Nach oben abgeben

von Steffen Becker

Memmingen, 3. Juni 2017. Ich glaube nicht an die Versprechungen des Glaubens. Ich bin überzeugt, das Produkt eines logischen Evolutions-Prozesses zu sein. Eine Fortsetzung wird mein Dasein als Zerfallsprodukt im Erdreich finden, nicht in einem anderen Leben. Diese Vorstellung macht mich mulmig: Als ich geboren wurde, lag die Lebenserwartung der Jungen bei 72 Jahren. Die Hälfte ist inzwischen rum. Das Programmheft zu "Glauben" am Landestheater Schwaben hält dazu wenig tröstliches bereit. Es zitiert Ivanka Trump mit "Wahrnehmung ist wichtiger als Realität. Wenn jemand an etwas glaubt, ist das wichtiger, als dass es wirklich wahr ist."

Eine falsche Annahme sollte man nicht korrigieren, wenn sie einem selbst zum Vorteil gereicht. Auf dieser Basis macht sich der Zyniker bereit, vom Theaterkollektiv satellit produktion eine ätzende Religionssatire vorgesetzt zu bekommen. Folgender Spoiler erzählt, dass es anders kommt: Der katholische Priester Memmingens erhebt sich am Ende zur standing ovation.

Zweifel als Antrieb

Fürsorglich wird man zunächst von den drei Darstellern ins Studio geleitet. Es fühlt sich an wie der Erstkontakt mit einer Sekte. Sie tragen bunte Walle-Walle-Outfits. Aus den Lautsprechern dringt Meditationssummen. Dann geht erstmal das Licht aus, und Miriam Haltmeier spricht im Dunkeln über den Zweifel als Antrieb des Menschen. Okay, ist wohl doch nicht so simpel, die Sache mit dem Glauben. Das zeigt auch das Bühnenbild, nachdem das Licht wieder angeht. Die Darsteller spiegeln sich in ineinander verschachtelten dreieckigen Glasflächen. Durch clevere Lichtregie morphen die Doppelgänger im Raum. Das Glas ist als Prisma angeordnet, so dass sich die Lichtfarben brechen. Die Bühne (von Cäcilia Verweyen) setzt damit einen Rahmen von Glauben als Areal der Projektionen, Spiegelungen und Variationen.

glauben 3 560 Karl Forster uSich spiegeln im Prismenglas: Rudy Orlovius und Fridtjof Stolzenwald © Karl Forster

Das entspricht auch der Herangehensweise der Macher von satellit produktion um Regisseurin Ana Zirner. Sie haben die religiösen Hotspots von Memmingen aufgesucht, mit knapp 20 Personen Gespräche geführt und die Ergebnisse zu einer Art interreligiösem Dialog gegeneinander montiert. Kurz ist man überrascht, dass es in einer Mittelstadt im Allgäu Schamanen und Heilgottesdienste gibt. Das legt sich aber schnell, wenn die Darsteller die Transkripte performen. Sie waren bei den Gesprächen nicht dabei und hatten erkennbar den Auftrag, niemanden zu imitieren.

Notfalls in Trance tanzen

"Glauben" dreht sich um die Aussagen und deren Ausdruck. Warum wollen die Menschen überhaupt glauben? "Du gibst deine Probleme nach oben ab", sagt Miriam Haltmeier im Zitat einer Frau, die sich sehnlichst ein Kind wünschte und zum Judentum konvertierte. Den Umbruchprozess übersetzt sie in ein Um-Sich-Selbst-Wälzen und ein kritisches Abtasten des eigenen Körpers. Choreograf David N. Russo hat aus den Interviews abgeleitet, wie sich der Glaube der Befragten körperlich sichtbar machen lässt. Fridtjof Stolzenwald greift ausschweifend in den Raum, wenn er davon schwärmt, wie man als Schamanist negative Erlebnisse im Bewusstsein neu bearbeitet. Rudy Orlovius läuft eine exakt austarierte Schrittkombination, wenn er als gläubiger Jude über die Bedeutung religiöser Regeln spricht.

glauben 1 560 Karl Forster uIm Namen Memmingener Bürger: Rudy Orlovius, Miriam Haltmeier, Fridtjof Stolzenwald
© Karl Forster

Die Darsteller meistern die Herausforderung des Abends, aus den Aussagen ganz unterschiedlicher Menschen(-Typen) eine in sich stimmige Gesamtperformance zu entwickeln. Sie halten sich dabei genug zurück, um die realen Personen und ihr Ringen nicht hinter Acting verschwinden zu lassen. Sie übersetzen ihren Text aber auch darstellerisch so variantenreich, dass die Zuschauer beim raschen Wechsel nicht den Überblick verlieren, welcher Memminger Bürger gerade spricht. Lediglich bei der Frage nach religiösen Ritualen – konkret: Warum beten? – schweift "Glauben" in eine Art religiösen "stream of consciousness" ab, in dem die drei Darsteller zu New Age-Musik umherspringen und zu Satzfetzen ("Matthäus 6, Mustergebet") wie in Trance geraten.

Eine Gemeinsamkeit eint die Protagonisten: Alle sind sie Suchende. Glauben bedeutet nicht Wissen. Die Performer halten sich etwa angedeutet an den Stangen des Bühnenbilds fest, berühren es jedoch nicht: Der transzendente Raum ist nicht zu fassen, weil es eine allgemeingültige Antwort eben nicht gibt.

100 Prozent perfekte Frau

Erkenntnis Nummer zwei: Viele Antworten kommen auf unterschiedlichen Wegen zu ähnlichen Ergebnissen. Die präsentierten Positionen zur Rolle der Frau lassen etwa Hoffnung schöpfen. Das christlich-islamische Fußvolk scheint weiter zu sein als offizielle Haltungen und weiß von Vorsteherinnen in frühchristlichen Gemeinden zu berichten oder von den Nachfahren Mohammeds, die alle aus weiblicher Linie stammen. Wenn ich richtig aufgepasst habe, ist die schönste Antwort jedoch eine jüdische: "Die Frau ist zu 100 Prozent perfekt. Sie muss nicht beschnitten werden."

Weniger geglückt gerät eine Passage zum heiklen Thema Homosexualität. Ein Erzkatholik zieht vom Leder. Ein "gemäßigter Christ" plädiert für Akzeptanz in einer Art, aus der die peinliche Berührtheit durch das Thema tropft. Diese gegeneinander montierten Aussagen bringen Orlovius und Stolzenwald slapstick-artig rüber. Als müsste bei diesem Thema dann doch eine Regie kommentierend-entlarvend eingreifen. Dabei hätte man sich gerade die Passagen, in denen Glaube kippt – vom Bemühen, ein besserer Mensch zu sein, hin zu sich über andere Menschen zu erheben – ebenso ungefiltert gewünscht wie alles andere. Es bleibt jedoch ein Wermutstropfen in einer ansonsten so anregenden wie kurzweiligen Performance.

Glauben
Dokumentarisches Theater-Tanz-Projekt
von satellit produktion
Inszenierung: Ana Zirner, Dramaturgie: Martina Missel, Choreografie: David Russo, Bühne und Kostüme: Cäcilia Verweyen, Lichtdesign: Rainer Ludwig.
Mit: Miriam Haltmeier, Rudy Orlovius, Fridtjof Stolzenwald.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.landestheater-schwaben.de

 

Kritikenrundschau

"Da war zu viel Text", findet Markus Noichl in der Memminger Zeitung (6.6.2017). Zwar gebe es auch sinnliche Momente, Bewegung, Atem, Laute, Geräusche. "Doch warum damit so sparsam? Man könnte meinen, Glauben sei in erster Linie ein mühsames, einsames Thema. Viel Hirn, viel Last. Kaum Gemeinschaft, die trägt."

 

 
Kommentar schreiben