Drei Männer und ein Skript

von Jan Fischer

Celle, 30. Januar 2020. Eine gute Figur, so steht es jedenfalls gerne mal in Schreibratgebern, ist von zwei Dingen getrieben: Dem, was sie braucht, und dem, was sie will. Konflikte – und damit Geschichten – ergeben sich, wenn beides nicht identisch ist. In "Mondschein und Magnolien" wollen die drei Männer, die sich für fünf Tage im Büro des Produzenten David O. Selznick eingeschlossen haben, um das Skript des gerade entstehenden Filmes "Vom Winde verweht" aufzupolieren, einen Kassenerfolg. Was sie brauchen, ist eine ordentliche Mütze Schlaf. Und Nahrung, die weder etwas mit Bananen noch mit Erdnüssen zu tun hat.

Basierend auf wahren Begebenheiten

Franziska Marie Gramss bringt das 2004 uraufgeführte Stück des US-amerikanischen Autors Ron Hutchinson für das Schlosstheater Celle auf die Bühne. Hutchinson ist tatsächlich so etwas wie ein Hollywoodprofi – er war mehrmals für einen Emmy nominiert und hat auch einen gewonnen, sein erstes Drehbuch wurde 1991 verfilmt, sein Skript für den Film "Against the wall" mit Samuel L. Jackson stieß auf positive Kritiken, die 1996er Neuverfilmung von "The Island of Dr. Moreau" mit Marlon Brando, für die er teilweise das Drehbuch schrieb, eher weniger. Aber gerade im Hinblick auf die zahlreichen Produktionsschwierigkeiten, die "The Island of Dr. Moreau" zu bewältigen hatte (unter anderem ein Regisseurswechsel, zwei Scheidungen, ein Selbstmord sowie Val Kilmer und Marlon Brando an einem Set) lässt sich sagen: In "Mondlicht und Magnolien" dürfte ein gutes Stück persönlicher Erfahrung mit eingeflossen sein.

Mondlicht Magnolien 2 560 HubertusBlumeZoff im Writers' Room: Peter Volksdorf, Dino Nolting, Alex Peil © Hubertus Blume

In dem Stück versucht der Produzent Selznick zusammen mit dem Regisseur Victor Fleming und dem Autor Ben Hecht 1939 die kriselnde Produktion von "Vom Winde verweht" zu retten: Der erste Regisseur ist gerade gefeuert worden, das Drehbuch ist viel zu lang und dem Studio geht das Geld aus. Innerhalb von fünf Tagen müssen die drei ein vernünftiges Drehbuch zusammenbasteln. Weil Hecht die Buchvorlage nicht gelesen hat, spielen ihm Selznick und Fleming die wichtigsten Szenen daraus vor. Ein Stück weit basiert die Geschichte auf wahren Begebenheiten: Die Namen stimmen, sowohl Regisseur und Autor stießen erst spät zur Produktion, es kriselte insgesamt ein wenig während der Dreharbeiten von "Vom Winde verweht" – an dessen Erfolg damals niemand glaubte.

Überspielt überschminkt überdekoriert

Es ist bereits das zweite Mal, dass Franziska Marie Gramss den Text inszeniert. In anderer Besetzung, aber mit ähnlichem Look, brachte sie es bereits im Theater Krefeld Mönchengladbach auf die Bühne. Gramss versetzt ihre drei Hauptfiguren – plus hin und wieder eine Sekretärin mit feuerroter Turmfrisur – in ein in eklektischer Hässlichkeit eingerichtetes Büro: Eine Chaiselongue steht da, diverse Sessel, künstliche Palmen, ein Porzellanhund und Selznicks leicht erhöhter Schreibtisch mit einem thronartigen Stuhl dahinter. Ihre Figuren sind bleich geschminkt und stecken in grellfarbenen Anzügen, unter denen sich falsche Bäuche und sonstige eigenartige Körperauswulstungen wölben. Hutchinsons Text ist eine Screwball-Komödie voller Schenkelklopfer, die nur ganz haarscharf am Boulevard vorbeischrammt, dementsprechend karikieren die Darsteller und die Darstellerin ihre Figuren, überspielen überschminkt den Text in dem überdekorierten Raum.

Mondlicht Magnolien 1 560 HubertusBlume uAlex Peil, Stefanie Winner, Peter Volksdorf © Hubertus Blume

Tatsächlich aber kann das Stück ein wenig mehr als nur Komödie: "Vom Winde verweht" spielt zur der Zeit des amerikanischen Bürgerkriegs, und "Mondlicht und Magnolien" spielt, während in Europa gerade der Zweite Weltkrieg beginnt. Und so kommt es nicht daran vorbei, sich immer mit Fragen zu Rassismus und Antisemitismus zu beschäftigen. "Wenn Sie alles nur durch die sechszackige Brille sehen wollen, ist das Ihr Problem", keift der Jude Selznick einmal den Juden Hecht an. Hecht wiederum versucht, den Rassismus der alten Südstaaten so gut wie möglich aus dem Drehbuch herauszuhalten. "Mit der Rassenfrage kann ich mich nicht aufhalten", kommentiert Selznick seine Versuche. Gleichzeitig versucht Hecht so etwas die künstlerische Integrität zu wahren, will "Amerika den Spiegel vorhalten", Selznick denkt ans Publikum und dass es in dem Spiegel lieber nur sehen würde, wie es denkt zu sein und nicht wie es ist. Fleming ist sowieso bereit, sich jedem zu verkaufen, der ihn bezahlt.

... und überdreht

So treffen in dem Büro – zwar komödiantisch aufbereitet – unterschiedliche politische und künstlerische Positionen in einem von vorneherein unmöglichen Schaffensprozess aufeinander, in dem Kompromisse nur widerwillig eingegangen werden. Dynamiken, die sich sicherlich lohnen würden zu vertiefen. Letztendlich aber kratzt das Stück – und mit ihm die überdrehte Inszenierung – bei diesen Fragen an der Oberfläche. Es versucht zwar, sie im Hinterkopf zu behalten, durchbricht dann noch die vierte Wand, um mit dem Zeigefinger die eigentliche Macht dem Publikum in die Schuhe zu schieben, fühlt sich aber letztendlich wohler in Komödien-Gemütlichkeit. Und das ist eigentlich auch ein ganz fluffiges Plätzchen, um von dort ein entschiedenes "Frankly, my dear, I don't give a damn" zu flüstern.

Mondlicht und Magnolien
von Ron Hutchinson
Deutsch von Katharina Abt und Daniel Karasek
Regie, Bühne und Kostüme: Franziska Marie Gramss.
Mit: Stefanie Winner, Dino Nolting, Alex Peil, Peter Volksdorf.
Premiere am 30. Januar 2020
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

schlosstheater-celle.de

 

Kritikenrundschau

Gelungen sei dem Ensemble der "schmale Grat zwischen Klamauk und der nötigen Ernsthaftigkeit", schreibt Jürgen Poestges in der Celleschen Zeitung (1.2.2020). Überspitzt dargestellt seien die "schrillen Typen", teilweise grotesk in ihrem Verhalten, aber immer liebenswert. Peter Volksdorf spiele den Selznick "mit allen Facetten, aber immer glaubwürdig", Stefanie Winner die Sekretärin "herrlich überzogen", und Dino Nolting verkörpere den Regisseur "wundervoll schrägt, mal Macho, mal Künstler, mal Mensch". Dafür gebe es "hochverdienten und anhaltenden Applaus".

 

 
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