Was würde Faust tun?

von Andreas Schnell

Bremen, 18. Oktober 2014. Wenn Goethe und sein Wirken nun also wirklich so wesentlich für unsere Kultur sein sollten, dann dürfte es kaum nötig sein, sich ständig seinen "Faust" vorführen zu lassen. Dessen Zeitgenossenschaft müsste sich, so knapp gefasst der Gedanke von Felix Rothenhäusler und Tarun Kade, auch anders nachweisen lassen, das Faustische an sich die kulturelle Matrix so weit durchdringen, dass es sich im heutigen Individuum und seiner Umwelt zeigen lassen müsste.

Um diese These experimentell nachzuweisen, unterzogen sie den Faust einer gleichsam homöopathischen Potenzierung der Grundsubstanzen per Verdünnung, die sich recht hübsch in den Stadien spiegelt, die der Titel des Abends durchlief, der gestern in Bremen Premiere feierte. Zunächst angekündigt als "Faust I-III – mit Faust I + II von Johann Wolfgang von Goethe und FaustIn and out von Elfriede Jelinek", nannte sich das Unterfangen bald "Faust hoch 10" "nach Johann Wolfgang von Goethe mit Elfriede Jelinek", bis kurz vor der Premiere die Autorenschaft in "Eine Arbeit von Felix Rothenhäusler und Tarun Kade" geändert wurde.

"Faust" als Denkbewegung
Faust, so die These, ist – als Figur, aber auch als von Goethe geradezu manisch fortgeschriebenes Drama – eine Denkbewegung, die beständig Grenzen verschiebt, neue Welten schafft, ohne Rücksicht auf Verluste, immer in Bewegung. Einen Gedanken, den die beiden auch besetzungstechnisch aufgriffen, indem sie das Schauspielensemble um eine Opernsängerin, eine Tänzerin, einen Musiker und einen bildenden Künstler als Bühnenbildner erweiterten.

Faust10 560 JoergLandsberg uJetzt groß denken! © Jörg Landsberg

Dieses Künstlerkonglomerat wurde angehalten, selbst Text zu schaffen, der sich immerhin unter Goethe-Vorzeichen zu verhalten hatte. Zu behaupten, die Option des Scheiterns sei diesem Projekt eingeschrieben, wäre glatt untertrieben. Und Scheitern gab es durchaus zu sehen. Spannend war das Resultat, das wohl nur ein vorläufiges sein kann, aber doch.

Entstanden ist eine Art Triptychon, dessen ersten Teil ein filmischer Extrakt des Jelinek'schen Sekundärdramas "FaustIn and out" bildet, in dem der Filmemacher Max Linz mit dem "Faust hoch zehn"-Ensemble die Sphären von Arbeit und Reichtum (natürlich einschließlich Finanzkapital) umkreist und dabei reizvoll mit den Mitteln von Edel-Werbefilmen spielt, in denen zu bedeutungsvoll raunender Musik steile philosophische Thesen mit der profanen Ware rückgekoppelt, die auf diese Weise zum Fetisch gemacht werden.

Nebeneinander der Sparten
Den zentralen Teil des Abends bildet eine Monolog-Choreografie, die das Höher, Schneller, Weiter des Megalomanen Faust als ruhelosen Stillstand betreibt. Ein schweißtreibendes Anrennen bis dicht heran an die erste Reihe, beherztes Aufstampfen und wieder zurück, allzeit Bewegung, sodass manchem auf der Bühne das Hemd schon am Körper klebte, bevor er auch nur ein Wort gesagt hatte. Diese Worte wirken zwar gelegentlich wie aus einem Kreativ-Schreiben-Hochschul-Workshop mit ausdrücklicher Ermunterung zur freien Assoziation.

Aber es gibt auch auch ein paar formidable Monologe, wie Robin Sondermanns überspannte Meditation über das Immer-höher-Hinaus-Wollen mit perfidem "Jetzt groß denken!"-Refrain – nicht ohne regelmäßige Yoga-Entspannung. Oder Nadine Geyersbachs innige Verspeisungsphantasien, vom Käfer bis zum Elefanten. Und dann gibt es noch den wundersamen Einsatz einer Kastenkonstruktion zu begutachten, in der Menschen unten verschwinden und oben wieder herauskommen und auf der das Ensemble nach und nach abgefahren wird wie auf einer Showtreppe.

Faustische Kollateralschäden

Der dritte Teil des Abends lässt das Publikum mit einer Klangskulptur allein, in der wuchtige Bässe mit obertönendem Flirren ringen und sich schließlich verflüchtigen (was nicht wenige Zuschauer nach draußen trieb).

Die formale Unverbundenheit der drei Teile darf man dabei durchaus als eine der Schwächen dieses Experiments festhalten, der spartenübergreifende Ansatz bleibt eher in einem Nebeneinander stecken, die wunderbare Sopranistin Marysol Schalit beispielsweise scheint dem Kollektiv im kreativen Prozess aus dem Blick geraten zu sein. Aber man kann es ja auch so sehen: Das Ringen um eine neue Form bringt eben seine Kollateralschäden mich sich. Was in diesem Sinne tatsächlich faustisch ist.

 

Faust hoch zehn
Felix Rothenhäusler und Tarun Kade
mit Elfriede Jelinek nach Johann Wolfgang von Goethe
Regie: Felix Rothenhäusler, Bühne und Kostüme: Knut Klaßen, Musik: Matthias Krieg, Film: Max Linz, Dramaturgie: Tarun Kade.
Mit: Betty Freudenberg, Nadine Geyersbach, Johannes Kühn, Siegfried W. Maschek, Magali Sander Fett, Marysol Schalit, Robin Sondermann, Matthieu Svetchine.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.theaterbremen.de

 

Mehr "Faust"-Experimente ohne Goethe-Text? In Leipzig inszenierte Sebastian Hartmann 2012 Mein Faust ohne Worte.

 

 Kritikenrundschau

"Einfallslos hoch zehn" kalauert Alexandra Albrecht im Weser-Kurier (20.10.2014). Denn "Rezitation bei ständigem Gehüpfe" steht aus ihrer Sicht auf dem Programm, "so wollen es Regisseur und Dramaturg und so wird es dann auch durchgezogen". Es sei schon bemerkenswert, schreibt Albrecht, "dass es im Schauspiel (nicht nur in Bremen) eine Reihe von Regisseuren und Dramaturgen gibt, die sich viel Mühe geben, ihre eigene Sparte abzuschaffen. Ohne Not entledigen sie sich ihrer Möglichkeiten, Theater als sinnliches Erlebnis, das mit Text, Schauspielkunst und Bühnenbild die Zuschauer anspricht und begeistert, zu zelebrieren". 'Faust hoch zehn' sei "Theater für Dramaturgen und Regisseure, es missachtet die Schauspieler und das Publikum".

Ein gewöhnliches Schauspiel hätte es auch getan, gibt die Bremer Kreiszeitung (20.10.2014 online ist leider kein Kritiker*innennamen zu finden) zu Protokoll. "Denn was dieses Ensemble zelebriert, ist nichts weiter als das wohlbekannte Höher-Schneller-Weiter, die banalste aller 'Faust'-Lesarten, durchexerziert an verschiedenen Erscheinungsformen unseres Lebens. Und weil sie auf die stupide Form der Deklamation beschränkt wird, belästigt sie ihr Publikum in derselben zwar lustig skurrilen, gleichwohl trivialen Aufdringlichkeit, mit der die tumbe Gier nach Ruhm und Reichtum ohnehin schon allabendlich im deutschen Fernsehen nervt". Das ist zu wenig des von diesem Abend versprochenen "gemeinsamen Denkens", zu viel der Selbstbeschäftigung auf der Bühne – als hätten die Acht dort vorne bei all der schweren Denkarbeit ihr Publikum vergessen."

 

 
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