Liebe, Sex und Sippenhaft

von Jan-Paul Koopmann

Bremen, 3. Mai 2019. Wie die da knutschen, so richtig mit Sabberfaden von Lippe zu Lippe – das ist wirklich supersüß. Weil da eine Zärtlichkeit ans Licht kommt, die man diesen beiden Julias nun wirklich nicht mehr zugetraut hätte. Die erste halbe Stunde von "Fuck Identitity - Love Romeo" hatten die beiden im Pool gelegen und sich mit einer Derbheit über ihre Popos und die Rasur ihrer Beine unterhalten, die Shakespeare zwar noch kannte (zumindest von Männern), die im heutigen Zeitalter der Post-Schicklichkeit dann aber doch überrascht.

Es ist ihr Ernst

Klar geht es in Leonie Böhms sehr freier "Romeo und Julia"-Inszenierung auch um Genderfragen. Aber nicht nur. Böhm und ihre vier Performer*innen schlagen wüst rein, in so ziemlich jedes identitätpolitische Angebot, das ihnen so über den Weg läuft: Frau-Sein, Deutsch-Sein oder Schauspieler*in – Capulet oder Montague. Alles wird mit Lust abgepult und aufgehoben, der Mensch herausgeschält aus der Sippenhaft und freigemacht für die Liebe und das Leben. Es steckt zwar nicht viel Shakespeare-Text in dieser Performance, aber der berühmte und schönste aller Sätze, der kommt natürlich: "Nenn Liebster mich, so bin ich neu getauft." Hachja!

Sehr rührend ist das, und natürlich total aktuell. Und beinahe wäre es richtig schief gegangen, gerade weil die Debatte zwar tobt, aber im Grunde nicht mehr viel zu holen ist. Es ist ja alles gesagt: Täglich machen irgendwo rechte oder linke Identitäre vor, wie denk- und gesprächsunfähig wird, wer das Schmoren im eigenen Saft noch als Stärke begreift. Und dass auch vernünftige Positionen, wie das Theater hier ganz offenkundig eine einnehmen möchte, sich üblicherweise im Beißreflex ergehen, macht das alles nicht viel besser.

Love Romeo 560 Joerg Landsberg uZwei Julias? Zwei Romeos? Annemaaike Bakker, Sophie Krauss © Jörg Landsberg

"Fuck Identitity - Love Romeo" ist anders, weil es das Spielen tatsächlich beim Wort nimmt. Ein bisschen großkotzig ist das erklärte Anliege ja, "Romeo und Julia" auf "ihre Spieltauglichkeit hin" zu befragen. Shakespeare, ein Stoff für die Bühne? Klicken Sie hier. Es ist aber ihr Ernst. Das Geblödel auf der Bühne, das Popowackeln, die ständigen Sprünge ins Publikum, die Akkrobatiknummern, der Slaptstick – das sind bei aller Kurzweil wirklich Grenzerfahrungen auf einer sehr subtilen Ebene. Zum Beispiel diese endlose Poolszene: Da reiben Annemaaike Bakker und Sophie Krauss sich sehr unverklemmt, aber grenzenbewusst aneinander, probieren sich aus, während sie eine betont gespielte Abgebrühtheit vor sich hertragen. Sie reden und reden: über das Publikum, über Affären mit dem Bühnentechniker, warum und wie lange man nach dem ersten Date mit dem ersten Anruf zu warten hat und wieso junge Paare zusammen Ski fahren. Weil sie dann vor dem Berg mehr Angst haben können als vor dem je anderen. Ob hier Julia mit sich selbst planscht, zwei Romeos oder doch das vollständige Traumpaar in rein weiblicher Besetzung? Keine Ahnung, aber es ist auch egal.

Toll wie bekloppt

Ob das nun improvisiert ist oder eingespielt: Die Kontrolle über die Handlung liegt offensichtlich in den Händen der Akteur*innen. Die exerzieren hier eine Selbstbefragung durch, die erst auf der Metaebene richtige Schärfe gewinnt. Annemaaike Bakker macht irgendwann vor, wie sie auf Kommando weinen kann und da bekommt man so eine Idee davon, was das hier eigentlich alles soll. Sind Theatertränen vielleicht echter als echte? Und warum fühlt sich so anders an, wenn man dazu sagt, dass es ein Trick ist? Das Authentische ist hier nicht länger im Bündnis mit der Identität, sondern drängt sich sogar als ihr Gegenmodell auf. Irgendwann suchen die beiden nach der Sprache, auf welche Sophie Krauss' Herz hört. Nach Brüllen, Deutsch und Phantasie-Italienisch (klingt japanisch), versucht es Annemaike Bakker in ihrer Muttersprache: auf Niederländisch. Eine einzelne Frau im Premierenpublikum lacht laut auf, es ist Bakkers Mutter.

Love Romeo 560a Joerg Landsberg uZwei Romeos, zwei Julias? Justus Ritter, Vincent Basse mit dem Riss in der Bühnenwelt © Jörg Landsberg

Achso, die Männer waren auch nicht schlecht: Justus Ritter höchst akrobatisch und von brutal-komischer Selbstaufgabe. Vincent Basse ist auch toll – nicht nur, aber auch wie er selbst die romantische Shakespeareübertragung übersetzt: "Toll wie bekloppt". Überragend aber sind doch die langen gemeinsamen Momente von Bakkers zerbrechlich-roher Herzlichkeit und Krauss mit ihrem Changieren zwischen "Mein Mädel!"-Geprolle und zutiefst sensiblen Einlassungen.

Identität heißt erst einmal nur, nicht zu den anderen zu gehören

Irgendwie sind sie alle Romeos und Julias, oder halt irgendwelche Durchschnittsteenies. Die müssen sich ja auch ständig fragen, wer sie so sind. Und dass praktisch jede erste große Liebe nach dem Muster "Romeo und Julia" aufgebaut ist, weiß man ja auch. Es geht immer um Leben oder Tod, um Schwulst und Spucke. Das kommt hier alles, alles drin vor, sogar dieses hundertmalige Gute-Nacht-Sagen, bevor endlich eine*r den Hörer auflegt. "O schwöre nicht beim Mond, dem wandelbaren."

Was hingegen überhaupt nicht vorkommt, sind die Familien: die Capulets und Montagues. Böhms Inszenierung schert sich nicht um die Eigenheiten der Millieus oder familiärer Zusammenhänge, sondern fokussiert voll auf deren unüberwindliche Differenz. Identität heißt eben erst einmal nur, nicht zu den anderen zu gehören. Warum auch nicht? Wo bereits Shakespeare zwei identische Schweinebanden aufstellt, da kann sie eben auch einfach herauskürzen, wie die Mathematikerin sagt. Spuren haben sie aber hinterlassen: Einmal schräg über die terrassierte Bühne teilt ein Strich die Landschaft. Die eine Hälfte ist blau, die andere orange.

Der Clou in Zahava Rodrigos Bühnenlandschaft ist nun aber, dass sie auf Symmetrie dann doch verzichtet: die einen haben mehr vom höheren Bühnenteil – die Blauen haben ja sogar diesen Pool. Es ist jedenfalls ein überraschend komplexes Setting für individuelle Marotten und ausgesprochen expressives Schauspiel.

Vielleicht stimmt es ja sogar, und Shakespeares Romeo und Julia sind tatsächlich das Basispärchen der identitätspolitischen Krisen von heute. Böhm Ansatz, hier nach den Motiven und des romantischen-identitären Backlashs gegen die Aufklärung zu suchen, erweist sich jedenfalls als ausgesprochen ergiebig. Irgendwoher wird der Shakespearefimmel der deutschen Romantik ja kommen. Und man steckt ja eben selbst ganz schön tief drin in der Kiste.

 

Fuck Identity - Love Romeo
nach Shakespeare
Regie: Leonie Böhm, Bühne: Zahava Rodrigo, Kostüme: Helen Stein und Magdalena Schön, Licht: Christian Kemmetmüller, Dramaturgie: Marianne Seidler.
Mit Annemaaike Bakker, Sophie Krauss, Vincent Basse, Justus Ritter.
Premiere am 3. Mai 2019
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

www.theaterbremen.de

 

Kritikenrundschau

Die Zuschauer*innen würden, schreibt Hendrik Werner vom Weser-Kurier (4.5.2019), bei "Fuck Identity" nolens volens "zu Voyeuren in dieser durchaus radikalen Versuchsanordnung, die die durchschimmernde Vorlage gründlich von soziohistorischen Distinktionscodes beziehungsweise (…) Identitätskonzepten reinigt", was einen "zeitlosen Blick auf Paarungsphänomene" ergebe. Ein "vorwiegend smartes Spiel um Körperausstellung, flirrenden Flirt und peinigende Fremdscham". Dabei habe die Regisseurin auf die Parts der beiden Frauen "offenkundig mehr Liebe verwendet (…) als auf jene der beiden Männer". "Der Unterhaltungswert des mit zwei Stunden etwas zu lang veranschlagten Experiments, das kaum merklich zwischen Probenerträgen (Stückentwicklung), Stegreif und der inszenierten Spontaneität gedungener Komparsen wechselt, ist beträchtlich". Es seien allerdings eher "die leisen Momente, die der aus Improvisation, Musik und Zufall gewobenen Produktion im letzten Drittel einen Zauber geben, der bewegt statt bloß brüsk zu tönen".

"In der Musik würde man in so einem Fall in höchsten Tönen von Variationen und Improvisationen sprechen – und da hat das einen ganz anderen Klang, als wenn man von 'improvisiertem Theater' spricht", meint Marcus Behrens auf Radio Bremen 2. "Aber: Das war ganz wunderbar improvisiertes Theater an diesem Abend." Er habe "einen erfrischenden und überraschenden Abend" gesehen, "dessen improvisierte Texte zwar manchmal hart an der Grenze zum Klamauk waren, diese Grenze aber nicht ein einziges Mal überschritten – sehr gelungen!"

 
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