Tankstellen-Tauschhandel

von Sabine Leucht

München, 19. September 2020. Wo anfangen? Wie einen Abend beschreiben, der kein Ende findet und kein wirkliches Zentrum hat? Und der mit 16 Schauspielern und den Figuren, an denen sie selbst mitgeschrieben haben, nicht nur einen kanonischen Stoff überschreiben will, sondern einen ganzen literarischen Kosmos ins Heute transferieren? Dabei ist es nicht gar so weit her mit den "Motiven von Ödön von Horváth", an denen sich Simon Stones Fantasie in "Unsere Zeit" am Münchner Residenztheater abstößt. Stone leiht sich bloß einige wiederkehrende Motive – er nennt sie "Obsessionen" – und Namen (etwa Elisabeth aus "Glaube Liebe Hoffnung") von Horváth, mal blitzt ein bekannter Satz aus den Endloslitaneien, in denen sich alle hier ergehen und sich am Ende lückenlos selbst erklären, was wiederum gar nicht Horváth-like ist.

Slipeinlagen und Winkekatzen

Und was für einen Dreck haben sie alle in ihrem Leben: Der koksende Fußballmanager Felix (Florian Jahr), der aus dem Irak geflohene Juraprofessor Hawal (Delschad Numan Khorschid), die reiche Frau und ihr Loser-Mann (Franziska Hackl, Michael Wächter), die Geschichtsstudentin, die sich als Prostituierte verdingt (Liliane Amuat) bis hin zu dem korrupten Bullen und nebenberuflichen Luden, der sich selbst so beschreibt: "Kein guter Kerl. Aber auch nicht genug Eier, um ein schlechter Kerl zu sein."

Diese letzte Figur beschreibt recht gut Horváths Sich-Empor-Träumer und Kleinganoven – und auch ziemlich alle, die sich in München an Blanca Añons Bühnen-Tankstelle treffen. Die Tankstelle ist der Hammer! Einer von diesen rundum verglasten Tanksupermärkten, eins zu eins vom Vorstadt-Eck ins Resi versetzt: Vollgeräumte Regale und Kühlfächer, Überwachungskamera über dem Tresen, die im Laufe des fast sechsstündigen Abends noch so manche Reality-Show-Banalität und ein ordentliches Attentat aufzeichnen wird, zwischendurch aber einfach auf Slipeinlagenpackungen oder Winkekatzen draufhält, die man dann rechts und links der Bühne auf zwei Videoscreens sieht.

Unsere Zeit 3 c BirgitHupfeld uDie Tankstelle als gesellschaftlicher Knotenpunkt © Birgit Hupfeld

Der Tauschhandel ist ein zentrales Motiv des Abends. In "Unsere Zeit" – so heißt er in Anlehnung an Horváths posthum erschienenen Roman "Ein Kind unserer Zeit" – tauschen Menschen ihren Körper oder einzelne Körperteile gegen Geld, versuchen sich Falschaussagen zu kaufen oder das Leben ihrer Kinder, eine Verlängerung ihrer Beziehung, ein reines Gewissen oder eine bessere Zukunft. Um alles wird geschachert, Gier rules, Milieu prägt. Und der Suizid ist für viele eine Option, weil man sich selbst nur so entkommt.

Zeitdiagnose 2015 bis heute

Mit dieser horváthschen Soziologie aus der Wirtschaftskrise geht Stone die Zeit zwischen 2015 und heute an. "Unsere Zeit" nimmt er also wörtlich. Der Abend beginnt mit der "Wir schaffen das"-Rede von Angela Merkel und zaubert an seinem covid-depressiven Ende einen Soldaten aus dem Hut, der gerade aus Afghanistan abgezogen wurde und den moralischen Bankrott des Westens erklärt. Sophie (Massiamy Diaby) hält eine Brandrede auf Privilegien und ihre Unsichtbarkeit als schwarze Frau und Barbara Horvath, die die vordergründig toughe Sozialarbeiterin Ruth spielt, auf das Selbstmitleid. Beide bekommen Szenenapplaus, und vor allem der weiße Mann bekommt sein Fett weg.

Unsere Zeit 2 560 c Birgit Hupfeld Delschad Numan Khorschid, Massiamy Diaby, Liliane Amuat © Birgit Hupfeld

Egal, ob er von Beginn an rechtsnational tendiert wie Max Rothbarts Martin, der beruflich kein Bein auf die Erde bekommt und sich für seine schwulen Neigungen schämt, oder wie der alltagssexistische bayerische Dampfplauderer Konrad Simon Zagermanns, der seine Finger nicht von Kassiererinnen lassen kann, aber Hawal erst Unterschlupf und dann einen Job bietet. Beide gehen unter, und nur Thiemo Strutzenbergers bedrohlich schillernder Borderliner-Figur Eric und Nicola Mastroberardinos komischem Pennerheiligen Massimo sind – wenn auch grundverschiedene – Arten der Katharsis vergönnt: im Kugelhagel oder bei Lieferando.

Schnee und Bekenner-Pathos

Stone will zeigen, wie die euphorische Willkommenskultur von 2015 in offenen Rassismus kippte und kreiert smarte Vorzeige-Einwanderer und People of colour, die auch noch einen Schlag beim jeweils bevorzugten Geschlecht haben. So drehen sich also das Paar-Karussell, die Neid- und Missgunstspirale und die gläserne Tankstelle.

Dem schaut man bis zur zweiten Pause gerne zu, weil Stone das kann, Auftritt für Auftritt und Szene für Szene zu einem Wimmelbild in Bewegung zusammensetzen, und weil alle Schauspieler gut zurechtkommen mit dieser Mischung aus dem Stammtisch abgelauschtem Sprechdurchfall und einigen wie gerahmt wirkenden Kunst- oder Merksätzen.

Unsere Zeit 2 c BirgitHupfeld uBenito Bause, Franziska Hackl © Birgit Hupfeld

Doch das Stück, das wirklich alle aktuellen Diskurse umarmt, ist auch arg konstruiert. Und die Überlänge macht dramaturgisch keinen Sinn. Was erzählt wird, hätte auch in weniger Zeit gepasst, und die Sogwirkung lässt mit der Zeit nach. Etwa eine Stunde vor Schluss kann man sich kaum noch an die richtig guten Szenen und Texte erinnern, Schnee rieselt, Musik dräut, private Befindlichkeiten nehmen überhand und das finale Bekenner-Pathos schnürt dem Abend die Luft ab.

Unsere Zeit
von Simon Stone, frei nach Motiven von Ödön von Horváth, aus dem Englischen von Brangwen Stone
Regie: Simon Stone, Bühne: Blanca Añon, Kostüme: An D’Huys, Musik: Melanie Wilson, Licht: Gerrit Jurda, Video: Jonas Alsleben, Dramaturgie: Constanze Kargl.
Mit: Simon Zagermann, Antonia Münchow, Benito Bause, Nicola Mastroberardino, Florian Jahr, Oliver Stokowski, Franziska Hackl, Michael Wächter, Liliane Amuat, Max Rothbart, Massiamy Diaby, Thiemo Strutzenberger, Delschad Numan Khorschid, Barbara Horvath, Yodit Tarikwa, Pauline Huber.
Premiere am 19. September 2021
Dauer: 5 Stunden 45 Minuten, zwei Pausen

www.residenztheater.de

 

Kritikenrundschau

Mühlsal und großer Bühnenkunst vereint dieser Abend aus Sicht von Egbert Tholl von der Süddeutschen Zeitung (21. September 2021). Simon Stones Beobachtungen sind aus seiner Sicht im Detail zwar stimmig, "aber es ist halt auch banal in seiner allumfassenden Geheimnislosigkeit." Alles werde abgehandelt, alles erklärt. Aber der Schock der Realität all des dargestellten Leids erzeugt beim Kritiker keine Empathie, "was an den Schauspielenden am allerwenigsten liegt", wie er schreibt.  Auch fragt sich Tholl: "Ob sechs Stunden Reality-TV mit Maskenzwang das leicht entwöhnte Publikum ins Theater locken" werden. Trotzdem frut er sich, dass das Theater zurückgekehrt ist.

Von Drastik und großem Gefühlskino, das immer wieder untermalt wird von düsterem Streichersound berichtet Christoph Leibold im Bayerischen Rundfunk (20.9.2021). "Keine Frage, Simon Stone beherrscht Dialog-Handwerk und Dramaturgie; verwebt gekonnt verschiedene Handlungsstränge; weiß, wann er das Tempo anziehen und wann er es wieder herausnehmen muss. Die Effektsicherheit, mit der er inszeniert, bewirkt aber auch, dass die Zeitdiagnose, die er anstrebt, allzu gefällig und leicht konsumierbar daherkommt. Vor allem gegen Ende befällt seine Figuren ein Bekenntniseifer, in dem auch ihre allerletzten Geheimnisse gelüftet werden. Mehr Mut zu Leerstellen nach dem Vorbild Ödön von Horváths hätten da deutlich größere Denkräume eröffnet."

Horváth sei bekannt für seine wohl gesetzten Stille, die Leerstellen, die den Leser und Zuschauer zum Ausfüllen aktivieren. Stone dagegen segelt dem Eindruck von Michael Stadler in der Münchner Abendzeitung (21.9.2021) zufolge "jedoch mit seinem ausformulierten Update immer wieder in das Melodrama, den Revolverroman, den Betroffenheitskitsch. Als megalomanes Projekt mit tollem Bühnenbild und einem Ensemble, das sich hier in aller Schauspielpracht zeigen darf, ist der Abend dennoch beeindruckend. Das Theater ist zurück und haut uns die Gegenwart um die Augen und Ohren."

 
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