Was bin ich? Ein Arschloch!

von Cornelia Fiedler

München, 10. Januar 2016. Kleine Flugzeuge und graue Längsstreifen zieren Otto Meiers Morgenrock – mit diesem Stoff gewordenen Abgesang auf den Jugendtraum vom Fliegen erzählt Kostümbildnerin Cátia Palminha eigentlich schon die ganze Geschichte des Antihelden aus Franz Xaver Kroetz' "Mensch Meier": Fabrikarbeiter Otto lebt mit Frau Martha und dem pubertierenden Sohn Ludwig auf engstem, weiß beschrankwandetem Raum in München Giesing. Von der weiten Welt und vom Ruhm träumt er nur noch manchmal ganz leise, wenn er nachts an seinem Modellflugzeug bastelt. Norman Hacker singt dabei ein paar Takte Über den Wolken und es wirkt nicht einmal peinlich oder abgeschmackt, so bitter zärtlich klingt das.

Sohnemann als Hoffnungsträger

David Bösch inszeniert Kroetz‘ Stück von 1978 im Münchner Marstall mit so freundlicher Zugewandtheit den kaputten Figuren gegenüber, dass es am Anfang fast naiv wirkt. Das naturalistisch komödiantische Spiel inklusive Dialekt inmitten grausiger 70er-Jahre-Requisiten erinnert an BR-Fernsehfilme. Nach und nach aber flackert Kroetz' böser Humor auf und im routinierten Spiel zeigen sich Abgründe. Katharina Pichlers Martha kippt mit unerträglicher Süßlichkeit all den Erwartungsdruck und die Hoffnungen auf ein besseres Leben, das sie und Otto nie erreichen konnten, über Sohn Ludwig aus.

MenschMeier2 560 Foto Thomas Dashuber uFamilientristesse bei Meiers: mit Katharina Pichler, Marcel Heuperman und Norman Hacker
© Thomas Dashuber

Ludwig, den Ensemble-Neuzugang Marcel Heuperman wunderbar jugendlich-angeödet und verletzlich zugleich spielt, findet ums Verrecken keine Lehrstelle – zumindest nicht in den von den Eltern gewünschten Aufsteigerberufen Zahntechniker, Bankkaufmann oder Steuergehilfe. Somit ist der eigentlich ganz aufgeweckte Junge, der selbst gern Maurer lernen würde, dazu verdonnert, sich jeden Morgen provokant langsam auf die andere Seite zu drehen, wenn der Star-Wars-Wecker loströtet. Bald wird er zur Zielscheibe all jener Aggressionen, die am BMW-Fließband, bei der Hausarbeit oder im Ehebett so entstehen.

Wellen der Demütigung

Otto sieht immer neue Entlassungswellen durch seine Montage-Abteilung rollen und weiß, dass die Rationalisierung auch Ja-Sager und Alles-richtig-Macher wie ihn nicht ewig verschonen wird. Ludwig dagegen will die freie Zeit genießen und klaut den Eintritt fürs Rockfestival aus dem Haushaltsgeld. Otto, ganz zorniger Patriarch, durchwühlt daraufhin nicht nur erfolglos Ludwigs Privatsachen, brüllt ihn nicht nur hemmungslos an, sondern zwingt ihn, sich Stück für Stück komplett auszuziehen. Wie Ludwig seinen Vater anfangs fast amüsiert betrachtet, wie sich dann aber bald jede einzelne Stufe der Demütigung in Heupermans Gesicht abzeichnet, bis er nackt und völlig versteinert dasteht, ist ein schauspielerischer Höhepunkt des Abends. Ludwig geht – ohne ein weiteres Wort. Er ist es nicht, der daran zerbrechen wird.

Plötzlich ist das familiäre Zusammenleben mit all seinen Ritualen dahin – vom Morgenmuffel-Wecken mithilfe zweier lärmender Staubsauger, über Ottos kleinkariert ausschweifende Erlebnisberichte und Marthas salbungsvolle Antworten in Sprichwortform, bis hin zur Familienharmonie im Biergarten. Damit bröckelt auch jenes Gefühl von Sicherheit, das ein bisschen trügerischen Schutz vor der Welt da draußen versprach. Otto Meier aber sieht sich noch immer als Opfer, wütet weiter und verliert bald auch noch seine Martha.

MenschMeier3 560 Foto Thomas Dashuber uAuch der Sohn packt es nicht: Marcel Heuperman und Katharina Pichler © Thomas Dashuber

Status Schraubenzieher

Die fast bühnenbreite Schrankwand mit dem Betten zum ausklappen, multifunktionales Symbol des selbst erarbeiteten Minimal-Wohlstands, ist am Ende zerstört, der Boden übersät mit Klamotten, Büchern, Kassetten, Geschirr und Bettzeug. Nur der Fernseher funktioniert noch und sendet unbeeindruckt die Status-Show für Kapitalismusgewinner: "Was bin ich? Das heitere Beruferaten" mit Robert Lembke. Otto Meier der Werksarbeiter, dessen Beruf so gar keinen Unterhaltungswert hat, gibt die Antwort: "Ein Arschloch bin ich."

"Gelernt oder ungelernt", spielt er selbst den Moderator und performt auf seiner verranzten Matratze eine irrwitzige Raterunde, in der er letztlich, viel zu schnell als simpler "Schraubenzieher" identifiziert wird. Der "Dalli Dalli"-Jingle ertönt, vermischt mit dem laut und lauter anschwellenden Gelächter des saturierten Studio-Publikums – Rettung ist nicht in Sicht. "Mensch Meier" ist eine dieser Inszenierungen, die derzeit kaum jemand außer David Bösch wagt: filmisch unterhaltsam, präzise gespielt und anrührend auf eine fast altmodische Art – somit allerdings eben auch "kroetzbrav", wie es ein Premierenbesucher beim Verlassen des Theaters formuliert.

 

Mensch Meier
von Franz Xaver Kroetz
Regie: David Bösch, Bühne: Patrick Bannwart, Kostüme: Cátia Palminha, Musik: Karsten Riedel, Licht: Gerrit Jurda, Dramaturgie: Angela Obst.
Mit: Norman Hacker, Katharina Pichler, Marcel Heuperman.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.residenztheater.de


Kritikenrundschau

"Bösch belässt das Stück in seiner Zeit, aber die Vergangenheit leuchtet bei ihm, sehr freundlich zunächst", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung (12.1.2016). In der Figur des Ludwig, "aber nicht nur dort", spüre man das Alter des Textes. "Heute würde sich ein Autor vermutlich ausführlich der Lethargie des Sohnes widmen, daraus ein Psychogramm einer antriebsschwachen Generation entwickeln." Vor allem aber in der "hilflosen ziellosen stolzlosen" Sehnsucht von Norman Hackers Otto spürten Kroetz, Bösch und Hacker "präzise etwas auf, was weit mehr ist, als Zeitkolorit", so Tholl. "Es ist die Unmöglichkeit, als kleines Funktionstierchen in der Welt glücklich zu werden."

"Einen trotz aller Komik wohltuend ernsthaften Theaterabend" hat Michael Schleicher gesehen und schreibt im Merkur (12.1.2016): Obwohl die Zeitumstände, die das Drama schildert, aus heutiger Perspektive eigentümlich entrückt, ja längst überholt wirkten, sei es Kroetz beim Schreiben gelungen, innerhalb seines Siebzigerjahre-Mietshaus-Kosmos’ grundlegende Fragen anzusprechen: "nach den Machtverhältnissen zwischen den Geschlechtern und Generationen, nach individuellen Sehnsüchten, Freiheitswünschen und Abstiegsängsten. Fragen also, die bis heute drängend sind." Das habe Bösch erkannt und seine "klug gekürzte" Fassung des Stücks "aus der Zeit heraus inszeniert". Dabei tappten der Regisseur und seine drei "wunderbar aufgelegten" Schauspieler nie in die "Falle, die Figuren bloßzustellen".

"Behutsam und mit viel Respekt für die Figuren hat David Bösch gemeinsam mit seinen drei starken Schauspielern das Stück in Szene gesetzt", findet Sven Ricklefs im Deutschlandfunk (11.1.2016). Geschickt habe Bösch "die allzu deutliche Verwurzelung der Handlung in den 70er-Jahren des letzten Jahrhunderts" herausgekürzt und könne trotzdem "nicht ganz verhindern, dass gerade auch das Kroetzsche Frauen- und Männerbild heute leicht antiquiert wirkt", so Ricklefs: "Doch auch, wenn seine Stücke inzwischen Patina angesetzt haben, ist es gut und richtig, dass eine Münchner Institution wie das Residenztheater Werke dieses im deutschsprachigen Raum kaum noch gespielten Autors immer wieder auf den Spielplan setzt."

 

 
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