Liebe Liebe!

von Simone Kaempf

Berlin, 28. Januar 2017. Was wäre eine Jugend in den 80er Jahren ohne die Disco-, Sehnsuchts-, Herzschmerz-satten Popsongs! Pet Shop Boys, Whitney Houston, George Michael, all das "I want your sex" und "The greatest love of all". Botschaften, mit denen man dann auszog, seine Pop-Kitsch-genährten Liebessehnsüchte zu erfüllen.

Und heute? Die Welt ist ums Online-Dating reicher, was am Kern der Sache wenig ändert: Love hurts! Auch in den Zeiten neuer Kulturtechniken wie Tinder & Co., das suggeriert der Titel von Patrick Wengenroths neuem Abend. "Love hurts in Tinder Times" klingt melancholisch angehaucht, aber auch deutlich nach social media. Nach dem Expliziten von Chatrooms und dem Heißlaufen von Chatten, Mailen und Treffen. Doch wie heißt es auf der Bühne einmal: "Es ist nicht, wie es aussieht." Das Stichwort Tinder täuscht über den Charakter dieses viel sympathischer geratenen Abends, der sich mehr der vordigitalen Prägephase heutiger Thirty- und Fortysomethings widmet.

Love is a catastrophe?

Statt Dating-Erfahrungen gibt's: Erzählungen vom Flaschendrehen im westdeutschen Partykeller, Sofagespräche bei Lieferpizza, ein Kunsthappening im Yves-Klein-Stil und vor allem diese schmelzig aufgeladene 80er-Jahre Pop-Dreams. Die virtuelle Vorstellungswelt, aus der ein Großteil unserer Sehnsüchte zu stammen scheint. Also wird ziemlich viel gesungen an diesem Abend, und Patrick Wengenroth himself, als Meta-Showmeister selbst wieder mit auf der Bühne, macht den Anfang. Auftritt in Netzstrümpfen, Kleid und Mega-High-Heels. Ziemlicher queerer Look, hohläugig auf Conchita Wurst geschminkt. Eindeutiger dagegen die Botschaft des Lieds, das er wirklich großartig atmosphärisch singt im gedämpften Licht: Pet Shop Boys "Love is a catastrophe".

LoveHurts2 560 gianmarcobresadola uActionpainting-Gruppenselfie (Andreas Schröders, Mark Waschke, Lise Risom Olsen)
© Gianmarco Bresadola

Aber Liebe als Katastrophe trifft natürlich nur einen Teil der Wahrheit. Und so wird viel gesungen an diesem Abend, um für die Gefühls-Extreme Ausdruck zu finden. Und noch mehr geredet über Sehnsüchte, Begierden, Abneigungen. Status ganz klar: Es ist kompliziert. Die Schauspielern Lise Risom Olsen bringt es so auf den Punkt: "Ich weine bei Liebes-Schnulzen, was nicht heißt, dass ich sie mag."

Selbstbild-Erstellung als Kunst-Aktion

Körperlich wird es auch in Wengenroths Szenen-Collage, die schon um so einiges raffinierter und klüger ist als sich nur boulevardesk an den Einsamkeitsrändern der Gegenwart zu bewegen. Die Hüllen fallen ziemlich schnell, aber die folgende Orgie bleibt eine hochästhetische Sauerei, ein Sudeln mit viel türkisblauer Farbe, die sich die nackten Schauspieler auf ihre Körper schmieren, die wiederum auf Folien Abdrücke hinterlassen. Fertig ist ihr Kunstwerk, das sie mit bedeutender Geste in die Luft hängen und dann von der TV-Couch aus bewundern.

LoveHurts1 560 gianmarcobresadola uSchubidu – Matze Kloppe, Mark Waschke, Lise Risom Olsen © Gianmarco Bresadola

Eine narzisstische Selbstbild-Erstellung mit wahrlich großem Aufwand. Wengenroth schiebt den Kunst-Meta-Kommentar ironisch mit unter. Die drei Schaubühnen-Ensemble-Mitglieder gehen voll mit, zielen in ihrer Haltung eher auf einen allgemeinen Selbstdarstellungswahn als konkret aufs Dating-Mikroklima. Allerdings fehlt es nicht, das Aufzählen Kontaktforums-tauglicher Wünsche an eine ideale Beziehung. Romantik, Raum, langsamen Sex vorm Kamin, die Norwegerin Lise Risom Olsen listet das so entrückt-charmant auf wie jemand, der über Realitäten längst weit zu stehen scheint. Aber beim Formulieren der eigenen Wünsche eben nur auf das zurückgreifen kann, was an Klischees, Stereotypen, Music-Sounds in der Welt zirkuliert.

Wieviele Klischees haben wir gemeinsam?

Andreas Schröders übernimmt den Part der nerdigen Couch-Potato und des verkappten Poeten. Zu Topform läuft er auf im Endmonolog, beschwört die verlorene Geliebte, rockt im wallenden Kunstnebel und beklagt, dass im Alter alle Erfahrungen, die man im Liebesleben gesammelt hat, völlig nutzlos werden. Was sich hier zur schmerzvollen Lebens-Wahrheit bündelt: Wenn man meint, es kapiert zu haben, ist es schon zu spät. Schauspieler Mark Waschke wiederum bricht darüber mit viel überschießender Energie in Wutanfälle aus oder erzählt Pubertätsanekdoten. Zum großen Vergnügen des Publikums, das wirklich etwas zum Lachen hat.

Beim Lösungsvorschlag, sich vor allem selbst zu lieben, mag man inhaltlich nicht mitgehen. Dennoch ist "Love Hurts in Tinder Times" ein starker Abend geworden. Spielt damit, wie viele gemeinsame Klischees, Bilder, Wünsche, Begrenzungen die Ausgangsbasis sind, wieviel Eigenheiten und individuelles Experimentieren am Ende jeder Einzelne erlebt. Oder eben auch nicht erlebt. Action-Painting-Spaß, in dem das Einschmieren als Anfassen dient, gibt's obendrauf. Noch einmal die an diesem Abend großartige und liebenswerte Lise Risom Olsen: "Sometimes art is not so good, sometimes sex is not so good." Alles in Ordnung, es war bestens.

 

Love Hurts in Tinder Times
von Patrick Wengenroth und Ensemble
Realisation: Patrick Wengenroth, Bühne: Mascha Mazur, Künstlerische Mitarbeit Bühne: Céline Demars, Kostüme: Ulrike Gutbrod, Musik: Matze Kloppe, Dramaturgie: Sina Katharina Flubacher.
Mit: Matze Kloppe, Lise Risom Olsen, Andreas Schröders, Mark Waschke, Patrick Wengenroth, Musik: Matze Kloppe.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.schaubuehne.de

 

Kritikenrundschau

"Dem Titel zum Trotz, der ja eher eine dramatische Dating-App-Analyse erwarten lässt, geht es allerdings erstaunlich und erfreulich analog zu", schreibt Christine Wahl im Tagesspiegel (30.1.2017). Was man sehe, sei nicht neu, "aber zeitlos identifikationstauglich, nahtlos anschlussfähig und außerdem mit einer derartigen Energie und (Selbst-)Ironie performt, dass man – dem Herzschmerz-Gegenstand des Abends zum Trotz – äußerst vergnügliche Minuten erlebt im Schaubühnen-Studio." Logisch, dass der Abend sich dabei auch über sich selbst lustig macht, "das gehörte schon immer zu den Markenzeichen von Patrick Wengenroth". Fazit: "Keine Frage: Es bleibt unterhaltsam an der Herzschmerz-Front, gerade in bis zum Schwindligwerden beschleunigten 'Tinder Times'."

An die Diskursschärfe seines Kollegen René Pollesch reiche Wengenroth nicht heran, meint Ute Büsing vom RBB (30.1.2017). "Er kratzt ein bisschen an Oberflächen und kitzelt ein paar fast schon zu private Erzählungen aus seinem Ensemble heraus." Wahre Gefühlstiefe klaue Wengenroth passagenweise "bei denen, die sie noch beschreiben konnten: den deutschen Klassikern". Zum Glück habe er Schauspieler, die diese Fallhöhe zwischen privat und ewig markieren könnten, wie insbesondere Mark Waschke.

"Sehr bereichernd, dieser Abend. Vor allem für Leute, die Spaß an Problemen haben", urteilt Ulrich Seidler in der Frankfurter Rundschau (30.1.2017). Die Schauspieler erhielten Gelegenheit, Hemmungen und Grenzen zu überwinden sowie Spielfreuden zu erkunden, "die in anderen Zusammenhängen locker den Tatbestand des öffentlichen Ärgernisses erfüllen würden".

Felix Müller von der Berliner Morgenpost (31.1.2017) sah einen Abend, "der auf sehr vieldeutige und unterhaltsame Weise Ausflüge unternimmt: In die Ausdrucksformen des Theaters der letzten Jahrzehnte, in die verschiedenen Jargons des Liebesdiskurses, in den Tanz der Geschlechter und die Moden, denen er unterworfen ist". 'Love hurts in Tinder times' sei eine "sehr clever und lustig kuratierte Ausstellung zu der Frage, wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden".

Alexander Kohlmann berichtete auf Deutschlandfunk in der Sendung Corso (30.1.2017): Im ersten Teil hätten sich die Schauspieler nackt gemacht, in Farbe gewälzt, die "Essenz des Körpers wurde ausgestellt", eine "Performance ohne Worte". Als "Sinnbild" für die Dating-Portal-Welt sei das "sehr treffend". Im zweiten Teil würde es ernst und gefragt: was macht das mit uns, dass wir unseren Körper optimieren? Dabei sei das Sich-Optimieren und Sich-Ausstellen ein sehr viel älteres Thema, das mache der Abend auch klar.

"Das ist, was das Tempo der Gedanken angeht, so etwas wie ein tiefenentspannter René-Pollesch-Abend in Slow Motion, der angenehm warmherzig und gefühlsecht mit dem Zuschauer flirtet", schreibt Peter Laudenbach in der Süddeutschen Zeitung (10.2.2017). Höchst charmant und verspielt surfe die Inszenierung durch die Gefühlslabyrinthe und romantischen Verwirrungen des Herzens.

"In Berlin ist das Stück ständig ausverkauft. Ein Abend mit nackten Wahrheiten über Begehren im Zeitalter der Dating-Apps", schreibt Simon Strauss (FAZ Woche, 29.1.2018) und schaut jetzt auf den Abend, Das Nacktsein auf der Bühne diene nicht wie sonst oft der faden Provokation, sondern mache deutlich: Hier soll sich nicht versteckt werden, "es geht um Wahrheit. Und zwar um die ganze".  Der Abend handle nicht vom explosiven, einmaligen Ausbruch aus der Norm, um dann wieder einigermaßen befriedigt in den monotonen Alltag zurückkehren zu können. "Es geht um die Aushandlung von freier Liebe auf Dauer. Und um die Frage, wie weit bei jedem von uns Zeitgenossen Theorie und Praxis voneinander entfernt sind."

 

 
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