seinem Bruder zu Hamlets Vater wurde. Zur Mutter aber, in Kostüm und Habitus eine derangierte Ballerina (Gabriela Maria Schmeide), pflegt Hamlet ein ödipales Verhältnis.

Die Aufspaltung auf der einen Seite wird kontrastiert durch Verschmelzung auf der anderen: den Dialog der Totengräber muss ein Darsteller mit sich selbst führen, und Rosenkranz und Güldenstern sind als eine Person angereist. Ophelia (Birte Schnöink) hingegen erhält Verstärkung von drei Doubles, während ihr Bruder Laertes (Sebastian Zimmler) auf Stelzen durch die Welt marschiert. Dafür ist Horatio ebenso gestrichen wie der Geist von Hamlets totem Vater, obwohl der im Stück das blutige Spiel erst ins Rollen bringt. Doch in der Welt, um die es auf der Bühne des Thalias geht, sind die Konflikte schon vor dem Anfang auf der Welt, die auch nicht an "Dänmarks" Grenzen endet.

Vertrackte Seelenlagen
Dafür spricht schon die neue Textfassung von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel, die das Geschehen behutsam und doch beherzt kürzt und komprimiert. Eigens für die Inszenierung entstanden ist auch die Musik, die Jens Thomas Klavier, Gitarre und vor allem seiner Kopfstimme entlockt, die den Abend fast durchgängig begleitet, aber nie nur kommentiert. Dass der Abend gleichwohl etwas mitzuteilen hat, zeigt sich nicht zuletzt im Umgang mit dem berühmtesten Zitat aus dem Stück, "Sein oder Nichtsein", mit dem Hamlet Leben und Tod abwägt.

Dass das nicht die Frage sein kann, verdeutlicht die Inszenierung sehr subtil, indem sie die entsprechende Formulierung in eine Frage münden lässt und sie so verneint. Schließlich zeichnen sich vertrackte Seelenlagen dadurch aus, dass sie innere Widersprüche aushalten, nicht auflösen. Welch ein Kraftakt das ist, zeigt der furiose Schluss, in dem der junge Hamlet (Jörg Pohl) minutenlang mit "oder" verbundene Gegensätze aufzählt, bis die Litanei in Unverständlichkeit mündet. Dass das Publikum trotzdem etwas verstanden hat, belegt der herzliche Applaus.

 

Hamlet
von William Shakespeare
in einer Neubearbeitung von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel
Regie: Luk Perceval, Bühne: Annette Kurz, Kostüme: Ilse Vandenbussche, Musik: Jens Thomas.
Mit: Mirco Kreibich, Peter Maertens, Barbara Nüsse, Josef Ostendorf, Jörg Pohl, Gabriela Maria Schmeide, Birte Schnöink, André Szymanski, Sebastian Zimmler, Danielle Green, Rabea Lübbe, Jessica Ohl.

www.thalia-theater.de

 

Alles zu Luk Perceval auf nachtkritik.de im Lexikon! Thalia-Intendant Joachim Lux empfand die Kritik des Welt-Kritikers Alan Posener als volksverhetztend und schrieb einen offenen Brief, auf den auf nachtkritik.de wiederum ein Redaktionsblog näher eingegangen ist. Posener selbst legte in seinem eigenen Blog die diskursiven Hintergründe seiner Kritik offen.


Kritikenrundschau

"Tadaa! Regieeinfall!" Der eher selten im Theaterressort anzutreffende Alan Posener zeigt sich in der Welt (20.9.2010) missvergnügt: Den Hamlet von zwei Leuten spielen zu lassen, das sei "Volkshochschule statt Theater: als sei das Publikum zu beschränkt, die Gespaltenheit Hamlets zu erkennen, die er doch ständig selbst thematisiert". Der Zuschauer solle sich "an keinem Punkt des Dramas eigene Gedanken machen". Perceval vergewaltige das Stück "so lange, bis das Stück eine harmlose, buddhistische Weltsicht verkündet. Die zufällig Percevals Weltsicht ist." Bei der Bearbeitung handele es sich "um eine Reduktion, wie bei der Herstellung einer Essenz. Nur, dass hier das Essenzielle mit verdampft ist", Zaimoglu und Senkel "drehen Shakespeare durch ihre Wurstmaschine, und heraus kommt eine Sprache von comicblasenhafter Dürftigkeit, als hätte ein Hauptschüler bei einer Aufführung mitzuschreiben versucht". Posener empfiehlt schließlich: "Wer Schauspielkunst mag, sollte Häuser meiden, wo selbstverliebte Regisseure das Wort führen."

Luk Perceval sei am besten, "wenn er das Theater von ganz weit unten hervorzuholen scheint, aus den Tiefen des Grunds sozusagen, wenn er es hervorwürgt aus der Ursuppe des Menschseins", meint Peter Michalzik in der Frankfurter Rundschau (20.9.2010). "'Sein' (Hamlet II) 'oder Nichtsein' (Hamlet I) wird da zur Beschwörungsformel in der Hexenküche, der Regisseur ein Alchimist des Archaischen, das Theater eine Brutstätte der Inbrunst, der Hamlet ein Faust. Man mag das lächerlich finden in Zeiten der atheistisch-gleichgültigen Aufklärung. Ist es auch. Aber dieser Perceval schafft es so trotzdem, das Theater als metaphysischen Ort zu behaupten, als Ort des Fragens, Denkens und Bangens, in gewissem Sinn als heiligen Ort. Und das, man mag sagen was man will, ist schön." Der Musiker Jens Thomas gebe "mit einer unglaublichen Intensitätsleistung" der Aufführung "Tonlage und Richtung. Er ist das Kraftzentrum, er kitzelt hervor was des Klaviers Töne, was der Stimme Farben und was des Inneren Laute sind."

Es sei "nicht der Versuch, ein ganzes verkommenes Staatswesen auszuleuchten, den Perceval hier unternimmt", schreibt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (20.9.2010). Perceval konzentriere "sich auf die Erschütterungen der Seele, den psychischen Exzess und dessen irrationale Facetten." Die "große suggestive Kraft, die dieser 'Hamlet'-Alb besitzt", entwickle sich "aus der glücklichen Kombination von Faktoren, die auch schon Percevals 'Othello'-Inszenierung an den Münchner Kammerspielen 2003 ausgezeichnet hatten. Eine Textfassung (...), die nicht vorgibt, der komplexe Shakespeare zu sein, sondern gezielt nach einer zeitgenössischen Befindlichkeit forscht. Die enge Verbindung mit dem eigentümlichen Musikstil von Jens Thomas, der hier mit ungeheurer Intensität von Verdrängungsschmerz singt. Dazu eine konzentrierte Bühnensituation (...), die durch kluge Lichtwechsel immer neue Atmosphären schafft. Sowie eine schauspielerische Präsenz, die der Gewalttätigkeit dieses Angsttraums die nötigen Märchen entlockt. Der Rest ist Aufwachen."

"Das Publikum klatschte am Ende wie besoffen, und die mäkelnde Kritikerin fühlte sich wie die einzig Nüchterne auf einer Party." So beschreibt Elske Brault ihren Zustand nach der Premiere auf Deutschlandradio (18.9.2010). Es bewege sich fast nichts in Percevals "Hamlet"-Inszenierung: "Wenn die Figuren in einer neuen Wilson-Pose einfrieren, merkt man auf, im Übrigen spult der Text gehorsam kurz durch einen eindimensionalen Dämmerzustand." Luk Perceval mache "aus den vielen Geschichten ein handliches Comic in 3-D, und da ist eh alles egal, sofern die zwei Hamlets nur bis zum Schluss durchhadern".

Percevals "Hamlet" sei "die Geschichte des vereinsamten, zaudernden, modernen Menschen, der angesichts vielfach möglicher Lebensentwürfe in quälender Entschlusslosigkeit endet", meint Armgard Seegers im Hamburger Abendblatt (20.9.2010). "Bei Perceval liegt am Ende nicht das gesamte Personal tot herum, sondern Hamlet ringt bis zur Erschöpfung zwischen verschiedenen Alternativen mit sich: 'Töte oder töte nicht'. Das ist eine eigenwillige, ungewöhnliche Interpretation des Stücks, doch sie funktioniert." Viele der Figuren seien "zu einer verschmolzen, was der Verständlichkeit gut bekommt". Vor allem der erste Teil des Stücks sei "dem Regisseur und seinem Ensemble hervorragend gelungen", zumal die Schauspielleistungen "brillant" gewesen seien.

Ein Hamlet mit zwei Köpfen? "So naheliegend diese Idee erscheint, so überraschend kehrt die Doppelung die albtraumhafte Seite der Hamlet-Zerrissenheit hervor", schreibt Simone Kaempf in der taz (21.9.2010). "Perceval verfinstert die Bühnenwelt über zwei Stunden und schafft doch das Kunststück, Hamlets Affekte, seine Vatermordgedanken, seine Ohnmachtsgefühle und sein Versagen entschieden zu beleben."

Für Shakespeares Tragödie reiche eine einzige Idee nicht aus, findet hingegen Irene Bazinger in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (21.9.2010): "Hamlet" werde bei Perzeval "zum surreal-finsteren Albtraum eines alten Kindes, das sich nach dem Tod sehnt, seitdem es sich von den Menschen verraten fühlt." Bazinger vermisst "Zwischentöne oder Grauwerte": "Daran vermag Jens Thomas nichts zu ändern, der mit Klavier und Gitarre für die Livemusik sorgt, dazu singt, gurrt, kreischt. Die Verdoppelung macht Hamlet nicht zweimal so spannend, sondern höchstens halb so interessant, trotz der beiden harmonierenden Schauspieler."

In der Neuen Zürcher Zeitung (22.9.2010) schreibt Dirk Pilz, Percevals von "innen her durchdachte Inszenierung" führe explizites Regietheater vor. Perceval führe "ein Musik-, Bild- und Tanztheater" auf, das "stets seinen Kunstcharakter" betone. "Die Figuren: mehr Chiffren als Charaktere. Die Sprache: ein Kunstprodukt. Die Szenen: eher Installationen als Interaktionen." Den doppelten Hamlet nennt Pilz "eine zerrissene Einheit des Unvereinbaren". In "jeder Sekunde" des Abends komme zusammen, "was sich nicht gemeinsam verträgt, aber zusammengehört, wenn man das Gesamt des Menschenunbegreiflichen zusammenzieht. Mord und Liebe, Missgunst und Sanftmut, das Wüten der Triebe, die Zartheit des Denkens." Es könne sein, dass dieser von Feridun Zaimoglu und Günter Senkel neu bearbeitete "Hamlet" damit "schmaler" werde "aber schmal heisst hier: dichter".

Kommentar schreiben