Am siebten Tage ruhst Du im Dreck

von Gerhard Preußer

Oberhausen, 9. März 2018. Plötzlich beachtet man Anna Seghers. Bei der Berlinale lief Christian Petzolds Neuverfilmung von Seghers' Flüchtlingsroman "Transit". Anselm Weber brachte in Frankfurt am Main Das siebte Kreuz auf die Bühne des Schauspielhauses. Im April wird der Roman Thema der Veranstaltungsreihe "Ein Buch für Frankfurt" sein. In den 60er Jahren wurde noch diskutiert, ob man in der Bundesrepublik überhaupt eine Neuauflage dieses Romans der immer linientreuen Kommunistin zulassen sollte. Dass er in der DDR Schulpflichtlektüre war, hat auch nicht gerade zu seiner Reputation beigetragen, auch nicht, dass er zunächst 1942 in den USA ein Bestseller war, bevor er überhaupt nach Deutschland kam. Aber in eine Welt voller Flüchtlinge passen heute Seghers' Generalthemen: Flucht, Niederlage und Martyrium, die Kraft der Schwachen.

Demonstrativ schräg gelegt

Lars-Ole Walburg, der Intendant des Schauspiels in Hannover, macht in Oberhausen, bei seinem früheren Schüler Florian Fiedler, der nun dort selbst Intendant ist, kein Drama aus dem Roman. Es bleibt eine Erzählung. Die Grundfläche für das demonstrative Spiel ist ein riesiges, schräg auf die Bühne gelegtes Hakenkreuz (Bühne: Maria-Alice Bahra).

1937 fliehen sieben Häftlinge aus einem Konzentrationslager. Nur einer kommt durch. Nur einer erreicht das Ausland, die anderen kommen um. Diese Handlung wäre auch gut für einen Krimi Volker Kutschers (nur sind die Kommissare bei Seghers zynische Routiniers der Menschenverachtung). Sie ist das Gerüst des Romans – und das bleibt übrig, wenn man aus einem Roman ein Drama macht. Walburg kennt diese Gefahr und lässt viel originalen Erzähltext sprechen. Unterschiedliche Schauspieler und Schauspielerinnen übernehmen wechselnde Rollen, mal chorisch, mal solo. Schnelle Kostümwechsel zur Figurencharakteristik, minimale Requisiten zur Kennzeichnung der Situation, Live-Musik zur emotionalen Grundierung – das sind die Mittel, mit denen in vielfacher Variation die komplexe Handlung der sieben Fluchttage erzählt wird.

das siebte kreuz 99 560 Ant Palmer uFahnenschwenken und dann die Flucht, auf minimal ausgestatteter Bühne in "Das siebte Kreuz"
© Ant Palmer

Diese Texttreue, der narrative Grundgestus, kann aber nicht verhindern, dass Seghers' emphatische Verklärung der deutschen Landschaft, ihre Hymnen auf die Unzerstörbarkeit des Alltags, ihre Feier des gewöhnlichen Lebens, nicht anschaulich werden.

Gehetzte Menschen

Jeder Erzähler in einem Roman hat seinen eigenen Ton. Bei Seghers ist es ein warmer, aber lakonischer Ton, nur gelegentlich angereichert durch verallgemeinernde Reflexionen. In der Oberhausener Inszenierung ist der Tonfall derselben Sätze immer erregt, gehetzt, anklagend. Dass es der organisatorische Apparat der konspirativ arbeitenden illegalen kommunistischen Partei ist, der schließlich die Emigration des entsprungenen Häftlings ermöglicht, wird im Roman immerhin angedeutet. Auf der Bühne kommt die Gelegenheit zur Flucht auf einem Rheinschiff plötzlich wie ein deus ex machina. Enthistorisierung ist hier doch wieder der Preis für die Vergegenwärtigung auf der Bühne.

das siebte kreuz 11 560 Ant Palmer uDie Kraft der Schwachen oder menschliches Martyrium? Sieben unchristliche Fluchttage zählt Anne Seghers' Roman © Ant Palmer

Zur distanzierten Darstellung der Handlung durch die Rezitation von Erzählertext kommt eine weitere Ebene, die den emotionalen Nachvollzug des Geschehens beim Zuschauer unterbricht. Immer wieder taucht eine lustige Figur auf, die uns mit fistelnder Stimme, lispelnd und mit ausgreifenden Gesten die literarische Bedeutung des Romans erklärt: Marcel Reich-Ranicki, der tatsächlich ein unbeugsamer Fürsprecher für diesen Roman war.

Schließlich bringt diese Schießbudenfigur auch noch einen Mann mit Schiebermütze und Zigarre mit auf die Bühne, der Brechts Gedicht "An die Nachgeborenen" rezitiert. So weist Walburg immer wieder auf die Differenz zwischen Vorlage und Inszenierung hin und ordnet den Roman zugleich in die Literaturgeschichte ein. Reich-Ranickis Lob ("der wichtigste von einer Frau geschriebene Roman der deutschen Literatur") ist offensichtlich auch das der Inszenierung, aber dieses Lob wird lächerlich präsentiert. Nichts bleibt ohne Distanzierung.

Appell aus dem Off

Den Schluss bildet noch ein gefakter O-Ton aus dem Off: Eine Schauspielerin spricht Sätze aus Interviews von Anna Seghers (leider im Wienerischen statt im Mainzer Tonfall) über die Entstehung ihres Romans während ihrer Emigration in Frankreich und Mexiko und erklärt ihn als Aufforderung, sich zwischen Rückfall in die Barbarei und Humanität zu entscheiden. So schwankt die Inszenierung zwischen Leseförderung und Erinnerungskultur, zwischen Informationsveranstaltung für Nicht-Leser und moralischem Appell an die Gegenwart.

 

Das siebte Kreuz
von Anna Seghers, Bühnenfassung von Lars-Ole Walburg
Regie: Lars-Ole Walburg, Bühne: Maria-Alice Bahra, Kostüme: Annika Lohmann, Musik: Martin Engelbach, Dramaturgie: Patricia Nickel-Dönicke.
Mit: Clemens Dönicke, Martin Engelbach, Burak Hoffmann, Emilia Reichenbach, Daniel Rothaug, Lise Wolle.
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.theater-oberhausen.de

 

Kritikenrundschau

Walburg "findet starke Bilder für eine zeitlos starke Geschichte, auch wenn nicht alle Ideen zünden", schreibt Sven Westernströer in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (12.3.2018).

Der "fast schon revuehafte Zugang" der Inszenierung "hellt das düstere Stück auf, macht es kurzweiliger und leichter konsumierbar", schreibt Klaus Stübler in den Ruhrnachrichten (12.3.2018). "Ist die Buchvorlage durchgängig eindringlich und berührend, trifft das hier nur für einzelne Szenen wie die zwischen Georgs Jugendfreunden Liesel und Paul Röder, gespielt von Emilia Reichenbach und Burak Hoffmann, zu." Auf jeden Fall jedoch sei in Oberhausen "eine Produktion zu erleben, die nicht kalt lässt und vor allem Jugendlichen eine gute Grundlage bietet, sich mit humanitärem Handeln auseinanderzusetzen – nicht nur zur Nazizeit".

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