Terror der Ungenauigkeit

von Martin Krumbholz

Bochum, 28. Februar 2015. Ein Gericht also. In einer Art Frontaloffensive geht die Regisseurin Daniela Löffner Arthur Millers "Hexenjagd" von 1953 an, schon beim Betreten des Zuschauerraums erblickt man eine rampenbreite moderne Gerichtsanlage mit Mikrofonen, Laptops und allem Pipapo, in der ein rundes Dutzend Richter, Angeklagte und Zeugen Platz nehmen werden, um herauszufinden, ob 1692 an der amerikanischen Ostküste der Teufel umgeht. Schließlich hat Miller ja mit seinem Erfolgsstück nicht zuletzt dem Amerika seiner Zeit den Prozess gemacht, einem Land, das unter dem berüchtigten Senator McCarthy eine Unzahl von Bürgern – und vor allem Intellektuelle – in den Fängen des Kommunismus moralisch vor die Hunde gehen sah.

Aus der Zeit gefallen

Die "Hexenjagd" ist formal und ästhetisch hoffnungslos aus der Zeit gefallen. Umständlich und detailverliebt entwickelt Miller den monströsen, historisch verbürgten Fall, dass einige junge Mädchen aus Spaß oder auch aus Kalkül eine Massenhysterie entfachen, die der herrschenden Inquisitionsmacht in die Karten spielt – Geständnis der Hexerei oder Galgen, das ist der mörderische Deal. So geschickt Miller ein privates Ehebruchsdrama mit der politischen Affäre verbindet – zu lesen ist das äußerst mühsam. Immerhin macht die Fabel ohne logische Brüche deutlich, in welchen Kontext man sie zu denken hat: 1953 eben.

hexenjagd 560 thomasaurin uHeutiger Gerichtsterror? Oder eher bedenkenlose Parallelen? © Thomas Aurin

Seinen außerordentlichen Erfolg verdankt das Stück vor allem seinem tragisch-optimistischen Schluss. Der Angeklagte John Proctor opfert seinen guten Namen, indem er zunächst den Ehebruch gesteht, unterschreibt dann ein Geständnis der Hexerei, zerreißt es kurz darauf und geht in den Tod. Trommelwirbel, nach drei Sekunden fällt der Vorhang – so präzise hat der Dramatiker die Effekte getrimmt.

Denkschwäche im Hier und Jetzt

Hinter dem aseptischen Justiz-Setting auf der Bühne von Claudia Kalinski öffnet sich bald eine weiße Box, in der sich das eigentliche Drama abspielt, Szenen in der Küche des Pfarrers Parris oder im Vorgarten des Ehepaars Proctor – quasi als verlebendigte Zeugenaussagen, denen das hohe Gericht unter Vorsitz der Richterin Danforth, dem Publikum den Rücken zugewandt, interessiert zuschaut. Daniela Löffner will von den Pathos-Strategien des Textes durchaus profitieren, das spürt man ziemlich schnell. Gegen Ende, wenn Katharina Linder und Jürgen Hartmann als Ehepaar Proctor perfide in widersprüchliche Aussagen verwickelt werden, geht es schauspielerisch gekonnt und, ja, eher konventionell zur Sache.

Anke Zillichs Richterin steigert sich mit ihren Verhörmethoden in einen erbarmungslosen Furor hinein. Aber nicht erst hier beginnen die Denkschwächen und Ungereimtheiten der Inszenierung. Natürlich soll die bizarre Veranstaltung im Hier und Jetzt spielen – aber welcher Gegenstand wird eigentlich verhandelt? Geht es lediglich um Justizterror, so ganz allgemein? Im Stück (und genauso in der Inszenierung) ist die Justiz ein Organ der Repression, während sie in heutigen demokratischen Gesellschaften, wie unvollkommen auch immer, ja doch eher als Instrument der Aufklärung fungiert.

Bedenkenlose Parallelen?

Die seltsamste Umdeutung erfährt die Figur der Tituba, im Stück eine Kauderwelsch redende Schwarze, die die Mädchen mit ihrer Spökenkiekerei erst richtig verrückt macht. In der Bochumer Aufführung ist Tituba ein Mann mit Käppi und Palästinensertuch, der gen Mekka betet. Aber ist denn ein gläubiger Muslim "ipso facto" ein Dschihadist, von dem in irgendeiner Form Terror – und sei’s gegen sich selbst – zu erwarten ist? Spielt die "Hexenjagd" plötzlich im "Islamischen Staat", oder werden hier einfach allzu bedenkenlos Parallelen konstruiert?

Nicht nur gedanklich, auch ästhetisch rutscht einiges durcheinander. In den White-Box-Szenen gedeiht anlässlich der "Hexenszenen" ein Hypernaturalismus, bei dem man sich umstandslos in William Friedkins‘ "Exorzist" versetzt fühlt, so ekstatisch aufgepeitscht Kristina Peters und die anderen diesen Abklatsch eines Höllenspuks auf die Bretter bringen. Friederike Becht (die in ihrer Haltung hin und her schwankende Mary Warren) und Felix Rech (als "Hexenpfarrer" Hale beinahe die integerste Figur) bemühen sich um psychologisch differenzierte Rollenprofile. Allein: Es ist vergebliche Liebesmüh' angesichts einer hochambitionierten, aber sich letztlich in Denkungenauigkeiten verkrampfenden Regie.

 

Hexenjagd
von Arthur Miller, deutsch von Hannelore Limpach und Dietrich Hilsdorf
Regie: Daniela Löffner, Bühne & Kostüme: Claudia Kalinski, Komposition: Cornelius Borgolte, Dramaturgie: Kekke Schmidt.
Mit: Andreas Patton, Pola Jane O’Mara, Torsten Flassig, Kristina Peters, Veronika Nickl, Günter Alt, Sarah Grunert, Friederike Becht, Jürgen Hartmann, Ute Zehlen, Meinolf Steiner, Felix Rech, Katharina Linder, Klaus Weiss, Henrik Schubert, Michael Schütz, Anke Zillich.
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.schauspielhausbochum.de

 

Zuletzt wurde hier am Schauspielhaus Bochum Viel Lärm um nichts (1/2015) besprochen.

 

Kritikenrundschau

Löffner verdichte Millers Stück "zu einem Justizdrama unserer Zeit" und lasse in der Guckkastenbühne "Szenen über dem Gerichtsstand nachspielen", so Achim Lettmann in der Westfälischen Allgemeinen (2.3.2015). Das Publikum hätte gern über den Anachronismus des Stücks gelacht, "aber Löffner bleibt ernst und baut zwischen den Verhandlungsterminen ein bühnenrealistisches Ehedrama ein". Das intensive Spiel der Darsteller könne für Momente fesseln, "aber es stechen krude Regieeinfälle heraus". "Dass die Regie an den 'institutionellen Rassismus' zum NSU-Prozess in Deutschland denkt, steht im Programmheft, aber auf der Bühne findet ein anderes Drama anno 1692 statt. Ärgerlich."

Schnell vergehe der Oberflächenreiz, schreibt Lars von der Gönna auf dem WAZ-Portal derwesten.de (2.3.2015), da Löffners lähmende Zerstückelungstechnik der Tragödie alle Spannung, alle Tiefe austreibe und jene zweite, kleinere Bühne im Gerichtssaal lächerlich dokuhaft Millers Schicksale herunterorgele, als träfen sich "Zwei bei Kalwass". "Einen Dschihadisten zerrt Löffner auch noch aus dem Gebüsch. Wie arm das ist!". Verstümmelungen, Verkleinerungen, handwerkliche Fehler, dazu ein schauspielerisches Niveau, das bisweilen Mitleid errege: Millers Meisterwerk wurde letzten Samstag der Prozess gemacht.

Während das Programmheft voller aktueller Verweise sei (die Anschläge von Paris, Pegida, NSU), sei auf der Bühne davon wenig zu sehen, so Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (4.3.2015). Die Inszenierung spiele zwar heute, finde aber keine zeitgenössische Entsprechung zum hegemonialen christlichen Glauben der Puritaner. Wenn der Hexenexperte Hale den bodenständigen Proctor "zwischen Bobbycar und Rollrasen die zehn Gebote aufsagen lässt, um die Reinheit seiner Seele zu beweisen, wirkt das eher komisch-anachronistisch als bedrohlich".

 
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