Scheitern als Technik

von Jan-Paul Koopmann

Bremen, 29. November 2018. "Dass der Hund hier alles vollkackt, das vergleichst du mit der Shoah?" Man kann die Entrüstung des ansonsten eher weniger sensiblen Opas Irv schon verstehen. Es ist ja wirklich eine Zumutung, wie Jonathan Safran Foers Roman "Here I Am" leichtfüßig den Massenmord am jüdischen Volk mit einem drohenden Untergang Israels vermengt – und beides zur Projektionsfläche degradiert für die herzerweichende Trennungsgeschichte eines US-amerikanischen jüdischen Pärchens irgendwo Anfang der 40. Diese Spiegelung hat Felix Rothenhäuslers Inszenierung sehr genau verstanden. Sie beleuchtet die Beziehungen zwischen diesen und jenen überhaupt bis ins Mark: zwischen Vater, Mutter und Kind, Volk und Religion, Israel und Diaspora, Chef und Sekretärin. Nur wer die Menschen in diesen Konstellationen eigentlich sind, ist dem Stück auf frappierende Weise egal.

Hierbinich6 560 Joerg Landsberg uDeniz Orta, Siegfried W. Maschek © Jörg Landsberg

Nun liegt es auch an der Überfülle und der kunstfertig vorangetriebenen Dialog-Eskalation der Vorlage, dass sich ihre 700 Seiten kaum kürzen lassen, ohne ihr damit Gewalt anzutun. Rothenhäusler und Jan Eichberg versuchen es nach ihrem gewohnten Rezept für Roman-Adaptionen: steigen zum Höhepunkt des Konflikts ein, lassen die festgefahrenen Positionen aufeinander losgehen und zeigen die technische Routine ihres Scheiterns.

Das klingt zwar dröge, ist eine Zeitlang aber wirklich richtig lustig: "Was ist ein Vaginaloch?", fragt herrlich-blöde Bastian Hagen als Riesenbaby Benjy. Vater und Mutter zucken kurz zusammen: Sollte man Papas aufgeflogene Affäre doch erst diskutieren, wenn die Kinder im Bett sind? Der nächste Sohn mischt sich ein, Justus Ritter als liebenswürdiger Klugscheißer Max erklärt dem Kleinen eben, was eine Vagina ist. Opa gibt einen zynischen Kommentar ab, Deniz Orta als super-bockigem dritten Sohn Sam wird die Sache zu viel: "Ihr seid so peinlich", und der Hund (hechelnd unter dem Fell: Siegfried W. Maschek) muss jetzt wirklich dringend Gassi. So geht das Elend wieder und wieder im Kreis.

Klischee-Parade

Eingesperrt in der Familienküche folgt vor weiß-rosa Schrankfronten in hoher Taktung Punchline auf Punchline. Dass aus den Boxen jedes Mal so ein schrabbeliges "Düttdööt" ertönt, wenn wer einen bemerkenswerten Satz spricht, hat was von der beiläufigen Heiterkeit einer Sitcom-Lachmaschine. Und unterstreicht sehr hübsch die maschinelle Rhythmisierung dieses familiären Miteinanders. Nur passiert dann eben weiter nichts mehr, der Konflikt ist nach zehn Minuten auserzählt, selbst der knallige späte Auftritt Matthieu Svetchines als israelischem Cousin Tamir unterstreicht im Grunde nur das bereits zigmal Gesagte.

Hierbinich2 560 Joerg Landsberg uVerena Reichhardt, Annemaaike Bakker, Justus Ritter, Nadine Geyersbach, Matthieu Svetchine, Bastian Hagen © Jörg Landsberg

Verloren gehen die zarten Zwischentöne des Romans, die Aufs und Abs einer scheiternde Ehe und überhaupt die Liebe: Die ist nämlich schon noch da, reicht aber eben nicht, um miteinander weiterzumachen. Für solche Feinheiten hat die Inszenierung keine Zeit und wohl auch kein Interesse an ihnen. Ein weiteres Beispiel: Als Opa Irv reibt Verena Reichhardt dem Sohn zwar schneidend fies und lustig hämisch unter die Nase, dass er als Künstler nur blöde Unterhaltung fürs Fernsehen schreibe. Nur unterschlägt die Bremer Theater-Fassung dann, dass der Sohn – im Roman – durchaus einen anspruchsvolleren Text in der Schublade hätte, diesen aber nicht veröffentlicht – weil Opa drin vorkommt und diesen Spiegel nicht ertragen würde.

Die Regie dampft Foers Text auf genau die Klischees ein, an denen er behutsam arbeitet. Familienvater Jacob gibt Nadine Geyersbach ungebrochen als impotentes Würstchen, als kleinwüchsigen und mageren Intellektuellen. Dagegen steht Matthieu Svetchine mit Militärfrisur, Kampfstiefeln und Goldkettchen unterm angeklebten Fettgesicht als israelischer Obermacker. Das sind zwei jüdische Männerstereotype, die der Roman kunstvoll dekonstruiert, und die die Inszenierung achselzuckend der Lächerlichkeit preisgibt.

Krieg als Gedankenspiel

Als in der Familienküche schließlich der Nahostkonflikt eskaliert, implodiert die soziale Konstruktion endgültig: Opa mit seiner rassistischen Härte, der Onkel als Chauvi, der Nachwuchs als zum Kriegsspiel Verführter und der Familienvater als schnöder Feigling. Handelt der Roman noch von einem zwar fiktiven, in seiner Eskalation aber doch akribisch durchdeklinierten Krieg – bleibt er auf der Bühne betont ein Abstraktum, als sei die gewaltbereite Feindseligkeit unter Israels Nachbarstaaten nur so ein jüdisches Gedankenspiel. Gesagt wird auch nichts mehr: "Rattatttatatat" machen alle und so lange "Bum bum", bis schließlich noch der altersschwache Familienhund mitjault. Aber da ist es dann auch bald überstanden.

Dass Rothenhäuslers erprobtes Regiekonzept das Dialogfeuerwerk des Romans so gar nicht in den Griff bekommt, ist ein bisschen überraschend – und schade. Dass an diesem Abend aber auch einer der bemerkenswertesten Versuche auf der Strecke bleibt, die Spannungen zwischen amerikanischer Diaspora und Israels Juden zu durchleuchten, ist hingegen so richtig ärgerlich.

 

Hier bin ich
nach dem Roman von Jonathan Safran Foer
in einer Fassung von Jan Eichberg
Regie: Felix Rothenhäusler, Bühne: Katharina Pia Schütz, Licht: Tim Schulten, Kostüme: Elke von Sivers, Musik: Matthias Krieg, Dramaturgie: Akın Emanuel Şipal.
Mit: Annemaaike Bakker, Nadine Geyersbach, Bastian Hagen, Justus Ritter, Deniz Orta, Verena Reichhardt, Matthieu Svetchine, Siegfried W. Maschek.
Premiere: 29. November 2018
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.theaterbremen.de

 

Kritikenrundschau

"Der ganze Text ist ein Volltreffer und die Inszenierung ist mehr als nur gelungen!" so Marcus Behrens von Radio Bremen (30.11.2018), der den Abend fast durchweg mit Spannung verfolgt hat. "Das ganze Ensemble überzeugt in seinen Rollen und auch das Bühnenbild hat genauso viel von dem, was man braucht um glaubwürdig zu unterstreichen, dass sich das, was wir da hören ganz genauso abspielen könnte."

 

 
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