Schichten von Schutt und Schuld

von Sascha Westphal

Duisburg, 28. August 2019. Ein wenig anachronistisch ist die Situation schon, vielleicht sogar etwas widersinnig. Die Götter der Antike sind schließlich schon seit langem verschwunden. Verdrängt von den monotheistischen Religionen. Und doch sind es ausgerechnet Juno und Jupiter, die in einer fernen oder vielleicht auch nicht so fernen Zukunft Relikte unserer Gegenwart ausgraben. Die hochtechnisierte Zivilisation des frühen 21. Jahrhunderts ist untergegangen wie vor ihr schon Troja oder Karthago und so viele andere Städte und Reiche. Nun ist es an den alten Göttern, zu entdecken, was von Europa, ihrer alten Welt, noch übrig ist. Langsam und vorsichtig legen Marie Goyette und Thorbjörn Björnsson zunächst ein Smartphone, dann eine Computermaus, auf der noch das Skelett einer menschlichen Hand ruht, frei. Wie Archäologen, die einen besonders wertvollen Fund gemacht haben, pinseln sie Sand weg und bergen doch nur Elektroschrott, der ihnen nichts sagt.

Vom Entstehen und Vergehen

In David Martons freier Bearbeitung und Überschreibung von Henry Purcells erster, 1688/89 entstandener Oper erweist sich "Dido and Aeneas" als ein weiteres Fundstück. Purcells Komposition und Nahum Tates Libretto gleichen in dieser Inszenierung den Scherben einer zerbrochenen antiken Vase, die von ihren Entdeckern zusammengefügt und mit Hilfe neuer Stücke rekonstruiert wird. So hat Marton dem ursprünglichen Libretto, das zum einen auf Vergils "Aeneis" basiert und dieses antike Epos zum anderen mit keltischen Sagen vermischt, noch weitere Passagen aus dem Werk des römischen Dichters hinzugefügt. Die Lücken, die Purcell in seiner Version der antiken Erzählung gelassen hat, schließen sich in "Dido and Aeneas, Remembered".

Dido Aeneas remembered 3 560 PaulLeclaire Ruhrtriennale2019 uIn Bruchstücken erinnert: Dido und Aeneas © Paul Leclaire, Ruhrtriennale 2019 

Marton rückt die Vorgeschichte der Königin Dido, die wie der aus den Trümmern Trojas entflohene Aeneas fremd in Karthago ist und ihr ursprüngliches, im heutigen Syrien gelegenes Königreich verloren hat, stärker in den Vordergrund. Unsere heutige Wirklichkeit und der antike Mythos fallen dabei zwar nicht in eins, aber nähern sich so weit an, dass der Eindruck von zyklisch wiederkehrenden Ereignissen entsteht. Die Geschichte bewegt sich nicht wirklich fort. Es gibt keine echte Entwicklung, nur ein langsames Kreisen. Ein Reich geht unter, ein neues entsteht, um irgendwann auch wieder zu verschwinden. Troja war ein Spielball der Göttinnen, und Aeneas, der Sohn der Venus, bleibt auf immer eine Spielfigur, die auf einem ihm unsichtbaren Brett hin und her geschoben wird. Juno will ihn vernichten, Jupiter hält schützend die Hand über ihn, und Venus verlangt, dass er in Italien ein neues Troja errichtet und sich ein Weltreich schafft. Dabei kann die verzweifelt liebende Dido nur auf der Strecke bleiben.

Puzzle aus Fund- und Bruchstücken

Christian Friedländer hat für Martons komplexes, die Zeiten und Ebenen übereinander schichtendes Konzept ein grandioses Bühnenbild geschaffen, das die Möglichkeiten der riesigen Kraftzentrale im Landschaftspark Duisburg-Nord kongenial nutzt. Im Zentrum seiner Konstruktion steht ein provisorisches Haus, in dem sich die Ausgrabungsstätte der Götter befindet. An seinen Seiten befinden sich weitere Räume, die unter anderem Didos Palast und den Hain andeuten, in dem die Königin mit ihrem Geliebten auf die Jagd geht. Diese Nebenschauplätze sind für alle sichtbar, aber nicht komplett einsehbar. Was in ihnen geschieht, wird ebenso wie die Großaufnahmen der archäologischen Grabungen in Live-Videos auf die Rückwand des Hauses projiziert. Selbst das Geschehen auf der Bühne wird damit zu einem Puzzle.

Dido Aeneas remembered 1 560 PaulLeclaire Ruhrtriennale2019 uDas Opern-Haus von Christian Friedländer © Paul Leclaire, Ruhrtriennale 2019 

Die einzelnen Szenen sind auch wieder Fund- und Bruchstücke, die sich nicht vollständig zusammenfügen und so den Eindruck verstärken, dass hier Erinnerungsarbeit geleistet wird und man einer Rekonstruktion beiwohnt, die immer nur eine Annäherung sein kann. Nach diesem Prinzip funktioniert auch die Musik, die der finnische Jazzgitarrist, Komponist und Improvisationskünstler Kalle Kalima für Martons Opernüberschreibung erschaffen hat. Seine Kompositionen spielen mit Purcells barocker Partitur, die der musikalische Leiter Pierre Bleuse mit dem Orchester der Opéra de Lyon präzise und elegant interpretiert, überlagern und erweitern sie. So schieben sich auch musikalisch weit entfernte Epochen ineinander und bilden etwas Neues, in dem die einzelnen Schichten und Ebenen trotz allem immer zu erkennen sind.

Fürs Unrecht verantwortlich

Die einzelnen Komponenten dieser Opernanverwandlung aus dem Geiste des Barocks reflektieren einander auf eindrucksvolle Weise. Überall walten die gleichen ästhetischen und philosophischen Prinzipien. Alles passt perfekt, und dennoch wachsen im Lauf des gut zweistündigen Abends, der damit immerhin mehr als die doppelte Länge von Purcells Oper erreicht, die Zweifel an diesem Projekt. Was zum einen daran liegt, dass die schauspielerischen Qualitäten der sechs Performer eher schwankend sind. Angesichts von Erika Stuckys wunderbar überzogenen (Show-)Auftritten als Magierin und in der von Marton hinzugefügten Rolle der Göttin Venus bleibt das von Alix Le Saux und Guillaume Andrieux verkörperte Liebespaar eher blass. Vor allem Andrieux’ Aeneas wirkt immer nur wie ein wankelmütiger Schwächling. Wie sich Dido jemals in ihn verlieben konnte, ist in dieser Rekonstruktion des Vergangenen ein Rätsel. Dadurch entsteht eine Leerstelle, die sich einfach nicht füllen lässt.

Dido und Aeneas1 560 Blandine Soulage uVon Göttern und Menschen ... © Blandine Soulage 

Aber es sind nicht nur die schwankenden schauspielerischen Fähigkeiten des Ensembles, die Irritationen auslösen. Auch Martons Konzept weist eine bizarre Unschärfe auf, die letztlich alles wieder auseinanderbrechen lässt. Auf der einen Seite sind die Götter Erfindungen der Menschen. Sie ermöglichen es so schwachen und leicht verführbaren Gestalten wie Aeneas, die eigene Schuld zu leugnen. Am Ende sind für alles Unrecht die Götter verantwortlich. Auf der anderen Seite erhebt Marton Juno und Jupiter durch die Rahmenhandlung der Ausgrabung zu alles bestimmenden Kräften. Sie entdecken die Geschichte von Dido und Aeneas und erinnern sich ihrer, um sie am Ende, in einer Art von Schuldeingeständnis, wieder zu vergraben. Auch die Götter ertragen nicht, was sie angerichtet haben. Und damit haben Menschen wie Aeneas letztlich doch noch eine Entschuldigung für das Leid, das sie anderen bringen.

 

Dido and Aeneas, Remembered
von Henry Purcell, Vergil, Kalle Kalima, Erika Stucky, David Marton
Regie und Konzept: David Marton; Komposition und Gitarre: Kalle Kalima, Musikalische Leitung: Pierre Bleuse, Bühne: Christian Friedländer, Kostüm: Pola Kardum, Licht: Henning Steck, Video: Adrien Lamande, Dramaturgie: Johanna Kobusch, Chordirektor: Dennis Comtet.
Mit: Alix Le Saux, Guillaume Andrieux, Claron McFadden, Erika Stucky, Thorbjörn Björnsson, Marie Goyette, Chor und Orchester: Opéra de Lyon.
Premiere am 16. März 2019 an der Opéra de Lyon
Dauer: 2 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.ruhrtriennale.de

 

Kritikenrundschau

"Das Hinzukomponierte schließt nahtlos an; die Einpassung ist wirklich gut gelungen. Dirigent Pierre Bleuse behält bewundernswert die Übersicht", schreibt Edda Breski im Westfälischen Anzeiger (30.8.2019). Was Martons bei Arbeit am offenen Herzen der Kulturgeschichte fehle: "Risikobereitschaft, aus Zitaten und Einfällen eine neue, eigene Ebene zu formen. Wir bleiben im Zitatsteinbruch."

Bernhard Hartmann vom Bonner General-Anzeiger (30.8.2019) bedauert, "dass die Darsteller für solche Videoeffekte schauspielerisch ein bisschen blass agieren. Mit Ausnahme freilich der großartigen Jazzsängerin, Performerin und Akkordeonistin Erika Stucky". Ihren Auftritt mit scheppernder Schaufel, über deren Geräusche ihre Stimme herrlich improvisiere, werd man so leicht nicht vergessen. Die Ensembles der Opéra de Lyon unter der Leitung von Pierre Bleuse mache nicht nur die originale Purcell-Musik "stilkundig lebendig", sondern überzeuge auch in den Schnittstellen mit Kalle Kalimas zeitgenössischem Anteil.

 

 
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