Die Einsamste unter den Einsamen

von Sascha Westphal

Bochum, 9. November 2014. Fünf Stühle, penibel nebeneinander aufgestellt, stehen im Zentrum der Spielfläche. Eine Achse in einem Kreis auf dem Boden, der auch ein Kompass sein könnte. Eine Familie demonstriert Geschlossenheit. Schließlich hat die Käthe, die junge Ehefrau, gerade ihr erstes Kind zur Welt gebracht. Und nun sitzen sie da aufgereiht, Käthe und ihr Mann Johannes zusammen mit dessen Eltern, Herrn und Frau Vockerat.

Der fünfte Stuhl bleibt erst leer. Johannes' bester Freund Braun, der bei Felix Rech, anders als es einmal heißt, nichts Unfertiges hat, der vielmehr genau die Vernunft und Stärke besitzt, die dem jungen Vater fehlt, lässt sich noch ein wenig Zeit. Das Hauskonzert zu Ehren des kleinen Täuflings Philipp ist nicht seine Sache. Aber es gehört nun einmal dazu. Was Johannes nicht alles seinen Eltern zuliebe erträgt, selbst den Choral "Liebster Jesu wir sind hier" und das Volkslied "Üb immer Treu und Redlichkeit", obwohl doch weder er noch Braun an Gott und Konventionen glauben.

Weltphantomschmerzphantasien

Erst als der Sänger Tomas Möwes feierlich Reinhard Meys "Das Apfelbäumchen" anstimmt, kommt ein wenig Bewegung in dieses gravitätische Tauffest, das fast schon an eine Trauerfeier gemahnt. Nun singen sie alle. Johannes' Eltern voller Inbrunst, die anderen etwas zaghafter. Nur wenig später sind dann auch die Zuschauer, die zu beiden Seiten der kargen, von Regisseur Roger Vontobel konzipierten Spielfläche sitzen, an der Reihe. Als Gäste der Taufe sollen sie ihren Beitrag leisten.einsamemenschen 560 arnodeclair uDie singende Familie und die einsame Frau (Jana Schulz, rechts im Vordergrund)
© Arno Declair

Es ist ein Anfang zwischen Lüge und Wahrheit. Ganz im Sinne Gerhart Hauptmanns, der dieses Familiendrama als sein liebstes Stück bezeichnet hat. Die Stühle im Zentrum können eben nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Familie schon vor der Ankunft der Studentin Anna und damit vor Johannes' Schwärmerei für ein Leben und eine Liebe zu dritt nur aus einsamen Menschen bestand. Nur ist nicht Paul Herwigs Johannes der Einsamste, auch wenn er sich das in seinen eitlen Weltphantomschmerzphantasien so gerne einredet. Wahrhaft verlassen ist seine von Jana Schulz gespielte Frau Käthe. Sie wird zwar stets von Frau Vockerat (Katharina Linder) umsorgt, aber mit ihrem sehr realen Schmerz bleibt sie ganz alleine.

Verzogenes Kind

Dieses Lieder-Fest zur Taufe ist aber auch ein Anfang zwischen Gestern und Heute. Ganz getilgt hat Roger Vontobel das Vergangene, das historisch Entrückte dieses Dramas, mit dem Hauptmann noch ganz nah bei Ibsen war, nicht. Immer wieder regen sich die alten Konflikte um Glauben und Wissen, Religion und Philosophie, und sei es durch einen Choral. Nur verlieren sie sich in dem aufs Zeitlose zielenden Ambiente der Aufführung.

Natürlich sind Johannes' Unruhe angesichts seiner familiären Fesseln und sein Sehnen nach Freiheit unabhängig von den intellektuellen Konflikten des späten 19. Jahrhunderts. Aber dieses Ringen um eine neue Philosophie, das ihn umso empfänglicher für die Gesellschaft der freien Anna (Therese Dörr) macht, gibt Johannes zumindest eine Andeutung von Tiefe. In Vontobels leerem Raum ist Paul Herwig kaum mehr als ein verzogenes Kind, egozentrisch bis zur Unerträglichkeit. Wie der Kompasskreis inmitten der Bühne, der sich ziellos dreht und dreht und nur ganz selten mal stillsteht, kreiselt auch Herwig fortwährend um sich selbst.einsamemenschen1 560 arnodeclair uDer kreiselnde Johannes (Paul Herwig) zwischen den Stühlen © Arno Declair

Alles wird bei Herwig entweder zu sinnloser Schwärmerei oder hitziger Hysterie und damit letzten Endes schlicht lächerlich. Selbst als er schließlich in den Tod stürmt, ist das nur eine weitere Marotte. Insofern trifft Katharina Linders Mutter, die ihrem Sohn kurz zuvor noch in einem wahrhaft eisigen Moment zu verstehen gegeben hat, dass er besser im Kindesalter gestorben wäre, direkt ins Schwarze, als sie zu Käthe sagt: "Zu dir muss er aufschauen, das ist die Wahrheit."

Die zurückhaltende Wucht der Jana Schulz

Als bis zur Selbstaufgabe Liebende steht Jana Schulz, noch so eine Vockeratsche Redewendung, "groß da". Auf den ersten Blick zeugt alles an Käthe von der Unsicherheit einer Frau, der von ihrem Mann jegliches Selbstbewusstsein geraubt wurde. Das bleiche Gesicht, die streng gescheitelte Perücke mit dem langen Pferdeschwanz und das schmucklose graue Kleid, alles Zeichen der Unterlegenheit – vor allem angesichts des Überschwangs, mit dem Therese Dörr die Bühne und Johannes' Herz erobert. Während ihre Anna sich wie Johannes fortwährend in Szene setzt, ruht Jana Schulz mit ihren langsamen Bewegungen und ihren suchenden Blicken in sich. Hier kämpft eine von Depressionen und Demütigungen Gezeichnete ganz leise, aber nachdrücklich um Halt und Würde.einsamemenschen2 560 arnodeclair uAnna (Therese Dörr) setzt sich in Szene, Käthe (Jana Schulz) ruht in sich.
Ist ja klar, wem Johannes (Paul Herwig) den Rücken zudreht. © Arno Declair

Es überrascht, wie sehr sich die ansonsten so energische Jana Schulz zurücknimmt und beherrscht. Doch gerade aus der Zurückhaltung erwächst eine überwältigende Wucht. Zu dieser Käthe muss man aufschauen.

 

Einsame Menschen
von Gerhart Hauptmann
Regie und Bühne: Roger Vontobel, Kostüme: Tina Kloempken, Mitarbeit Bühne: Berit Schog, Musik: Matthias Herrmann, Dramaturgie: Kekke Schmidt, Licht: Bernd Felder.
Mit: Michael Schütz, Katharina Linder, Paul Herwig, Jana Schulz, Felix Rech, Therese Dörr, Tomas Möwes, Matthias Herrmann.
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

www.schauspielhausbochum.de

 

Vom Schauspielhaus Bochum besprach nachtkritik.de in dieser Spielzeit bislang die Aufführungen Onkel Wanja, Gespenster des Kapitals und Die Unvernünftigen sterben aus.

 

Kritikenrundschau

Von einer "fesselnden Inszenierung" spricht Christiane Enkeler in der Frühkritik von Deutschlandradio Kultur (10.11.2014). Roger Vontobel setze das aktuelle Drama des zur Freiheit verdammten Menschen in Szene. "Zusätzlich zu diesen Aspekten, die schon bei Hauptmann angelegt ist, arbeitet Vontobel heraus, welcher ungeheure Erwartungsdruck heute auf den Kindern liegen kann". Das Ensemble spiele sehr gut. Einzige Kritikpunkte sind aus Sicht der Kritikerin "ein, zwei etwas verhuddelte Szenen, deren Huddelei zum Teil aber auch Johannes' Entscheidungsschwäche zuzurechnen ist. Und dass man die Darsteller zum Teil schlecht versteht, möglicherweise wegen der nach hinten geöffneten Bühne".

Vontobel hat sich mehr für sein Konzept als für die Beziehung zwischen den Figuren interessiert, vermute Anke Dürr auf Spiegel online (10.11.2014. "Das Publikum sitzt bei ihm zu beiden Seiten der Scheibe, auf die er die Schauspieler verbannt hat. Das soll Nähe und Unmittelbarkeit herstellen und natürlich zeigen, dass das Leute aus unserer bürgerlichen Mitte sind, die da um ihre Kleinfamilie kämpfen (und um sich selbst kreisen). Weil sich die Scheibe dreht, damit keine Zuschauerseite immer nur die Rücken sieht, scheinen die Schauspieler allerdings nie so recht zu wissen, in welche Richtung sie jetzt überhaupt spielen sollen". Nur in einer Szene geht das Konzept aus Sicht der Kritikerin auf.

"Wem die Sympathien gelten, mag bei jedem Zuschauer anders sein, - und ändert sich im Laufe des Abends, der auf die Katastrophe zusteuert", schreibt Ronny von Wangenheim in den Ruhnachrichten (11.11.2014). Entziehen könne sich keiner dem Spiel des Ensembles. Am Ende der 130 Minuten braucht es einen kurzen Moment der Atempause. Dann fällt der Beifall umso länger und heftiger aus."

In der Süddeutschen Zeitung (14.11.2014) schreibt Martin Krumbholz: "Roger Vontobel genügen zwei durchdachte Schachzüge, um die Partie – geradezu triumphal – für sich zu entscheiden." Der erste sei, dass er das Drama aus der anfänglichen Tauffeier heraus entwickle. Der zweite, dass Jana Schulz die schwierige Rolle der dauerleidenden Ehefrau Käthe spiele. "Und mehr als in ihren vielen Paraderollen beweist Jana Schulz ausgerechnet hier, in der scheinbar so penetranten Engführung eines Heimchens am Herd, was für eine große Schauspielerin sie ist." Vontobel habe zielsicher den neuralgischen Punkt getroffen, der uns heute am Drama interessiere.

"Wie Paul Herwig den haltlosen, mit sich selbst hadernden Johannes Vockerat ohne Rücksicht auf Verluste neue Lebensgeister gewinnen lässt, wie Jana Schulz, androgyn und schlaksig gegen den Typ besetzt, als Käthe sich wegduckt und in sich hineinleidet, wie Therese Dörr der Anna einen flirrenden Schwung gibt, wie Felix Rech als Braun zwischen Anteilnahme und Überforderung ohnmächtig zusieht, stellt Hauptmanns Figuren als Menschen von heute vor", so ein begeisterter Andreas Rossmann in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (2.12.2014). "Indem er die Figuren in der Spannung von Verantwortung und Selbstverwirklichung, Pflicht und Egoismus konturiert, bestätigt Vontobel 'Einsame Menschen' als Gegenwartsstück – psychologisch subtil und emotional spannend."

 
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