Sie passt in keine Schublade

20. Oktober 2021. Sie hat wie keine zweite Literatin Österreich brüskiert und mal um mal seinen braunen Sumpf ausgehoben und aufs Papier geschmiert. In bitterbösen Tiraden. Sie hat Pornographie mit Hochliteratur versöhnt und radikalen Feminismus vorgeprägt. Sie haut noch immer Uraufführungen raus wie kaum eine andere. Elfriede Jelinek. 2004 erhielt sie für ihr Werken und Wüten den Nobelpreis.

Von Esther Slevogt

Sie passt in keine Schublade

von Esther Slevogt

20. Oktober 2021. Es sind Sätze wie diese, die ein Grundstoff ihres Werkes sind: "wenn kein glanz von den büstenhaltern herkommt, muss aller glanz im leben von heinz herkommen." Brigitte könnte diesen Satz sagen. Wenn Brigitte eine Sprache hätte. Aber Brigitte ist Arbeiterin in einer Miederwarenfabrik und an der Herstellung von Zurichtungswäsche für Frauen beteiligt, die nur im und für den Männerblick leben. Ist selbst so eine Frau, die allen Glanz in ihrem Leben deshalb von Heinz erwartet. Heinz, das ist der Mann, den sie heiraten soll. Und weil sie so stumm und fremdgesteuert da im Akkord für den Kapitalismus und die Unterdrückung der Frau schuftet irgendwo in der österreichischen Provinz, übernahm eine junge Autorin für Brigitte das Sprechen.

Elfriede jelinek 560 Elfriede Jelinek (2004) © G. Huengsberg CC BY-SA 3.01975 war das, die Autorin hieß Elfriede Jelinek, damals 29 Jahre alt. Ihrem Roman hatte sie den romantischen Titel "Die Liebhaberinnen" gegeben. Aber von Verführung oder so etwas wie Sinnlichkeit keine Spur. Die Frauen, von denen hier erzählt wird, jagen den Abziehbildern nach, die der Kapitalismus vom Leben produziert, pressen sich dort bis zum Ersticken hinein. Oder werden von ihren Müttern hineingepresst. Lauter Frauen, die an ihrer eigenen Unterdrückung mitwirken. Satzbandwürmer, die sich in die Verhältnisse graben wie Schaufelradbagger, geschrieben in Kleinschrift, wie es die Wiener Gruppe um H.C. Artmann vorgemacht hatte, zu der etwa Friederike Mayröcker, Ernst Jandl oder Oswald Wiener gehörten. Höchste Künstlichkeit bei härtestem Realismus.

"Die Liebhaberinnen" war Elfriede Jelineks dritter Roman. 1970 war ihr Erstling "wir sind lockvögel, baby!" erschienen, "gewidmet dem österreichischen bundesheer". Bereits hier wendet sie das literarische Verfahren an, das eine Signatur ihres Schreibens bleiben wird: Sprachhülsen, medialen Wortmüll, Schlagerfloskeln, Werbung und andere Versatzstücke der verwalteten und durchkapitalisierten Welt zu Suaden zu sampeln, aus denen manchmal Reste menschlicher Wesen aufsteigen wie Erinnerungen an etwas, das möglich gewesen wäre.

Ihr Vater starb früh

Elfriede Jelinek wurde 1946 im steirischen Mürzzuschlag geboren und wuchs in Wien auf. Die Mutter war, wie man seit Jelineks Erfolgsroman "Die Klavierspielerin" von 1983 weiß, eine tyrannische, sozial abgestiegene Großbürgerin, die ihre Tochter brutal in eine Pianistinnenkarriere zwingen wollte. Der Vater, tschechisch-jüdischer Abstammung, starb früh in einer psychiatrischen Klinik. Von ihm spricht Jelinek in ihrem Stück "Winterreise", das Johan Simons 2011 in den Münchner Kammerspielen uraufführte. Es sind die zurichtenden Systeme, die Jelineks Werk manisch umkreist: das Patriarchat, die Bigotterie und immer wieder der Kapitalismus, der Menschen zu Waren degradiert. Bis 1991 gehörte Jelinek der Kommunistischen Partei Österreichs an.

Ein weiteres Thema ist das vom nie aufgearbeiteten Nationalsozialismus geprägte Österreich, ein Land, mit dem sie – darin Thomas Bernhard nicht unähnlich – eine hochgradig affektgeladene Beziehung verbindet. Wie Bernhard hat auch Jelinek zeitweise ein Verbot verhängt, ihre Stücke in Österreich zu spielen. Immer wieder hat sie für Skandale gesorgt. Zuerst 1985, als sie in ihrem Stück "Burgtheater" die Nazi-Vergangenheit der beliebten Schauspielerin Paula Wessely aufgriff. Oder mit ihrem 1989 erschienen Roman "Lust", in dem sie die sprachliche Gewalt und normative Macht von sexualisiertem und für das weibliche Geschlecht verwendetem Vokabular ausstellte und im Gegenzug mit unerschöpflicher Fantasie immer neue Worte für das männliche Geschlechtsorgan und seine Aktivitäten aus den Sümpfen des Pornografischen in die Feuilletons hob.

Sensibel, aggressiv, glamourös

Es waren erstaunlicherweise Männer, die die berühmtesten Jelinek-Regisseure wurden: Einar Schleef, Nicolas Stemann und Christoph Schlingensief. Feministinnen war die Feministin Jelinek oft suspekt, die, solange sie noch gelegentlich öffentlich auftrat, in ihren Designerklamotten in keine Schublade passte, sensibel, aggressiv, glamourös, scheu und psychisch fragil, wie sie sich gab. 1996, als viele noch gar nicht wussten, was das Internet überhaupt ist, hatte Elfriede Jelinek bereits eine eigene Website, auf der sie Essays, Stücke, Romane aber auch Gelegenheitsprosa veröffentlichte.

2004 erhielt die bereits vielfach Preisgekrönte mit dem Nobelpreis die höchste Literaturauszeichnung der Welt: "für den musikalischen Fluss von Stimmen und Gegenstimmen in Romanen und Dramen, die mit einzigartiger sprachlicher Leidenschaft die Absurdität und zwingende Macht der sozialen Klischees enthüllen", wie es in der Begründung hieß. Den Preis konnte sie nicht persönlich entgegennehmen, weil sie bereits damals an einer Phobie litt, die ihr öffentliche Auftritte unmöglich machen. Doch schreibend ist sie weiterhin hochpräsent. Mit Lust wühlen ihre Stücke in den Abgründen der Gegenwart, greifen tagespolitische Ereignisse und ihre Haupt-Wüteriche auf und jagen sie durch die Veredlungsmaschine ihrer witzig-wütenden Sprachkunst. Heute wird Elfriede Jelinek 75 Jahre alt.


Alle Nachtkritiken zu Stücken von Elfriede Jelinek finden Sie in ihrem Lexikoneintrag.

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