Trostlose Arbeitswelt, sinnlose Sinnesfreuden

von Andreas Schnell

Bremen, 6. Juni 2008. Mit wem soll man es halten, fragte jüngst Die Zeit angesichts sich einer gewissen Häufung von Inszenierungen des Euripides-Spätwerks "Die Bakchen". Mit dem säkulären Thebaner König Pentheus oder mit dessen Gegenspieler Dionysos, "der Chaos in die gottlose Ordnung bringt und das Volk von den leeren Blechnäpfen seiner kalten Vernunft zurückführt zum Sinn des Lebens und zur Fülle des Daseins?"

Robert Schuster, der das Stück jetzt am Neuen Schauspielhaus inszenierte, liegt wohl beides fern. Dionysos, der nach Theben kommt, um dort für Rausch und Ekstase zu sorgen, ist ein frivoler Rachegott – wunderbar gespielt von Varia Linnéa Sjöström, die mit wüstem Haarwuchs auf den Beinen und einem gigantischen Penis unterm halbdurchsichtigen Leibchen dem Pentheus buchstäblich zu Leibe rückt.

Theben, ein Jammertal

Den wiederum gibt Guido Gallmann ebenfalls eindrucksvoll als verklemmten, prüden Ordnungsfanatiker, der nicht zuletzt als Staatsmann sein Gewaltmonopol infrage gestellt sieht – zu Recht. Denn schließlich hat Dionysos nichts anderes vor, als als Kind des Zeus in Theben seinen göttlichen Status einzuklagen. Das sind nun mal zwei unvereinbare Standpunkte, und so kommt es, wie es kommen muss. Warum Dionysos Erfolg bei den Frauen von Theben hat, zeigt das Bühnenbild von Sascha Gross gleich zu Beginn: Im Untergeschoss des die Bühne beherrschenden Baus stehen die Webmaschinen, an denen die Frauen arbeiten, die Decke so niedrig, dass auch kleine Menschen darin nicht aufrecht stehen können: Das Jammertal, dem seine Insassen vorzugsweise mit Wein ein wenig trostloses Glück abluchsen.

Derweil darüber ein herrschaftliches Portal angedeutet ist, auf dem sich die Elite des alten Thebens tummelt, die ihrerseits durchaus geneigt ist, sich den Sinnenfreuden des dioniysischen Kults zu widmen – zumindest, um einmal zu schauen, wie sich die berauschten Frauen so verlustieren: Kadmos, der abgedankte König, und der blinde Seher Tiresias werden von Pentheus dabei ertappt, wie sie sich in Frauenkleidern grotesk ausstaffiert auf den Weg zum Bacchanal machen wollen.

Dionysos' Gute-Laune Terror

Aber Pentheus hat, wie erwähnt, ein anderes Problem. Von irgendeinem dahergelaufenen Aufschneider und Weiberheld will er sich seinen Thron schon gar nicht streitig machen lassen. Dionysos lässt allerdings seine göttliche Macht spielen, bringt Pentheus dazu, sich in Frauenkleider zu werfen und führt ihn zu den Bakchen, die Pentheus – allen voran Agaue, Pentheus' Mutter – in Stücke reißen. Die Ernüchterung folgt auf dem Fuß: Agaue zieht, Pentheus' Kopf stolz in der Hand, in Theben ein, erkennt, was sie getan, und zerbricht an der Grausamkeit der Götter, mithin also an der Ohnmacht des Menschen.

Schuster beginnt lustvoll, lässt den Chor der Bacchantinnen von vier knapp bekleideten Männern spielen, geschminkt, mit Perücken und hochhackigen Schuhen, zunehmend sich in Ekstase steigernd zu Voodoo-Trommeln, ohne je in Travestie-Klamauk abzugleiten. Der Soldat, der Pentheus von der Festnahme des Dionysos berichtet, ist bei Tobias Beyer ein anrührend komischer Einfaltspinsel, und – geradezu sensationell – Timo Lampka als Hirte, der dem König von den Bacchanalien berichtet, riss das Publikum in Gummistiefeln (Pentheus' trockener Kommentar: "Übrigens: tolle Schuhe!") zu begeistertem Szenenapplaus hin.

Dass diese enorme Leichtigkeit sich gegen Ende verflüchtigte, bedingt die Geschichte. Hier verengte sich das Geschehen zusehends auf die Figur der Agaue, die um ihren Sohn trauernd und verlassen ihr düsteres Fazit zieht, nachdem Dionysos unter zynischem Gelächter verschwindet.

Ernüchterte Bacchanten

Aber für wen soll man denn nun gewesen sein? Dionysos? Schwerlich. Selbst seine Bacchanten sind am Ende ernüchtert. Keine Spur mehr von der verführerischen Rauschhaftigkeit, die gelegentlich frappierend an Love-Parade-Gute-Laune-Terror erinnert. Pentheus? Sein Schicksal mag anrühren (wenngleich weniger als das seiner Mutter, die erleben muss, was ihm widerfahren ist). Aber als verlogener Machtmensch wirkt er geradezu lächerlich.

Erst recht als klar wird, dass auch er der Faszination des Dionysischen erliegt und sich, als Frau verkleidet, in der Persiflage auf Tante und Mutter gefällt – auch dies übrigens ein Kabinettstück in einer schauspielerisch beeindruckenden Leistung, die zum einen von den Qualitäten des neu zusammengesetzten Ensembles, zum anderen aber wohl auch von der Führung Robert Schusters zeugt, der hier eine mitreißende Inszenierung gestaltet hat.

Und warum nun also "Die Bakchen"? Kulturpessimismus könnte eine Antwort sein. Die Welt, sie ist schlecht, der Mensch nicht minder. Dass aber schon der alte Euripides zu kritisieren wusste, dass Religion und andere Methoden des Eskapismus (hier pars pro toto der Wein) angesichts der Umstände wenig ausrichten, ist doch durchaus mal eine Feststellung wert.

Die Bakchen
von Raoul Schrott nach Euripides
Inszenierung: Robert Schuster, Bühne und Kostüm: Sascha Gross, Musik: zeitblom.
Mit: Martin Baum, Tobias Beyer, Jan Byl, Johannes Flachmeyer, Sven Fricke, Guido Gallmann, Timo Lampka, Siegfried W. Maschek, Gabriela Maria Schmeide, Varia Linnéa Sjöström und Christoph Rinke.

www.bremertheater.com

 


Kritikenrundschau

Robert Schuster habe in Bremen "Die Bakchen" des Euripides "so gefällig, so flott und (scheinbar) verständlich hergerichtet, als sei's ein Stück von heut'", befindet Rainer Mammen im Weser Kurier (9.6.). Dass Raoul Schrotts "elegant-eingängige 'Neudichtung'" gespielt werde, komme vor allem dem "burlesken Beginn sehr zustatten. Aber in dem Maße, wie das Geschehen sich verdunkelt", sehne man sich "beinahe wieder nach der philologisch verbiesterten ... Version seines alten Reclam-Heftchens zurück". Bei der "Schilderung menschlicher Begierden und Verfehlungen" gelinge es Schrott und Schuster zwar umstandslos, uns den antiken Stoff ganz nahezubringen, "nicht jedoch bei der Darstellung von göttlicher Willkür und deren Konsequenzen". Mit dem "Original des alten Euripides" habe die Aufführung "ihren völligen Verzicht auf 'Action'" gemein, dafür aber verstehe man in dieser Produktion jedes Wort.

In der taz Bremen (9.6.) jubelt Benno Schirrmeister: "Besseres Schauspiel war im Bremer Theater seit Jahren nicht zu sehen." Regisseur Robert Schuster habe "im süperb-einstudierten Unisono-Sprechen, im schrillen Verkleidungsdrang aller Akteure, in den saloppen Dialogen ... choreografisch-musikalischer Komik Raum gelassen" habe, zugleich aber gleich klargestellt: "Das wird nicht alles sein. Der Rausch hat etwas zutiefst Zweideutiges." Wie etwa Guido Gallmann als Pentheus "sich vom neurotischen Rationalisten in einen erregten Spanner" verwandle, "das ließe sich zwar beschreiben. Aber besser, man erlebt es selbst."

 
Kommentar schreiben