Schillernde Vögel

von Daniela Barth

Hannover, 23. April 2008. Ab und an "Brehms Tierleben" zu studieren, kann sich als nützlich erweisen. Die Rezeption von Molières Komödie "Der Menschenfeind" im Schauspiel Hannover regt hierzu jedenfalls an. Denn wenn man nicht gerade Aquarianer ist und zudem ein Mindestmaß ornithologischen Interesses mitbringt, kann es sein (muss aber nicht), dass man im Theater sitzt und hirnt und schwitzt und im hintersten Gedächtnis kramt, um sich solche plötzlich bedeutungsvollen Fragen zu beantworten: Das sind doch Yuppies, oder Dings – äh - Guppies?

Wie heißen sie doch nochmal gleich, die Zierfischlein, die sich so absurd schnell vermehren; Kaninchen im Wasserbecken sozusagen? Die hier riesenhaft in stupider Manier in Reih und Glied schwimmen – anderthalb Stunden lang in prachtvoller Farbigkeit vor azurblauem Hintergrund. Was die Vogelkunde betrifft: da wird ein Wissensrepertoire abverlangt, das über die allgemeine Bildung hinaus geht. Was für ein neuseeländischer Vogel war das nur, den die ältliche Arsinoé (Martina Struppek) anmuten lässt? Kiwi? Nein, zu hässlich. Kakadu? Moa? Auch nicht. So ähnlich. Kea. Ach ja, der ist’s! Zum schönen Schein.

Kabinett der Paradiesvögel, Volière mit Aquarium
Und weiter: Die reizende, aber durchtriebene Célimène (Anne Ratte-Polle) als langbeinige Flamingo-Dame, die staksig die Hand in die Hüfte stemmt und das Knie ausstellt, das süß trällernde Kanarienvögelchen Èliante (Picco von Groote) oder der schleichend-schmeichelnde Philinte (Torsten Ranft), dessen rotbefleckter Anzug einen Blutgeier assoziieren lässt. Und Alceste (Matthias Neukirch), der moralisierende so genannte Misanthrop, der, was er verdammt, dann doch liebt – hier also einen Flamingo. Der ist der Kuckuck, der soeben aus dem berühmten Ei geschlüpft zu sein scheint, das unwissentlich von der illustren Vögelgesellschaft ausgebrütet wurde. Der mit pubertärem Trotz aufbegehrt und in einer lächerlichen Ernsthaftigkeit schimpft und wütet und sich das Federkleid zerwühlt. Aber gleichzeitig so jugendlich liebestoll von Sinnen all seine Ideale ignoriert.

Was Bühnenbildner und Regisseur Wilfried Minks, was Kostümbildnerin Ina Peichl hier auf die Bühne gezaubert haben, ist außerordentlich. Ohne Frage (neben Fragen das Tierreich betreffend). Es reißt einen hin zu Formulierungen wie: ästhetische Stringenz, schillernder Purismus, Kabinett der Paradiesvögel, Volière mit Aquarium. Kurz und gut: die Oberfläche glänzt, wirkt aber keinesfalls überladen. Denn neben schon erwähntem Fischbassin gibt es noch eine Spiegelwand sowie eine Art japanische Trennwand. Und vier Stühle am Bühnenrand.

Symbole für die Auswüchse gesellschaftlicher Konvention
Minks macht den "Menschenfeind", diese ins Tragische gleitende, knapp 350 Jahre alte französische Komödie, die Heuchelei, Verleumdungen, Kriecherei – also Auswüchse gesellschaftlicher Konventionen – anprangert, zur flotten Tierfabel. Neben den prächtigen quietschbunten Kostümen (viel transparenter Stoff und Federn) ist es das fast schon stilisierte Spiel, das die Akteure mehr oder weniger 'vogelig' und Luftbussis schnäbelnd über die Bühne stolzieren lässt. Das alles passt. Denn im "Menschenfeind" werden nun mal (komische) Typen ausgestellt, keine Charaktere, die sich im Laufe einer Handlung fort entwickeln.

Bei Minks ist es im besten Sinne leicht konsumierbarer Augenschmaus. Dazu die munteren Reime der Übersetzung von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens. Und da hakt es leider partiär beim Deklamieren. Und es ist umso ärgerlicher, weil es das sonst so schön Manierierte und in sich fein Abgestimmte stört. Während die meisten Vögelein doch recht anmutig und kunstvoll zu tirilieren wissen, leise wiewohl lautere Töne treffen - Matthias Neukirch und Bernd Geiling (als Oronte) tuen sich hier besonders hervor – wünscht man sich zu oft von der atemlos, ohne Punkt und Komma und Rhythmus krächzenden Flamingo-Diva (mit Verlaub, es muss heraus), sie möge ihren Schnabel halten.

Der Menschenfeind
von Molière
Übersetzung von Jürgen Gosch und Wolfgang Wiens
Regie und Bühne: Wilfried Minks, Kostüme: Ina Peichl.
Mit: Matthias Neukirch, Torsten Ranft, Bernd Geiling, Anne Ratte-Polle, Picco von Groote, Martina Struppek, Marcel Metten, Daniel Lommatzsch, Gerd Peiser.

www.schauspielhannover.de

Kritikenrundschau

Die Video-Zierfische, die im Bühnenbild von Wilfried Minks' Inszenierung ihre Bahnen ziehen, "erinnern an einen Computerbildschirmschoner – und sind zugleich Sinnbild der reglementierten Gesellschaft am Hof Ludwigs XIV., für und über die Molière sein Stück 1666 schrieb", meint Matthias Heine (Die Welt, 25.4.2008). Und wie die Zierfische in der Videoendlosschleife "schillern hier auch die lächerlichen Klischee-Schickiklamotten" in einer "geradezu augenschmerzenden Farbenpracht. Selbst die Bussibussi-Schnütchen, die sie zur Begrüßung spitzen, erinnern an Fischlippen". Für Alceste sei man auch deshalb gleich eingenommen, "weil er als einziger einen halbwegs dezenten Anzug trägt und damit beweist, dass auch auberginenfarbener Stoff kleiden kann". Und weil nun dieser Alcest "das Societyflittchen Célimene mit einer Wahrhaftigkeit" liebe, "die vielleicht in die viel, viel spätere Zeit der Romantik gepasst hätte – aber ganz bestimmt nicht in diese höfische Gesellschaft", werde er zum "gefährlichen Außenseiter" gestempelt. An den "Kleinigkeiten" sehe man dabei, wie und ob jenseits der Pointen etwas über die Figuren erzählt werde: "Das winzige Päuschen, das Anne Ratte-Polle beim Sprechen macht, bevor sie Célimenes Alter mit "20" angibt."

Der Oberhessischen Presse (25.4.2008) – ein Name des Autors oder der Autorin wird nicht genannt – haben die "Signalfarben" gefallen: "Eine zeitliche Einordnung ist bei dieser bunten Truppe nicht möglich – und das ist gut so", denn Minks präsentiere das Stück damit "als fast aktuelles Gruppenbild einer Bussi-Bussi-Gesellschaft, in der intrigiert und charmiert wird". Alceste sei dabei "ein Verliebter, in dem Herz und Hirn wettstreiten, der seine Gefühle und seine Ideale zugleich nur retten könnte, wenn er mit seiner Absicht Erfolg hätte, die lebenslustige Célimène "weg von den Menschen" zu führen". Matthias Neukirchs Alceste wecke "Mitleid, aber das nimmt dieser Charakterrolle auch etwas von der Ambivalenz, die Molière wohl im Sinne hatte". Anne Ratte-Polles Célimène ist "selbstbewusst und kokett, ein bisschen freche Göre (schließlich ist sie erst 20) auf High Heels und doch eine Frau mit Geheimnissen". Am Ende habe man "einen vergnüglichen und werkdienlichen Theaterabend" gesehen, "der durchaus menschenfreundlich ausgefallen ist".

In einer Doppelrezension des "Menschenfeind" aus Hannover und einem weiteren vom Münchner Residenz Theater, inszeniert von Chefdramaturg Hans-Joachim Ruckhäberle, beschreibt Gerhard Stadelmaier in der FAZ (28.4.2008) seine Ablehnung der Arbeit von Minks: Vor den videographierten Fischen wirkten Moliéres Menschen "wie nach Luft und Worten japsende Amphibien", die der Regisseur aus ihrem Aquarium genommen habe "und nun hier herumschnalzen und -quallen lässt". Herr Stadelmaier gibt ausführliche Beschreibungen der "farbenprächtigen Anzüge" und schreibt über die Figur des Menschenfeindes: "Der Alceste" sei "verständlicher- und fischigerweise" von vornherein derart fertig, dass er "kaum einen Vers vernünftig" herausbekomme und mit allen "seinen Nervenbündeln so lange herumwedelt, dass er am Ende in keine Wüste geht, sondern womöglich den Theaterpsychiater aufsucht." Das Theater selbst werde hier "zur Schnöselwüste". 

 
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