Für die Nachgeborenen

von Hartmut Krug

Senftenberg, 28. September 2014. "Machs leicht", hat Heiner Müller zum Uraufführungsregisseur Leander Haußmann gesagt, als dieser seinen Text "Germania 3. Gespenster am toten Mann" uraufführen sollte. Ein so kesser wie vergeblicher Wunsch des 1995 gestorbenen Autors, der die ersten beiden Inszenierungen seines Stücks nicht mehr erlebte. Die fanden, gar nicht leichtgewichtig, sondern bedeutungssatt, 1996 in Bochum (durch Leander Haußmann) und am Berliner Ensemble (durch Martin Wuttke) statt, gefolgt von Frank-Patrick Steckels Zugriff aufs ausuferndes Textkonvolut am Akademietheater Wien. Danach ist es ruhig geworden um Müllers letztes (Un)Stück. Seine Forschungsreise durch Geschichte und gescheiterte Utopien des 20. Jahrhunderts ist  eine düstere Totenbeschwörung. Wer wie Manuel Soubeyrand dieses Werk zum Auftakt seiner Intendanz an der Neuen Bühne Senftenberg auf die Bühne bringt, beweist Mut. Und Vertrauen in ein "Provinz"-Publikum, das durch Soubeyrands nach Rostock gewechselten Vorgänger Sewan Latchinian und dessen "Glückaufspektakel" schon manche Überforderung bestanden hat und nun auch "Germania 3" gebannt folgte.

Müller setzt epische Berichte, blutige Moritaten und existentielle Episoden zwischen Verrat und Tod aneinander. Nicht historisch korrekt, sondern assoziativ. Mythologische, historische und literarische (Selbst)Zitate durchdringen und beleuchten geschichtliche Konflikte. Archetypen aus Nibelungenlied und Odyssee, Figuren von Hölderlin, Kafka, Grillparzer, Kleist und Müller tauchen auf, Gedanken von Nietzsche und Brecht werden zitiert.

jahr1003 560 rasche u"Germania 3" nach Heiner Müller © Neue Bühne / Rasche

Mehr als vier Stunden dauerten die ersten Inszenierungen. Regisseur Soubeyrand belässt es bei kaum der Hälfte und geht seinen eigenen, klug auswählenden Weg durch Müllers Texte. Zu Beginn sitzt das 13köpfige Ensemble in schwarzer Einheitskleidung in langer Reihe an der Rampe und erzählt, teils chorisch, seine Geschichte vom Turmbau zu Babel, dessen Fertigstellung von Generation zu Generation verschoben wird. Streit und Kriege kommen dazwischen. Doch nie wird dieses Menschheitsziel aus den Augen verloren. Und schon stehen sich Thälmann und Ulbricht hoch oben auf Ausguck-Posten gegenüber und stellen die Frage "Was haben wir falsch gemacht?" Worauf Rosa Luxemburg von zwei Soldaten mit aufgepflanzten Bajonetten wie im Traum vorbeigeführt wird, dann knallen die Schüsse und das Volkslied "Es blies ein Jäger wohl in sein Horn" erklingt.

Teil 1 – Einstand des neuen Intendanten: Müller minus Pathos
Gundula Martins Bühne zeigt einen schäbigen, wie eine Küche gekachelten leeren Geschichtsraum. Dessen Rückwand kann sich öffnen, wenn später Menschen über die Berliner Mauer klettern. Vor allem aber dient sie als Projektionsfläche für historische Flimmeraufnahmen, so von Lenin und Trotzki bei Stalins politischer Auseinandersetzung mit sich selbst. Heinz Klevenow spricht dessen inneren Monolog als erlebte Rede, eindrücklich und zusammengenommen. Stalin als stilles und damit um so schrecklicheres Monster, das in Gedanken mit seinem "Bruder" Hitler redet. Der erscheint später, virtuos und schrill verzappelt von Eva Geiler, als komische Phantasiefigur. Statt wie Chaplin mit einer Weltkugel hantiert Geiler mit einer sperrigen Weltkarte. Nachdem er sich erschossen hat, erklingt des Prinzen von Homburg Satz: "Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein."

jahr1001 560 rasche u"WolfsWelt" von Werner Buhss © Neue Bühne / Rasche

Soubeyrand nimmt dem Text weder seine assoziativen Überraschungen noch seine Schrecken, aber er befreit ihn von Müllers Pathos. Er baut Bilder, läßt die Szenen ineinander übergehen, von Horror zu Horror, von Vergewaltigung zu Vergewaltigung. Geschichte, die sich nie zum Bessern wendet, wird hier nicht erklärt. Müller und Soubeyrand zeigen, wie Menschen in Situationen kommen, in denen sie morden müssen. Mal wirkt das Spiel nüchtern formal, mal grotesk. Müller macht mit Gagarins Erkenntnis, dass es dunkel im Weltall sei, bitter Schluss. Soubeyrand lässt mit Brechts "An die Nachgeborenen" noch einen Text folgen, der eine Hoffnung auf die Zukunft setzt.

Nach diesem Auftakt für alle Zuschauer im großen Saal und einer langen Pause musste man sich zwischen vier Stücken von Jan Neumann, Franz Xaver Kroetz, Fritz Kater und einer Uraufführung von Werner Buhss entscheiden.

Teil 2: Uraufführung – "WolfsWelt" von Werner Buhss
Buhss "WolfsWelt. Die Stunde der Kammerjäger" ist eine Parabel für und über die Gegenwart mit allerlei Sentenzen über das Leben und über den Kreislauf der Gewalt. Hier wird vor allem überdeutlich erklärt. Zwei Jungen werden von ihrem Vater zu Männern erzogen. Obwohl der jüngere friedfertig sein will, müssen sie wie in einer schlagenden Verbindung miteinander kämpfen. Das Motto lautet: fressen oder gefressen werden. Regisseurin Samia Chancrin und ihre Kostümbildnerin Jenny Schall zeigen die Männer als Menschen im Wolfskostüm.

jahr1002 560 rasche uMusikalischer Schluss: "Keine Macht für Niemand" © Neue Bühne / Rasche

Da muss viel auf dem Boden gekämpft, blutig gebissen und gefressen werden. Das überformt die einfache Parabel und ihre recht redundante Erzählung, ohne dass das Stück spannender würde. Wenn das Rotkäppchen (sehr schön: Marlene Hoffmann), das sich in chorischer Erzählung zunächst selbst aus dem Wolfsmagen befreit, als sinnliche junge Frau Unruhe ins Wolfsrudel bringt, kommen sich ungewohntes Sexgelüst und anerzogene Fresslust in die Quere. Das geht für die Wölfe tödlich aus, ist aber für den Zuschauer eine etwas langwierige und eintönige Angelegenheit.

Teil 3: Liederabend – "Keine Macht für Niemand"
Auf die, wieder für alle, "Lieder über Politik, Widerstand und Hoffnung" unter dem Titel "Keine Macht für Niemand" folgten. Eine so sinnliche wie auch recht didaktische Live-Radio-Show, beginnend mit Ton Steine Scherben. Dann ging es mit Liedern und historisch-dokumentarischen Erklärungen durchs Jahrhundert. Brechts "Lied vom toten Soldaten" nach dem 1. Weltkrieg, Georg Elsers Attentatsversuch, der IRA, oder Nelson Mandela, Victor Jara, Allende, der Vietnam Krieg, Barack Obama, die DDR mit dem Sehnsuchtslied der Gruppe Lift "Nach Süden" und, und, und, – sie gaben dem Ensemble die Möglichkeit, sein erstaunliches sängerisches Potential zu zeigen. Verständlicher Jubel zum Schluss eines fünfeinhalbstündigen Theaterspektakels.

Das Jahr100Spektakel 2014

Germania 3. Gespenster am toten Mann
von Heiner Müller
Regie: Manuel Soubeyrand, Bühne: Gundula Martin, Kostüme: Jenny Schall , Dramaturgie: Jörg Hückler.
Mit: Roland Kurzweg, Friedrich Rößiger, Marianne Helene Jordan, Simon Elias, Jan Schönberg, Heinz Klevenow, Wolfgang Tegel, Robert Eder, Johannes May, Eva Kammigan, Eva Geiler, Sybille Böversen, Catharina Struwe.

WolfsWelt. Die Stunde der Kammerjäger
von Werner Buhss
Uraufführung
Regie: Samia Chancrin, Bühne: Saskia Wunsch, Kostüme: Jenny Schall, Dramaturgie: Jörg Hückler.
Mit: Tom Bartels, Friedrich Rößiger, Marlene Hoffmann, Franz Sodann, Dae Enn Rößiger, Emilia Heimburger, Jessie Thieme, Leni Thieme.

Keine Macht für Niemand
Lieder über Politik, Widerstand und Hoffnung
von Heiner Kondschak
Musikalische Leitung/Regie: Alexander Suckel, Bühne: Gundula Martin, Kostüme: Jenny Schall, Dramaturgie: Jörg Hückler.
Mit: Tom Bartels, Alrun Herbing, Marlene Hoffmann, Marianne Helene Jordan, Roland Kurzweg, Hanka Mark, Friedrich Rößiger, Catharina Struwe, Wolfgang Tegel.

Dauer: 5 Stunden 30 Minuten, zwei Pausen

www.theater-senftenberg.de

 

Kritikenrundschau

Unter dem Spielzeit-Motto 'Neugier' verspreche der neue Senftenberger Intendant Manuel Soubeyrand neue Ästhetik, vielseitigere Handschriften und wartee mit sechs vielversprechenden Schauspiel-Absolventen auf, schreibt Rainer Kasselt in der Sächsischen Zeitung (30.9.2014). Die Eröffnungsinszenierung, Heiner Müllers "Germania 3 - Gespenster am toten Mann" habe Soubeyrand selber inszeniert und "eine temporeiche, grotesk-reale szenische Collage mit Filmaufnahmen von Lenin und Trotzki." Ein Höhepunkt sei der parodistische Auftritt Hitlers, den der Regisseur von einer Frau spielen lasse, "ein Glücksgriff" für den Kritiker. Eva Geiler zitiere "virtuos Hitler-Darsteller wie Charlie Chaplin, Ekkehard Schall und Martin Wuttke. Hier erreicht die Inszenierung jene Leichtigkeit, die Müller vorgeschwebt haben mag."

 

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