Rausch der Sinne

von Karin E. Yeşilada

Bochum, 2. Juli 2021. "Ich kann nichts sehen!" Angstvoll verbreitet sich die Erkenntnis von der Bühne in den Zuschauerraum: Die bebende Stimme der Frau beim Augenarzt ist zu hören, ohne dass wir sie sehen. Schemenhaft nur zeichnet sich die Figur hinter den großen Plastikplanen ab, mit denen die Bühne lagenweise abgehängt ist, und die immer wieder atmosphärisch eingefärbt werden (Bühne und Lichtdesign: Rocío Hernández). Figur und Publikum sind auf das Hören konzentriert – und schon ist man mitten drin im Stück, das die 1980 geborene chilenische Autorin, Regisseurin und Musikerin Manuela Infante im Auftrag des Stückemarkts beim Berliner Theatertreffen schrieb und am Bochumer Schauspielhaus nun selbst uraufführte.

Verzerrte Stimmen

Es geht ihr um den Grenzbereich von Noise zwischen Lärm und Geräusch, zwischen Vielstimmigkeit und dem Schrei nach Wahrheit. Hall, Wiederhall, Stimmengewirr, und dann zeigt sie sich, Gina Haller, die in den nächsten anderthalb Stunden eine solch dynamische und energiegeladene Performance hinlegt, das wir, nun ja, mit den Ohren schlackern.

Noise4 1200 Nicole Marianna Wytyczak uSchrei nach Wahrheit: Gina Haller und das "Soundding"  © Nicole Marianna Wytyczak
Gleich in der nächsten Szene stellt sie uns, nun ganz souverän im Dialog mit der Stimme aus dem Off, den Helden des Abends vor, einen Suchhund, der den Herzschlag von Verschütteten hört und sie rettet, der auf der Bühne herumwieselt, ohne wirklich dort zu sein. Minuten später ist Haller dieser Hund: Sie bellt, jault, agiert zu den verzerrten Stimmen der Menschen. Verwirrung: Worum geht es hier? Wer spricht mit wem? Keine Zeit zum Ergründen. Die Performance fließt, Haller bewegt sich unablässig sprechend, das auf dem Boden befindliche Soundding betätigend – ein Looper Pedal, oder ist es ihr Alter Ego, mit dem sie spricht, gegen das sie ansingt, anwimmert, ansummt, brodelt, gurgelt, offbeatet, grunzt, schreit? Wie viele Personen stecken eigentlich in dieser zierlichen Frau, die da über die Bühne wirbelt?

Wir sehen umso klarer

Das Stimmengewirr und die Multiperspektivität lassen erst allmählich das eigentliche Ereignis erkennen, das dem Stück zugrunde liegt; eine Episode aus der Zeit der Proteste in Chile 2019. Als aus Schülerprotesten gegen Preiserhöhungen eine große Bewegung wurde, für den Staat nicht zu greifen, weil dezentral. Die Revolte kostete mehr als 345 zumeist junge Menschen, die gezielt durch die Polizei beschossen wurden, das Augenlicht. Die Kunde davon verbreitete sich gerüchteweise, bis Amnesty International darüber berichtete. "Wir sehen umso klarer" war die Antwort der Protestierer. Manuela Infante verleiht diesen Protesten nicht nur eine, sondern viele Stimmen. Lärm, Noise, Rumor.

Noise2 1200 Nicole Marianna Wytyczak uDen Stimmen lauschen: Gina Haller © Nicole Marianna Wytyczak

Rumor, das ist auch die englische Bezeichnung für das wiederholt kolportierte Gerücht, das mit jeder Erzählung andere Gewichtungen erfährt. Die Erzählung wird wiederholt, reflektiert, verzerrt, mal von einem kleinen Kind, mal von dessen genervtem Geschwister-Teenie, mal von einer Rentnerin berichtet, und nie wird klar, ob besagte Fotografin gefoltert und zu Tode gebracht wurde oder nur zufällig im Feuer starb. Aber geht es überhaupt um die Fakten, oder viel mehr um das Gefühl des hilflosen Sterbens, das jener heldenhafte Hund aufnimmt, der die Sterbende – angeblich – entdeckt und rettet? Name des Hundes: Rumor. Und wie Gina Haller diesen Rumor bellen, jaulen, wimmern und weinen lässt, geht unter die Haut.

Maschinengeneriertes Schreiben

Infante interessiert sich dafür, Stücke ohne menschliche Beteiligung zu schreiben, also auch maschinengeneriertes Schreiben zu inszenieren und bezieht im Produktionsprozess Maschine und Performerin mit ein. Man merkt es Gina Haller nicht an, dass sie sich den Umgang mit dem Looper Pedal erst antrainieren musste, im Gegenteil: Virtuos steppt sie aus geschmeidiger Bewegung mit dem Gerät, und noch während sie davor kniet, um den Regler zu bedienen, steigen Klänge und Hall in den Bühnenhimmel und dringen von dort in den Zuschauerraum.

Es ist eine Choreografie aus Klangwirbeln, Stimmechos, aus Geräuschen, die berauschen und anstrengen, Lärm und Chaos erzeugen, Noise eben. Haller und Sounddesigner Diego Noguera versetzen uns mit ihrem zwischen Bühne und Tonpult getanzten Paso Doble in einen 90-minütigen Rausch der Sinne, beglückend und bedrückend zugleich. Noise, das Erklingen aller verschiedener Frequenzen zur gleichen Zeit, ist zugleich ein Spiegel der vielstimmigen chilenischen Proteste von 2019. Gina Haller dabei zu erleben, wie sie diese Polyphonie auf der Bühne ausagiert, ist einfach nur grandios. Unser Applaus, viel zu dünn dagegen.

 

Noise. Das Rauschen der Menge
von Manuela Infante
Übersetzung aus dem Englischen von Felicitas Arnold
Uraufführung
Regie: Manuela Infante, Bühne, Kostüm, Lichtdesign: Rocío Hernández, Musik, Sounddesign: Diego Noguera, Dramaturgie: Felicitas Arnold.
Mit: Gina Haller.
Premiere am 2. Juli 2021
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.schauspielhausbochum

 

Kritikenrundschau

"Ein Abend für Licht, Lärm und ein großes Talent," schreibt Hubert Spiegel in der FAZ (6.7.2021). Die chilenische Autorin und Regisseurin Manuela Infante begreife soziale Bewegungen "offenbar als synästhetische Ereignisse, die alle Sinne betreffen, alle Sinne ansprechen, alle Sinne verwirren." Ein ganzes Volk sei in Aufruhr, "aber auf der Bühne steht nur eine Person, eine junge Frau. Sie spielt alle Hauptfiguren und alle Nebenfiguren, sie spielt Männer, Frauen, Kinder, Greise, einen Hund." Gina Haller sei das Rauschen der Menge, das Infante im Titel ihres neuen Stücks ankündige. "Es gibt nur zwei Requisiten: den mit Luft gefüllten großen Kopf und ein kleines Regiepult, einen Looper, den die junge Schauspielerin virtuos handhabt. Das Gerät wird per Pedal bedient, um Signale aufzunehmen, die direkt wieder abgespielt, in Endlosschleifen wiederholt und mit weiteren Aufnahmen überlagert werden können. Die Effekte sind beachtlich."

"Hier wird Theater geboten, das über Grenzen geht," schreibt Jürgen Boebers-Süßmann in der WAZ (5.7.2021). Bereits die Art und Weise, wie die Autorin und Regisseurin Manuela Infante in ihrem Stück einen "mit öußerster Gewalt" niedergeschlagenen Aufstand in Chile aufgreift, findet er einzigartig. "Sie erzählt keine Polit-Story nach, verteilt keine ideologischen Ratschläge, sondern entreißt die brutalen Geschehnisse in einer grellen, enervierenden Klang-Text-Collage dem Vergessen." "Noise" werde zum Verstärker, "der tiefer wirkt, als oberflächlich." Die für "Noise" gefundene Ausdrucksart ist aus Sicht des Kritikers "eigentlich nicht spielbar" und werde doch von Gina Haller gespielt - "und wie!" Nicht bur, wie Haller den Textblock "souvrän meistert" beeindruckt ihn. Auch ihre Wandlungsfähigkeit findet er bemerkenswert. Man habe Gina Haller in Bochum schon in vielen Rollen gesehen. "Hier erreicht ihre Darstellungs- und Verfremdungskunst eine neue Höhe."

"Gina Haller spiel grandios," schreibt Max Florian Kühlem in den Ruhrnachrichten (5.7.2021). "Durchaus spektakulär" bilden hier aus seiner Sicht Bühne, Schauspiel und Sound eine starke Einheit. Einziges Problem bleibe der Text, der für Kühlems Ohr "zu sehr nach dem Mainstream aktueller Theatertexte klingt. Anhand ständig wiederkehrender Motive versuche sich die Autorin "an bedeutungsvoller Symbolik, schafft aber manchmal nur leere Hülsen."

Einen "dunklen, irritierenden Text" beschreibt Cornelia Fiedler in der Süddeutschen Zeitung (8.6.21) - "poetisch bis an die Kitschgrenze" und "mitreißend gespielt und intoniert von Schauspielerin Gina Haller". Das Stück sei politisch, "aber weit davon entfernt, agitatorisches Polittheater zu sein" und entwickele" eine eigene narrative Logik, die hegemonialen Diskursen und Erzählweisen vergnügt den Kampf ansagt." Wie immer bei Infante, "einer der wichtigsten Stimmen des zeitgenössischen lateinamerikanischen Theaters", liege dem Stück eine theoretische Fragestellung zu Grunde. Die Betrachtungen dazu wirkten zwar "spätestens am nächsten Morgen eher naiv und ist historisch betrachtet nicht haltbar." Aber für die Dauer des "in sich stimmigen, mäandernden Bühnenessays" ließ die Rezensentin sich "gern davon bezaubern."

 
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