Warum einfach, wenn’s auch schwierig geht

von Matthias Schmidt

Halle, 12. März 2016. Zwischen der Garderobe und dem Getränkeverkauf stehen Oswald Spengler und Gottfried Benn. Unter ihnen ein Schild: "wir dürfen nicht mitspielen". Sie sind zirka 50 Zentimer groß und eigentlich Teil der Personage von Florian Illies' Bestseller "1913. Der Sommer des Jahrhunderts". Am Puppentheater Halle bilden sie die Vorhut zu einer sehr unterhaltsamen Geschichtslektion in Miniaturformat. Unterhaltsam zuallererst, weil die Puppen schlicht bezaubernd aussehen, selbst Spengler und Benn, realistisch und zugleich ihre Vorbilder sanft karikierend. Thomas Mann ist ein ziemlich eitler Literatursnob, Franz Kafka ein ziemlich verklemmter Liebesdepp, Arnold Schönberg ein leicht paranoider Hasenfuß, Oskar Kokoschka ein komisches Triebtier.

Rilke, Thomas Mann und Lasker-Schüler als Anekdotenhelden

Um Illies' collagierter Kulturgeschichte eine theatertaugliche Handlung zu geben, lässt Regisseur Christoph Werner seine fünf Puppenspieler kollektiv einen Erzähler spielen: den Bestseller-Autor Florian Illies. Das ist simpel aber passgenau, denn Florian Illies macht in seinem Buch genau das: er spielt mit den Figuren und lässt sie anekdotisch das Jahr 1913 wiederbeleben. Rilke kränkelt ein wenig, Freud streitet mit Jung, Thomas Mann hat Angst vor Alfred Kerr, Else Lasker-Schüler braucht Geld. Franz Marc will ihr helfen, aber die auf einer Benefiz-Auktion angebotenen Bilder – immerhin von ihm, Macke, Nolde, Kokoschka und anderen – kauft keiner. Die Wirkung dieser Geschichten ist verblüffend. Vieles ist amüsant, manches erstaunlich und skurril. Und genau wie das Buch lebt dieser Abend von einer Mischung aus Fakten und hier und da eingefügten Kommentaren des Autors.
1913 Sommer FFW9685 kompErzähl-Freude mit Freud – fünf Spieler, eine Puppe © Falk Wenzel

Die Puppenspieler bewegen alleine, zu zweit und zu dritt die jeweils handelnden Figuren auf den Podesten der kleinen Bühne und geben ihnen eine Stimme. Hitler etwa lassen sie zackig exerzieren und dazu rassistisch über die Juden und die Serben in Wien schwadronieren. Kaiser Wilhelm II berlinert ordentlich, und Franz Ferdinand von Österreich glaubt tatsächlich noch, er werde bald den Thron besteigen. Sehr schön und lebhaft und pointiert das alles. Ein guter Unterhaltungsabend wäre dies geworden, hätte Christoph Werner sich bis zum Ende des Abends auf diese Stärke des Buches verlassen hätte.  

Seid ihr alle da?

Aber Christoph Werner wollte offenbar mehr, weshalb im Laufe des Abends die Puppen immer öfter und intensiver direkt miteinander spielen, als werde die Geschichte lebendig. Eine logische Entscheidung, allerdings kommen die fünf Puppenspieler/Erzähler nun fast nicht mehr hinterher und geben quasi auf. Und dass sich genau diese Handlung derart verselbständigen kann, soweit reicht – mit Verlaub – die Illusionskraft der 50 cm großen Freuds und Mahlers eben doch nicht. Zudem: es hätte diesen Kunstgriff gar nicht gebraucht. Hat einen das Stück doch von Beginn an hineingezogen in seine kleine Puppenwelt und einen mitfiebern lassen, fast so wie damals beim Kasperle. Das ist nicht despektierlich gemeint, im Gegenteil. Aus genau dieser Kraft schöpft Werners Puppentheater doch seinen guten Ruf, egal ob er den "Besuch der alten Dame" oder "Die Liebe in Zeiten der Cholera" inszeniert. "Seid ihr alle da?" muss er nicht fragen. Es sind alle da, sogar zwei Monate im Voraus. Dieses Theater ist ausverkauft.

1913 Sommer FFW9650 kompDas Ensemble präsentiert sich. © Falk Wenzel

Mehr!

Gerade deshalb ist es schade, dass der Spengler und der Benn da draußen in der Vitrine stehen müssen. Ein bisschen mehr Material, mehr "Untergang", hätte diese Inszenierung gut vertragen können. Vor allem ein bisschen länger hätte sie sein dürfen, denn nach nur einer Stunde und 20 Minuten ist Schluss, und zwar ziemlich abrupt – mit dem Märchen, das die Großmutter in Büchners "Woyzeck" der Marie erzählt.

Während der Jahresbeginn ausführlich ausgebreitet wird, mit Franz Kafka und seinem Briefwechsel mit der späteren Verlobten Felice Bauer, fehlt das Jahresende komplett. Obwohl Kafka in der Silvesternacht 1913/1914 wieder einen Brief an Felice schreibt. Auch Rilke und Kokoschka haben am Ende bei Illies noch einen "Auftritt", nicht aber in Halle. Dieser geschickt gebaute Rahmen war Werner wohl zu simpel. Warum einfach, wenn's auch schwierig geht. Nach dem – zugegebenermaßen sehr poetischen und anrührenden – Märchen vom armen Kind, das ganz allein auf der Erde ist, geht das Licht an. Was angesichts der Programmatik der Vorlage – nämlich ein komplettes Jahr zu erzählen – ein bisschen wirkt, als müsse man jetzt ganz schnell (mit dem Unterricht) aufhören, weil es gleich zur großen Pause klingelt. 

 

1913. Der Sommer des Jahrhunderts
von Florian Illies in einer Fassung von Christoph Werner.
Regie: Christoph Werner, Bühne und Kostüme: Angela Baumgart, Musik: Sebastian Herzfeld, Dramaturgie und Regieassistenz: Bernhild Bense, Puppen: Louise Nowitzki.
Mit: Louise Nowitzki, Franziska Rattay, Ivana Sajevic, Nico Parisius, Christian Sengewald.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.buehnen-halle.de

 

Kritikenrundschau

Katja Pausch von der Mitteldeutschen Zeitung (14.3.2016) schreibt, Monat für Monat gehe '1913' dahin, "(m)anchmal etwas zu monoton – ein wenig mehr Action, ein paar Ausreißer würden dem Stück gewiss gut tun. Keine Frage aber, dass die fünf Akteure hervorragend spielen." Es sei phänomenal, wie es gelinge, "trotz der zahlreichen menschlichen Darsteller dem Zuschauer das Gefühl zu geben, die Puppe stehe allein im Zentrum". Auch wer Illies’ Bestseller nicht gelesen habe, komme gut durch das Stück. Die Aufführung sei mehr als gelungen.

Als Zuschauer habe man einfach ein doppeltes Vergnügen, so Wolfgang Schilling auf mdr Figaro (17.3.2016). Wenn die Puppenspieler auf offener Bühne gleichberechtigt mit ihren Puppen agieren, sei das Ergebnis "ein meist sehr lustvoll verfremdetes Theater". Das sei in Halle mit dieser Roman-Adaption glänzend gelungen. Louise Nowitzki habe "großartige total naturalistische Figuren gebaut". Die Spieler, von denen sie geführt werden, entwickeln ein famoses und rasantes Spiel. Kompliment auch an Christoph Werner, der sich ganz am Buch orientiert und die Szenen "mit einem lockeren Händchen, feinem Humor und absoluten Gespür für Rhythmus, Pointen in dieses doppelte Agieren von Mensch und Puppe umgesetzt".

 

 
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