Zu klein zum Weglaufen

von Elisabeth Michelbach

Würzburg, 29. Januar 2015. Drei Puppenkörper empfangen den Zuschauer an diesem Donnerstagabend in den Kammerspielen des Mainfrankentheaters Würzburg. In dem mit Neonröhren brutal ausgeleuchteten Bühnenraum sehen sie aus wie die nackten Schaufensterpuppen, die gerade überall den Winterschlussverkauf bezeugen. Als sie dann aber zu sprechen beginnen, erinnern sie in den hautfarbenen Rollkragenpullovern und Feinstrumpfhosen eher an die androgynen Stoffkörper unbekleideter Spielzeugpuppen.

Aber sie schauen uns an. Blicken herausfordernd in den Zuschauerraum. Tröpfelnd, mit quälenden Pausen, plötzlich schwallartig purzeln einzelne Wörter und Satzfetzen aus ihnen heraus, die sich nur schwer zu einer diffusen Krankenhaussituation rund um den Satz "Wo sind meine Stimmbänder?" zusammenfügen lassen. Zehn endlos lange Minuten geht das so. Der Zuschauerblick läuft ins Leere, rutscht an der klinisch-weißen, vollkommen leeren Bühne ab.

Let me entertain you

"Furchtbar!", flüstert die Frau vor mir ihrem Begleiter ins Ohr. Dann erlischt das Saallicht, aus den Boxen dröhnt das Intro von Robbie Williams' "Let me entertain you". Die Puppen auf der Bühne tanzen bald wild, man staunt und freut sich über diesen gewitzten Kommentar auf das Schauspieler-Dasein im Allgemeinen wie auf die Erwartungshaltungen des Zuschauers an ein Stück über das heikle Thema Kindesmissbrauch im Besonderen. Wie man hier vor Augen geführt bekommt, dass man schwere Kost und bedrückende Szenen zu erwarten hat, eben etwas, auf das das Urteil "furchtbar!" passen würde, ist schlicht großartig!

Die schwere Kost, um die es geht, ist Katja Brunners "Von den Beinen zu kurz", mit dem die junge Schweizerin 2013 den Mülheimer Dramatikerpreis gewann. Brunners Text ist ein Stimmengewirr, aus dem sich die Geschichte eines Mädchens destilliert, das seit seiner frühesten Kindheit vom Vater sexuell missbraucht wird. Die Mutter weiß davon, sieht die eigene Tochter aber vor allem als Rivalin und greift nicht ein. Die Tochter selbst liebt den Täter-Vater abgöttisch, solidarisiert sich mit ihm, entschuldigt und rechtfertigt sein Tun.

vondenbeinenzukurz1 560 gabriela knoch uDrei Stimmen, drei Haltungen: "Von den Beinen zu kurz" mit Freya Kreutzkam, Claudia
Kraus und Petra Hartung © Gabriela Knoch

Katka Schroth entwickelt für ihre Würzburger Inszenierung eine kongeniale Choreographie der Stimmen aus Brunners Textkomposition. Und es strapaziert die Metapher nicht über, zu sagen, dass die drei Schauspielerinnen Petra Hartung, Claudia Kraus und Freya Kreutzkam diese Choreographie mit ihren Stimmen tanzen: minutiös getimet gehen chorische Passagen in längere Monologe über, gibt es Wechsel in Tempo und Rhythmus, aber auch in Stimmfarbe und Expressivität. Da wird geschrien und geflüstert, gurrend gebuhlt und im Stakkato gebellt – der Grad an Können und Konzentration seitens der Schauspielerinnen und an Genauigkeit und Gespür seitens der Regie, der hierfür erforderlich ist, ist beeindruckend.

Lichtgestalt der Tochter

In Interviews berichtete Katja Brunner, es ginge ihr in "Von den Beinen zu kurz" darum, dominante Narrationsmuster des Missbrauchs aufzubrechen und einen Blick hinein in die Beziehungen zwischen Täter und Opfer zu wagen. Und es ist tatsächlich ein Wagnis, denn Sätze wie "Das ging ja von mir aus, ich wollte das so" oder die Rede von einer "unmissverständlichen Einladung" der Fünfjährigen an den Vater sind schwer zu ertragen. Der Vater ist die Lichtgestalt der Tochter, der ihr alles beigebracht habe, der aus ihr "eine Person" gemacht habe. Die sexuelle Gewalt, die er ihr antut, gehört zu ihrer Beziehung, seit sie denken kann, ihre Beine, so wird es einmal im Stück gesagt, seien schlicht zu kurz, um wegzurennen.

Im Stimmreigen der drei Schauspielerinnen manifestieren sich verschiedene Szenarien einer verhängnisvollen Vater-Tochter-Beziehung. Symptomatisch ist eine Episode im Streichelzoo: Vom Vater unbeaufsichtigt, stürzt die Tochter von einem Baum. Doch anstatt sich um sie zu kümmern und sie zu trösten, ist der Vater eifersüchtig, dass sich die Tochter von Fremden helfen lässt und straft sie in der Folge mit Missachtung. Immer wieder gibt es auch Anklänge an Therapie-Situationen, doch die Floskeln und Worthülsen von "sich frei machen", "sich verzeihen" und "sich annehmen", können bei dem Mädchen, das sich nur über die Beziehung zum Vater definiert, nicht ankommen. Schließlich Szenarien des Selbstmords des Vaters und seine Beerdigung, die die Tochter als existenziellen Verlust erlebt, an dem sie sich schuldig fühlt.

Blick ins Innere

Diese Szenen erschließen sich in Schroths Inszenierung nur allmählich und ausschließlich im Dreiklang der Stimmen, die einander widersprechen, sich ins Wort fallen und unterschiedliche Versionen erzählen. Es gibt kaum körperliche Handlungen oder nur insofern sie die stimmliche Expressivität unterstreichen. Die konträren Aussagen, die mit den Körpern der Schauspielerinnen wahrhaftig im Raum stehen, machen deutlich, dass es hier nicht darum gehen kann, Wahrheiten zu transportieren und Schuldige zu benennen. Vielmehr liegt die Stärke des Stücks in dem Wagnis, Innenansichten des sexuellen Missbrauchs – so verstörend, unnachvollziehbar und falsch sie von außen betrachtet auch sein mögen – offen zu legen und so die schwierige Situation der Opfer, die immer auch liebende Kinder sind, in den Fokus zu rücken.

"Von den Beinen zu kurz" in der Würzburger Inszenierung ist also kein engagiertes Theater, das Handlungsanweisungen gibt und Veränderungen einfordert. Am Ende blicken die wieder zu Puppen erstarrten Schauspielerinnen erneut in den erleuchteten Saal. Es gibt hier keine Auflösung des Spiels, keine Erlösung der Zuschauer, die sich am Premierenabend dann auch schwer tun mit einem befreiten Applaus.

Infostände im Foyer

Zögerlich findet sich ein Großteil des Publikums beim Stehempfang der Sozialreferentin der Stadt Würzburg ein, die als Schirmherrin der Inszenierung fungiert und die Vereine und Initiativen gegen sexuelle Gewalt eingeladen hat, im Anschluss an die Premiere über ihre Arbeit zu informieren. Konkrete Ansätze und Lösungen verlagert man in Würzburg im Sinne eines im Sozialgefüge der Stadt engagierten Theaters also klugerweise ins Foyer. Künstlerisch hochambitioniertes und virtuoses Theater, das Fragen eher stellt, als sie zu beantworten, gibt es hingegen in den Kammerspielen.

Von den Beinen zu kurz
von Katja Brunner
Regie: Katka Schroth, Bühne und Kostüme: Christoph Ernst, Licht: Roger Vanoni, Dramaturgie: Wiebke Melle.
Mit: Petra Hartung, Claudia Kraus, Freya Kreutzkam.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause.

www.theaterwuerzburg.de

 

Kritikenrundschau

In ihrem Beitrag für den Bayrischen Rundfunk sagt Anke Gundelach: Die Stimmen im Kopf des Mädchens marschierten wie Soldaten im Gleichschritt: "der Vater ist kein Unmensch, er konnte ja nicht anders". "Ratlosigkeit" sei im Publikum spürbar gewesen, als am Ende des Stückes die Schauspielerinnen in ihrer Rolle geblieben seien und sich nicht verbeugt hätten, der Konflikt sich nicht in Wohlgefallen aufgelöst habe. Die Zuschauer-Stimmen, die Gundelach hinterher eingeholt hat, sprechen von beeindruckt sein, Betroffenheit, Atemlosigkeit, aber auch von "Szenen zum Schmunzeln", "gelungener Inszenierung", "Ratlosigkeit", "kann ich nix mit anfangen", "schweres Thema".

In den Fränkischen Nachrichten (31.1.2015) schreibt ein/e Kritiker*in mit dem Kürzel ferö: "Fern jeder Schwarzweiß-Malerei oder Schuldzuweisung reißt die Autorin in diesem beklemmenden Theaterstück (...) den Mantel des Schweigens über die Tabuisierung von Machtverhältnissen und den gesellschaftlichen Nährboden für Fehlentwicklungen weg." Ein erlösendes Ende finde die "packende Inszenierung" nicht, "doch ein paar Textkürzungen hätte sie unbeschadet überstanden".

 
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