Willkommen, Fremde, in der Gegenwart

von Tim Slagman

München, 6. Dezember 2015. Im Hintergrund, wie passend, sitzen die Schreibtischtäter. In Einheitsbreigeschäftsanzügen diskutieren sie um den langen Tisch herum unhörbar über etwas, das mit Aufnahme oder Integration zu tun haben muss. Immerhin prangt auf einem Riesentransparent über ihnen das Wort "Welcome" wie Willkommenskultur, von der angesichts Franz Grillparzers Stück um Abstoßung und Fremdheit wohl kaum die Rede sein kann. Genauso wenig wie hier und heute in dieser Republik, erzählt uns die Inszenierung von Anne Lenk: Denn warum sonst sollte Medea mit ihrer Amme Gora einen Einbürgerungstest studieren? Was anderes als einen Kommentar zur Zeitgeschichte sollte das Überstreichen des Buchstaben "L" darstellen, das aus dem Wort "Welcome" ein "We come" macht?

Gegenwart

Ganz zweifelsohne passt der Stoff in unsere Gegenwart, so zweifelsfrei gar, dass die abermalige Betonung des Offensichtlichen seltsame Brüche in Andrea Koschwitzens Dramaturgie verursachen: Wenn etwa, kurz nachdem Medea eröffnet wurde, dass sie aus Korinth verstoßen wird und ihre Kinder dort lassen soll, ein überdimensionaler schwebender Sternenkranz sich auch schon viel zu oft erstaunlich beweglich in unterschiedlichen Winkeln über der Bühne gewunden hat, als dass auch noch irgendjemand übrig wäre, dem man erklären müsste, für welches politische Gebilde der Sternenkreis steht.

DasgoldeneVlies2 560 ThomasAurin uMeike Droste und Johannes Zirner und die Einheitsbreigraugeschäftsanzüge  im Hintegrund
© Thomas Aurin

Viel mehr als diese Selbstverständlichkeiten hat der Abend nicht zu bieten, immerhin aber wickelt Anne Lenk sie immer wieder in durchaus starke Bilder – von denen eines der stärksten gerade das der Beiläufigkeit ist, mit der die Schreibtischtäter ganz zu Beginn hinten tuscheln, während Medea vorne gegen den Rat der Gora beschließt, sich mit Jason, der sie aus ihrer Heimat Kolchis mitnahm, in Korinth niederzulassen, wo Medeas Landsleute als minderwertige Wilde gelten.

Rückblenden

Die Torturen, die sie dort durchlebt und die Grillparzer im dritten Teil seines Episodendramas beschreibt, stehen im Zentrum der Inszenierung. Hin und wieder öffnet sich der Blick auf Medeas Vergangenheit in einem nebelumwölkten Düsterland, wo die Zaubertrankkundige erscheint wie eine wilde Schamanin, die tanzt mit ihrem Stamm, eine forcierte Freakshow, eine Mixtur aus Afrika-Klischees, Balkan-Trachten und Yeti-Kostümen, angetrieben vom tief wummernden elektronischen Beats.

DasgoldeneVlies3 560 ThomasAurin uJohannes Zirner und Meike Droste  © Thomas Aurin

Es ist der Blick des Westens, der hier in seiner Zuspitzung bloßgestellt werden soll, und bald bricht diese Scheinzivilisation auch in das archaisch-heidnische Phantasiereich ein: Zuerst kommt Phryxus, der Grieche, mit seinen Mannen ganz halskrausig-renaissancehaft gekleidet, und verliert das Leben und das sagenumwobene Vlies an die Einheimischen. Jahre später ist es Jason mit seinen Argonauten, nun im Albert-Schweitzer-Look der Afrika-Kolonialisten, der es zurückholen will und dem Medea verfällt.

Herzeleid

Diese Rückblenden schachtelt die Inszenierung so ineinander, dass aus ihnen und der erzählten Gegenwart in Korinth thematische Blöcke entstehen, Sequenzen des Ankommens und später der Verbannung. Die Chronologie der Ereignisse geben Andrea Koschwitz und Anne Lenk zugunsten von deren Ähnlichkeit auf und verdichten die Sage so auf sinnfällige und faszinierende Weise.

Gleichzeitig soll aber auch das Herzensleid der Medea in den Fokus rücken, für das Meike Droste sich in gewaltige Emotionsspitzen stürzt, körperlich verausgabt und sich zum reinen Medium macht für scheinbar pure, exemplarische Gefühle: So intensiv und so laut hat man es auf der Bühne in jüngster Zeit selten weinschreien hören, dass die Qual den Rücken beugt und die Frau zu Boden wirft und das ganze Gesicht nur noch eine Grimasse des Schmerzes ist. Dieser Overkill der Sinne, dieses Herbeizwingen des Mitleids und der Identifikation reiben sich irritierend mit der bisweilen redundanten und überpersönlich-abstrakten Aktualisierung der politischen Ebene des Stoffes.

Humoriges

Und dann sind da noch rätselhafte humoristische Miniaturen, die jede Stimmung, die sie umgibt, mühelos sprengen: Eh, eh, eh stottert Meike Droste slapstickhaft, als Medea lernen muss, dass ihre Kinder nicht mit ihr gehen können. Und es klingt wie eine Parodie ihrer selbst.

 

Das goldene Vlies
von Franz Grillparzer
Regie: Anne Lenk, Bühne: Judith Oswald, Kostüme: Sibylle Wallum, Musik: Leo Schmidthals,
Licht: Markus Schadel, Dramaturgie: Andrea Koschwitz.
Mit: Meike Droste, Johannes Zirner, Oliver Nägele, Lukas Turtur, Nora Buzalka, Katrin Röver, René Dumont, Simon Werdelis, Gerhard Peilstein, Bijan Zamani.
Dauer: 2 Stunden 45 Minuten, eine Pause

www.residenztheater.de

 

 

Kritikenrundschau

Lenk inszeniere das dreiteilige Antikendrama, Zeitgeschehen und Kolonialgeschichte, Flüchtlingsdrama und das Dilemma der Europäischen Union, merkt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (8.12.2015) an. "Nur eines inszeniert sie nicht: die herzergreifende Tragik einer der traurigsten Liebesgeschichten der Weltliteratur - Medea und Jason, das Ende einer Liebe und die große Verzweiflung der Verlassenen, die darin mündet, dass sie, Medea, die eigenen Kinder tötet."

"Unterhaltsam ist Lenks Inszenierung, ein Blockbuster mit spektakulären Momenten, aber in seinem Drang, eine triftige politische Aussage zu treffen, mit Anklängen gar an Pegida-Aufmärsche, schlicht zu viel des Guten", schreibt Michael Stadler in der Abendzeitung (8.12.2015). Das Spiel werde allzu oft durch zu viel Konzept zugeschnürt. "Gerade die Liebe Jasons zu Medea bleibt Behauptung."

Von einem "gründlichen Schiffbruch" schreibt Christoph Leibold auf der Seite von BR 2: "Die Mittel, die Anne Lenk bemüht, um das Medea-Drama am Münchner Residenztheater als Kommentar auf unserer Zeit zu inszenieren, sind es allerdings auch." Klar, es gebe Sätze übers Fremdsein bei Grillparzer, die heute hellhöriger machten den je. "Dass damit 'Das goldene Vlies' zum Flüchtlingsdrama unterm vom Schnürboden hängenden  EU-Sternenkranz taugt, ist jedoch ein Kurzschluss."

Simone Dattenberger schreibt im Münchner Merkur (8.12.2015): Die Regisseurin habe "ungemein geschickt gekürzt", ihre Fassung folge keinem "Konzeptkrampf", glücke deshalb wunderbar. Lenk müsse keine Klimmzüge machen, um "Das goldene Vlies" auf "unsere Flüchtlingstragödie hin zu aktualisieren". Grillparzer habe so geschrieben. Eine Wohltat sei es, dass die Regisseurin die "Differenziertheit des Dichters" bewahre. Selbst um die magische Ebene der Kolcher drücke sie sich nicht herum. Unbestritten "die Wichtigste und Beste der Aufführung" sei Meike Droste. Sie zeichne ein Mädchen mit "besonderen Fähigkeiten", das zu uns gehören wolle, aber "immer wieder zurückgestoßen und erniedrigt" werde. Droste spiele das "mitdenkend und mit einem Hauch von Bitter-Humor. Sie ist die Medea von nebenan."

 

 

 
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