16. Juni 2018

Bildung für alle

von Monica Nkodo

Sechs Schauspieler auf der Bühne. Drei Männer, drei Frauen. Drei Kameruner, drei Deutsche. Spürbare Gleichberechtigung zeigt die Inszenierung "Tu comprends? Verstehste?", die im November 2017 in Yaoundé und Douala, den beiden größten Städten Kameruns, gespielt wurde. Das Kinderstück, eine Koproduktion des Théâtre du Chocolat (Kamerun) und des Theaterhaus Ensembles (Deutschland), erzählt von Akzeptanz, Verständnis und Unverständnis. Wie können Menschen zusammenleben, die nicht dieselbe Herkunft, Bildung, Vergangenheit haben?

Solche Fragen sind zu existentiell, um Fünf- bis Zwölfjährige damit zu konfrontieren – könnte man meinen. Aber nichts sei so komplex, dass man es den Kleinsten nicht erklären könnte, so der Schauspieler und Regisseur Etoundi Zeyang, der das 1981 gegründete Théâtre du Chocolat leitet und im Jahr 1996 das Afrikanische Festival für Kinder- und Jugendtheater (FATEJ) ins Leben rief. Für ihn ist es entscheidend, dass Kinder Inhalte sehen, in denen die Zukunft und die Entfaltung der Gemeinschaft eine Rolle spielen. Man müsse, so Zeyang, bloß ein besonderes Augenmerk darauf legen, mit welchen Mitteln und durch welche Kanäle man diese Botschaft an diese Zielgruppe herantrage, ohne sie zu traumatisieren oder ihnen ihre unschuldigen Träume zu rauben.

Das Kindertheater in Kamerun ist durch zahlreiche Organisationen wie das FATEJ und das Kunst- und Theaterfestival für das Afrikanische Kind (FATEA) vertreten und erlebt seit vielen Jahren eine sehr erfolgreiche Entwicklung. In einem Land, in dem im Laufe der Zeit die großen Theaterfestivals allesamt eingingen, findet das Kinder- und Jugendtheater seit Jahrzehnten erstaunlichen Anklang. Diese Langlebigkeit ist vor dem Hintergrund einer schwierigen wirtschaftlichen und soziokulturellen Situation interessant. Wie ist es diesen Künstler*innen gelungen, ihren Platz bei einem jungen Publikum zu finden?

Kinder verzichten auf Süßes, um sich den Theaterbesuch zu leisten

Seit mehr als 35 Jahren vermittelt das Théâtre du Chocolat den Jüngsten in Kamerun, wie sie verantwortliche Erwachsene werden können. Etoundi Zeyang findet, von allen Lebensphasen sei die Kindheit am besten dafür geeignet, Leidenschaften zu entdecken und Berufungen zu wecken. In den ersten Jahren traten die Schauspieler des Théâtre du Chocolat in den Schulen und Kindergärten der Hauptstadt Yaoundé auf und wurden so zu veritablen Rockstars dieser Altersgruppe.

Cameroun TheatreDuChocolat 560 Goethe InstittRBisseEssomba uThéâtre du Chocolat und Theaterhaus Ensemble mit "Tu comprends? Verstehste?", im November 2017 in Kameruns Hauptstadt Yaoundé gezeigt. © Goethe Institut / R. Bisse Essomba

Der Eintritt zu ihren gutbesuchten Stücken kostete damals etwa 200 FCFA (0,30 Euro). Manche Kinder verzichteten solange auf Süßigkeiten, bis sie sich das Geld für den heiß ersehnten Theaterbesuch zusammengespart hatten. Ich muss gestehen, auch ich war Fan dieses außergewöhnlichen Ensembles und hätte alles dafür gegeben, ihre Stücke zu sehen. Sie haben uns zum Lachen gebracht wie nichts sonst.

Die zentralen und beliebtesten Figuren Bobbo und der Vielfraß Mangetou werden von Schul- und Kindergartenkindern stets mit tosendem Beifall auf den Pausenhöfen begrüßt, wo die Vorstellungen nach dem Unterricht stattfinden. Das hat mehrere Vorteile: Kosten für die Fahrt, wie sie sonst bei einem Kino- oder Theaterbesuch anfallen, sind hinfällig. Außerdem sind die Kinder betreut; sie müssen nicht von ihren Eltern begleitet werden, was für Familien ebenfalls kostspielig wäre. Das Konzept des Théâtre du Chocolat zeigt, wie Bildung durch Theater funktionieren kann.

Nach über 30 Jahren in der Hauptstadt hat Etoundi Zeyangs Festival FATEJ nun mit dem Programm "Theater in der Schule, Theater für alle" seinen Wirkungskreis auf das gesamte Land ausgeweitet. Zeyang will damit auf den Wunsch reagieren, das Theater zu demokratisieren und zu dezentralisieren. Auf zwei Tourneen besuchte Etoundi Zeyang mit seinem Ensemble drei weitere von den insgesamt zehn Regionen Kameruns: den Osten, den Süden und das Zentrum. Weitere Kommunen des Landes sollen folgen. Das Projekt war ein voller Erfolg.

Auf dem Land kommen auch viele erwachsene Zuschauer

Auf dem Land und in anderen benachteiligten Gemeinden in Kamerun ist das Unterhaltungsangebot nicht groß. Kindertheater findet hier auch bei Erwachsenen starken Anklang, auch bei älteren Menschen. Dieses neue Abenteuer bescherte dem Ensemble Tausende neuer Fans im ganzen Land und manchmal sogar riesige Shows auf den öffentlichen Plätzen kleiner Städte. Eltern, Lehrkräfte und sogar die Verantwortlichen der Kommunen sehen in den Produktionen des Théâtre du Chocolat einen ergänzenden Beitrag zu der Bildung, die sie auf Schulbänken und zuhause erfahren.

Das Théâtre du Chocolat ist nicht die einzige Erfolgsgeschichte des Kinder- und Jugendtheaters in Kamerun. Zu den bekanntesten Institutionen gehört das bereits erwähnte Kunst- und Theaterfestival für das Afrikanische Kind (FATEA), das der unter dem Namen Bengoula Show auftretende Künstler Bienvenu Mbala ins Leben rief. Allen Widerständen zum Trotz findet das Festival seit 30 Jahren statt – meist im Juli, Jahr für Jahr.

In einer öffentlichen Schule bietet das FATEA eine Woche lang Veranstaltungen und Workshops an: Theaterstücke, Wettbewerbe für traditionelle Tänze und Musik, Unterricht in den verschiedenen Muttersprachen. Für Bienvenu Mbala muss die Essenz der Kultur erhalten bleiben. Die besten Multiplikatoren hierfür seien die Kinder. "Sie sind unsere Zukunft, sagt man gern. Und ihnen ihre Wurzeln und ihre Kultur nahezubringen ist der beste Weg, um ihnen zu vermitteln, wer sie wirklich sind. Und was wäre besser dafür geeignet als das Theater, diese wirkmächtige Kunst, bei der ein unmittelbarer Kontakt entsteht zwischen Schauspieler*innen und Publikum – hier also den Kindern", so Bienvenu Mbala.

Der Zielgruppe auf Augenhöhe begegnen

Was steckt hinter dem Erfolg und der Langlebigkeit dieser beiden Institutionen des Kindertheaters – in einem Land, in dem Festivals mangels finanzieller Mittel so schnell eingehen, wie sie gegründet wurden? "Jedes Jahr beginnt ein fürchterliches Ringen um finanzielle Mittel", erzählt Etoundi Zeyang. "Was uns antreibt, ist die Leidenschaft, die Überzeugung, dass wir das für die Kinder von heute und für eine blühende Kultur in der Zukunft tun." Dem finanziellen Mangel begegnen sie, indem sie sich mit anderen Kinder- und Jugendtheatern, insbesondere aus Europa, zusammentun.

Eine der größten Stärken dieser Kindertheater-Macher: Sie begegnen ihrer Zielgruppe auf Augenhöhe. "Nur weil sie noch klein sind, muss man ihnen keinen Babykram vorspielen, der ihnen nur in einem gewissen Alter Spaß macht", meint Bienvenu Mbala. Der Vorsitzende des Festivals FATEA ist diplomierter Theaterpädagoge. Er weiß also, dass Kindertheater eben kein Kinderspiel ist.

Dass man Kinder mühelos zum Lachen bringt, ist ein Vorurteil. Schauspieltechnik, Inszenierung, Kostüme, Requisiten und andere Elemente wollen gut durchdacht und speziell auf das junge Publikum zugeschnitten sein, damit die Kleinen sich vor Lachen kugeln und gebannt zuschauen. "Schauspieler haben im Kindertheater drei Waffen: das Gesicht, die Stimme und den Körper", erklärt Bienvenu Mbala. "Sie müssen sich die Rolle aneignen, wieder Kind werden, denn die Kleinen müssen sich in ihnen wiedererkennen können."

Gesten sind bei der Vermittlung einer Botschaft besonders hilfreich. "Im Kindergarten brauchen wir keine Sprache, sondern Bewegung. Alles, was sich bewegt, weckt die Aufmerksamkeit der Kinder. Theater für Kinder muss quicklebendig sein, sonst kommt nichts rüber", so Mbala. Er setzt so oft wie möglich Komik ein, denn das wichtigste Ziel der Vorstellung sind glückliche Kinder. Die Auswahl der Inhalte ist entscheidend: "Ernährung, Spiel, Figuren aus dem familiären Umfeld, wie Opa, Oma, Papa, Mama, aber auch Streit und Liebe", erzählt Bienvenu Mbala.

Geschichten vom Essen, um Werte zu vermitteln

Deshalb dreht sich in Etoundi Zeyangs Théâtre du Chocolat so viel ums Essen. Mit diesem Kernthema erreicht das Ensemble die kleinen Zuschauer*innen in Stücken wie "Abok (Das Fest)", "Die Schurkereien von Vielfraß Mangetou" und "Die zwei Diebe". Vielfraß Mangetou ist in der Regel der Böse. Er will sein Essen nicht mit den anderen teilen, ist unersättlich und lügt. Anders als Bobbo, der den anderen immer etwas von seinem Brot, seinem Braten oder seinen Bonbons abgibt.

Die Schauspieler*innen nutzen das Thema Essen – dieses essentielle Element, das wir Menschen zum Leben brauchen –, um den Kindern vielfältige Werte zu vermitteln: Teilen, Solidarität, Motivation, Brüderlichkeit, Engagement und Liebe. Und die Botschaft kommt bei den Kindern an – auf wunderbar leichte, spielerische Weise.

 

Aus dem Französischen von Bochert Translations (Katja Roloff).

 

Monica Nkodo 80Monica Nkodo lebt und arbeitet als Journalistin in Kamerun. Sie leitet seit fünf Jahren das Kulturressort der überregionalen französisch- und englischsprachigen Tageszeitung Cameroon Tribune. Besonders interessiert sie sich für Theater und Film, zwei Felder, denen in der Cameroon Tribune derzeit eigene Rubriken gewidmet sind.


 

Hier steht die englische Version des Textes.

Hier berichtet Milisuthando Bongela über die Lage des Kulturjournalismus auf dem afrikanischen Kontinent. Yvon Edoumou fragt, ob Kunst im kongolesischen Kinshasa für "arme" Leute zugänglich ist. Stéphanie Dongmo porträtiert den Theaterregisseur Martin Ambara aus Kamerun. Ismael Fayed schreibt über die Inszenierung "Saigon" von Caroline Guiela Nguyen und Les Hommes Approximatifs. Enos Nyamor berichtet über das Theater in Kenia, Aboubacar Demba Cissokho über Theater im Senegal und Carla Lever über Theater in Kapstadt, die die faktische Apartheid in Südafrikas Kulturbetrieb überwinden. Sérgio Raimundo beschreibt, wie das Theater in Mosambik zum sozialen Wandel beiträgt.

 

Der Text ist im Rahmen des Journalist*innen-Projekts "Watch & Write" des Festivals Theaterformen entstanden und wird im Rahmen einer Medienkooperation auf nachtkritik.de veröffentlicht. Er ist nicht Teil des redaktionellen Programms von nachtkritik.de.

 

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