In der Hüpfburg der Moral

von Morten Kansteiner

Köln, 21. September 2008. Bis zum "Perceval" des Chrétien de Troyes ist es ganz schön weit: gut 800 Jahre Literaturgeschichte, wenn man aus der Gegenwart zurückblickt. Tom Kühnel und Jürgen Kuttner sind tapfer losmarschiert, aber ungefähr an der zweiten Jahrhundertwende muss ihnen die Puste ausgegangen sein. Chrétien steht zwar als ein Gewährsmann im Programmheft, aber letztlich sind sie bei Wagner gelandet: Sein Libretto liefert das Gerüst für ihre "Parsifal"-Variationen am Kölner Schauspielhaus. Und ehrlich gesagt sind 126 Jahre ja schon ein ganzes Stückchen.

In der Zeit kann sich einiges bewegen. Selbst die menschliche Moral – ein eher träges Ding – kommt während einer solchen Spanne ordentlich vom Fleck. Nicht zuletzt daran liegt es, dass das Wagner-Personal, besonders wenn man es der Musik entkleidet, heutzutage eine merkwürdige Figur macht. Amfortas etwa, der Hüter des Grals, leidet wie ein Hund, weil er ein einziges Mal nicht standhaft war. In einem schwachen Moment hat er sich verführen lassen – schon war der heilige Speer, auf den er hätte achten müssen, entwendet und die ganze Gralsgesellschaft in der Schieflage.

Wo ist der Makel, der uns umtreibt?

Parsifal hingegen hat zwar seine Mutter in den Tod getrieben, aber das macht nichts: Er gilt als die reine Unschuld, als Retter der Gemeinschaft. Denn ihm gelingt es, weiblichen Reizen zu widerstehen. Die verführerische Frau ist das schlechthin Böse – mit dieser schlichten Gleichung ermittelt Wagner die Moralbilanzen seiner Recken. Und da die Rechnung heute nicht mehr aufgeht, haben Kühnel und Kuttner ein Problem.

Denn offensichtlich wollen sie auf die Schuldfrage hinaus, auf die Leichtigkeit, mit der sich am Ende die Gralsgemeinschaft in einem Ritual von aller Sünde reinwäscht. Nicht umsonst doziert Jürgen Kuttner in einem langen Einschub an der Rampe über Formen falscher Unschuld, über Scheinheiligkeit zum einen und Naivität zum anderen. Aber all das bleibt ohne Belang, solange die Schuld fehlt, die uns heute betreffen könnte. Ein Makel, der uns umtriebe wie Wagner der Sex.

Das Böse schlechthin und seine relativen Abgründe

Im Laufe des Abends gibt es einige Anläufe, diese Leerstelle zu füllen. In dem Moment etwa, wenn sich Parsifal der Annäherungsversuche Kundrys zu erwehren hat, wenn Suse Wächter als Vamp im Glitzerkleid Jennifer Frank – der Knabe Parsifal ist hier eine Frau in Schuluniform – in ihre Arme zieht. Die Musiker, die um die Bühne verteilt sind, lassen ein unheilvolles Klanggewitter losbrechen, und über eine Leinwand rasen Bilderblitze. Chromosomen meint man zu erkennen, anonyme Menschenmengen und, so viel ist sicher, schließlich auch Hitler.

Da ist es: das Böse, das nach heutigen Standards eine gewisse Eindeutigkeit beanspruchen kann, die deutsche Schuld, die uns alle betrifft. Aber sie blitzt eben nur auf, eingereiht zwischen weitaus relativeren Abgründen. Die Rolle des Sündenfalls müssen im Laufe des Abends unter anderem das NATO-Bombardement von Belgrad, der Libertinismus der 68er und die OPEC-Geiselnahme von Wien einnehmen. Die Wagner'schen Verse sind mit Textschnipseln durchsetzt, die all das anklingen und ebenso schnell wieder absinken lassen. Beim besten Willen lässt sich anhand solcher Spuren keine Verantwortung ergründen und erst recht kein moralisches Gebot zusammenpuzzeln.

Erlösung ist nicht leicht zu haben

So bleibt das Zentrum leer, um das eine beachtliche Maschinerie kreist. Jo Schramm bringt diverse deutsche Orte auf die Bühne, von der engen Küche mit Stahlrohrhockern und Wachstuchdecke bis zur gotischen Kathedrale in Hüpfburg-Bauweise. Fünf Schauspieler teilen nicht nur Wagners Personal unter sich auf und plagen sich mit dessen Reimen, sondern haben auch noch ein paar dazucollagierte Figuren zu bewältigen. Und sogar der Chor ist da, den Wagner fordert: Sieben Frauen vom Kölner Kolumba Chor, die offenbar die große Tradition des deutschen Laiengesangs zu repräsentieren haben.

Am Schluss sitzen alle in zwei Reihen auf der Bühne und bekommen von Kundry, die sich brav von der Hure zur Heiligen gewandelt hat, die Füße gewaschen. Demut, Reinigung, das Happy End ist fast zu greifen – aber da ermahnt uns Markus John, dass die Erlösung so leicht nicht zu haben ist. Und zwar mit den Worten von Hans-Joachim Klein, der sich an seine Rolle bei der Geiselnahme im OPEC-Hauptquartier 1975 erinnert. Er sei verantwortlich für die drei Toten, gesteht er, das könne er nicht wegschieben. Geradezu ein "inneres Gefängnis" sei das: "Ich komm' da nicht mehr raus."

Na endlich: Hier stellt sich einer seiner Schuld. Sobald sich uns das nächste Mal die Gelegenheit für eine kleine Geiselnahme bietet, wird uns das zu denken geben.

 

Parsifal
nach Richard Wagner, Chrétien de Troyes u.a.
Regie: Tom Kühnel, Co-Regie: Jürgen Kuttner, Bühne: Jo Schramm, Kostüme: Ursula Leuenberger.
Mit: Jennifer Frank, Markus John, Jürgen Kuttner, Hilmi Sözer, Suse Wächter.

www.schauspielkoeln.de

 

Kritikenrundschau

Im Kölner Stadtanzeiger (23.9.2008) freut sich Christian Bos über eine "szenisch dichte, ungemein reizvolle Inszenierung" des Parsifal-Stoffes, die sich zwar der "Entmythologisierung verschrieben" habe, aber "beständig vom Zauber des Stoffes eingeholt wird". Es ginge "um Moral": "Um die Schuld der Unschuldigen, die sich, im Rückblick dann stets töricht, einer Utopie verschrieben haben." Rudi Dutschke und Bernd Rabehl kämen zu Wort, "der Terrorist Hans-Joachim Klein, ein ungenannter 'Held der Arbeit' und auch Joschka Fischer". Dazu Musik, durchaus nicht immer Wagner: "Mal bratzt die E-Gitarre, mal singt lieblich der Kolumba-Chor, sieben reifere Damen in Festtagsblusen. Oft überlagern sich auch die Szenen und Theaterformen, konkurriert grobmaschige Opern-Dramatik mit intimem Kammerspiel, thesenhaftes Frontaltheater mit Marthaler'schem Singspiel." Wenn Parsifal Amfortas am Ende den "heilenden Speer in die Wunde" treibe, zitiere er Joschka Fischer: "'Das wirkliche Geheimnis meines Erfolges war das Auswechseln und völlige Neuschreiben meiner persönlichen Programmdiskette.' Heilen durch mechanisches Auswechseln der Persönlichkeit, Unschuld durch die Löschtaste: Da ist keine Erlösung von der deutschen Geschichte in Sicht." Dafür "schön ausgeführte künstlerische Hochsprünge" satt.

Der Abend hangele sich "an den Schlüsselszenen entlang, gespickt mit Fremdmaterial", schreibt Vasco Boenisch in der Süddeutschen Zeitung (24.9.2008). Bis zu einem gewissen Punkt macht es ihm "Spaß, mit Kühnel und Kuttner auf Spurensuche zu gehen. Aber früher oder später steht man wie der Ochs vor der Gralsburg." Weil der "ganze Opernhokuspokus den Beteiligten offensichtlich fremd" bleibe, stelle sich die Frage, ob "Parsifal" eine "deutsche Nachkriegsvita" und umgekehrt "eine Reflexion über politische Zeitwenden den 'Parsifal'" braucht – der Kritiker sagt: "Nö".

 

 
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