Was wer sagt

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 20. Januar 2016. Er hat die Lösung! "Transnationale transkontinentale Polyamorie statt knallharter Diplomatie", schreit Franck Edmond Yao ins Mikrofon, und seine verzweifelte Überzeugungskraft muss sich nach den vielen grausligen Putsch- und Gewaltherrschaftsexempeln aus der jüngeren westafrikanischen Geschichte, die bis dahin am staunenden Publikum vorbeigejagt worden sind, aufs Zuschauerhirn übertragen. Aber nur für eine Sekunde. Denn sogleich wird Yaos Statement gebrochen, wird ihm ein Weiter-Dasein zwar gestattet, aber in der Weltfremdheit. Um die Utopie eines Einzelnen geht es hier nicht.

An der Grenze zur Rachsucht

Wirklich gültig und Leidenschaft stiftend ist hier nämlich nur das, was man gemeinsam in der Weltwirklichkeit aufgelesen hat und nun auch gemeinsam ausbaut zu einer so mitreißend überbordenden wie präzise recherchierten und inszenierten Erzählung von internationalen Verständigungsmöglichkeiten unter realpolitischen Bedingungen.

Botschafter 560 knutklassen uWer sagt was? Und wer tanzt was? © Knut Klaßen

"Der Botschafter", so der Titel dieser neuen Arbeit von Gintersdorfer/Klaßen, ist als Theaterfigur eine Goldmine. Es ist ja auch seine Aufgabe, zu repräsentieren. Mehr als der normale Schauspieler ist er dabei allerdings nicht nur dem Regisseur, also seinem Auswärtigen Amt, verpflichtet; sondern auch seinem Publikum, dem Land, in dem er repräsentiert. Diese Zuordnungen lassen Gintersdorfer/Klaßen an Fallbeispielen aus mehreren westafrikanischen Ländern stark durcheinandergeraten. Immer wieder prallt diplomatischer Goodwill an der Grenze zum Paternalismus auf nationalistischen Eigensinn an der Grenze zur Rachsucht (wofür sich natürlich Post-Putsch-Situationen mit neuen Regenten im frischen Machtrausch besonders gut eignen) – wobei die Inszenierung nicht Partei ergreift, sondern sich genussvoll an der Eskalation solcher Situationen weidet. "Demütigung erzeugt Demütigung", wirft der "Machthaber" dem "Botschafter" die Kolonialgeschichte vor die Füße, und der explodiert irgendwann: "Es kann nicht nur darum gehen, wer sagt was! Es muss auch darum gehen, was wer sagt!"

Who's your daddy?

Das tolle an diesem Abend im HAU Berlin ist, dass es tatsächlich um beides geht, und zwar gleichzeitig. Den roten Faden bilden zwei Botschafterpersönlichkeiten, die unterschiedlicher nicht sein könnten und vor dem Hintergrund verschiedener Stationierungen in westafrikanischen Ländern charakterisiert werden. Botschafter Soutterain, sein Auftritt ist vergleichsweise kurz, ist ein Diplomat alter Schule, scheinbar immun gegen postkoloniale Komplexe, in brenzligen Situationen wird er jovial: "Hallo! – Ich bin der deutsche Botschafter!" Während des Machtkampfs zwischen Laurent Gbagbo und Alassane Ouattara 2011 in Côte d'Ivoire ist er zehn Tage lang in seiner Residenz in Abidjan eingeschlossen und verbringt die Zeit mit Bach-Spielen und Minipizza-Essen.

Abgelöst wird er von Botschafter Ritter, der nach Stationen in Guinea, Sierra Leone und Liberia mit allerlei Krisenerfahrung anreist, außerdem mit seiner "blutjungen" guineischen Ehefrau und "sechs oder sieben" Adoptivsöhnen. Dieser schillernde Protagonist, an dem doch so einige Erlebnisse kleben geblieben zu sein scheinen, wird durchs Ensemble gereicht. Fast jeder darf mal Ritter sein. Anne Tismer spielt ihn eckig-deutsch mit vorauseilender Bescheidenheit, hinter der sich aber doch ein ziemlich hartnäckiger Glaube an das Instrumentarium der Diplomatie verbirgt. Bei Tucké Royale dagegen wird er zum Hippie: "Die Residenz wird transformiert!" – den die Party-Eskapaden seiner Adoptivsöhne aber dann doch in die Artikulation der Machtverhältnisse treiben: "Who's your daddy? I'm your daddy!"

Jeder Dialog wird zum Tanz

Tanzend sowie französisch, deutsch und gelegentlich englisch singend und mehr rezitierend als sprechend treiben die elf Darsteller*innen ihre Forschung voran – Gintersdorfer/Klaßen nennen den Musicalfilm Die Regenschirme von Cherbourg von Jacques Demy als Referenz. Das einfache Bühnenbild besteht aus einem Unterstand, in den die Darsteller*innen ab und zu verschwinden, um ihre Kostüme zu wechseln; zwei Wänden, die daneben einen Hof eingrenzen und mehreren Tonpulten, an denen sie groovenden Coupé-Décalé-Sound erzeugen. Ins Virtuose wird die aus anderen Arbeiten von Gintersdorfer/Klaßen bekannte Übersetzungskunst gesteigert, wenn die Französisch- und Deutsch-Sprecher in schnellen Szenen mit oft komplexen Inhalten nicht nur verbal, sondern auch gestisch voneinander abnehmen. Jeder Dialog wird zum Tanz, der Spiegelungen sichtbar macht: Darin steckt dann doch eine – ganz und gar nicht weltfremde – Utopie erweiterter Verständigungsmöglichkeit.

 

Der Botschafter
von Gintersdorfer/Klaßen
Regie: Monika Gintersdorfer, Ausstattung: Knut Klaßen (unter Verwendung von Experimentalkleidung von Marc Aschenbrenner).
Mit: Annick Prisca Agbadou, Gotta Depri, Jule Flierl, Ted Gaier, Hauke Heumann, Jesseline Preach, Tucké Royale, Eric Parfait Francis Taregue alias SKelly, Anne Tismer, Hans Unstern, Franck Edmond Yao alias Gadoukou la Star.
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.hebbel-am-ufer.de

 

Kritikenrundschau

Es bleibe unklar, was in "Der Botschafter" erzählt werden solle, meint Mounia Meiborg in der Süddeutschen Zeitung (25.1.2016). Gintersdorfer/Klaßen seien "regelmäßig an der Elfenbeinküste zu Gast und haben dort zwei Botschafter kennengelernt. Aber ihre gesammelten Anekdoten ersetzen keine gründliche Recherche." Im deutsch-ivorischen Ensemble mache jeder, was er wolle: "Anne Tismer gebe "ihren Figuren eine gewohnt somnambule Aura", und Franck Edmond Yao tanze "zugleich cool und ekstatisch". Wie so oft frönten "Gintersdorfer/Klaßen einem unbekümmerten Eklektizismus". Anfangs sei "diese zelebrierte Anarchie ganz charmant". Aber sie führe "nirgendwohin. Sie bleibt beliebig."

 
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