Chamäleons im Arbeitskittel

von Valentina Tepel

Mainz, 4. November 2017. Da sitzen sie nun, die Frauen des Betriebsrats der französischen Fabrik Picard & Roche und sie jubilieren, strahlen, feiern. Denn es gibt einen guten Grund: Nach geballter Angst, Hysterie und Ungewissheit ist alles nochmal gut gegangen. Keine verliert ihren Job. Keine bekommt ihren Lohn gekürzt.

Es sind auch nur sieben Minuten, die ihnen von ihrer Pause abgezogen werden soll. So das freundliche Ersuchen der "Krawatten". Und damit könnte alles so schön sein. Wenn da nicht eine wäre, die zweifelt: Blanche (Andrea Quirbach), Sprecherin des Betriebsrats und seit 33 Jahren Fachangestellte in der Fabrik, ist in rebellischer Verfassung, als sie vom Gespräch mit den Krawattenträgern zurückkehrt. Enttäuscht und wirr steht sie da, ihr langer weißer Kittel hängt an ihrem schlaffen, ermüdeten Körper herunter, wie eine Ärztin, die den Tod verkünden muss. Sie hält es für falsch, was da von den höheren Etagen erbeten wird: 7 Minuten weniger Pause sind 7 Minuten mehr Arbeit – und das unbezahlt. Obwohl das Geschäft doch gut läuft. "Was ist das für ein Kleister, den ich am ganzen Körper spüre?" ruft sie angeekelt. Und wer das nicht bemerkt, der ist doch naiv.

Wessen Gerechtigkeit?

Der italienische Autor Stefano Massini setzt mit "7 Minuten/ Betriebsrat" der europäischen Arbeitswelt die Pistole auf die Brust: seine elf Protagonistinnen stehen stellvertretend für eine Welt, in der Profitdenken und Ausbeutung an der Tagesordnung sind, in der Worte verdreht und beschönigt und "Krawatten" zu "Heiligen" erhoben werden bis die Existenzangst über Gerechtigkeitswillen siegt. Es sind verletzliche Menschen, die um ihre Zukunft bangen in einer Gesellschaft, in der sich jeder selbst der Nächste ist. Und die sich der Frage stellen müssen: was bist du bereit zu tun, um dich selbst zu retten?

7MinutenBetriebsrat2 560 Bohumil Kostohryz u7 Minuten werden zur Zeitbombe, denn 7 Minuten weniger Pause sind auch 7 Minuten
mehr Arbeit. Daran reiben sich die Arbeiterinnen in Stefano Massinis Stück
© Bohumil Kostohryz

Bühnenbildnerin Katrin Bombe hat die elf Frauen in Carole Lorangs Inszenierung in einen tristen Bühnenkasten gesperrt. Es geht eng und farblos zu im Kleinen Haus am Staatstheater Mainz, mit hohen grauen Wänden und ewig lange Reihen von Spinden, ein Korsett der Anonymität. Wie Chamäleons integrieren sich die Arbeiterinnen in ihren trostlosen Uniformen in das Bühnenbild. Es gibt nur ein winziges Fenster im Raum. Die Luft wird spürbar immer dünner, die Hitze steigt in die Köpfe. Eine riesige Uhr prangt in der Mitte des Kellers, weiße Ziffern werden an die Wand projiziert. Denn die Zeit läuft und im Kellerloch polarisiert die Situation.

Stimme des Einzelnen

Lorangs Figuren sind Stereotypen, die sich durch ihre Vergangenheit, ihr Alter, ihre subjektiven Gefühle und unterschiedlichen Beweggründe aneinander stetig aufreiben. Sophie Langevins kettenrauchende Rationalistin Odette, die der wortführenden Blanche treu ergeben ist, Leoni Schulz' Rachel als abgefuckte Rocker-Braut mit, im Angesichts der Situation ironischem, "Freiheits"-Tattoo und großer Klappe, Nora Koenig's Arielle, launisch und genervt, stets darauf bedacht, ihre eigene Haut zu retten oder Leila Schaus' Mahtab, das zunächst stille, graue Mäuschen, welche erst gar nicht zu Wort kommt und später Blanche ins Kreuzverhör nimmt. Denn ist diese wirklich so aufrichtig und selbstlos? Oder macht sie mit den "Krawatten" gemeinsame Sache?

7MinutenBetriebsrat3 560 Bohumil Kostohryz uSophia Carla Brocker, Leoni Schulz, Rosalie Maes, Renelde Pierlot, Antonia Labs in "7 Minuten /
Betriebsrat" © Bohumil Kostohryz

Ist es wirklich eine freie Entscheidung des Betriebsrats oder ist das Ersuchen lediglich ein Mittel zum Zweck? Und wozu dient dann die Stimme des Einzelnen, wenn vorher schon alles feststeht? Lorang verdreht die Wahrheit durch subtile Eingriffe und entwirft ein Gefühlskarussell, das zwischen Vertrauen und Argwohn oszilliert. So wird im Kreuzverhör ein großer Blutfleck auf Blanches Rücken sichtbar. Die reine Weste befleckt mit den Abgründen des Verrats?

Hoffnung auf die Jugend

Auf Massinis intensive Wortgewalt vertrauend, inszeniert Lorang im eher nüchternen Stil, aber doch wirkungsstark. Eine Stunde sind die elf Frauen eingesperrt in diesem engen Raum, mal lammfromm, mal rasend wie Raubkatzen, gespalten zwischen risikobereiter Rebellion und fügsamer Kompromissbereitschaft. Die Luft bleibt spannungsgeladen. Bis Blanche ihre Sachen packt und wutgeladen den Raum verlässt. Zurück bleiben nicht nur die Übriggebliebenen, auch der Zuschauer muss sich die Frage stellen: Würde ich diese Einschränkung meiner Freiheit zulassen, um mich vor Schlimmerem zu bewahren?

Es ist ein leiser Moment, ein Symbol für die Hilfslosigkeit der freien Entscheidung, der Betriebsrat bei Massini als Vertretung der Arbeitergesellschaft. Am Ende ist es die Jüngste im Bunde, die 19-Jährige Sophie (Katharina Bintz), die die entscheidende Stimme abgeben muss. Es bleibt offen, wie sie sich entscheidet, aber es lässt erahnen, auf welche Generation die Hoffnung gesetzt wird. 

 

7 Minuten / Betriebsrat
von Stefano Massini
Übersetzung von Sabine Heymann
Regie: Carole Lorang, Bühne: Katrin Bombe, Kostüme: Peggy Wurth, Musik: Kyan Bayani, Licht: Bart van Merode, Dramaturgie: Carmen Bach, Künstlerische Mitarbeit: Linda Bonvini.
Mit: Andrea Quirbach, Nora Koenig, Renelde Pierlot, Leila Schaus, Rosalie Maes, Leoni Schulz, Antonia Labs, Katharina Bintz, Sophie Langevin, Talisa Lara, Sophia Carla Brocker
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-mainz.de

 

Kritikenrundschau

"Ein nicht in jeder Sekunde spannender, gleichwohl aber höchst aktueller und brisanter Bühnendiskurs", so Matthias Bischoff in der FAZ Rhein-Main (6.11.2017). In der Debatte um sieben Minuten Arbeitszeit "prallen die Pro- und Kontra-Argumente aufeinader, vermischen sich Ressentiments, Freundschaften und gegenseitigen Abneigungen." Carole Lorang und den Schauspielerinnen, "die viel aus den mitunter papierenden Dialogen rausholen", gelinge es, die verschiedenen Haltungen aus einem Charakter abzuleiten und plausibel zu machen. Fazit: "Solides Lehrstück, das kluge Fragen stellt und noch klüger zeigt, dass es auf die Widersprüche und komplexen Interessenlagen keine einfachen Antworten gibt."

"Auf überzeugende Art verlegt Massini das moralische Dilemma in die moderne Arbeitswelt", schreibt Johanna Dupré in der Allgemeinen Zeitung (6.11.2017). Nicht nur das Bühnenbild, sondern auch der Schauspielstil wirken im positiven Sinn naturalistisch. Den Vorschlag, sieben Minuten mehr zu arbeiten, beleuchten die Frauen aus vielen Perspektiven, "zusammen mit einer hochklassigen Leistung des Mainzer Frauen-Ensembles sorgt das in Lorangs klug geraffter Inszenierung für anregende 90 Minuten".

 

 

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