Theater des Anstands

von Thomas Rothschild

Bruchsal, 18. November 2017. Eine Story, die eine ausweglose Situation zeigt und mit einem Doppelselbstmord endet, kann der Gefahr des Kitsches kaum entgehen. Was aber, wenn sie keine Erfindung ist? Kann dann das wirkliche Leben kitschig sein? Der Schauspieler Joachim Gottschalk, der sich zusammen mit seiner jüdischen Frau Meta vergiftet hat, weil er der Aufforderung, sich von ihr scheiden zu lassen und ihre angekündigte Deportation in ein KZ zu dulden, nicht folgen wollte, hat tatsächlich gelebt. Und die Geschichte unterscheidet sich von zahlreichen ähnlichen Geschichten nur dadurch, dass Gottschalk zu seiner Zeit ein prominenter Schauspieler war.

Ehe im Schatten

Hans Schweikart, ein Freund Gottschalks und von 1947 bis 1963 Intendant der Münchner Kammerspiele, hat gleich nach dem Krieg aus dem Stoff den "Filmvorschlag" gemacht: "Es wird schon nicht so schlimm werden! oder Nichts geht vorüber!", dessen Realisierung durch Kurt Maetzig unter dem Titel "Ehe im Schatten" 1947 in West- wie in Ostdeutschland zu einem großen Erfolg wurde.

Auch Ariane Mnouchkine hat in ihrer Dramatisierung von Klaus Manns "Mephisto" die Episode, leicht modifiziert, verwendet. Carsten Ramm, der langjährige Intendant der Badischen Landesbühne in Bruchsaal, hat das Manuskript der unveröffentlichten Erzählung aufgestöbert und 2014 im Verbrecher Verlag herausgegeben. Jetzt hat er sie an seinem Theater als Bühnenstück uraufgeführt und damit die konsequente Beschäftigung der Landesbühne mit der jüngeren deutschen Geschichte fortgesetzt.

Frage nach der Menschlichkeit

Um es vorwegzunehmen: Die Uraufführung von "Es wird schon nicht so schlimm!" ist moralisch und politisch motiviert. Eine Rezension, die ihre Kunstfertigkeit prüft, wird ihr nicht gerecht. Wenn Gottfried Benns meist falsch zitiertes Diktum "Es hat sich allmählich herumgesprochen, dass der Gegensatz von Kunst nicht Natur ist, sondern gut gemeint" zutrifft, dann ist die Bruchsaler Inszenierung nicht Kunst. Na und? Gewiss, es gibt literarisch bedeutendere Werke. Aber wenn dieses Argument nur vorgebracht wird, wo es um unbequeme Themen geht, drängt sich der Verdacht auf, dass ein Vorwand gesucht wurde, um diese zu vermeiden.

Eswirdschon2 560 Sonja Ramm u Vor vergilbten Fotos, in dritter Person über sich redend: "Es wird schon nicht so schlimm!"
© Sonja Ramm

Die Thematik des Opportunismus der Kollegen, der Schuld unpolitischer Zeitgenossen, denen die Nachwelt gerne zugute hält, dass Feigheit und der Wunsch, das eigene Leben möglichst ungestört weiterführen zu können, ja nur "menschlich" seien, diese nach wie vor aktuelle Problematik, die bei "Mephisto" im Fokus steht, wird in "Es wird schon nicht so schlimm!" nur gestreift. Die Geschichte des Schauspieler-Paars, die bei Schweikart Lilly Hollmann und Gregor Maurer heißen, handelt von der Illusion eines "Ariers", der in den Jahren des Nationalsozialismus lange glaubt, er könne eine Jüdin durch eine "Mischehe" vor Verfolgung schützen. Als klar wird, dass der Frau die Deportation droht, entscheidet sich das Paar für den "Freitod", in den es den gemeinsamen Sohn mitnimmt.

Nähe durch Distanz erfahrbar machen

Aus dem kleinen Ensemble ragt Cornelia Heilmann als Lilly Hollmann heraus, nicht nur wegen der zentralen Bedeutung dieser Figur innerhalb der Handlung, sondern auch durch ihre Präsenz, ihre sprecherische, gestische und mimische Differenzierungsfähigkeit, die auf Brüllen und Strampeln verzichtet. Ihre Partner, zum Teil in mehreren Rollen, überzeugen, wo sie sich zurücknehmen und das Gesagte nicht illustrieren. Sie scheitern, wo sie, wie etwa in der Szene über die "Reichskristallnacht", das Entsetzen zu suggerieren versuchen, statt es ahnen zu lassen. Da wäre weniger mehr.

Eswirdschon1 560 Sonja Ramm uMarkues Hennes und Cornelia Heilmann als Paar, das gemeinsam Selbstmord begeht
© Sonja Ramm

Das Sujet mag an Brechts "Furcht und Elend des Dritten Reiches" denken lassen. Carsten Ramm hat sich jedoch für eine szenische Sprecherzählung vor Stellwänden mit vergilbten Porträtfotos entschieden, in der die Figuren in der dritten Person über sich reden. Das schafft Distanz und verringert die Verführung zur Sentimentalität. Die epischen Passagen werden von knappen Dialogen unterbrochen. Deren Dramaturgie folgt einem naiven Realismus, vergleichbar dem des ebenfalls verfilmten Theaterstücks "Professor Mamlock" von Friedrich Wolf.

Dabei kommt die Bühnenadaption, wie Schweikarts Vorlage, an Klischees nicht vorbei. Einen Satz wie den folgenden wollte Ramm offenbar nicht streichen: "Sie fühlen ihre Liebe, die größer ist als alles, was sie in der Welt kennengelernt haben." Aber dass etwas zum Klischee wurde, bedeutet ja nicht, dass es nicht der Realität entspricht. Der Krimi-Autor Ross Thomas sagte einmal: "Ich benütze Klischees, weil jeder sie versteht. Deshalb sind sie Klischees."

Nichts als das Leben

Dass jeder die Klischees von Hans Schweikarts Story versteht, heißt auch nicht, dass die deutsche Geschichte zwischen 1933 und 1945 im Bewusstsein aller lebendig wäre, dass sie gar Empathie mit den Opfern empfänden. Die jüngsten Wahlresultate rechtfertigen schon eine Uraufführung wie diese, selbst wenn sie nicht in die Annalen der großen Kunst eingehen wird. Und wer da klugscheißt, Selbstmord wäre keine Lösung für ein Problem: Wohl wahr!

Er war es auch nicht für Egon Friedell, der aus dem Fenster sprang, als zwei SA-Männer an seine Wohnungstür klopften. Er war es nicht für Walter Benjamin, für Walter Hasenclever oder für Stefan Zweig. Aber eine Lösung gab es nicht. Deshalb sind diese Geschichten Tragödien. Nebenbei: größere Tragödien als die Arisierung von Villen oder der Raub von Kunstwerken. Die namenlosen Opfer der Nationalsozialisten, die Selbstmord begingen – nach Christian Goeschel waren es in Deutschland allein zwischen 1941 und 1943 mehrere tausend –, hatten nichts zu verlieren als ihr Leben. Das lässt sich nicht restituieren. Daran zu erinnern, steht jedem Theater gut an. Und sei es in Bruchsal, wo der Spargel wächst.

Es wird schon nicht so schlimm!
von Hans Schweikart
(Uraufführung)
Regie: Carsten Ramm, Bühne: Tilo Schwarz, Kostüme: Kerstin Oelker.
Mit: Colin Hausberg, Cornelia Heilmann, Markus Hennes, Tobias Karn, René Laier, Nadine Pape.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause 

www.dieblb.de

 

Kritikenrundschau

Carsten Ramm inszeniere seine Bühnenfassung als Erinnerung und zugleich als Aufklärung über Verdrängungsmechanismen, schreibt Sybille Orgeldinger in den Badischen Neusten Nachrichten (20.11.2017). Um die Allgemeingültigkeit zu unterstreichen stelle er Distanz zu den Figuren her. "Gegen Ende nehmen die expliziten Appelle Überhand. Die Geschichte für sich sprechen zu lassen, wäre wirkungsvoller." Raffiniert sei die Besetzung, und Nadine Pape, die gleich drei Figuren verkörpere, "steuert auch Streichmusik und eine verstörende Geräuschkulisse bei."

 

 
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