Das große Kuscheln

von Ralf-Carl Langhals

Mainz, 5. September 2019. Genau eine Woche ist es her, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sich in der Alten Aula der Universität Heidelberg für mehr Wertschätzung der Demokratie und deren Verfahren aussprach. Vor der Sommerakademie der Begabtenförderungswerke erinnerte das Staatsoberhaupt daran, dass Demokratie keine Selbstverständlichkeit sei, erinnerte an die konfliktreiche europäische Geschichte – und wacker auch an aktuelle rechtsstaatliche Mängel in Polen und Ungarn. Getagt hatten die Stipendiat*innen und der hohe Besuch unter dem Motto "Demokratie gestalten!". Der muss das ja sagen, könnten böse Zungen zischeln, ist der Mann doch der hauptberuflichen Demokratievertreter Höchster. Doch ist er beileibe nicht der einzige, der sich Gedanken macht. Wahlmüdigkeit, Politikverdrossenheit, Populismus und Demokratiegefährdung sind in aller Munde.

Launiges auf leerer Bühne

Zu nichts Anderem als "Demokratie gestalten!" rief daher auch der belgische Recherche-Performer Lucas de Man auf – und zwar in Koproduktion mit Künstlerkolleg*innen der niederländischen Nieuwe Helden und Arsenaal/Lazarus aus Belgien. Schon einmal hat De Man dem politischen Miteinander auf den Zahn gefühlt. In Fortentwicklung seiner Produktion "De Man in Europe" (2017), in der er europaweit persönliche Gespräche mit "Visionären" führte und seine Erlebnisse dann vor Theaterpublikum wiedergab, stellt er nun die Suche nach der Demokratie selbst in den Mittelpunkt. "In Search of Democracy 3.0" heißt das Mitmachtheater, das für den deutschen Markt vom Staatstheater Mainz begleitet wird, in insgesamt 18 Ländern zu sehen ist – und offiziell natürlich ein partizipatives Theaterrechercheprojekt aller modernster Güte ist.

SearchofDemocracy3 560 Andreas Etter uDrei Performerinnen beim Frontalunterricht: Sarah Eisa, Anika Baumann, Eva Meijering © Andreas Etter

Das klingt spannend. In der unterirdischen Kammerspielstätte U17 empfangen die Performerinnen, Moderatorinnen und Erklärerinnen Anika Baumann, Sarah Eisa, Eva Meijering das Publikum launig und unverkrampft. Auf der leeren Bühne stehen zwei Pulte mit DJane- und Computertechnik, und das Spiel beginnt. Sechs bunte Punkte zieren den Bühnenboden, jeder Zuschauer erhält drei Farbkarten in Rot, Grün, Blau – Letzteres steht für unentschieden. Eine zutiefst demokratische Veranstaltung möchte man meinen.

Zehn Minuten Schlagwortsammeln

Und in der Tat kommt das Publikum in mehreren Runden zu Wort: im Kurzgespräch mit dem Sitznachbarn, mit Wortmeldungen und Vorschlagsrecht, wenn es gilt, die Karte einer erneuerten Demokratie neu zu vermessen. Dann geht die Schule los: charmant abgehaltener Frontalunterricht dreier Unterstufenlehrerinnen. Vom Alten Griechenland bis zum Zweiten Weltkrieg – und dann wieder über den alten Perikles zurück in die Zeit davor. Ja, Demokratie sei keine europäische Erfindung, sondern in Ansätzen in Phönizien, Mesopotamien praktiziert worden und von Athen aus zum europäischen Exportartikel geworden, den man heute nun in Syrien oder dem Irak wieder konsumiert sehen möchte.

SearchofDemocracy1 560 Andreas Etter uRemixing Perikles: am Pult der DJane performt Eva Meijering © Andreas Etter

Demokratie sei "irgendwie so selbstverständlich", dass man sich darüber nicht ausreichend Gedanken mache, sagt Annika Baumann. Aber solange in einer Beziehung noch Liebe da sei, müsse man für sie kämpfen. Das ist schön und wahr. Das Volk hat das Wort: Was für eine Demokratie wollen wir? Eine weniger repräsentative Demokratie wünscht man sich, 100-prozentige Gleichheit vor dem Gesetz, eine aktualisierte Verfassung, Volksvertreter ohne Nebenjobs, ein UN-Charta-Update - und auch noch die Einhaltung von Wahlversprechen. Hier steckt also das Potenzial des Formats, wenn ein Austausch, eine Diskussion möglich wäre. Gut gelaunt nimmt das Trio (Zuschauer-)Volkes Stimme dann doch nicht ganz so ernst. Abstimmungsergebnisse werden Pi mal Daumen grob geschätzt. Und zehn Minuten Schlagwortsammeln sind zu wenig. Gute und diskutable sind dabei: Langfristigkeitspolitik, die nicht an der Landesgrenze endet und wirtschaftsunabhängiger, direkter und gerechter ist, in dem sie Kinder, Migranten und Natur miteinbezieht. Naivere freilich auch: Miteinander statt übereinander reden, gut informiert wählen gehen, Wohlergehen vor Ökonomie.

Altväterliche Gemeinschaftskunde

Dass das Vertrauen in die Demokratie immer noch hoch ist, alte Liebe rostet eben nicht, haben wir erfahren, aber auch, dass gefühlt einiges mit ihr nicht stimmt. Was tun, sprach Perikles? In sechs Themenfeldern werden zwölf hoffnungsvolle und konkrete demokratische Initiativen vorgestellt. Im Affentempo. Frontal. Aufgemerkt Demokratieschüler, engagiert euch: Participedia.de. Man darf sich eine der Participedia-Kategorien, also einen der bunten Punkte auf dem Bühnenboden, aussuchen, in der man aktiv werden möchte oder vielleicht am ehesten aktiv werden würde. Seid ihr alle da? Äh, vielmehr: "Ist hier irgendjemand, der sich nicht vertreten fühlt?" Schweigen. Auch derer, die sich an diesem Volksvertretungskuschelabend nicht vertreten gefühlt haben könnten, wird ungefragt auch noch gedacht. Applaus.

Als launiges Projekt zur politischen Bildung der Mittelstufe mag "In Search of Democracy 3.0" gut taugen, als Theaterprojekt, Partizipation hin und Dokumentartheater her, ist es nach exakt einer Unterrichtseinheitslänge von 45 Minuten so langweilig wie der Gemeinschaftskundeunterricht in der altväterlichen Penne. Auch er war gut recherchiert und gemeint, live performed und tat so, als dürfte man mitreden.

Auf die Doppelstunde im Stundenplan freut man sich trotzdem nicht. Und mit dem Klingeln aufs Internet verweisen, kann Oberstudienrat Mayer auch nicht.

 

In Search Of Democray 3.0
Eine Live-Recherche-Performance von Lucas De Man, Sarah Eisa, Willy Thomas, Niels Kuiters, Jasper van den Berg, Eva Meijering und Saar Vandenberghe.
Künstlerische Leitung: Lucas De Man, Musik: Niels Kuiters, Dramaturgie: Sarah Eisa, Piet Menu, Jörg Vorhaben.
Mit: Anika Baumann, Sarah Eisa, Eva Meijering.
Premiere (DSE) am 5. September 2019
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-mainz.com
insearchofdemocracy.com

 

 Kritikenrundschau

Von "hundert Minuten anregendem politischen Bildungstheater" spricht Sabine Mahr in der Sendung "Journal am Mittag" im SWR 2. Der Abend sei informativ, integrierend und motivierend.

 

 
Kommentar schreiben