Im Kupferstollen verschütt gegangen

von Katrin Ullmann

Hamburg, 20. Februar 2007. Ein Unglück kommt selten allein. Das weiß eigentlich jeder. Und wenn alle Unglücke irgendwann beisammen sind, ist man – zumindest in der deutschsprachigen Gegenwartsdramatik – mit Sicherheit in Deutschlands Osten. Denn im Osten gibt es noch immer nicht viel Neues und damit ausreichend Stoff für bühnentaugliche Hoffnungslosigkeit. Im Osten ist die Arbeitslosenquote schrecklich hoch, die Zukunft gänzlich abgebaut und die Gegenwart tatsächlich hart. 

Hier, genauer gesagt, im Mansfelder Land nahe Halle hat Fritz Kater auch sein vor fünf Jahren uraufgeführtes "Sterne über Mansfeld" verortet. Die Sterne sieht man darin natürlich nie, denn in Mansfeld ist der Himmel – wie sollte es anders sein? – ständig bedeckt. Und dennoch setzt sich der unverbesserliche Polizist Christian allabendlich mit seiner Nichte Janica hinaus aufs Dach, um nach den Sternen zu gucken. Nach ihnen zu greifen, hat er schon lange aufgegeben.

Unter Sprayern

Um seine Janica nicht schon wieder enttäuschen zu müssen, bittet er während der Premiere in Hamburg das Publikum, die vorher verteilten Feuerzeuge aufs Stichwort zu entzünden. "Ooh!" und "Aah!" raunt es bald durch den kleinen Saal des Thalias in der Gaußstraße – und auch die Nichte (Anna Blomeier) ist kurz beeindruckt. Doch lange hält der Kitsch nicht an. "Scheiß-Sternegucken!" brüllt der Teenager dann und tritt die nächstbeste Holzwand ein. Janica will bald raus aus Mansfeld, das ist klar. Ihre Freizeit verbringt sie als Graffiti-Sprayerin und ist dabei dermaßen begabt, dass ihr am Ende des Stücks ein Stipendium für Grafikdesign in London zu winken scheint.

Doch das wäre viel zu viel des großen Glücks. Also lässt Fritz Kater sie noch schnell in einen tragischen Zugunfall geraten und später einen tödlichen Irrweg durch einen still gelegten Kupferbergbaustollen laufen.

Dass ihr Onkel Christian (Harmut Schories) ihr vorher aufopferungsvoll eine Niere gespendet und daraufhin an der Bluterkrankheit zu sterben hat, ihr Vater Tomas (Harald Baumgartner) Alkoholiker und ein erfolgloser Rocksänger ist, ihre Mutter Betty (Verena Reichhardt) entsprechend abgestumpft und verzweifelt, macht die Geschichte kein bisschen besser.

Spannungsfrei, glatt verfugt

Als Auftragswerk für das Schauspiel Leipzig hat Fritz Kater "Sterne über Mansfeld" geschrieben und hat damit wahrscheinlich genau den gesellschaftlich-politischen Nerv der Region getroffen. In Hamburg, zumindest in der Regie von Frank Abt, wird daraus nicht mehr als betuliche Ostmitleidigkeit. In einem halboffenen Bühnenbild aus Holzlattenstapeln (Julia Krenz) treten die Figuren – natürlich meist vereinzelt und entsprechend vereinsamt – auf, klagen dem Publikum ihr Leid und ihre fehlende Zuversicht, um wieder in ihr kleines Leben zu verschwinden. Sie tun dies mal mehr, mal weniger überzeugend. Vor allem aber ohne Dramaturgie oder Spannungsbogen.

Abt findet in Figuren und Text weder Brüche noch Überraschungen. Der zugereiste und völlig überforderte Pfarrer (Christoph Bantzer) ist salbungsvoller als jedes Klischee, die hoffnungsdurstige Isabel (Anna Steffens) so naiv wie selbstzerstörerisch.

Über weite Strecken inszeniert Abt das Stück ohne Humor oder Distanz. In  konventionellen, ideenlosen Bildern arrangiert er den allzu poetischen Text, unterstreicht manch eine Szene mit unruhiger Musik (Lothar Müller), die gerne, wenn's dramatisch werden soll, lauter wird. Die vielleicht allzu ausweglose Situation der Kater'schen Figuren, deren verlorene Träume, Zukunft oder Geld interessieren und berühren dabei kein bisschen.

 

Sterne über Mansfeld
von Fritz Kater
Regie: Frank Abt, Bühne:Julia Krenz, Kostüme: Katharina Kownatzki, Musik: Lothar Müller.
Mit: Christoph Bantzer, Harald Baumgartner, Anna Blomeier, Markus Graf, Maria Klimmek, Hannelore Loerke , Verena Reichhardt, Rita Schaper, Hartmut Schories, Anna Steffens.

www.thalia-theater.de 

 

Kritikenrundschau

Im Hamburger Abendblatt (22.2) bedauert msch (hinter diesem Kürzel vermuten wir Maike Schiller), dass Frank Abt es in seiner Inszenierung von Fritz Katers "Sterne über Mansfeld" nicht vermöge, "über ein paar sehenswerte Episoden und Momente hinaus zu gelangen - wenn auch mit wie immer weitgehend tollen Schauspielern". "Mehr als ein Panoptikum skurriler Gestalten" sei "aus der eigentlich dankbaren Vorlage nicht geworden. Da ist die Inszenierung ein wenig so geraten, wie man sich wohl das Mansfelder Land vorstellen muss: langweilig."

Petra Schellen kann es im Regionalteil der taz Nord (22.2.) nicht begreifen, "warum ausgerechnet Petras, der selbst in der DDR aufwuchs, ein Stück verfasst, das sämtliche West-Klischees des 'Ostens' bedient". Eine solche Haltung sei "genauso unbeweglich wie die angeblich flächendeckende ostdeutsche Lethargie". In dem "von Trostlosigkeit durchtränkten" Stück seien die Szenen "lose aneinander gehängt, die Figuren schwatzen Durchschnittliches." Zudem nerve Regisseur Frank Abt "durch gewollte Verfremdungen: Immer wieder schlüpfen Akteure aus der Rolle und bitten das Publikum mitzuspielen. Ein Kniff, so nett wie hinlänglich bekannt."

 

 

Kommentar schreiben