Im Bühnengericht

von Tobias Prüwer

Weimar, 25. August 2021. "In der Öffentlichkeit, nicht für die Öffentlichkeit sind Prozesse zu führen", führt der Vorsitzende Richter aus. Nuran David Çalış möchte das ändern und bringt mit "438 Tage NSU-Prozess" die Gerichtsverhandlung gegen die Neonazi-Terrorristen und ihr Unterstützer-Umfeld in die Öffentlichkeit. Wenn schon nicht in die Breite, dann doch wenigstens ins Theater – und gestreamt wird auch.

Der Auftakt des Reenactments, das 17 Abende laufen wird, war die zweite Produktion zur Eröffnung des Kunstfest Weimar. Das ist von hoher Symbolkraft. Nicht nur, weil mit Jena die Gründungsstadt der Terrorgruppe in direkter Nähe liegt, sondern auch hinsichtlich Weimars Rolle im Nationalsozialismus. Neben der Macht des Symbolischen kommen theatrale Mittel nur spärlich zum Einsatz.

Technokratie und Dopplungen

Die Bühne ist nüchtern als Gerichtssaal gestaltet. Die zur Premiere aufgefahrenen vielen TV-Kameras vermitteln ein Gefühl von Medieninteresse zum Prozessauftakt. Die Rede Angela Merkels wird als Prolog verlesen und kündigt neben Worten des Mitgefühls schon den unwilligen Staat an, Neonazismus in seiner tödlichen Ideologie Ernst zu nehmen. Die Kanzlerin spricht von perspektivlosen Jugendlichen, Arbeitslosigkeit und Rattenfängern – als ob Verführung und Mitläuferrtum die extreme Rechte oder gar den NSU auch nur ansatzweise erklären.

438 tage nsu prozess 600 u c kunstfest weimar uDas Bühnenbild von Irina Schicketanz für "438 Tage NSU Prozess" © Kunstfest Weimar

Dann erhebt der Vorsitzende Richter das Wort. Er ist zugleich Erzähler, der die Situation beschreibt, und Sprecher in seiner Amtsrolle. Drei andere Darstellende übernehmen wechselweise die Rollen von Anklage, Verteidigung, Nebenklage und Zeugen. Wen sie gerade geben, wird hinter ihnen eingeblendet, wenn hierbei nicht gerade das Timing versagt. Zusätzlich sind pro Abend wechselnd Bürger der Stadt Weimar und Prominente aus Politik und Kultur eingeladen.

Am Premierenabend sind das die Thüringer Finanzministerin Heike Taubert und Birgit Mair, Referentin vom Institut für sozialwissenschaftliche Forschung, Bildung und Beratung e.V. Durch diese Dopplungen der Stimmen entsteht vor allem Verwirrung. Gerade wenn ellenlange Anklagetexte verlesen werden, es juristische Einsprüche gibt und Formalia verhandelt werden, droht schnell das Verlieren des Fadens. Spricht ein Zeuge von seiner Abkehr und ehrlichen Läuterung, kommt Emotion auf, von der Theater lebt. Der Rest spult sich sehr technokratisch ab – ja, so sind Gerichtsprozesse auch. Aber Çalış hätte sich mehr Freiheit nehmen können, dieses Re-Enactment im Sinne eines Theatererlebnisses auszugestalten.

Akteure und ihre Opfer

Denn ein Re-Enactment des tatsächlichen Prozesses ist die Produktion ja nicht. Das ginge schon aufgrund der Länge der 438 Tage dauernden Verhandlung nicht. So ist der Text zum einen mit Kommentaren von Prozessbeobachtern gespickt. Und um etwas mehr Verständlichkeit hineinzubringen, hat das Regieteam die Prozessabfolge stark verändert. Statt sich an die reale Reihenfolge zu halten, geben die Abende die Prozessinhalte nach der Chronologie der Ereignisse wieder. Damit werden eigentlich die Taten des NSU im Lichte der Prozessakten rekonstruiert und nicht der Prozess selbst. Das ist kein Manko, aber zeigt, dass die Regie auch hätte stärker in die Darstellung eingreifen können. Denn verständlich sind diese Verdopplungen der Stimmen und das Engagieren von Laien nicht. Was sollen sie sagen: Die Täter sind unter uns? Wir sind alle beteiligt oder irgendwie mitschuldig?

Das kann man hier schlecht gelten lassen. Sicher ist die sogenannte Zivilgesellschaft aufgefordert, etwas zu tun, damit es "zivil" bleibt (was das im konkreten Fall auch heißen mag). Aber beim NSU-Prozess gibt es klar benennbare Akteure, einige Szeneanwälte, teilweise auskunftsunfreudige Vertreter der Sicherheitsbehörden und Ermittler, die nicht immer gründlich waren oder sein wollten. Da versteht sich dieser Effekt der Verdopplung und des Einbeziehens nicht.

Viel Symbolkraft, wenig Theater

Die Symbolkraft des Abends schmälert das aber nicht. Die Inszenierung will auf das Thema aufmerksam machen, darum auch die an jede Aufführung anschließende Podiumsdiskussion mit den Teilnehmenden. Den Gerichtsprozess an sich macht dieses Re-Enactment nicht real erlebbar. Aber es vergegenwärtigt ihn und führt ihn vor Augen. Das ist der Kern dessen, was Nuran David Çalış mit dieser Produktion will – und tatsächlich tut. Er weist mit seinen Mitteln darauf hin, wie notwendig permanentes Versichern des Nie-Wieder und des Nichtvergessens der Taten und der Opfer sind. Und dass man sich zugleich die Gefahr vergegenwärtigen muss: Es kann wieder passieren. Auch das zeigt dieser auf der Bühne ausgestellte "NSU Prozess" und die immer wieder vernehmbaren Namen: Enver Şimşek, Abdurrahim Özüdoğru, Süleyman Taşköprü, Habil Kılıç, Mehmet Turgut, İsmail Yaşar, Theodoros Boulgarides, Mehmet Kubaşık, Michele Kiesewetter.


438 Tage NSU-Prozess
Unter Verwendung von Texten aus "Der NSU-Prozess. Das Protokoll" von Annette Ramelsberger, Tanjev Schultz, Rainer Stadler und Wiebke Ramm
Regie: Nuran David Çalış, Text und Dramaturgie: Tunçay Kulaoğlu, Bühne: Irina Schicketanz, Kostüm: Sara Drasdo
Musik: Vivan Bhatti, Produktionsleitung u. dramaturgische Beratung: Marlies Kink.
Mit: Rosa Falkenhagen, Sebastian Kowski, Nadja Robine, Krunoslaw Šebrek.
Premierenauftakt am 25. August 2021, bis 11. September 2021
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.kunstfest-weimar.de

 

Kritikenrundschau

Nüchtern, aufs Lesen, nicht aus Nachspielen aus seien Çalış' "438 Tage NSU-Prozess", so Matthias Dell bei Deutschlandfunk Kultur (25.8.2021). "Die Inszenierung stellt sich vollkommen in den Dienst Reenactmens, des Protokollierens, der Erinnerung an den Prozess, weil es davon auch keine anderen Aufzeichnungen gibt." Mehr Menschen könnten so den Verlauf des Verfahrens wahrnehmen, in "dieser sehr kondensierten, aber auch gut aufbereiteten Form".

Über Calis' "gerafftes dokumentarisch-performatives Reenactment des NSU-Prozesses am Oberlandesgericht München“ schreibt Christine Dössel von der Süddeutschen Zeitung (2.9.2021) in ihrem Bericht vom Kunstfest Weimar. "Das Theater spielt Judikative nach und sitzt zu Gericht - kann das gutgehen? Es ist jedenfalls eine sehr nüchterne, sachliche, letztlich untheatrale Angelegenheit, mit aller Kälte auf die Ratio zielend, in die Lücken und offenen Fragen stoßend, die sich dabei auftun. Für die Zuschauer reine Zuhör-, Kopf- und Denkarbeit, sehr spröde, aber eben im Dienst einer wichtigen Sache, weshalb man die gelegentliche Sehnsucht nach mehr Theatralität sogleich wieder verdrängt."

 
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