Pandemischer Biedermeier

von Steffen Becker

Nürnberg, 26. Februar 2021. Ein Stück über eine Pandemie, dessen erste Aufführung an einer Pandemie scheiterte. "Isola" – von Philipp Löhle für das Staatstheater Nürnberg geschrieben – entstand ab April 2020, wurde im Dezember abgesagt und erlebt nun als neu gestalteter Theaterfilm eine Streaming-Premiere – und "spiegelt die neue Lebensrealität in der Pandemie", wie es Schauspieldirektor und Regisseur Jan Philipp Gloger beschreibt.

Rückzug auf die Burg

Autor Philipp Löhle siedelt seine Geschichte in der Biedermeier-Zeit an. 1838, im Land der Burgen und Schlösser und Kleinstaaterei, so die Regieanweisung. Das passt, steht die Biedermeier-Ära doch für den Rückzug ins Private. Und die gleichzeitig herrschende Romantik ist als Steinbruch ideal für eine Bespiegelung von auf sich selbst zurückgeworfenen Menschen.

Mehrere dieser Rückzugsexemplare treffen sich zu Beginn auf dem Anwesen des Markgrafen von Munk: Der alte Schlossherr ist tot, sein Sohn hat zur Feier geladen. Aber dann stirbt ein Gast. Es folgen weitere Opfer. Man sieht es nicht, es gibt widersprüchliche Aussagen. Man hört Schreie, Gerumpel, die Musik erstirbt. Die Festgesellschaft schließt die Türen, um die Bedrohung auszusperren.

Isola 2 560 KonradFersterer uFinstere Corona-Party: Das Nürnberger Ensemble im Bühnenbild von Franziska Bornkamm © Konrad Fersterer

Was folgt, lässt sich am besten als Mischung aus Traum-Deutung und Edgar Allen Poe-Horror beschreiben. Die Figuren haben Fieberträume, reden einander vorbei, überlappen Dialoge und Gedankengänge aus dem Off, isolieren sich dadurch, verlieren sich.

Die Stützen der Gesellschaft vereint

Die Gefahr ist nie greifbar. Umso eindeutiger ist manche Charakterzeichnung. Der neue Markgraf ist der Politiker – den Tjark Bernau laut und dabei umso hilfloser anlegt. Bernau gelingt das Kunststück, ihn dabei nicht unsympathisch wirken zu lassen. Eher wie jemanden, der qua Status etwas anordnen muss, aber doch auch nicht mehr weiß als die Übrigen.

Die Medizinalrätin vertritt die Wissenschaft. Stephanie Leue spielt sie als Feuerwehrfrau, die alles zu rationalisieren versucht, letztlich aber auch nur spekuliert – und schließlich kapituliert und sich ihrem arroganten Sohn (Justus Pfankuch) anschließt, der eine wunderbar einfache Schuldzuweisung raushaut.

Isola 3 560 KonradFersterer uLou Strenger, Janning Kahnert © Konrad Fersterer

Regisseur Jan Philipp Gloger interessiert sich aber am meisten für die esoterisch angelegten Nebenfiguren. Das Mädchen Flora besetzt er mit der ältesten Schauspielerin: Annette Büschelberger. Sie sieht Geister, befreit sich zwischendrin aus einem Kokon und wetteifert mit der Dame Lydia Skrim um den abgedrehtesten Auftritt. Letztere (Lou Strenger) befragt ein imaginäres Fremdes, worin sein Sinn liegt, warum es all diese Leute tötet. Das Fremde antwortet: "Weil ich es kann!"

Die beiden wahnhaften Figuren erscheinen in der Inszenierung trotzdem als (relative) Ruhepole, die am wenigsten von der Situation irritiert werden. Die Paradoxien, die die Pandemie auf so vielen Ebenen mit sich bringt, spiegelt sich so auch in den Figuren.

Bedrohliche Atmosphäre

So klar die Parallelen zum Ausnahmezustand Corona auch sind, so selten sind die Anspielungen auf Viren oder Schlüsselwörter der aktuellen Pandemie. Kurz sieht man einen digital in den Zuschauerraum kopierten Dickhäuter, aber der Corona-"Elefant im Raum" bleibt ansonsten genau das: der "elephant in the room", das unausgesprochene, heikle Thema.

Isola 1 560 KonradFersterer uDie Pandemie fordert ihre Maskierungen: Tjark Bernau, Stephanie Leue, Annette Büschelberger, Lou Strenger, Justus Pfankuch © Konrad Fersterer

Ganz den Prinzipien der Romantik verpflichtet belässt es Löhle bei Allegorien. Auch die Bühne folgt diesem Gestaltungsprinzip. Ein paar wenige Biedermeiermöbel, die kaum ablenken von einer grauen Wand aus Türen. Auf dieser sorgen Schattenspiele und Projektionsschlieren für eine permanente, aber selten angesprochene Unruhe. So entsteht eine bedrohliche "Etwas stimmt nicht"-Atmosphäre, die zugleich als neue Normalität erscheint, die die Figuren hinnehmen.

Die filmischen Mittel (Regie: Sami Bill) sind wohl eingesetzt. Hier ein besonderer Winkel, dort ein Blick hinter die Bühne oder ein digital verstärkter Schneesturm. "Isola" will kein Film sein. Die Inszenierung bleibt ein Theaterstück, das die Möglichkeiten der Technik nutzt, um etwa Szenen aus den Proben für die ursprünglich geplante "reguläre" Aufführung wie einen fernen Traum einzufügen. Umso störender wirken dann einige wenige Elemente wie eine unvermittelt reingeschnittene U-Bahn-Station.

Der Naturforscher kennt seine Schmetterlinge

Auch die Rahmenhandlung des Stücks wirkt leider wie ein Anhängsel. Klammer von "Isola" ist die Jugendfreundschaft des Grafen mit einem Naturforscher. Den braucht Löhle, um ihn über die Verpuppung von Insekten philosophieren zu lassen: wie sie sich isolieren, um gestärkt als Schmetterling in die Welt zurückzukehren – oder als unansehnliche Motte zu entschwinden, die einen schleimigen Kokonrest zurücklässt. Auch das ist eine gelungene Allegorie auf die Pandemie und ihre gesellschaftlichen Folgen. Aber der Preis für "Isola" ist, dass der Naturforscher recht lustlos an die Geschichte drangeklebt wird. Ein Wermutstropfen in einem Stück, das ansonsten den Nerv des Publikums voll trifft.

Isola
von Philipp Löhle
Theaterfilm nach einer Inszenierung von Jan Philipp Gloger
Regie: Jan Philipp Gloger, Filmregie, Kamera & Schnitt: Sami Bill, Bühne: Franziska Bornkamm, Kostüme: Uta Meenen.
Mit: Maximilian Pulst, Tjark Bernau, Stephanie Leue, Justus Pfankuch, Annette Büschelberger, Lou Strenger, Janning Kahnert, Raphael Rubino.
Premiere am 26. Februar 2021
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, keine Pause

www.staatstheater-nuernberg.de

 

Der Theaterfilm kann unter https://youtu.be/ws_UJ6IKBKE 28. Februar 2021 abgerufen werden.



Kritikenrundschau

Ein "Zuviel der eingesetzten Mittel" bemängelt Dagmar Ellen Fischer für die Deutsche Bühne (online 27.2.2021) an diesem Theaterfilm. "Farb- und Lichtwechsel, inszenierte Bildstörungen, sich scheinbar verformende Türen und schwankende Räume braucht dieser großartige Text nicht. Projektionen aus Schmetterlingen mit einem minimalen Menschenkörper zwischen den Flügeln sind purer Kitsch. Auch das filmische Fokussieren auf eine bestimmte Figur ist dem Verständnis des großen Ganzen nicht immer zuträglich und mündet mitunter in Effekthascherei. In diesem Fall ist kein neues Genre, sondern ein ermüdender Abend entstanden."

Für den Deutschlandfunk, SWR und BR hat Christoph Leibold den Theaterfilm besprochen (26.2.2020) und durchaus einen cineastischen Eindruck gewonnen. Der Kritiker ist beeindruckt vom effektbewussten Einsatz der Medien finden den Film gut zwischen Popcorn-Kino und theatralischer Stilisierung ausbalanciert. Zum positiven Gesamteindruck Leibolds trägt auch der aus seiner Sicht gekonnte gekonnte Einsatz von Camera-Acting bei. 

"'Isola' ist keine schwarze, pointensprühende Komödie, eher eine creepy Groteske mit Anleihen beim Horrorfilm ebenso wie bei der schwarzen Romantik à la Edgar Allan Poe", schreibt Christine Dössel in der Süddeutschen Zeitung (3.3.2021). Die theaterfilmische Umsetzung durch Sami Bill könne den Suspense-Pegel nicht immer halten. "Bill lässt es tricktechnisch schneien und virtuell die Schmetterlinge schwirren, aber es geht dann auch die Videoeffektlust mit ihm durch, manchmal bis an die Grenze zum artifiziellen Kitsch", so Dössel: "Effektiver wäre es gewesen, mehr Thrill in und zwischen den Figuren zu suchen, die er öfters mal durchhängen lässt."

 
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