Das Missgeschick als Happening

von Daniela Barth

Hamburg, 30. August 2008. The Real Fiction auf Kampnagel: Wir finden uns zusammen vor einer perfekt minimalistisch ausgestatteten Bühne. Weiße Wände, weißer Boden, auf dem verschiedene schwarze Trapeze, Quader oder Quadrate aufgeklebt sind. Ja, Theater ist eine ernsthafte Angelegenheit. Ein sehr ernst zu nehmender, kunstvoller Sachverhalt.

 

Gravitätisch also, vorbildlich bemüht und sendungsbewusst wiewohl wirkungsvoll schreiten denn auch die beiden Protagonistinnen (Maria Jerez und Armaia Urra) zur Tat. Nach und nach drapieren sie diverse Utensilien auf der Bühne. Plastikbrüste, Kerzenständer, Tüten, grell-grüner Schutzhelm. Alles hat offenbar seinen vorgegebenen Platz. Die Punkte sind markiert. Ein Requisiten-Universum, das blödsinniger kaum sein könnte.

Alles andere als Spaß

Und wir – die Zuschauer – halten (natürlich nur im Geiste) die Hand vor den vor lauter Langeweile gähnenden Mund (in der Realität räuspern wir uns nur ein bisschen manierlich), denn augenscheinlich sorgt nicht nur der bemühte Titel "The Real Fiction" dieses Stückes für Verstimmung. Schon der Ankündigungstext verspricht uns alles andere als Spaß: Der spanischen Tänzerin und Performerin Cuqui Jerez (Regie) gehe es um "die Struktur einer Sache als fundamentaler Teil des Inhalts, die Grenzen der Darstellbarkeit." Gähn! Zum Weglaufen eigentlich, wenn man nicht mit dem Schreiben darüber Geld verdienen müsste... Oder Eintritt bezahlt hätte...

Leider kommt noch schlimmer: Die Bewegungen der Schauspielerinnen sind exakt choreografiert, vermutlich um das Abstrakte zu untermauern. Als manifestiere allein die auf Millimeter festgelegte Genauigkeit den Sinn dieses theatralen Unterfangens. Maria Jerez richtet in meditativer Konzentration einen Fotoapparat auf eine Videokamera aus, entfernt sich im Laufschritt und während sie im Off verschwindet, leuchtet das Blitzlicht auf. Beachtliches Timing. Nachfolgende Aktionen sind vergleichbar skurril: Ein Ventilator wird auf die Bühne geschoben und angeschaltet, eine Plastiktüte davor gehängt.

Vielsagende Blicke der Verstörung

Eine ferngesteuerte Spielzeug-Lokomotive mit aufmontierter Taschenlampe zuckelt durch den Raum, um am festgelegten Punkt anzuhalten. Cola wird mit zelebrierter Geste in ein Glas geschüttet. Dann das Anziehen eines einzelnen Rollschuhs. Und: dies alles wird – es erstaunt uns nicht wirklich - gefilmt. Oder dann doch nicht? Vielsagende Blicke der Verstörung lassen uns aufmerken. Wispern.

Abrupte Unterbrechung. Ein Techniker stapft auf die Bühne, die Regisseurin folgt, um sich mit den Spielerinnen zu beratschlagen. Die Panne: Ein Albtraum für jeden Theatermenschen. Wir erfahren: Das Tape ist kaputt, man müsse jetzt alles wiederholen: "...from the beginning". Ungläubiges Gelächter aus dem Publikum. Ist das jetzt gefakt, oder was? Real oder behauptet? Der lächerlich nichtssagende Titel gewinnt plötzlich und unerwartet an Bedeutung.

Inszenierung oder Wirklichkeit?

Das entzückende Pärchen neben mir, welches sich ganz offensichtlich im zweiten Frühling befindet und schon die ganze Zeit über halblaut das Geschehen auf der Bühne kommentiert ("Hach, wenn man wenigstens ein Glas Rotwein dazu trinken dürfte..."), diskutiert nun über die Ernsthaftigkeit der Sache an sich, kommt indes zu keiner befriedigenden Antwort auf die Frage, ob das Missgeschick nun Wirklichkeit oder Fantasie sei. Die resolute Dame fasst schließlich ihren Herrn am Arm, vermutet hörbar, dass es sich wohl hier um ein "chaotisches Schülertheater" handele und beide verlassen den Raum, mit dem bedeutungsvollen Satz auf den Lippen: "Die können ja noch ein bisschen üben." Lacher.

Inszeniert oder pure Realität...? Wer weiß das schon – ich jedenfalls kann ab jetzt gern auf ein Glas Rotwein zur Stimmungsaufhellung verzichten. Denn was sich nun auf der Bühne anbahnt – nämlich eine Pannendichte von absurder Penetranz - habe ich bisher kaum komischer erlebt. Die Wiederholung muss wiederholt werden – es generiert sich aus einer Art Pannen-Domino-Effekt eine Wiederholungsschleife. So eine Art "Und täglich grüßt das Murmeltier...", aber irgendwie imposanter und wesentlich amüsanter, weil die Reproduktion der Reproduktion immer Neues, Überraschendes entstehen lässt, und wir als Zuschauer real mit einbezogen werden.

Meisterleistung der Requistiteure

Ich erwische mich dabei, auf das nächste Missgeschick regelrecht zu lauern – und stets ist das nächste ein Happening. Eine erstaunliche Ideen-Vielfalt offenbart sich hier. Und eine Meisterleistung der Requisteure. Denn glauben Sie mir: ein missglücktes Missgeschick würde auffallen.

Irgendwann scheint der Punkt erreicht: Mehr geht nicht mehr. Nichts hält mehr, alles purzelt über die Bühne, die Lok fährt rückwärts, die Cola spritzt über die Bühne, die Darstellerinnen sind übel ramponiert, Bühnenwände fallen um, Karaoke als Ablenkungsmanöver. Der verbissene Kampf mit den Tücken der Objekte hat seinen Kulminationspunkt nach persönlichem Empfinden erreicht...

Ein Trugschluss, wie sich herausstellt. Wie auch die Tatsache, dass einige Zuschauer sind was sie sind. "The Real Fiction" entlarvt zum einen die Großartigkeit der Schadenfreude. Zum anderen stellt es das Theater an sich in Frage. Die Verwüstung ist glücklicherweise Fantasie – und auch wir sind letzten Endes heil davon gekommen, obwohl das ja überhaupt nicht so geplant war. Und wir verlassen das Theater fröhlicher, als zu Beginn befürchtet.

 

The Real Fiction
von Cuqui Jerez
Regie: Cuqui Jerez, in Zusammenarbeit mit Maria Jerez, Amaia Urra et Gilles Gentner. Mit: Maria Jerez, Amaia Urra.
Eine Produktion von Cuqui Jerez in Koproduktion mit Plateaux, Mousonturm Frankfurt, Dirección General de Promoción Cultural de la Consejería de Cultura y Deportes de la Comunidad de Madrid, Maria Jerez und Amaia Urra.

www.kampnagel.de


Kritikenrundschau

Auf Welt Online (1.9.) zieht Irmela Kästner die Bilanz des Sommer Festivals auf Kampnagel: "Selbst klimatische Tiefpunkte haben der Stimmung während der vergangenen zwei Wochen wenig anhaben können, wie 26 ausverkaufte von 35 Veranstaltungen belegen. Bei seinem ersten Programm gelang Festivalleiter Matthias von Hartz praktisch alles." Hochkarätige Gruppen wie die Compagnie Rosas und Meg Stuarts Damaged Goods, vor allem aber die  Needcompany seien "Selbstgänger" gewesen, die man sogar mit "einer schwachen Story" beim zweiten Teil der Sad Face / Happy Face-Triologie "davonkommen" ließ. Der Auftritt von Cuqui Jerez mit "The Real Fiction" habe den Beweis geliefert, "wie nachsichtig das Publikum doch heute ist, wie leicht es sich vom Charme der Darstellerinnen versöhnen lässt, wie bereitwillig es zum Komplizen ihrer Hilflosigkeit wird". Jerez' Theater sei "ein Ritual des Scheiterns sinnfreier Handlungen, die absehbar nicht zu einem Ende kommen."

Bei der Freiluftparty zum Abschluss des Sommerfestivals sei zwischen "offiziellem Programmpunkt und regelfreier Partynacht" nicht mehr zu unterscheiden gewesen schreiben Maike Schiller und Marcelo Hernandez im Hamburger Abendblatt (1.9.) Davon habe auch Cuqui Jerez profitiert. Der Ankündigung zu ihrem Stück "The Real Fiction" sei "beim besten Willen" nicht zu entnehmen, gewesen, was es eigentlich zu sehen gäbe". Das "Spiel mit den Erwartungshaltungen" sei aber "umso glaubhafter" geraten, als eine Schauspielerin um 1.25 Uhr "a technical problem" verkündet und "kurzerhand von vorn" begonnen habe. "Kein Zuschauer verlässt den Saal. Ein geduldiges Publikum. Vielleicht auch nur ein todmüdes. Um 2.03 Uhr beginnt es dann noch einmal. Um halb drei wieder. Und auch um drei. "The Real Fiction" entpuppt sich als urkomische, slapstickhafte Pannenshow. Zum ABBA-Zwischenspiel um kurz vor 3 Uhr wachen auch die eingenickten Zuschauer aus Reihe 2 wieder auf und stimmen umstandslos in den Refrain ein: ‚Thank You for the Music’. Das dürfte so auch nur auf Kampnagel passieren."

 

 

 
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