Das Unkunstvolle, hier wird's Ereignis

von Tim Schomacker

Hannover, 9. Juli 2015. Am Anfang ist der Plattenteller. Erstaunliches wird akustisch aus der Auslaufrille gekratzt, klangelektronisch geschichtet und getürmt. Dass man aus Staub und Kratzern so viel herausholen kann. Es ist nicht die letzte Überraschung auf der Wenig/Viel-Achse an diesem Abend.

Ganz allein ist der Plattenteller freilich nicht. Ein Mensch sitzt dran, fast hineingekauert in die hintere linke Bühnenecke. Mit Notebook und Mischpult. Daneben ein anderer mit einem Cello. Zwischen uns und den beiden ist sehr viel sehr leere Bühnenfläche. Unten hell ausgelegt, oben mit weiß-bauschendem Stoff abgehängt. Was ein hübsch indirektes Licht streut. Zunächst auf eine Frau. Sie tritt auf, steht zunächst da eine Weile. Und schaut. Dann eine langsame Bewegung, wie ein Ansetzen zum Sprung. Wieder zurück. Stehen, schauen. Nochmal.

Schreiten, laufen, kippen

Andere kommen und gehen. Schauen, bewegen sich. Meist langsam und wenig. Gehen wieder weg. Insgesamt 44 Menschen aus Hannover. Mit (mal) mehr und (öfter noch) weniger Bühnenerfahrung. Das Brooklyner Duo 600 Highwaymen hat sie beim Festival Theaterformen zu einem sechzigminütigen Performance-Netzwerk verknüpft. Hat für "The Record" 44 solistische Choreographien erarbeitet und geprobt, die nun erstmals simultan aufgeführt werden. Ohne Sprache. Ohne Geschichtenerzählen. Und in weitgehend berückend karger Sinnfälligkeit.TheRecord2 560 CelinaCameron uPerformance-Netzwerk mit Hannoveraner*innen  © Celina Cameron

Eine Frau klappt an angelegten Armen die Hände nach außen, dreht sich dann langsam um die eigene Achse. Ein Mädchen schaut lange ins Publikum, streckt dann den linken Arm, zieht den rechten über den Kopf nach, so dass beide Arme schräg nach oben eine Parallele bilden. Eine Gruppe schreitet als Mini-Phalanx Richtung Bühnenrand, kehrt immer wieder um, läuft zurück, dreht sich erneut, schreitet wieder. Gelegentlich legt jemand jemandem anderen die Hand auf die Schulter. Jemand kippt in jemandes Arm. Einmal hebt einer eine hoch, trägt sie ein Stück. Doch Berührungen sind eher selten. Jemand beschreibt mit beiden Händen ausladende Achten. Jemand geht, jemand läuft, jemand steht. Und schaut.

Schluss mit der Bedeutungserkennung!

Die Konstellationen wechseln deutlich häufiger als die Minuten. Mal ändert eine Detailbewegung das Gesamtbild, dann wieder werden Mitspieler in Dutzendmengen ausgetauscht. Wie es Abigail Browde und Michael Silverstone gelingt, die Tendenz vieler choreographisch grundierter Partizipations-Projekte zur Hyperaktivität zu vermeiden, wie sie verhindern, dass "The Record" sich im Statistischen (schiere Menge) oder Demographischen ("wer da alles mitmacht ...") erschöpft, ist ein gutes Rätsel.

Vielleicht ist es das gezielt Unvirtuose, das – in seiner simultanen Vielzahl und Verschiedenartigkeit – Einfache, manchmal gerade das Unkunstvolle, das diesen Abend einzig- und aber auch eigenartig macht. Vielleicht ist es der Mut, gemeinsam mit (Nun-schon-nicht-mehr-)Laien etwas sehr Abstraktes in den Raum zu stellen. Und in diesem immer wieder um. Nur selten ahnt man eine Pose. Die von Solo bis Tutti immer mal wieder vor Kopf und Körper hingestreckten Fäuste markieren hier als rhythmisch strukturierende Rote-Faden-Ausnahme die Regel. Und die verzichtet auf Andeutlichkeiten und Darstellendes. Die Pausen, das Schauen, die mindestens mal im narrativen Sinne folgenlosen Bewegungsabläufe, das Vertrauen schließlich in die Präsenz der Körper als schlicht anwesende, all das speist sich aus den Bewegungsstudien des frühen modernen Tanzes. Ohne dabei historisierend zu wirken. Eher entsteht eine Gegenwärtigkeit, die man sonst so vielleicht nur in der frei improvisierten Musik gelegentlich findet. Gemeinsam mit ihrem Ensemble schaffen es 600 Highwaymen, bei den Zuschauern die Bedeutungserkennung für eine Stunde auszuschalten.

Polyrhythmisch-vertrackte Großform

Mit zunehmender Spieldauer füllt sich die Bühne immer mehr. Die zuvor eher atomisierten Konstellationsverschiebungen weichen ausladenderen Verläufen. Schritte, Verlagerungen des Körperschwerpunkts, Armbewegungen, in Reihe geschaltete Bewegungs- und Schrittmuster werden nun von immer größeren Gruppen ausgeführt. Und offenbar nach dem Teleprompter-Prinzip von hinter der Publikumstribüne mit Initialen und Anweisungen versehen. Interessant zu beobachten, wie sich das Ensemble immer mehr zur Gruppe zusammenfindet – ohne sich dabei in ein symbolisches Massenornament aufzulösen. Auch dort, wo die individuellen Choreographien auf Sequenzen hinauslaufen, die allen gemeinsam sind, bleibt das Einzelne als Modell stets gegenwärtig.TheRecord1 560 CelinaCameron uKein Massenornament, sondern individuelle Modelle © Celina Cameron

Ein bisschen mehr von dieser Balance könnte man sich auch für die (durchgehend ziemlich vorhandene) musikalische Grundierung vorstellen. Kaum vorhergesehen gegeneinander laufende, unpolierte Beats weichen immer mehr einem gewissen Ebenmaß. Und der zunächst per Sequenzer hübsch eigensinnig gleichsam mit sich selbst multiplizierte Cellosound, der auch manche rhythmische Grundlage schafft (die die Performer/innen meist gerade nicht direkt bedienen), ergeht sich immer mehr in überraschend elegischem Grundgestus. Ein wenig weniger quasi-romantische Pose wäre auch hier Mehrwert gewesen. Zumal angesichts der polyrhythmisch-vertrackten, immer wieder sehr musikalisch gedachten choreographischen Großform.

Sei's drum. Das titelgebende "Record" lässt sich mit Schallplatte, Akte oder Bestleistung übersetzen. Alles Aufschreibesysteme für die Annalen, also für den zukünftigen Rückblick. Man darf getrost davon ausgehen, dass 44 Hannoveranerinnen und Hannoveraner nach diesem Abend deutlich andere sind als vorher. Und das ist in diesem Fall alles andere als wenig. Umso besser, wenn man bei dieser Veränderung zuschauen kann. In Echtzeit sozusagen.

 

The Record
von 600 Highwaymen
Konzept, Regie: Abigail Browde, Michael Silverstone, Ausstattung: Christ Morris, Eric Southern, Musik: Brandon Walcott, Emil Abramyan.
Mit: Yasemin Akkoyun, Victoria Maria Albus, Yvonne Becker, Michael Bochnig, Stefanie Drees, Naemi Hauser, Sabrina Hauser, Timon Hauser, Julia Honer, Iulia Mihaela Iclodean, Luise Jacobs, Charlotte Jentzen, Karl Junge, Volker Kakoschke, Simon Kluth, Markus Knoblich, Diane Kriegel, Tsung-Mei Ma, Zoë Martin, Ursula Matussek, Susanne Meyer, Marian Mies, Swetlana Milo, Elke Möller, Brigitte Müller-Vollbrecht, Ha To-Trinh Nguyen, Jens Olf, Clarisse Pessler, Nadiah Riebensahm, Elfi Rüter-Leinert, Simon Sadowski, Marielle Schavan, Meike Schudy, Wilhelm Schulze-Marmeling, Robin Schumann, Karl-Heinz Schwikowski, Steven Solbrig, Theis Viehweger, Finja Wargenau, Antje Winterhof, Marion Wittke, Susanne Wondollek, Natascha Yakovina.
Dauer: 1 Stunde, keine Pause

www.theaterformen.de

www.statatstheater-hannover.de

 

 
Kritikenrundschau

"Man betrachtet das wie ein verrücktes Uhrwerk, freut sich, wie eins ins andere greift, wie das alles zusammenhängt und wie gut diese Theatermaschine funktioniert." So erging es Ronald Meyer-Arlt von der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (11.7.2015). "Es ist spannend, wie sich aus lauter Individuen eine Gruppe formt, die sich dann wieder in lauter Individuen auflöst."

"Diese Vorstellung lädt zum Nachdenken darüber ein, worum es im Theater eigentlich geht", schreibt Jörg Worat in der Hannoverschen Neuen Presse (11.7.2015). Die Performance sei aus unspektakulären Handlungen zusammengesetzt und biete "eine Rückbesinnung auf das Wesentliche und eine berührende Balance zwischen dem Natürlichen, dem Künstlichen und dem Künstlerischen."

 

 
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