Unruhe auf der Hinterbühne

von Falk Schreiber

Hamburg, 5. April 2017. Das Trauma eines funktionsuntüchtigen Eisernen Vorhangs wird das Hamburger Schauspielhaus wohl nie mehr los. Und Bastian Reiber schüttet in seiner ersten Regiearbeit eine gute Handvoll Salz in die Wunde: Da will das "Hochglanzensemble des Deutschen SchauSpielHauses" (so das Programmheft, und man braucht nicht zu lästern: da ist ja durchaus was dran, auch wenn das heute erstmal nicht auffällt) die Passion Christi aufführen. Die genealogische Vorgeschichte von Abraham bis Josef wird aus der Loge heraus runtergerattert, Judas (Jonas Hien) verrät seinen Herrn an der Rampe, dann sollte der Vorhang eigentlich hochfahren und den Blick auf eine saftige Folterszene freigeben. Sollte er.

Ziemlich geniale Ausbrüche

Tatsächlich hebt er sich, 30 Zentimeter, 40 Zentimeter, man sieht ein paar Marterwerkzeuge (Bühne: Franz Dittrich), man sieht die Füße der Protagonisten, dann stockt er. Unruhe auf der Hinterbühne. Und bald scheint auch noch der Strom auszufallen, jedenfalls kriechen die Schauspieler nach vorn und wissen nicht so recht, was sie mit der Situation anstellen sollen. Vielleicht das Malheur überspielen? Jesus-Darsteller Reiber erzählt also unbeholfen Witze, Michael Weber versucht sich als Pantomime und Anne Müller hebt zu einem Kirchentagsschlager an: "Er hält die ganze Welt / in seiner Hand", ist ja auch irgendwie christlich, vielleicht passt es, vielleicht hilft es was?

Passionsspiele7 560 HasheiderDer Vorhang geht nicht hoch und alle lachen: Michael Weber, Jonas Hien, Bastian Reiber, Angelika Richter, Anne Müller, Christoph Jöde © Sinje Hasheider

Wenn Schauspieler Regie führen, dann hat das manchmal einen unangenehmen Beigeschmack, so: Ich zeige jetzt mal das, was ich eigentlich auf der Bühne sehen möchte, was die blöden Regisseure mit ihren hochintellektuellen Konzepten aber immer verhindern. Reiber aber weiß um die Abgeschmacktheit solch eines ausschließlich auf das Schauspiel ausgerichteten Theaterverständnisses, also zieht er eine Zwischenwand ein, und diese Wand ist der immer noch nicht funktionierende Eiserne Vorhang. Hinter dem passiert etwas, man kann Bewegungen durch die Lücke erkennen, aber interessanter als alles, was da passiert, ist die Performance an der Rampe. Da werden Requisiten ausprobiert: ein Schuh, eine Klappkiste, eine Gitarre, die freilich nur noch drei Saiten hat und die außerdem niemand von den Anwesenden spielen kann. Ersatzhandlungen quasi, konsequentes Unterlaufen jeglichen Starschauspielertums, manchmal Probenwitze, manchmal billiges Sticheln gegen Improtheater. Und immer wieder ziemlich geniale Ausbrüche.

Das Ausspielen brüchiger Selbstironie

Angelika Richter blafft Regieneuling Reiber an: "Ich habe 20 ... Ich habe 16 Jahre Bühnenerfahrung! Ich habe 30 Seiten Text auf Aramäisch auswendig gelernt! Ich kann nicht improvisieren, ich kann nur schauspielern!" Und Anne Müller schlägt ihren Kopf mehrfach gegen den Eisernen, der allerdings weiterhin unten bleibt; dem Wohlbefinden der zusehends poröseren Schauspielerin allerdings scheint das nicht zu bekommen. Und plötzlich steht Bjarne Mädel auf der Bühne, der im Programmheft zwar nicht erwähnt wird, dafür aber sofort alle Publikumssympathien auf seiner Seite hat: "Bastian, ich habe gehört, du führst jetzt auch Regie? Da habe ich mich gefragt, ob ich vielleicht bei dir mitmachen kann?" Keine Chance, es funktioniert zwar kaum etwas, aber Ausschlussmechanismen funktionieren immer. Mädel wird also eiskalt abserviert und durch einen doofen Stoffhasen ersetzt, ein Kollegenmobbing, das sich bis in den Schlussapplaus fortsetzt. (Der im übrigen sehr genau geprobt ist – diese "Passionsspiele" sind durchdachteres Theater als man beim bloßen Blick auf die Nummernrevue, in die sich die Produktion mittlerweile verwandelt hat, denken würde).

Dass der (mit nicht einmal eineinhalb Stunden recht kurze) Abend nicht mehr dazu kommen wird, eine biblische Legende zu erzählen, ist klar – der Schwerpunkt liegt nicht auf der "Passion", er liegt auf den "Spielen". Den Akteuren aber ermöglicht er ein Ausspielen brüchiger Selbstironie, das in einem strengeren Konzept nicht möglich gewesen wäre. Mag sein, dass zwei Drittel des Publikums von Reibers Regiedebüt vor allem eine Studio-Braun-hafte Lachnummer mitnehmen und ein weiteres Drittel verärgert ist, weil es tatsächlich ein Passionsspiel erwartet hatte: In dieser auf dem Grad zur Petitesse balancierenden Produktion steckt eine nicht uninteressante Ästhetik, die einerseits durchaus kompatibel ist mit klassischem Schauspielertheater. Und die dieses Schauspielertheater gleichzeitig überaus charmant sabotiert.

 

Passionsspiele
von Bastian Reiber
Regie: Bastian Reiber, Bühne: Franz Dittrich, Kostüme: Aurelia Stegmaier, Licht: Rebekka Dahnke, Dramaturgie: Bastian Lomsché.
Mit: Jonas Hien, Christoph Jöde, Anne Müller, Bastian Reiber, Angelika Richter, Michael Weber, Gast: Bjarne Mädel.
Dauer: 1 Stunde 20 Minuten, keine Pause

www.schauspielhaus.de

 

Kritikenrundschau

"Ein nicht allzu ernster Versuch, sich dem Mysterium Ostern zu nähern", findet Peter Helling auf Radio NDR (6.4.2017). Anfangs verspreche alles eine perfekte Bibelshow. "Kurz kommt beim Zuschauer der Gedanke auf, dass dies ernst gemeint sein könne. Aber dann, eine Panne! Der eiserne Vorhang klemmt und bleibt einen Meter über dem Bühnenboden stecken." Die lustige Bibeltruppe um Regisseur und Schauspieler Bastian Reiber versuche alles, um die Peinlichkeit der Pause zu überbrücken und das Publikum abzulenken, "das ist die ganze Handlung". Es gäbe ein paar spürbare Durchhänger, aber insgesamt "ein fantasievolles Stück Bühnen-Trash. Ziemlicher Blödsinn, aber was für einer".

"Der Humor bewegt sich zwischen der dezenten Anarchie der Berliner Volksbühne, an der Reiber häufig gastiert, Monty Python und einer Parodie auf österliche Schulaufführungen", Annette Stiekele im Hamburger Abendblatt (7.4.2017) Das Publikum bleibe dran. Auch die Ironie mancher Anti-Witze gehe auf. "Reiber liebt das Theater, das ist zu spüren, und er versteht zugleich, diese hehre Kunstform auf lustvolle Art zu sabotieren. Das ist kleine, große Kunst."

"Netter Versuch", kommentiert Die Welt (7.4.2017) Reibers Inszenierung. "Passioniert versuchte er gemeinsam mit fünf weiteren Darstellern, anderthalb Stunden lang eine vorgebliche technische Panne zu überspielen mit dem, was ihm angeblich gerade so einfiel, wobei ihm natürlich nichts einfiel, also nichts passierte." Jeder Einfall an diesem Abend sei vorhersehbar albern und albern vorhersehbar gewesen. "Komik blitzte selten auf."

 

Kommentar schreiben