Tolle Wurst

von Cornelia Fiedler

Oberhausen, 10. November 2017. Ein Grill! Da geraten Männer in Verzückung. Kaum auf die Bühne gewuchtet, wird das gute Stück liebkost und geherzt, befeuert und bewurstet. Endlich ist Zeit für Dosenbier und Rülpsen, für Fleisch, aber auch für Offenbarungen: Eine der Frauen in Anzughosen, die im Theater Oberhausen mit sichtlich Spaß am eierschonenden Cowboy-Gang Männerklischees performen, nimmt dann doch lieber Tofu. "MeToo" sagt die zweite, "MeToo" die dritte. #MeToo, die Tofu-Wurst unter den Emanzipationsbewegungen?

 Grill Dich an die Macht!

Das wäre eine These mit Schmackes, gar nicht abwegig. Schließlich wird im Zuge der #MeToo-Bekenntnisse ja ein Höchstmaß öffentlicher Empörung darauf verwendet, sexistische Übergriffe aufzuzählen und zu ahnden. Das ist notwendig, ja überfällig, keine Frage. Nur bleibt eben für fundamentale Kritik am Patriarchat und an den subtilen gesellschaftlichen Mechanismen, die dieses täglich reproduzieren, wenig Raum. Dieser Raum wäre also hiermit eröffnet, in "Männer, die denken". Die Uraufführung tritt an, nicht nur "gesellschaftliche Rollenzuschreibungen" sondern auch "Machtverhältnisse" unter die Lupe zu nehmen. Nur, auf der Bühne passiert: erst mal nichts weiter. Die Würste werden verteilt und vertilgt – und #MeToo den Rest des Abends konsequent ignoriert.

Maennerdenken1 560 IsabelMachadoRios uFrauen in Hosenanzügen spielen Männer, die die Hose anhaben. © Isabel Machado Rios

"Männer, die denken“ ist eine Gemeinschaftsproduktion von Mitgliedern des Oberhausener Ensembles und der Performing Group. Die freie Gruppe gastiert in Oberhausen derzeit auch mit ihrem Projekt "TRASHedy" und der Frage nach der ökologischen Intelligenz des Menschen. Am Schauspiel Hannover ist sie ebenfalls zu sehen, mit "Controlling Crowds", einer Jugend-Tanzperformance zu Elisabeth Wehlings sprachkritischen Betrachtungen "Politisches Framing".

"Männer, die denken“ kombiniert nun vergleichsweise theoriefern Cross-Dressing, Wut- und Wunschmonologe sowie Choreographien, die die abgrundtiefe Seltsamkeit genderstereotyper Verhaltensmuster vorführen: Ein Mensch, der Rollrasen ausrollt und sich permanent entschuldigt, während Menschen ihn mit Blicken ausziehen. Menschen die sich im Sirtaki-Takt an den Kopf fassen, um Gedanken zu simulieren. Menschen, die ihre Körper in GNTM-Manier in S-Kurve werfen, sobald ein Mensch über die Bühne schlurft. Und dann ist da noch Bianca Sere Pulungan, die mit ihrer getanzten Assoziation über Menschen und Affen angenehm deutungsoffene Impulse setzt.

Patriarchat für Dummies

Insgesamt ist eine betont naive Grundsätzlichkeit der Fragestellungen Programm: Was ist für uns Feminismus und warum ist er essentiell, wenn wir irgendwann in einer besseren Welt leben wollen? Klugscheißer*innen, die sich schon am Wort Feminismus stören, weil es ja nicht alle Menschen einschließe, schlägt Ronja Oppelt vor, sich doch auch mal gegen die Anti-Atom-Bewegung zu positionieren, wer könne denn schließlich etwas gegen Atome haben? Lise Wolle propagiert eher gelangweilt, Männer seien bedingt durch das Y-Chromosom eine biologische Katastrophe. Später wird sie etwas engagierter neue Familienmodelle und Sharing-Economies fordern. Clemens Dönicke bittet das Publikum, sich doch einmal Folgendes vorzustellen: Eine Frau geht nachts nach Hause, trifft im Hinterhof auf eine Gruppe Männer, deren Augen heben und senken sich kurz, die Frau betritt das Treppenhaus, dann ihre Wohnung und nichts, absolut nichts weiter passiert.

Das ist eine dieser Szenen, die für sich genommen eine leise poetische Kraft entfalten könnten. In der Summe wirken sie aber irritierend oberflächlich. Jahrzehnte feministischer Theorie, Gender Studies, queerfeministischer Debatten bleiben außen vor. Nach gut einer Stunde Patriarchat für Dummies wächst der Verdacht, dass mehr als #MeToo derzeit nicht drin ist. Gesellschaftlicher Fortschritt bleibt eine verdammt zähe Angelegenheit. Und damit das Gegenteil von Tofu-Wurst.

 

Männer, die denken
von der Performing Group
Regie: Daniel Mathéus, Julia Mota Carvalho, Bühne: Sylvain Faye, Musik: Martin Rascher, Dramaturgie: Meike Sasse.
Mit: Clemens Dönicke, Halina Martha Jäkel, Ronja Oppelt, Anna Polke, Bianca Sere Pulungan, Lise Wolle.
Dauer: 1 Stunde 15 Minuten, keine Pause

www.theater-oberhausen.de

 

Kritikenrundschau

Die zweite Oberhausener Produktion der Performing Group überzeuge bei seiner Premiere mit starken Momenten, heißt es von Ralph Wilms in der WAZ (20.11.2017). "Was ist typisch männlich? Was typisch weiblich?", frage der Programmzettel. Die erste Antwort sei ein Kleidertausch. "In einiger Rasanz wechseln also starke Bilder von kabarettistischer Qualität. Die Texte dazu? Sind eher unfreiwillige Comedy", so der Kritiker, der insgesamt unzufrieden ist. Fazit: "Bleibt die Spielzeit auf diesem Niveau, wird wohl erst das Schülertheaterfestival im Sommer einem ein bisschen zu denken geben."

 
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