Der Pfau auf dem Laufsteg

von Michael Laages

Halle, 11. April 2015Den letzten Blick auf den fatalen Weg des Freundes von einst wirft hier der Autor selbst: überlebensgroß Klaus Mann, als Foto kurz vor dem Freitod 1949 auf die Leinwand im Theater projiziert und mit der knarzenden Mikrophonstimme des amerikanischen Soldaten von damals. Als Heimkehrer in amerikanischer Uniform hat er "seinen" Gustaf noch einmal auf der Bühne gesehen, zehn Jahre zuvor war dieser Gründgens und dessen Karriere das Sujet für Manns "Mephisto"-Roman.

Von der sonderbaren Nachkriegsbegegnung ist im Programmheft des neuen, spektakulären Theaterversuches mit dieser Geschichte zu lesen – Gustaf Gründgens, dessen Theaterweg sich ja gleich nach dem Ende der deutschen Barbarei fast umstandslos fortsetzt, sieht den amerikanischen GI Klaus Mann eines abends in der ersten Reihe sitzen (so empfindet es Mann) und scheint einen Schritt auf ihn zu gehen zu wollen – lässt es dann aber und badet lieber weiter in Blumenmeer und Ovationen all jener Fans, die in ihm die Kontinuität deutscher Kultur bejubeln.

Taub und neutral

Das Programmheft der neuen, spektakulären Theateradaption des Romans "Mephisto" in Halle verzeichnet auch diese kleine Notiz vom Wiedersehen. In der US-amerikanischen Armee nahm damals der Heimkehrer Klaus Mann nicht nur an einer Befragung Hermann Görings teil, sondern sah auch jenen Schauspieler noch selber auf der Bühne, den er zehn Jahre zuvor in seinem Roman "Mephisto" porträtiert hatte: Gustaf Gründgens, Theaterstar während und nach dem Dritten Reich, der in Manns Roman Hendrik Höfgen heißt.

Was hat da überlebt – mitten im Wahnsinn all jener, die (so der historische Klaus Mann auf Englisch) mal seine Landsleute waren? Am Neuen Theater in Halle erzählt Henriette Hörnigk, auch Chefdramaturgin des Theaters, sehr furios diese Geschichte aus lauter ganz alltäglichen Unbegreiflichkeiten. Wie kann ein Künstler sich derart blind und taub, das heißt: neutral verhalten wollen, wenn um ihn herum alle Menschenwürde in Blut und Scherben fällt?

Voll von verschlüsseltem Personal

Erst mit Ariane Mnouchkines Bühnenfassung 1980 und Istvan Szabos "Mephisto"-Film mit Klaus Maria Brandauer wurde der bis dahin in Deutschland/West verbotene Roman dem breiteren Publikum bekannt. Henriette Hörnigk fügt der Mann-Fabel Daten und Details vom Ort des Geschehens hinzu – Reinhard Heydrich, einer der Hauptplaner der finalen Vernichtung der Juden in Nazi-Deutschland, ist in Halle aufgewachsen. "In Halle geht was", sagt darum Höfgens armseliger Antipode Hans Miklas, der zweitklassige Ensemble-Kollege aus früher Zeit am Hamburger "Künstlertheater" (den Hamburger Kammerspielen des Regisseurs und Theaterleiters Erich Ziegel), als dort, in Hamburg, der Weg zu Ende geht. Sie (und der kommunistische Kollege Otto Ulrichs, Hans Otto im Original) treffen alle wieder aufeinander in Berlin – und Höfgen ist längst wieder der Star. Er spielt Mephisto, der enttäuschte Nazi Miklas immer nur den ewigen Schüler Wagner.

Mephisto 560 FalkWenzel uGründgens-Personal auf dem Catwalk  © Falk Wenzel

Die Episodenfolge ist bekanntlich voll von verschlüsseltem Personal: immerhin Thomas, Klaus und Erika Mann, Großmutter Pringsheim und Dichter-Tochter Pamela Wedekind, später Hermann Göring und dessen Schauspieler-Freundin Emmy Sonnemann sowie Höfgens große homosexuelle Liebe Juliette. Regisseurin Hörnigk setzt sie alle an und auf den Laufsteg – und das ist wörtlich zu nehmen. Claudia Charlotte Burchard hat den schillernden "Catwalk" quer durch den Theaterraum geschlagen und mit Luken versehen, aus denen aufgetaucht und in denen verschwunden wird; von Stühlen vor den Publikumstribünen diesseits und jenseits vom Steg beobachtet zu Beginn das Ensemble den ebenso kometenhaften wie selbstquälerischen Aufstieg des Jung-Stars aus der Provinz. Eine Art Erzähler-Figur hat Hörnigk hinzuerfunden, die einerseits Chronist ist, aber auch die Egomanien der Familie Mann zelebriert, von Vater Thomas wie Sohn Klaus.

Theater frisst auf

Und immer wieder bricht das Theater selbst sich Bahn in Lebensweg und Aufstieg des Karrieristen Höfgen – der lernt ja tanzen beim schwulen Partner; und immer wieder bricht das hinreißend animierte Ensemble hier aus in forcierte Choreographie. Den Laufsteg-Boden selber schreit Höfgen an – das Theater habe ihn "aufgefressen"; dabei war es doch immer nur der schillernde Spiegel für den von Nervenzusammenbrüchen zerfressenen Schauspieler, der Pfau und Narziss in einem war.
Hagen Ritschel (im zweiten Teil nun ganz in jener weißen Maske, die vorher nur Rolle war) erntet Ovationen in Halle, wie sie auch über dem ewigen Mephisto zusammenschlugen; die kommen hier aber unbedingt dem kompletten Ensemble zu. Denn am Wochenende des Gedenkens an die Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald trifft die Inszenierung mitten ins Zentrum dieser viel zu oft viel zu geschichtsvergessenen Gegenwart.

 

Mephisto
nach dem Roman von Klaus Mann
Fassung und Regie: Henriette Hörnigk, Bühne und Kostüme: Claudia Charlotte Burchard, Musik: Bernd Bradler/Martin Reik, Dramaturgie: Sophie Scherer.
Mit: Hilmar Eichhorn, Stella Hilb, Harald Höbinger, Karl-Fred Müller, Alexander Pensel, Max Radestock, Martin Reik, Elke Richter, Hagen Ritschel, Till Schmidt, Bettina Schneider und Statisterie.
Dauer: 3 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.buehnen-halle.de

 

Kritikenrundschau

Wolfgang Schilling sprach auf MDR Figaro (13.4.2015) von einem "groß angelegten Abend", der leider "kein großer Wurf" geworden sei. Weil Hörnigk zwar eine "kluge und geschickte" Stückfassung geschrieben habe, aber ihr als Regisseurin offensichtlich "Lockerheit und Souveränität" fehlten. Die "Handvideokamera" sei immer schon "so ein Mittel, wenn der Regie nicht so richtig selbst" etwas einfalle. Akustisch sei es "teilweise unmöglich, der Sache wirklich zu folgen" wegen des "hohen Sprechtempos" und des "inszenatorischen Hochdruck". "Intensität, die das Theater braucht", werde verwechselt "mit Lautstärke, mit Brüllerei". Die Darsteller hätten kaum Zeit, "ihre Figuren zu entwickeln", zu "spielen, statt zu verkünden". Drei Ausnahme: Harald Höbinger als Conferencier, Elke Richter und Hilmar Eichhorn, sie schafften auch ruhige Momente. Holger Ritschel als Höfgen werde zum Opfer der Regie, die ihm keine Zeit lasse, "ambivalente Momente" auszuspielen.

Jede Theater-Version von Klaus Manns Roman stehe vor einem Dilemma, meint Joachim Lange in der Mitteldeutschen Zeitung (13.4.2015): "Zumindest, wenn man sich wie Regisseurin Henriette Hörnigk (...) darauf einlässt, einen Schauspieler gegen den Übergroßen antreten zu lassen. Denn das ist es ja auch. Nicht nur, wenn der eine Kostprobe aus Goethes 'Faust' gibt. Das geht nur im Ausnahmefall gut. Die berühmte Mephisto-Maske und ein Schuss Hysterie reichen da nicht. Trotz des Jubels den Hagen Ritschel am Ende erntete." In Weimar habe man sich "gerade fünf Schauspieler für einen Hendrik Höfgen geleistet. Sie entfernten sich damit zwar weiter von Klaus Mann, kamen aber dem Faszinosum Höfgen/Gründgens damit ein gutes Stück näher."

 

 

 
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