Vergiss die Wahrheit

von Falk Schreiber

Hamburg, 31. August 2019. Berlin, wo zu dröhnendem Techno getanzt wird. Tschetschenien, wo im Nebel Grauenhaftes geschieht. Marrakesch, wo man "bis zum Morgengrauen vögelt". Ach, schönes Klischee!

Es ist ja so: Nino Haratischwili hat vor einem Jahr mit dem Roman "Die Katze und der General" einen kunstvoll verschachtelten Politthriller geschrieben, voll dunkler Vergangenheit, die in die Gegenwart rankt. Einen Thriller mit konspirativen Treffen auf verlassenen Parkplätzen, mit einem Journalisten (André Szymanski), der auf der Suche nach der Wahrheit desillusioniert wurde, mit dem Doppelgängermotiv einer Frau (Lisa Hagmeister), die "Katze" genannt wird und die die Botschafterin ins Gestern ist.

KatzeGeneral 1 560 ArminSmailovic uAuf Spurensuche: André Szymanski spielt einen Journalisten © Armin Smailovic

Jette Steckel hat diesen Roman zum Spielzeitauftakt auf die Bühne des Hamburger Thalia Theaters gebracht, stoffdienlich, mit Lust am Bedienen der Konvention. Was dann eben heißt, dass der Techno dröhnt, die Platzpatronen knallen und die wechselnden Schauplätze durch ikonographische Comicsequenzen eingeführt werden (Video: Zaza Rusadze).

Nach dem Erfolg von "Das achte Leben (für Brilka)“

Die Regisseurin und die Autorin sind seit langem befreundet, Steckel inszenierte schon 2017 überaus erfolgreich die Uraufführung von Haratischwilis Vorgängerroman Das achte Leben (für Brilka) am Thalia. Das Problem bei der jüngsten Inszenierung: "Das achte Leben (für Brilka)" war schon als Roman ein durchschlagender Erfolg, eine wuchtige, 1300 Seiten lange Jahrhundertchronik der georgischen Geschichte, angereichert mit magischem Realismus, die im Verbund mit Steckels handwerklichem Geschick quasi von selbst einen beeindruckenden Theaterabend ergab (auch wenn der Autor dieser Kritik damals in "Theater heute" bemängelte, dass hier zuviel aufs Funktionieren geachtet wurde und zu wenig auf die Verhältnismäßigkeit der Mittel).

KatzeGeneral 1 560 ArminSmailovic uBotschafterin ins Gestern: Lisa Hagmeister als "Katze" © Armin Smailovic

"Die Katze und der General“ hingegen, schnell nach dem Erfolg von "Das achte Leben (für Brilka)" auf den Buchmarkt geworfen, erfuhr breite Ablehnung durch die Feuilletons. Die Angst, dass auch die Theaterfassung ein Schnellschuss sein könnte, schwang bei dieser Spielzeiteröffnung also mit, zumal nicht nur Regisseurin und Autorin dieselben sind, sondern auch Bühne (Florian Lösche), Kostüme (Pauline Hüners), Dramaturgie (Julia Lochte und Emilia Linda Heinrich) und ein Großteil des Ensembles. Never change a winning team, aber was macht man, wenn das Team gar nicht am Gewinnen ist?

Spannende Story

Steckel jedenfalls macht: ziemlich viel richtig. Sie versucht gar nicht erst, den Stoff zu einer politischen Analyse der Tschetschenienkriege zu weiten (wie sie es 2017 mit dem Verhältnis Russland und Georgien nicht ungeschickt gemacht hatte), sondern sie erzählt in erster Linie eine spannende Story. Die Inszenierung ordnet Haratischwilis komplizierte Verflechtung der Zeit- und Ortsebenen (wobei hilfreich ist, dass Szymanski in praktisch jeder neuen Szene eine Ortsmarke an die Bühnenwand pinselt), sie setzt kurze, wirkungsvolle Drastikmarkierungen, sie traut sich sogar ein paar humoristische Vignetten, die die Grausamkeiten halbwegs erträglich machen.

Mit anderen Worten: Sie zeigt handwerklich tadellosen Thriller-Mainstream, der seine politische Kraft eher durch die Hintertür einführt, wo Karin Neuhäuser die investigative Journalistin Natalia Iwanowna als Kopie der 2006 ermordeten Reporterin Anna Politkowskaja anlegt, inklusive historischer Nachrichtenbilder von Politkowskajas Tod mit einem erschreckend gefühlskalten Wladimir Putin.

Beeindruckungseffekte

Eine echte theatrale Form aber findet Steckel in dieser annähernd vier Stunden lang unterhaltsam durchschnurrenden Konvention nicht. Im Grunde ist ihre Inszenierung eine handwerklich perfekte und optisch beeindruckende, dabei aber nichtsdestotrotz unspektakuläre Erzählung. Was eine seltsame Unwucht zur Folge hat, weil ein Thema bei Haratischwili eben die Skepsis gegenüber dem Erzählen ist: "Vergiss Dostojewski, das ist Literatur", heißt es an einer Stelle, "vergiss die Wahrheit". Dass eine der tragenden Figuren dieses Theaterabends ausgerechnet Journalist ist, ein Profi des Erzählens also, der verzweifelt erkennt, dass dieses in sich stimmige Erzählen einen von der Wahrheit immer weiter entfernt, interessiert diese beeindruckend glatte Regiearbeit freilich nicht.

KatzeGeneral 3 560 ArminSmailovic uFlorian Lösche schuf das Bühnenbild für "Katze und General" am Thalia Theater Hamburg © Armin Smailovic

Wie es tatsächlich 1994 in Tschetschenien war, jedes Detail des dort verübten Verbrechens, gesteht schließlich der von seinem Gewissen gepeinigte Orlow (Jirka Zett), genannt "Der General". In der Schlussszene, weil das Geständnis und die Auflösung immer der Höhepunkt sein müssen. Der General und die Katze sitzen also in einem Kahn, der im Gegenlicht durch den Nebel gleitet, und nach und nach entwirren sich die verknoteten Fäden. Alles an diesem Bild schreit "Kitsch", es ist over the top, es ist viel zu schön, als dass man es unkommentiert stehen lassen dürfte. Aber – und das nimmt einen dann doch wieder für Steckels Inszenierung ein – es funktioniert. Und es sieht atemberaubend gut aus. Ach, schönes Klischee!

 

Die Katze und der General
nach Nino Haratischwili
Bühnenfassung von Emilia Linda Heinrich, Julia Lochte und Jette Steckel
Regie: Jette Steckel, Bühne: Florian Lösche, Kostüme: Pauline Hüners, Musik: Mark Badur, Video: Zaza Rusadze, Choreografie: Yohan Stegli, Dramaturgie: Julia Lochte, Emilia Linda Heinrich.
Mit: Lisa Hagmeister, Jirka Zett, Karin Neuhäuser, André Szymanski, Cathérine Seifert, Barbara Nüsse, Bernd Grawert, Ole Lagerpusch, Merlin Sandmeyer sowie Moritz Gärtner, Jarryd Haynes, Luca Pawelka.
Uraufführung am 31. August 2019
Dauer: 3 Stunden 35 Minuten, eine Pause

www.thalia-theater.de

 

Kritikenrundschau

Für den NDR (31.8.2019) berichtet Katja Weise: "Steckel und ihren beiden Dramaturginnen ist es gelungen, den Roman auf seine Essenz zu reduzieren und für die Bühne tauglich zu machen. Noch stimmt der Rhythmus nicht immer ganz, manche Bilder geraten mit ihrem filmischen Soundtrack recht plakativ, aber das Ensemble spielt – wie so oft am Thalia Theater – großartig." Verglichen mit "Das achte Leben (für Brilka)" sei dieses "kein so großer Abend", aber doch "eine stimmige, spannende Inszenierung, die Fragen aufwirft, die uns alle angehen".

"In sachlicher und strikt psychologischer Dokumentationsweise beschreibt Jette Steckel, wie Krieg Traumata erzeugt, die sich in neue Traumata vervielfältigen, und wie manche Menschen versuchen, den Schock entfesselter Gewalt und eigener Beteiligung daran zu bewältigen", schreibt Till Briegleb in der Süddeutschen Zeitung (2.9.2019). "Und dabei findet sie überzeugende Mittel, mit Geräuschen und Videoverfremdungen die massive und schwer erträgliche Gewalt dieser historischen Erzählung auf der Bühne so darzustellen, dass es weder abgeschmackt noch unbeholfen wirkt, sondern wichtig."

"Auffallend bildstark" sei der Abend, so Maike Schiller vom Hamburger Abendblatt (1.9.2019). Die Bühnenfassung sei "einleuchtend, spannend und gelungen, auch wenn es dann doch manchmal pathetisch wird, manchmal auch ausufernd, trotz der Verdichtung".

Jette Steckels Inszenierung lasse uns immer wieder dicht dran bleiben an der verwickelten Story. Für die Vergewaltigung finde sie per Video-Verfremdung erstaunlich poetische Bilder, so Michael Laages im Deutschlandfunk (1.9.2019). "Eher wenig wahrscheinlich ist demgegenüber der Plot gestrickt." Da verzettelten sich Roman und Stück. "Aber das fängt das starke Thalia-Ensemble auf: Lisa Hagmeister und Jirka Zett in den Titelpartien, aber auch Karin Neuhäuser, Barbara Nüsse oder Andre Szymanski; sie stiften enorme Ensemble-Energie."

"Das Beeindruckende an Steckels Regie ist, dass sie nicht nur bei der Gesinnungswandelei, auch in den Liebes-, Freundschafts-, Hoffnungsszenen keine Angst vor Pathos hat", schreibt Jens Fischer in der taz (7.9.2019). "Weswegen die Produktion immer am Rande der Sentimentalität, durch die Zuspitzung der Situationen auch auf der Kippe zum Lehrstück balanciert, das aber eben schauspielerisch derart brillant, dass der Abend nie kitschig, stets anrührend emotional ist – voller menschlicher wie politischer Wahrheiten."

 
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