Die Pfosten sind, die Türen fest verriegelt

von Anne Peter

Berlin, 4. Mai 2013. Vor einem Jahr wurden Finisher-Shirts ausgeteilt. An alle Unermüdlichen, die die kompletten zwölf Stunden im Prater der Berliner Volksbühne miterlebt und durchlitten hatten. Damals, so berichtete der Nachtkritiker, versprach der Videoschirm um kurz nach 4 Uhr morgens, am Ende der Vorstellung, eine Fortsetzung: "to be continued".

Vor einem Jahr, das war Theatertreffen; Vegard Vinge und Ida Müller waren mit ihrem hirnverstörenden, herzzerrührenden Ibsen-Exzess John Gabriel Borkman eingeladen. Es war tolle und tollwütige Kunst, das Theaterereignis der Saison. Ach was, der letzten fünf, zehn Jahre! Jedenfalls das merkwürdigste, radikalste, krasseste, durchleidenswerteste seit Langem. Damals beim Theatertreffen-Gastspiel, so liest man ebenfalls, versprach der norwegische Gesamtkunstwerker Vinge, ein "12-Sparrrrten-Theaterrrr" zu gründen. Seitdem haben wir gewartet. Der Prater lag still.

Erwartung

Jetzt ist wieder Theatertreffen. Und einen Tag nach der Eröffnung, eröffnet Vinge/Müllers "12-Spartenhaus". Alles sieht also danach aus, als würden sie ihre Versprechen wahr machen. Sie sind wieder da – to continue! Aber wie eigentlich? Wie wollen sie den "Borkman" toppen? Wie die hochgetürmten Erwartungen erfüllen? Wird das 12-Spartenhaus auch ein 12-Stundenhaus? Wir sind auf alles gefasst.

Vier Uhr nachmittags, draußen Sonne, drinnen Geisterbahnfeeling. In der Schlange vorm Kassenhäuschen rechnet man mit einer langen Nacht. Das Ida-Müller-Design überzieht das Praterinnere mit kunstvoller Überallbemalung, eine Art Marmormosaik-Fake, Parodie eines Barockmusentempels, dazu drei Videowände. Am Tresen gibt's "Teewasser und Butterbrot" für umme.

Video

Ein Vinge-typischer Weißgummimaskierter überm Kassenhäuschen ruft mit Vinge-typischer Konserven-Stimme in Vinge-typischem Dauer-Loop "Das Publikum" aus. Dann dröhnt David Guettas "Just one last time" aus den Boxen, und in einem Hinterzimmer wird einem Attrappenpatienten zu schmatzendem Splattergeräusch das Stoffgedärm aus dem offenen Leib gezerrt und wie zu Forschungszwecken abgescannt. Über die Leinwand flimmern Spielplan-Titel – was hier vermeintlich geboten wird: "John Gabriel Borkman – Director's Cut", "Nina Hoss", "Mutterliebe", "Der theoretische Überbau", "Kunstkacke". Erwartungshaltung rauscht durch. Jetzt kommt es in Fahrt, das Vinge-Theater. Gleich geht's rein in den Theatersaal. Gleich gleich gleich.

12-spartenhaus4 560 william minke h© William Minke

Doch die Bässe versiegen wieder. Ein Zombie-Gesell im Schneidersitz predigt dumpf hallend "Mä-ßi-gung", die ersten Zuschauer fläzen sich auf dem Boden, Einlullung greift um sich, Nickerchen werden riskiert. Dann schnarrt ein Maskenmensch: "Sie kommen vermutlich geschäftlich." Ertappt. Journaille, Theaterleute, Schauspieler, Festivalmacher – wir sind alle irgendwie geschäftlich hier.

Volksfeind vielleicht?

Aber steht der Satz nicht auch bei Ibsen? Tatsache, im "Volksfeind". Genauso wie das "Mäßigung"-Mantra, das Butterbrot. Und wie das zur Pappgitarre operesk tremolierte Lob der "grrroßen, neuen, prrrächtigen Badeanstalt". Als dieser Groschen fällt, befinden wir uns bereits in Stunde 3. Und stehen doch immer noch im Foyer rum, quatschen Leute an und gehen uns gelegentlich draußen die Beine vertreten. Auch das schwant einem irgendwann: dass wir selbst wohl die Hauptdarsteller in diesem Verweigerungstheater sind. Dass es heute nichts anderes geben wird als inszeniertes Foyergeplänkel. Vinge/Müller stehen zu den theaterbetrieblichen Gepflogenheiten so quer wie Badearzt Stockmann zur öffentlichen Meinung.

Zwölf Stufen führen zum Eingang des Theatersaals. Aber das 12-Stufenhaus bleibt uns verschlossen. Allein die Videokamera erhält Eintritt, ihr Blick ist Verheißung. Sie schweift über den buntgepinselten Bühnenraum, gleitet durch handgewerkelte Pappräumlichkeiten, Hotelzimmer-Flure mit aufgemaltem roten Teppich, hinein in Büro und Divenkammer, aufs Klo und ins enge Innere eines U-Bootes, in dem ein Kapitän herumgeistert und prognostiziert: "Das Volk wird seine Meinung ändern". Abermals lässt der "Volksfeind" grüßen. Und Wolfgang Petersen.

In die Röhre

Der Soundtrack von "Das Boot" schwämmt uns nach draußen. Man raucht und redet, eine Frau verlangt ihr Eintrittsgeld zurück. Drinnen nach dreieinhalb Stunden nur noch Vereinzelte, Schläfer, hartnäckige Nicht-Aufgeber. Die Volksbühnen-Techniker sitzen längst im Prater-Biergarten. Zukünftige Zuschauer werden die Ränge besiedeln, die wir nur im Video schauen dürfen. Wir gucken in die Röhre und müssen wiederkommen. Wollen wiederkommen. Wir Gelinkten, Getäuschten, Verarschten in dieser Unterlaufungsshow, diesem Widererwartungscoup. Vorerst herrscht hier das Prinzip Lustaufschub. Mit den "Volksfeind"-Zitaten ist eine Spur gelegt, es winkt die Ibseniade.

Kurz nach acht, Volker Spengler steigt in ein Taxi. Unser Grüppchen plant den Aufbruch. Fünf Minuten später erklärt das Einlasspersonal die Chose für beendet. Ein Finisher-Shirts gibt's heute nicht. Das war erst der Anfang. 12-Spartenhaus, Teil I: Foyer. To be continued.

 

12-Spartenhaus
von Ida Müller, Vegard Vinge, Trond Reinholdtsen
Erste Vorstellung. Dauer: ca. 4 Stunden 20 Minuten, variable Pausen

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12-Spartenhaus – In der zweiten Vorstellung öffnen Vinge/Müller die heiligen Puppenhaushallen

Mit Kunstkacke und Intendantensperrrrrma

von Georg Kasch

Berlin, 10. Mai 2013. Zurück im 12-Spartenhaus, bei der zweiten Vorstellung, knapp eine Woche nach der Premiere. Und als man längst nicht mehr dran glaubt, da öffnen sich sechseinhalb Stunden nach Beginn die Türen. Plötzlich stehen alle, die bis halb Eins ausgeharrt haben, in den psychedelisch bunt mit Biedermeiermustern bemalten Korridoren, die man bislang nur aus einem Fensterchen und vielen Filmsequenzen kannte und blickt in all die herrlichen Räume des "12-Spartenhauses": ein Redaktionskraftwerk, ein Operations-Laboratorium, U-Boot-Gänge, allesamt bevölkert mit jenen Puppenkopf-Zombies, die man noch von John Gabriel Borkman kennt. Und natürlich: das opulente Theater, dessen Bankreihen für diesmal noch vereinzelt mit monsterhaften Gestalten besetzt sind.

Per Video durch die Geisterbahnhallen

Es ist eine erste Einlösung des Premierenversprechens vom vergangenen Wochenende. Da blieben Tür und Tor vernagelt (siehe oben), lagerte das Publikum in den Foyerräumen, starrte es auf die drei Leinwände, über die es nur wenige Einblicke ins Innere erhielt. Auch heute sind diese Geisterbahnhallen zwischen verschlossenem Treppenaufgang, Kasse und kleinem Durchblick in einen OP-Saal unser Ort, und die Spuren, mit denen wir geködert werden, stammen noch deutlicher aus Henrik Ibsens "Ein Volksfeind".

Was aber treibt der im Theater? Nach und nach mischen sich die Kamera-Erkundungsbilder aus dem Inneren des Puppenhaus-Heiligtums mit den wenigen Live-Eindrücken aus dem Wartesaal. Drinnen saugt eine schwarze Putzfrau vor Garderobe und Kantine, singt ein Tenor im Musikzimmer schmerzlich sich in die Höhe schraubende Tonleitern, zittert ein Kindskopf mit riesigem "Regiekonzept" unterm Arm vor der Intendantentür und plärrt dort in Endlosschleife: "Vaaaaterrrrr, Vaaaaaterrrr..."

"Das Bad ist eine Pesthöhle"

Natürlich dröhnt Wagner, kreischt aber auch Celine Dion, orgelt Bach, verheddert sich Brahms in Endlosschleifen: "Und alles Fleisch, es ist wie Gras", während jener Typ, der zugleich Bürgermeister Stockmann ist und Theatergeschäftsführer und schon zu Beginn, vom Publikum nur durch die Glasscheiben in den Türen zur Treppe getrennt, verheißungsvoll mit seinem Schlüsselbund klapperte, die blutigen Retortenbabys aus Hureneiern und Intendantensperma aus dem Automaten holt.

12-spartenhaus 560 william minke 1 h© William Minke

Wir sind also wieder mitten in der Welt von Vinge/Müller, diesem bild-gewaltigen, exzessiv-schönen, urkomisch-splatternden, zugleich berührend kindlichen Puppenheim, das einen so unmittelbar angreift und durchpustet, narrt und foppt, dann wieder umarmt und einlullt. Das unendlich viele Bezüge aufmacht, dramaturgische Querverbindungen nicht nur denkt, sondern auch spürbar macht – und doch immer einen Rest rätselhafter Wucht in sich trägt. Irrwitzig etwa, wie sich bald nach Beginn Doktor Stockmann im mit weißen Kacheln bemalten Raum über der Kasse durch den Satz krächzt und quält: "Das Bad ist eine Pesthöhle" und dabei mit Ganzkörpereinsatz einen großen Kothaufen verteilt, was vom Foyer aus teilweise einsehbar ist. Später dann taucht auf den Bildschirmen bei der Programmvorschau des "12-Spartenhauses" auch mal "Kunstkacke" auf.

Erregende Kapitalismuskritik

Wie auch "Aida" – ein Hinweis, der sich schon bald einlöst, als der Bürgermeister-Geschäftsführer sich nach einem Zwei-Wort-Duell auf die dunkelhäutige Putzfrau (die in der Kantine auch noch eine Banane knabbern musste) stürzt und splatternd schändet. Dazu ertönt die entsprechende, durchaus berührende Verdi-Arie – und schon ist das unauflösbare Dilemma des Theaters skizziert (einmal sieht man den bärtigen Dramaturgen, der immer wieder das Wort "Kapitalismuskritik" tippt und in heftige Erregung gerät), das auf der Bühne das Elend der Welt zeigt und oft genug kritisiert, hinten aber selbst reproduziert.

So holen Vinge und seine Mitstreiter den "Volksfeind" bedingungsloser, bildmächtiger und leidenschaftlicher in unsere Gegenwart, als das die viel diskutierten Berliner Kollegen an der Schaubühne (zur Nachtkritik) und am Maxim Gorki Theater (zur Nachtkritik) vermochten. Heute jedenfalls. Was morgen kommt, bleibt ein Versprechen. Ein ohrenbetäubendes. Ein erschöpfendes. Ein wunderbares.


12-Spartenhaus
von Ida Müller, Vegard Vinge, Trond Reinholdtsen
Zweite Vorstellung. Dauer: 6 Stunden 50 Minuten, variable Pausen

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12-Spartenhaus – Dritte Vorstellung

Evolution statt Revolution

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 12. Mai 2013. Doing, Doing, Doing, hüpfen die beiden durch Pappkamera und -aufnahmegerät als Pressevertreter gekennzeichneten Vingeaner die Eingangstreppe immer rauf und runter. Gefühlte Stunden lang. Und rufen dabei die Revolution aus. Oder? Da fehlt doch was. Ja, das R. Das kommt ihnen erst nach mehreren Anläufen über die Lippen.

Also: erstmal Evolution. Für das Publikum der dritten "Vorstellung" im 12 Spartenhaus bedeutete das: einen Sitzplatz im Foyer sichern mit möglichst guter Sicht auf eine der drei Videoleinwände. Auf denen ließ sich ausschnittweise verfolgen, was im bunten Inneren vor sich ging. Im Keller legt Badearzt Stockmann Abflussrohre frei und inspiziert den aus ihnen quellenden Unrat gründlich. Im pappgekachelten Operationsraum gebiert Volker Spengler mit zärtlicher Hilfe von Vegard Vinge eine blutige Babypuppe. Draußen im Pratergarten wird gesägt und gehämmert; drei Ballerinen drehen sich so lange, bis sie umfallen.

Und im leeren Zuschauerraum steht der Herr Intendant, der nur ein Wort kennt, und das heißt: "Meins!" Das sagt er dafür umso öfter. Ist es der Willkür dieses hirnamputierten Despoten überlassen, ob das Publikum rein darf oder nicht? Muss er erst von seinen Angestellten gestürzt werden (1, 2, 3: Rrrevolution!), damit sich die Türen zum mit der Öffentlichkeit verabredeten Zeitpunkt öffnen? Am 12. Mai jedenfalls blieben sie geschlossen. Blieb das Publikum eine Ansammlung von Peepshow-Guckern. Es war trotzdem zum Wiederkommen.

 

12-Spartenhaus
von Ida Müller, Vegard Vinge, Trond Reinholdtsen
Dritte Vorstellung. Dauer: ca. 9 Stunden, variable Pausen

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12-Spartenhaus – Vierte Vorstellung

Die Aura des kopräsenten Kackens

von Matthias Weigel

Berlin, 16. Mai 2013. Nicht nur, dass sich das Publikum (bzw. man sich selbst) komplett zum Vinge-Affen macht, wenn als einzige Frage in der Berliner Theaterszene derzeit interessiert: "Und, hat er euch reingelassen?"

Zumindest bei der vierten Vorstellung ergab diese Frage auch überhaupt keinen Sinn. Denn von Verweigerung ist im "12-Spartenhaus" nichts zu spüren – vielmehr passt das Nicht-Betreten des Bühnenraumes voll ins Konzept. Das Theater spielt diesmal ja selbst eine Rolle im Stück, der (ausgebaute) Zuschauerraum ist Protagonist, genauso wie (Pappmaché-)Dramaturgie, Kostüm, Bad, etc. Natürlich können die Betrachter nicht einfach in das reintappen, was sie da betrachten sollen.

Mittelbarkeit des Videos

Doch was ist dieses Gesamtkonzept? Zunächst einmal eine ziemlich platte Aneinanderreihung von Theater-Klischees: Tippende Dramaturgen, untätige Verwaltung. Wahrscheinlich ist dem Regie-Team rechtzeitig während der Proben aufgefallen, dass es mehr braucht – und man hat sich wieder bei Ibsen bedient. Diesmal also der "Volksfeind". Was übrigens jetzt schon die Spannung mit sich bringt, was aus den Künstlern werden soll, wenn sie alle Ibsen-Dramen durch haben.

12sph ichhabeeinenarrrrtikelgeschrieben 280 sle"Ich habe einen Artikel geschrieben."   © sleDie Machart also ist bekannt, an der aus Borkman bekannten Szenen-Bauweise hat sich jedenfalls nicht viel geändert. Aber Entscheidendes. Zum einen natürlich: die Mittelbarkeit des Videos. Auch wenn man ab und zu hört und ein bisschen sieht, dass die Übertragung schon live ist, verändert sie alles: Wie sicher und unbeteiligt ist man hier, wie weit entfernt!

Die Aura des kopräsenten Kackens ist völlig dahin, wenn man anstatt einer Geruchswolke und den keuchenden, sich verbiegenden Vegard Vinge nur mehr einen profanen Zoom auf den After präsentiert bekommt. Wie öde, wenn man nicht damit rechnen muss, jederzeit vom vorbeilaufenden Künstlerdiktator angegangen zu werden, wenn sich unter den Video-Zuschauern keine Gemeinschaft herstellt, wenn nicht verschiedenste Handlungen auf einem Bühnenpanorama synchron nebeneinander ablaufen, wenn Erzeugungsdruck und Entstehungsmoment nicht mehr zu spüren sind.

Beherrschbarkeit des Videos

Denn der andere tiefgreifende Unterschied bei der Videoübertragung ist auch, wie einfach mit diesem Medium überbrückt werden kann: Zwischen den Szenen einfach mal zehn Minuten lang mit der Kamera im Gang hin und her rennen, passende Musik und Woosh-Effekte dazu: Fertig ist der Übergang. Aber nein! Das ist zu einfach erzeugt! Das ist zu klamaukig! Das ist zu kontrolliert, zu rund! Die größte Selbstverletzung war schließlich nicht, sich eine Farbflasche in den Arsch zu spritzen. Sondern erst die Hyänen-Meute im Publikum aufzuhetzen, um sich dann – ohne Sicherheitsnetz – dieser grausamen Bühnensituation hinzugeben. Wo ist der sich zermarternde Vinge, der Dirigent, der Schöpfer des Moments, der Kämpfer gegen den klaffenden Bühnenschlund, der Unzufriedene, der Herrschsüchtige, der Launische, der Vater, der Verunsicherer?

 

12-Spartenhaus
von Ida Müller, Vegard Vinge, Trond Reinholdtsen
Vierte Vorstellung. Dauer: ca. 11 Stunden, variable Pausen

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12-Spartenhaus – Die drittletzte (?) Vorstellung

Die Kündigung?

von Wolfgang Behrens

Berlin, 23. Juni 2013. Man muss kein Prophet sein, um aus den Zeichen das baldige Ende des 12-Spartenhauses herauszulesen. Mit Sätzen wie "Stay away from 12-Spartenhaus", "Das Stück ist abgesetzt, das ist kein Scherz" oder "Heute gibt es nur ½-Spartenhaus zu sehen" lässt sich die Micky-Maus-verfremdete Vinge-Stimme schon vernehmen, bevor man überhaupt ins Foyer des Praters eingelassen wird. Ein paar Zettel mit Szenenfotografien segeln noch auf die Wartenden herab, dann geht es hinein.

12sh 280 sleGeht es bald aus, das Licht im 12-Spartenhaus?
© sle

Ein bissel hinein und nicht mehr weiter

Und zwar tiefer als erwartet: Diesmal darf das Publikum von Vornherein über das Foyer hinaus und einige der traumhaften Bühnenräume, die von zwei Gängen abgehen, durch kleine Fensterchen in Augenschein nehmen. Zugleich aber macht Vegard Vinge im Live-Video klar, dass das 12-Spartenhaus nicht mehr wie geplant stattfinden wird. Er filmt und verliest einen offenbar authentischen Brief, datiert auf Bayreuth, den 12. Juni 2013, unterschrieben vom Volksbühnen-Intendanten Frank Castorf. Castorf wirft dem "sehr geehrten Herrn Vinge" darin vor, in zwei Vorstellungen das Publikum mit einer "stinkenden Masse" beworfen, vor allem aber am 9. Juni den Bühnenmeister Andreas Speichert mit dem Löschpulver eines Feuerlöschers angegriffen zu haben. Die Aufführung sei daraufhin abgebrochen worden, Speichert habe sich in ärztliche Behandlung begeben müssen und sei eine Woche lang krankgeschrieben gewesen, was zum Ausfall einer weiteren Vorstellung geführt habe. Castorf mahnt Vinge an die "vertraglichen Beziehungen" und die "strafrechtlichen Konsequenzen" und droht zuletzt mit Kündigung.

"This is dangerous!"

Vegard Vinge aber scheint nicht bereit, sich gängeln zu lassen, weswegen er die letzten Aufführungen der bereits angesetzten Serie mehr oder weniger torpediert. Vor zwei Tagen war bereits nach 50 Minuten Schluss, nun, in der drittletzten Vorstellung, dehnt er seinen gegen die Volksbühnen-Leitung gerichteten Amoklauf immerhin auf 75 Minuten. Er fordert freien Eintritt ins 12-Spartenhaus, beschmiert die hinlänglich bekannte Vinge-Maske mit eigenem Kot, turnt Cola-trinkend auf dem Dach des Praters herum ("this is dangerous!"), pinkelt sich – eine altbekannte und immer wieder gerne gesehene Nummer – in den Mund und wedelt an einem der Fenster zur Kastanienallee mit einem mit Fäkalien gestalteten Plakat. Die vorübergehenden Touristen aus Amerika und Fernost schauen interessiert und ahnen nicht, dass nur knapp über ihren Köpfen echte Scheiße auf sie herabzuregnen droht. Schließlich dürfen wir Vinge noch beim Duschen zusehen, ehe er ("schön! wie schön!") final den blauen Himmel über Berlin filmt. Dann in großen Lettern auf den Video-Wänden: "The End". Und: "Eine Kündigung".

Kleine Verhinderungsfront

Andreas Speichert bestätigte im persönlichen Gespräch die Vorfälle vom 9. Juni: Vinge habe von den unzugänglichen Innenräumen des 12-Spartenhauses her die Tür zum Foyer durchbrochen und mit dem Feuerlöscher ins Publikum gezielt, und er – Speichert – habe dann die volle Ladung abbekommen. Immerhin erklärte er auf Nachfrage auch, dass Vinge sich hinterher entschuldigt habe. Doch die Wiederaufnahme im Herbst wird wohl definitiv nicht zustande kommen. "Wenn doch, dann werden das die Volksbühnen-Mitarbeiter zu verhindern wissen", sagt einer von diesen mit grimmigem Lächeln. Im Grunde scheint auch jede weitere Zusammenarbeit von Vinge und der Volksbühne künftig ausgeschlossen. So wird also dem Berichterstatter, der die beiden letzten Vorstellungen nicht wird besuchen können, als letztes Bild vom 12-Spartenhaus ein kotbeschmierter, Cola-trinkender Irrwisch über den Dächern des Praters in Erinnerung bleiben. Es gab schon weniger eindrückliche Bilder ...

 

12-Spartenhaus
von Ida Müller, Vegard Vinge, Trond Reinholdtsen
Drittletzte Vorstellung der ersten Aufführungsserie. Dauer: ca. 1 Stunde 15 Minuten

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12-Spartenhaus – Die vielleicht vorletzte Vorstellung

Die Antiprovokation

von Wolfgang Behrens

Berlin, 27. Juni 2013. Entgegen der obigen Versicherung hat es den getreulichen Korrespondenten doch noch einmal ins 12-Spartenhaus getrieben – aufgestachelt von der Neugier, was denn nun werden würde, nachdem sogar die via nachtkritik.de ins Bild gesetzte Bild-Zeitung sich des echten Kots und der vermeintlichen Kündigung von Vegard Vinge angenommen hat. Auch andere Medien witterten den Skandal, so dass in der vorletzten Vorstellung dieser Aufführungsserie plötzlich ein paar mehr Presseköpfe als noch vor vier Tagen gesichtet wurden, den auf den Kunstberserker aus Norwegen gerichteten Fotoapparat im Anschlag.

Und Vegard Vinge hat es tatsächlich wieder geschafft: Er hat die Provokation noch einmal auf die Spitze getrieben – indem sie zur Gänze ausblieb. So gesittet hat sich Vinge wohl selten präsentiert: In einer buchstäblich stundenlangen und weitgehend tonlosen Sequenz läuft er videofilmend durch den Hinterbühnenbereich des Praters, filmt dabei ausgiebig und detailverliebt Sicherheitsanweisungen aller Art, trägt ein paar Feuerlöscher zusammen, als seien sie Beweismaterial, und nimmt eine fürsorglich bereitete Mahlzeit zu sich. Dann aber – das skandalhungrige Volk merkt auf – geht's auf die Toilette. Und, ja! ja!, Vinge pinkelt – iiihh! Doch nicht in den Mund richtet sich der Strahl, sondern brav in die Kloschüssel, die daneben gegangenen Tröpfchen werden fein säuberlich mit Papier aufgetupft, und dann wird alles hinuntergespült. Hey, Moment mal, wir waren auf Skandal getrimmt, so geht das aber nicht ... Kann der Mann nicht wenigstens kacken? Und wo ist überhaupt diese berüchtigte, den letzten Nerv raubende Micky-Maus-Stimme geblieben?

Frank Castorf als Stadtvogt Stockmann?

Wer mag, kann jedoch in den wenigen "Volksfeind"-Szenen dieses Abends einen Kommentar zum schwelenden Konflikt zwischen Vinge und der Volksbühne sehen. Da Ibsens Stadtvogt Peter Stockmann bei Vinge zugleich den Intendanten des 12-Spartenhauses mimt, fällt seine gegenüber dem Badearzt in absurden Loops vorgebrachte Loyalitätsforderung gleichsam mit der Maßregelung des Regisseurs Vinge durch dessen Intendanten Frank Castorf zusammen. Der sich anschließende Dialog bekommt vor diesem Hintergrund etwas regelrecht Komisches: "Peter [man setze ruhig: Frank], wir wollen uns doch nicht in die Haare kriegen." Und der Stadtvogt/Intendant: "Es ist nicht meine Art, mich mit jemandem in die Haare zu kriegen." Was ihn jedoch nicht von einer ausführlichen Folter des Badearztes [man setze: des Regisseurs] abhält – das ist wohl Vinges Art, sich, den Unangepassten, als Opfer zu inszenieren. Des Badearztes Ruf "Das Bad ist eine Pesthöhle" scheint hier irgendwie auch dem System Theater mit seinen Zwängen zu gelten.

Von Kündigung ist an diesem Abend jedenfalls keinen Moment lang die Rede. Nach sechs Stunden ist Schluss, ganz ohne Kot und ohne Knall. Und die Zukunft des 12-Spartenhauses bleibt weiter offen.

 

12-Spartenhaus
von Ida Müller, Vegard Vinge, Trond Reinholdtsen
Vorletzte Vorstellung der ersten Aufführungsserie. Dauer: ca. 6 Stunden

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12-Spartenhaus – Die (vorerst?) letzte Vorstellung

Zerlegungsorgie mit Candystorm

von Anne Peter

Berlin, 29. Juni 2013. Das tut weh. Die Wand birst unter dem Angriff der Axt. Splitter fliegen. Das Publikum weicht zurück oder flüchtet ganz in geschütztere Ecken. Die allzu Wagemutigen scheucht das Volksbühnenpersonal in gebührenden Abstand. Im Kassenhäuschen wütet Vegard Vinge und ist dabei, sein gemeinsam mit Ida Müller und Trond Reinholdtsen geschaffenes Werk zu zerstören: das "12-Spartenhaus" im Prater der Berliner Volksbühne, diese gigantische, bis ins kleinste Detail liebevoll bemalte Sperrholzinstallation.

12spartenhaus29-6 apeDas "12-Spartenhaus" in Trümmern – teilweise zumindest. © ape

Knapp zwei Monate hat sich Vinge vornehmlich hinter Videoleinwänden und Plexiglas in dem kunterbunten Wunderbau verschanzt und das Publikum fast immer nur ins Foyer vorgelassen – so wie die verseuchte Badeanstalt in Ibsens "Volksfeind", der hier u.a. vertheatert wird, ja eigentlich geschlossen werden müsste. Jetzt durchbricht er denkbar brachial die Vierte Wand zwischen Kunstwelt und Zuschauerraum. Ist das Kassenhäuschen nur das Anfangsopfer dieser Zerlegungsorgie? Schließlich ist dies die letzte Vorstellung der ersten Aufführungsserie, von der allerdings erhofft werden darf, dass sie nach dem Sommer fortgesetzt wird – zumindest die Pressestelle stellt dies in Aussicht. So bleibt der größte Teil des "12-Spartenhauses" denn auch unzertrümmert.

Und wieder: der Feuerlöscher

Durch die klaffenden Löcher im Holz fliegen Mobiliarreste – und Popcorntüten. Candystorm à la Vinge. Man kann also wahlweise Süßes oder reliquientaugliche Splitter ergattern, bevor das Personal die Trümmer wegräumt. Später nebelt Vinge mit dem Feuerlöscher durch die Gänge. Er richtet ihn auf sich selbst und mimt Atemnot, womit er nicht nur auf jenen Unfall anspielt, bei dem Bühnenmeister Speichert die volle Ladung Löschpulver abbekam, sondern diesen auch in einer Art Selbstkasteiung büßt.

Ibsen-Szenen gibt's diesmal nur äußerst sparsam, die Kunst zieht sich nach der durchschlagenden Wucht des Anfangs wieder auf die Leinwand zurück. Mit einem schwer metalligen Containerkonzert feiern die Vinge-Schauspieler im nieselberegneten Praterdraußen ihr Sommerferienabschiedsfest. Frei nach dem 1. "Volksfeind"-Akt werden Würstchen gegrillt, wird brüderliche Hilfsbereitschaft geheuchelt, während Frau Stockmann vor der verordneten Ungerechtigkeit buckelt ("Es gibt auf dieser Welt so viel Unrecht, vor dem man sich beugen muss.") und der Stadtvogt den Würstchenschlemmern noch einmal "Teewasser und Butterbrot"-Askese predigt. Dann steigt die versammelte Gauklertruppe in einen bunten Tourbus und braust auf der Kastanienallee unter dem Gewinke des nach draußen geschwärmten Publikums von dannen.

Roboter-Ballerinen in endloser Schwanenseefolter

Vornehmlich wird heute also Abschied inszeniert. Statt Ibsen dominiert der Stadttheater-Strang, der die Institution als starren, so hierarchischen wie hypokritischen Machtapparat, die vermeintlichen Künstler als egomanische Pseudo-Genies und die verübte Kunst als Zurichtungsmaschine vorführt: Roboter-Ballerinen drehen sich in endloser Schwanenseefolter zum Dirigentenmetronom. Ein verzweifelter Regisseur ("Herrgott noch mal, verstehen Sie mich denn auch nicht mehr?") türmt die nie besessenen Zuschauerbänke zur Spielzeitendskulptur. Der Komponist erschafft lächerliche Eintonmeisterwerke, klaubt Unmengen schmatzender Kunstkacke aus seiner Hose und klatscht diese aufs Notenpapier.

Auch Vinges legendäres Anal-Action-Painting gibt es noch einmal: Schaut her, ich scheiß euch die Kunst hin. Ich schone mich nicht. Ich richte mich für euch zu, scheint uns dieser sich immer wieder radikal selbstverausgabende Performer zuzurufen. Und schwimmt ein paar Farbeimerduschen später im hingekippten Farbenbad. Der Körper wird Pinsel, der Künstler verschwimmt mit seinem Werk. Vinge malt einen blauen "Hilfe"-Ruf ins Rot – und damit ein Bild von schmerzhafter Dringlichkeit.

Das Bad ist noch immer verseucht

Es gibt im mir bekannten zeitgenössischen Theater wohl nichts, was den Visionen Antonin Artauds so nahe käme wie dieses schmutzige, schmerzende, unberechenbare Vinge-Müller-Reinholdtsen-Theater, das einen quält und abstößt, infiziert und fasziniert. Und uns in dieser achtstündigen Vorsommersession streckenweise auch arg auf die Zähigkeits-Folter spannt. Eine halbe Stunde Putzfrauenschwerstarbeit durch die geblackfacete Aida reicht am Ende nicht aus, um den Künstler unter der Dusche wieder halbwegs reinzuwaschen. Auch der Komponist versucht sich unter Zuhilfenahme aller Hygienevorschriften vergeblich in Selbstsäuberung. Kathartische Bemühungen. Die Badeanstalt ist geöffnet. Aber sie scheint noch immer verseucht. Der Volksfeind wird weiter gebraucht.

 

12-Spartenhaus
von Ida Müller, Vegard Vinge, Trond Reinholdtsen
Letzte Vorstellung der ersten Aufführungsserie. Dauer: ca. 8 Stunden

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Mehr zum 12-Spartenhaus auch auf Twitter unter #12sh. Dort bitte gern auch mittwittern!

 

 

Kritikenrundschau

Dirk Pilz bedankt sich in der Berliner Zeitung (6.5.2013) bei Vinge/Müller für ihre "Theaterfopperei", denn nichts sei "geisterheiternder und stimmungsaufhellender". Gut vorbereitet sei das Theaterbüro der Berliner Zeitung angetreten: "Und dann lassen sie uns nicht rein. Wir warten, warten, warten – und werden aus unserem Wartestand nicht erlöst. Das ist supersubversive Theaterverweigerungsavantgarde! Es wurde das Theaterbetriebspublikum als erlösungs- und vorspielsehnsüchtige Masse inszeniert!"

"Vier Stunden lang Publikums-Verarsche" titelt die Bild-Zeitung (6.5.2013), wobei Autor/in kei denn doch ein wenig zu bedauern scheint, dass er/sie nicht ins "Ibsen-Gruselkabinett" durfte.

Martin Böttcher verrät auf dradio.de (6.5.2013), dass Vinge, "als Regisseur ein Diktator, an dem Zuschauer und Theater-Techniker mitunter verzweifeln", "den meisten Schauspielern seines Ensembles am Premierenabend freigegeben" habe: "er brauchte sie nicht, da er nur kleinste Häppchen seines Universums präsentierte". Zu sehen gäbe es u.a. "ein sehr liebevoll gestaltetes Foyer", das "in ohrenbetäubender Lautstärke und in Endlosschleife" mit David Guetta und Brahms beschallt werde. Der "Zuschauer-Aufstand" bleibe aus. "Was das "12-Spartenhaus" wirklich ist, werden, vielleicht, die weiteren Vorstellungen ergeben. Diese Premiere jedenfalls war keine, die diesen Titel verdient." Vinge, Müller und Reinholdtsen hätten "alles richtig gemacht: alle Erwartungen enttäuscht, dem Hype ein Schnippchen geschlagen, und das in nicht einmal vier Stunden".

Auch Patrick Wildermann vom Tagesspiegel (7.5.2013) hat keine Premiere, sondern "ein Ereignis" erlebt. "Und ein eingelöstes Versprechen", nämlich die Gründung jenes versprochenen "12-Sparrrrten-Theaters". Er schreibt ebenfalls von Gerüchten, die die Runde machten: "Das Stück ist noch gar nicht fertig! Den meisten Schauspielern wurde für heute per SMS abgesagt! Wunderbar. Das vielbesungene Publikum, es steht auf sich selbst zurückgeworfen im Rund und ringt mit den eigenen Darstellerqualitäten." Auf das Kommende dürfe man gespannt sein. Es werde auch bereits das Rätsel enthüllt, dass sich "die notorischen Norweger" nun wohl den "Volksfeind" "zur Schlachtung vornehmen". Am Ende fragt der Kritiker: "Wütet hier die Frechheit der Verweigerung? Mitnichten. Im Vinge-Kosmos besitzt diese Premiere eine eigene Konsequenz und Logik als Präludium."

Für Andreas Hartmann von der taz (7.5.2013) wäre es zumindest "vorstellbar (...), dass irgendjemand aus dem Prater-Premierenpublikum, (...) plötzlich anfängt zu tanzen. Denn die große Frage liegt spürbar in der Luft: Wie verhält man sich jetzt zu dem, was einem hier geboten wird?" Man käme in Erwartung einer erneuten "Theaterverstörung" und werde "eigentlich auch nicht enttäuscht. Denn es passiert mehr oder weniger: Gar nichts (...), was schon ziemlich schockierend ist." Die "Grundelemente der typischen Müller/Vinge-Inszenierungen" (Masken, verzerrte Stimmen, skurriler Sound, Papp-Interieurs) seien an diesem Abend schon vorhanden – "Doch die so evozierte Ewartungshaltung zu erfüllen, daran denken die Künstler nicht." Angesichts des "Mad Scientists" fragt sich der Kritiker: "Ist das jetzt endgültig Publikumsverarsche? Oder eine symbolische Handlung, seziert er die Theaterkunst?" Jedenfalls hofft er, dass man die Bühne in den nächsten Aufführungen doch noch betreten kann "und sich der komplette Wahnsinn erneut im Prater ausbreiten könnte".

"Die Antwort auf das Totaltheater des Norwegers Vegard Vinge, seiner Bühnenbildnerin Ida Müller und seines Musikers Trond Reinoldtsen im Prater kann nur die Totalkritik sein," schreibt Ulrich Seidler nach dem 2. Abend in der Berliner Zeitung (13.5.2013). "Das BLZ-Theaterbüro konnte sich zwar mit seinem Vorschlag, die Berliner Zeitung in Vinge-Dagbladet umzubenennen und künftig ausschließlich über das neue Zwölfspartenhaus in der Kastanienallee zu berichten, nicht durchsetzen. Gleichwohl sind wir gewillt, diesen Vinge nicht mehr aus den Augen zu lassen. Vielleicht werden wir hier Zeuge einer Revolution, einer Umkehrung der echten Welt in eine fiktive ... Hier bastelt sich jemand sein Publikum selbst. Er braucht uns nicht mehr. Das ist der letzte Schritt zum idealen Theater: kein echter Ton, kein echtes Gesicht, kein einziger Abdruck von Wirklichkeit. Jetzt reißt sich der Künstler ganz vom Publikum los. Jetzt steigt er ohne Abschied um in die Fiktion. Und da fragt sich: Sind wir, wenn der weg ist, überhaupt noch da?"

Im Rahmen einer pauschalen Abrechnung mit der "Gier des Berliner Theater-Erlebnismarkts nach Attraktionen" und der Volksbühne als Hauptversorgerin mit solchen schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (29.5.2013): "Vinges Show erschöpft sich im Oberflächenreiz, zu dem noch die Geste des verweigerten Zugangs zur nur in Bruchstücken sichtbaren Show wird."

 

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