Bericht aus dem Zeitalter der Ent-Freundung

von Matthias Schmidt

Naumburg, 25. Oktober 2019. Da streiten sich also zwei. Sascha und Chris, Frau und Mann. Sie leben zusammen, und irgendwann landen sie an dem Punkt, an dem sie sich fragen, warum. Ihre Positionen zu nahezu allen Themen sind unvereinbar. Harmlos der Anfang: Wer räumt auf, wer nicht? Wer verdient das Geld, wer nicht? Dann wird es politisch, von A wie Assimilation über I wie Integration bis zu Z wie Zuwanderung. Geschlechterzuschreibungen und Political Correctness. Nicht zu vergessen der Islam. Keiner der beiden will Kompromisse machen, mit dem anderen wirklich Themen besprechen. Jeder will bei sich bleiben und vor allem: Recht haben. Sie trennen sich, bekommen Sehnsucht nach dem anderen, vermissen einander. Das in etwa ist der Inhalt des in Naumburg uraufgeführten Stückes von Konstantin Küspert – "Wer ihr seid".  Beim Verlag und im Textbuch heißt es noch "Wer wir sind", was deutlich sinnhafter scheint. Sei's drum, sicher gab es Gründe.

Große Metapher

Also "Wer ihr seid". Aber was ist das? Eine Art "Szenen einer Ehe" für junge Leute von heute? Konstantin Küsperts kurze Szenen, auf der bis auf zwei Stühle leeren Bühne des kleinen Naumburger Theaters jeweils durch ein Licht-aus-mit-Rauschen getrennt, gäben das her. Seine lakonischen Sätze, die Dialoge, die im Grunde keine Dialoge, sondern aneinander abprallende Statements sind, haben alle Male das Zeug dazu. Sie sind ein Blick in deutsche Wohnzimmer. Ein kunstvoll gebautes, gelungenes kleines Stück.

Wer ihr seid 2 560 TorstenBiel uSzenen einer Beziehung?  Maribel Dente und Antonio Gerolamo Fancellu © Torsten Biel

Ist es wirklich nur das, ein Beziehungsdrama? Die Inszenierung zeigt, dass hinter Küsperts Text mehr steckt: die große Metapher für das, was wir alle gerade sind. Eine zerstrittene Gesellschaft, uneins in fast jeder Debatte. Und nicht sehr kompromissbereit. Die Streitthemen in der Gesellschaft sind eben jene, nur das Klima fehlt. Wir leben im Zeitalter der Ent-Freundung. Davon berichtet der Text.

Paarstreit als Kunstgriff

Die Naumburger nutzen diese Chance auf Mehrdeutigkeit. In der Regie von Martin Pfaff lassen sie Sascha und Chris aufeinander losgehen, ohne parteiisch zu wirken. Sie werten die Argumente nicht, was streckenweise sehr erheiternd ist, denn beide haben Gründe, und beide sehen nur, was sie sehen wollen. Chris sieht in Saschas Traum von Toleranz und Weltoffenheit jugendliche Naivität und Unerfahrenheit. Sie in seinem Rollenverständnis als Mann ein Aufbäumen des Patriarchats und in seiner Angst vor Veränderungen "Salon-Rassismus". Beide haben Lacher auf ihrer Seite, gut verteilt sogar, womit ein Zustand erreicht ist, der momentan leichter auf einer Theaterbühne als im Alltag draußen erreichbar ist. Genau hier nämlich, auf dieser Bühne, ist auszuhalten, was draußen im Leben, auf Familienfeiern ebenso wie in Sportvereinen und an Universitäten, in den sozialen Medien sowieso, momentan oft wirkt, als könnten wir nicht mehr vernünftig miteinander diskutieren. Der Paarstreit als Kunstgriff, der uns – Verzeihung, Floskel! – den Spiegel vorhält.

Wer ihr seid 3 560 TorstenBiel uAm Ende der Wortgefechte: Maribel Dente © Torsten Biel

Zur Kunst ein Wort, wir reden vom Theater. Kurzweilig ist es. In den furiosen Beziehungsstreit eingebettet, wirken die großen Themen angenehm leicht. Nicht aufgeladen mit der Richtig-Falsch-Dichotomie, die sich seit einiger Zeit so gerne in Dispute einschleicht. Dabei sind Sascha und Chris als Pärchen auffallend theatral angelegt, eigentlich von Anfang an zu laut, fast maniriert. Maribel Dente hat Küsperts großartige Sätze zur Gender-Thematik zu sprechen (allein die sind den Abend wert), aber sie echauffiert sich über Rollenklischees und Erwartungshaltungen nicht als junge Frau von heute oder coole Feministin, sondern künstelt ihre Sascha immer wieder mit großen Gesten und Lautstärke auf: Overacting statt Natürlichkeit. Beim Publikum kommt das dennoch gut an, ihre Energie und ihre Wut übertragen sich. Am Ende, wenn sie ihren verlorenen Partner sucht und abseits der Zivilisation wiederfindet, ist sie mit ihrem Spiel am ehesten bei sich und damit ein Ereignis. Antonio Gerolamo Fancellu vertraut stärker auf Alltagstöne, auf Echtheit in den Emotionen und Lakonie statt Hysterie im Streit.

Furioses Finale

Am Ende der Wortgefechte steht ein Bild. Chris hat die Trennung nicht verkraftet, der Zivilisation den Rücken gekehrt. Er hat sich ein riesiges Zottelkostüm übergezogen, das ein bisschen an das Kukeri-Kostüm aus dem Film "Toni Erdmann" erinnert. Sascha trägt nun einen Raumanzug, und als sie sich wiederfinden, stehen sie wortlos Hand in Hand auf der Bühne. Jetzt hat die Inszenierung plötzlich Poesie. Sufjan Stevens melancholischer Song "Visions of Gideon" ist der perfekte Soundtrack zu diesem Bild. Man kann beides zusammen als Hoffnung verstehen. Oder als Appell: Schluss mit dem Streiten, versucht es mal mit Liebe. Ein furioses Finale.

 

Wer ihr seid
Ein Schauspiel von Konstantin Küspert
Uraufführung
Regie: Martin Pfaff, Ausstattung: Anja Kreher.
Mit: Maribel Dente, Antonio Gerolamo Fancellu.
Premiere am 25. Oktober 2019
Dauer: 1 Stunde 10 Minuten, keine Pause

www.theater-naumburg.de

 

Kritikenrundschau

Konstantin Küspert lasse im den Paar-Dialogen leider kein Klischee aus, so Albrecht Günther im Naumburger Tageblatt (28.10.2019). Der Text erfülle alle Frau-Mann-Vorurteile, gelange glücklicherweise aber auch zu wichtigen Themen, wie der Gleichstellung, dem Umgang miteinander oder den Ursachen von Armut und Ausbeutung. Und Martin Pfaffs Regie strukturiere das Spiel sehr gut. Fazit: gut gespielt, gut inszeniert, ein Text, der viel will, aber nicht alles bewältige.

"Gut gedacht, aber zuviel des Guten", schreibt auch Andreas Montag in der Mitteldeutschen Zeitung (29.10.2019). "Als Zuschauer gerät man schnell in die Versuchung, die erwartbaren Themen der Zeit abzuhaken", so sehr sich Regisseur Martin Pfaff auch bemühe, dem Ganzen ein Bühnenleben einzuhauchen. 

 

 

 
Kommentar schreiben