Familenbande im Gezeitenwechsel

von Harald Raab

Weimar, 10. November 2019. Der Ort könnte nicht passender sein, um Abwicklung in Szene zu setzen: das alte E-Werk Weimars, heute Spielstätte des Deutschen Nationaltheaters. Es riecht immer noch nach Schmieröl. Leitungsrohre ohne Zweck laufen von irgendwoher nach nirgendwo, museale Eisensaurier des Industriezeitalters. Auf der Bühne eine Arena, begrenzt von einem Mauerhalbrund. In der Mitte, wolkig ausfransend die deutschen Farben Schwarz, Rot, Gold aufgetragen. Links ein Monumentalgemälde zu Ehren 40 Jahre DDR-Sozialismus mit Gottvater Marx, einem Held der Arbeit und einer Genossin. Rechts ein Bild der hedonistischen Bauhausgesellschaft beim Maskenball mit Altmeister Gropius als Mephisto. Der Maler Dieter M. Weidenbach, einst Meisterschüler bei Willi Sitte, trägt live noch letzte Pinselstriche auf. Und die Parole "Fuck the Wall". Vom Bühnengeschehen lässt er sich kaum beeindrucken.

Selbstverleugnung im System West

Was da zwei Stunden passiert, ist mit Kurt Tucholskys galliger Metapher vom Begriff der Familienbande treffend überschrieben, der wörtlich zu nehmen sei: Papa Willy, geht notorisch fremd und zeugt dabei ein Töchterlein. Mutter Ruth hüpft daraufhin vom Hausdach der Rivalin in den Tod. Die eheliche Tochter Britta wird zur Aussteigerin, provoziert den Schulfrieden und haut mit einem Zirkus ab. Sohn Matti fliegt von der Schule und ist auch noch in eine junge Lehrerin verknallt. Erik, Filius Nummer zwei, ist karrieregeil und so überangepasst, dass er die eigene Familie verleugnet. Und weil das alles noch nicht reicht, spielt sich das private Familiendrama in gesellschaftlich bewegten Zeiten ab: Die DDR liegt in den letzten 13 Jahren ihrer Existenz bis zur Grenzöffnung und zum Wiedervereinigungschaos mit neuen Anpassungsleistungen und Selbstverleugnung im System West. Die alten Probleme sind die neuen. So weit, so what.

brueder und schwestern 560 candy welz uFamilenschlacht vor Schwarz-Rot-Gold © Candy Welz

Zum Jubiläum 30 Jahre Mauerfall hat das Deutsche Nationaltheater Birk Meinhardts 700-Seiten-Roman-Wälzer "Brüder und Schwestern" zu einem Theaterabend eingedampft. Ein eigentlich spannendes und chancenreiches Unterfangen. Ist der Romantext auch reichlich verlabert und ungeheuer plakativ. Christian Tschirners Bühnenfassung bleibt dann allzu oft bei den Klischees und dem Geklapper mit Worthülsen der Feuilleton-Sprache und der Opferargumentation Meinhardts kleben.

Stasi-Offizier mit Federschmuck

Eine Chance, der Sache Leben einzuhauchen, hätte Regisseur Hasko Weber. Er nutzt sie jedoch nur halbherzig. Seine Arbeit verrät: Er kann sich nicht entscheiden zwischen eigenen Ideen plus Mut zu kreativen Lösungen und bloßer Texttreue. Allzu oft lässt er die Rollen nur brav und bieder aufsagen. Symptomatisch dafür die Eingangs- und die Schlussszene. Erst sitzen sich Ossi und Wessi am Tisch gegenüber und beharken sich mit Vorurteilen. Wer war der größere Opportunist und folglich der ideale Mitläufer? Am Ende sitzen alle Schauspielerinnen und Schauspieler auf einer Stuhlreihe nah am Bühnenrand, erzählen und beklagen das Wendeschicksal ihrer Figuren.

Überhaupt wird in dieser Inszenierung viel auf Stühlen herumgesessen, sich selbst bemitleidet und zu wenig agiert. Da ist schon ein Regielichtblick, wenn der Stasi-Führungsoffizier als großer Häuptling mit Federschmuck auftaucht und die Friedenspfeife kreisen lässt. Überhaupt hätte ein bisschen mehr Abstand durch Selbstironie der Produktion gutgetan. Retten, was zu retten ist: Dafür steht die Leistung der sechs Protagonisten des Stücks. Sie müssen im fliegenden Wechsel in mehrere Rollen schlüpfen, um die auf Tempo programmierte Nummernrevue am Laufen zu halten. Wo immer es ihnen möglich ist, erobern sie sich individuellen Gestaltungsspielraum, zeigen ihr darstellerisches Talent und allesamt ihre sprachliche Souveränität.

brueder und schwestern1 560 candy welz uAngekommen im wilden Westen? © Candy Welz

Sebastian Kowski gelingt als Willy Werchow, Familienoberhaupt und Boss einer Staatsdruckerei, die Figur des Kompromisslers und Durchwurstlers par excellence. Dass die Partei immer recht hat, treibt ihn schließlich zur Verzweiflung. Lutz Salzmann versucht als Sohn Matti den aufrechten Gang überzeugend rüberzubringen. Haltung statt Anpassung. Da darf man über die Konsequenzen hinterher nicht jammern. Entsprechend sein natürlich selbstverständliches, kraftvolles Spiel. Bruder Erik wird von Philipp Otto als Musterbeispiel der Anpassung verkörpert. Nadja Robinè zeigt die liebenswerte Naivität ihrer Figur Britta Werchow und zudem artistisches Talent in deren Zirkusakrobatik. Mutter Ruth wird von Isabel Tetzner in ihrer ganzen Verletztheit durch Missachtung ihrer Persönlichkeit vorgeführt. Und schließlich ist Nahuel Häflingers berlinernder Naturbursche Peter Schrott der Menschentyp, den keine Ideologie verbiegen kann.

Klammheimliche Wut

Führt der Blick zurück, den das Weimarer Theater mit dem Stück wagt, zu neuen Erkenntnissen über das Phänomen Menschen in den Zwängen der Verhältnisse? Wird die längst nicht mehr klammheimliche Wut und Empörung vieler ostdeutscher Bürgerinnen und Bürger rational zugänglicher und damit den Menschen Gerechtigkeit widerfahren? Man darf es wohl bezweifeln. Der lebhafte Beifall des Premierenpublikums ist trotzdem nicht zu überhören. Ausdruck dafür, dass Betroffene sich hier verstanden fühlen?

 

Brüder und Schwestern
Schauspiel nach dem Roman von Birk Meinhardt
Uraufführung
Bühnenbearbeitung: Christian Tschirner, Regie: Hasko Weber, Bühne: Hasko Weber und Alexander Grüner, Kostüme: Andrea Wöllner, Komposition und Musik: Sven Helbig, Dramaturgie: Beate Seidel, Maske: Stephanie Kreisel, Licht: Norbert Drysz.
Mit: Nahuel Häflinger, Sebastian Kowski, Philipp Otto, Nadja Robiné, Lutz Salzmann, Isabel Tetzner.
Live-Aktion Malerei: Dieter M. Weidenbach
Premiere am 10.November 2019
Dauer: 2 Stunden 30 Minuten, eine Pause

www.nationaltheater-weimar.de

 

Kritikenrundschau

"Was soll mir diese merkwürdige Dramaturgie eigentlich sagen?! Zwei Stunden DDR-Erinnerung; danach fast nichts mehr?! Was soll dieses Erinnerungstheater ohne aktuelle Bezüge?!", fragt sich Stefan Petraschewsky vom MDR (11.11.2019). Die selbstgestellte Aufgabe des DNT in dieser Spielzeit laute: 'Wir wollen herausfinden, in welchem Verhältnis sich das deutsch-deutsche-Verhältnis im 30. Jahr des Falls der innerdeutschen Grenze befindet.' Vor dieser Aufgabe sei die Inszenierung "einfach nur belanglos, fast immer plakativ, manchmal auch albern und ein ziemlicher Klamauk".

 
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