Stalltür zum Schafott

von Georg Kasch

Fürth, 25. September 2008. Es ist wahr: Eine merkwürdige Faszination geht aus vom Krimi "Tannöd". Nobelpreisverdächtig ist der schmale Band nach einem wahren Fall im bayerischen Dorf Kaifeck nicht. Aber er packt durch seinen Rhythmus und das sich verdichtende Informationsnetz über den sechsfachen Mord, mehr noch über die Gesellschaft, in deren Mitte die Tat geschieht. Er gruselt über die kriminologischen Fakten hinaus – eine Erklärung vielleicht für den Auflagenerfolg von Andrea Maria Schenkels Buch.

Die Gesellschaft, die sich das Maul zerreißt, aber wegsieht, wenn es darauf ankäme, Verantwortung zu übernehmen, fokussiert auch Maya Fanke in ihrer deutschen Erstaufführung am Stadttheater Fürth. Gemeinsam mit Doris Happl, Chefdramaturgin in Innsbruck, hatte sie für ihre dortige Uraufführung im März 2008 eine von Schenkel autorisierte, eng an der Vorlage bleibende Bühnenversion entwickelt. Die Monologblöcke sind aufgebrochen (so berichten die Rentnerin und die Schwester nun abwechselnd in kurzen Streiflichtern von der Magd Marie), der reigenartige Stil aber beibehalten: Auch hier wechseln Fürbittengebete, Zeugenaussagen und erzählende Passagen einander ab.

Die (Ruf-)Mörder sind unter uns

Nun also die Erstaufführung (Dresdens schneller Schuss bemühte eine eigene, nicht abgesegnete Fassung) in Fürth. Im nur durch senkrechte Leuchtröhren und eine weiße Wand (mit der verhängnisvollen Holztür zum Stall) hinten begrenzten Bühnenraum stehen lange, graue Bänke, einige aufgereiht, etliche zu einem Haufen getürmt: eine aufgelöste Kirche, ein verlassener Gerichtssaal, eine verkommene Wirtschaft. An der Wand hängen schwarzweiße Bauernporträts, der Boden leuchtet sanft und ragt über ein Podest in den Zuschauerraum im unwirklichen Neorokoko. Ein heller, auch weiter Raum, den sich Wolfgang Menardi erdacht hat.

Dennoch wirkt er von Anfang an beklemmend. Gemächlich und etwas zerfasert setzt sich die Erzählmaschine in Gang, trotzdem ist’s bald offensichtlich: Die (Ruf-)Mörder sind unter uns. Aus dem achtköpfigen Gesellschafts-Chor treten die zwanzig Charaktere, nur durch einen übergestreiften Mantel oder eine Joppe gekennzeichnet, auch räumlich hervor, um ihren Teil beizutragen.

Fanke schafft Spielszenen, ohne zu illustrieren: Ein Gang der Magd und ihrer Schwester durchs Unwetter zum Tannöd-Hof wird zu einem Lauf über die Bänke. Dem alten Danner wird von der Darstellerin seiner Tochter (dem Tod) der Stock weggetreten, als er, der Erzählung nach, aufsteht und im Stall nachsehen will – kurz vor dem endgültigen Fall strauchelt er schon mal. Und wenn über das Leben der Dannerin gesprochen wird, zeichnen sich die Aufs und Abs kaum merklich im sonst verkniffenen Gesicht Karin Oehmes ab.

Immer schneller dreht sich das Hysterie-Karussell

Ein eindrucksvoller Gang aufs Schafott auch der Tod der Familienmitglieder, dramaturgisch schon bei Schenkel ausgewogen in den Erzählverlauf gewebt: Der Danner und die Dannerin, Magd und Marianne gehen durch die zuschlagende Stalltür ins gleißende Licht, Fallbeil und Erlösung zugleich, während Katharina Weithaler die Maultrommel schlägt. Mit wächsernem Blick und einer Aura der Unantastbarkeit spielt sie Barbara, die zum Inzest gezwungene Tochter des Tannöd-Bauern, und spricht jene Texte, die aus der Perspektive des Mörders erzählen – zwei Seelen in einer geschundenen Brust.

Fanke, eine Institution im Großraum Nürnberg, die rastlos an allen großen Bühnen wie an Off-Theatern inszeniert und sich die Aufführungsrechte am Roman noch vor dessen Verkaufserfolg sichern konnte, hat den Abend choreographisch fest im Griff, setzt mit synchronen Bewegungen Akzente, zaubert mit mehrstimmigen bayerischen Volksweisen Atmosphäre und zieht das Tempo zunehmend an.

Schneller beginnt sich das Hysterie-Karussell zu drehen, läuft die Minimal Art-Musik, fingert der braune Bürgermeister an der Sterzerin herum, die bei niemandem Zuflucht findet, weil sie über die Verbrechen während des Krieges redet, pocht und klopft es leise und unheimlich, geht das Dorf aufeinander los, klingen die Choreinsätze gehetzter. Immer wieder schreit Hansl den Dorfbewohnern die Botschaft des Mordes um die Ohren. Auch die Schauspieler, von denen etliche die Grenze zur Karikatur überschreiten, fügen sich ins atemlose Finale mit exakt gesetzten Pausen.

Auch wenn es am Ende einen Täter gibt – die Neonröhren am Spielfeldrand können zwar Licht ins Dunkel des Falles, aber kaum in das der Seelen bringen. Enthüllt haben sie nur die Fratze einer patriarchalen Schweige-Gemeinschaft.


Tannöd
von Andrea Maria Schenkel (DE)
Bühnenfassung von Maya Fanke und Doris Happl
Regie: Maya Fanke, Bühne: Wolfgang Menardi, Kostüme: Wolfgang Menardi und Renate Aurnhammer, Musik: Christian Wegscheider/ Franui.
Mit: Karin Oehme, Thomas Heller, Katharina Weithaler, Babette Slezak, Barbara Seifert, Hartmut Volle, Roland Klein, Gerd Beyer.

www.stadttheater.fuerth.de


Mehr
zur Tannöd-Vertheaterung erfahren Sie in der Kritik zur Dresdner Inszenierung der nicht autorisierten Fassung im Juni 2008.

 

Kritikenrundschau

Zu einer gewagten Aussage lässt sich Michaela Höber in der Nürnberger Zeitung (27.6.2008) hinreißen: "Die Bühnenfassung von 'Tannöd' ist weitaus packender als der hochgelobte Krimi-Bestseller selbst. Den Originaltext geschickt komprimiert, bringt Maya Fanke das Geschehen auf den Punkt." Es gelinge ihr "in ihrer virtuosen Inszenierung, dass sich die Figuren offen legen, ohne entblößt zu wirken. Sie zeichnet das eindringliche Bild einer bigotten Dorfwelt." Beeindruckend sei die "Leistung der acht Schauspieler, die während der gut eineinhalbstündigen Aufführung permanent auf der Bühne sind und sämtliche Rollen verkörpern." Alle nämlich trügen "mit ihrem gekonnten Spiel zu einer runden und überzeugenden Ensembleleistung bei".

 

 
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