Twitch it, Baby!

13. November 2021. Corona macht erfinderisch – am Schauspiel Köln hat Luk Perceval zusammen mit Autorin Nele Stuhler Iwan Gontscharows "Oblomow" adaptiert, als Groß-Experiment analog-digitalen Storytellings im Theater mit tausenden Twitch-Zuschauer:innen und als Erzählung aus dem inneren des pandemiebedingten Theater-Burn-Out.

Von Karin E. Yeşilada

Oktober / November 2021. Ein Stück, zwei Premieren: #1_Premiere im großen Saal Depot 1, Carlswerk in Köln. Wir legen Schal und Mantel ab, brav unsere Impfnachweise vor, lassen uns einen "Schauspiel Köln" Sticker aufkleben, schielen kurz zum Buffet (es soll später russische Bewirtung geben, passend zum Stück) und dackeln auf unsere Plätze, mit oder ohne Maske. Warten auf den verspäteten Beginn, leises Getuschel, letzte Checks der Handys. Blick auf die große Bühne (Philipp Bussmann), ihre Weite, auf eine mittig gehängte Projektionsleinwand, unter der ein wuchtiges Gründerzeit-Sofamöbel steht, auf dem sich später die Figuren fläzen. Daneben ein Bildschirm, ein verdecktes Klavier, sonst nichts. Und viele Kerzenleuchter am Bühnenrand verteilt. Ihr Schein flackert mit jeder Luftbewegung – sie werden wohl nicht umkippen und die Bühne in Brand setzen? Leichtes Frösteln, Blicke zu den etwa 200 anderen Premierenbesucher*innen, manche – 11.11., es ist Karnevalsauftakt in Kölle – auch hier kostümiert. Eine Premiere eben, nichts Außergewöhnliches, außer der Tatsache, dass nach der Corona-Pause jede Vorstellung wieder aufs Neue ein Fest ist, des Leiblichen, der Begegnung in den Theaterhallen, lange ersehnt (wie lange noch möglich, angesichts erneut steigender Inzidenzen?) und ausgekostet. Wir dürfen zuschauen, lachen, applaudieren. Reden? Nein, das nicht, erst hinterher im Foyer.

Das Problem mit der Hauptdarstellerin

#2_Stream-Premiere auf Twitch. Eingeschaltet per Computer, Laptop, Tablet oder Handy. Zufällig oder absichtlich. Theatergarderobe: Kuschelfleece. Sitzplatz: Sofa, Sessel, Bett, horizontal, vertikal, egal. Freiheit in der heimeligen Vereinzelung. Vereinzelung? "Der Stream beginnt in Kürze", kommt die Meldung, "Laut Regisseur Luk Perceval gibt es noch technische Probleme…" Hauptdarstellerin Luana Velis im Bild, fein aufgemacht in Samt und Federboa, wartet. Getuschel im Twitch-Chat:

Oblomowa: Willkommen, liebe Twitchis*

Gio_r_gio_: Wow! Voll abgefahren, dass wir dabei sein dürfen!

Oblomowa: Ihr dürft mir alle Fragen stellen und seid mutig mit euren Gedanken. Hier muss
man heute gar nichts – erst recht nichts verstehen.

Ein "@vrkstatt" wird sogar persönlich begrüßt.

So eine Bewillkommnung wurde uns im Theater Sitzenden nicht zuteil. Gemein. Wäre ich doch nur der Einladung meiner Kollegin Sara gefolgt, die mit mir die Premiere auf Twitch anschauen wollte. Nun entziffere ich vom Saal aus mühselig die Twitchereien auf der großen Leinwand und sehe neidisch zu, wie immer weitere Zeilen im Chat aufscheinen. Anders als im stillen Saal wird dort heftig geredet, erste Herzchen-Emojis werden ausgetauscht. Hier im Saal die namenlosen Kölner ("der mit der Mütze, die mit dem Karnevalshütchen"), dort im Stream "@yasamaneslami" aus Teheran, "gio_r_gio_" aus Wien. Wir hier 200 Leute, dort während des Abends bis zu 8.000 Leute. "Wo ist Luana?", fragt jemand, als ich gegen Minute 13.30 entscheide, nun nicht mehr hinzulesen und mich voll auf das Hier und Jetzt, auf die Bühne zu konzentrieren, wo endlich auch etwas passiert.

Drei Personen betreten die Bühne, begrüßen uns und erklären, selbst ganz betreten, warum es zur Verspätung kam: " … weil wir ein Problem mit unserer Hauptdarstellerin hatten." Oben auf der Leinwand schaut Luana Velis zu. Unten sagt Kristin Steffen: "Sie ist da, hat sich aber entschieden, heute nicht zu sprechen." Spannend. Alexander Angeletta hantelt nervös mit dem Skript in der Hand, "…das ist wohl so gewollt", blickt hoch zur letzten Sitzreihe, reagiert auf den reingerufenen Hinweis des Regisseurs – "danke, Luk!" – und erläutert uns die Sache mit dem Twitch-Kanal. Wie jetzt? Uns leibhaftig Anwesenden wird die Gamer- und Livestream-Plattform Twitch erläutert?! Wofür? Dass Luana Velis mit denen dort Premiere feiert und nicht mit uns, ist ärgerlich genug. Geht’s hier um die oder um uns? Für wen wird hier gespielt? Und spielen die denn überhaupt, mit Skript in der Hand? Oder ist das "so gewollt"?

Luana Velis also habe ihre Oblomow-Rolle so interpretiert, dass sie zuhause bleibt, woraufhin man diese Stream-Premiere angesetzt habe. "Ich bin zuhause. Übrigens." chattet Velis derweil im Stream, während Justus Maier sich unten um das geplatzte Konzept windet: "Wir hatten einige Szenen vorbereitet, eigentlich…" Luana lächelt auf der Leinwand – über ihn? Über den Chat? Erstes Gelächter im Saal angesichts der peinlich berührt stammelnden Figuren auf der Bühne, das verbindet. Theaterfeeling. Nur dass es keine rechte Handlung gibt, von Gontscharows "Oblomow"-Roman-Adaption keine Spur, abgesehen von Requisite und Kostümen (Ilse Vandenbussche) und Schauspieler*innen, die offensichtlich aus der Rolle fallen. Luana Velis aka Oblomowa, so ihr Twitch-Account-Name, als übermenschlich vergrößerte Sphinx auf der Leinwand, drei Kolleg*innen auf der Bühne, die das Experiment der verhinderten Premiere starten, "Wir versuchen es", ohne zu wissen, was dabei herauskomme, und "Viel Spaß dabei". Das hybride Premierenformat beginnt vielversprechend.

Rückblick und Rätsel

Woraufhin die Geschichte von hinten aufgerollt wird, zum Anfang einige Wochen zuvor, als Luana sich ein Twitch-Account zulegte, als eine Art Tagebuch-Journal. Und beschloss, aufgrund ihrer Identifikation mit der Rolle des Iwan Oblomow, Gontscharows legendärem anarchistischen Faulpelz, sich aus dem Probengeschehen zurückzuziehen. Den Theaterabend über erzählen Steffen, Angeletta und Maier nun, was seither geschah, wie sich dieser Rückzug der Hauptdarstellerin und ihr anschließendes Verschwinden auf das Probengeschehen auswirkte, welche Krisen dadurch hervorgerufen wurden, was das mit ihnen, mit dem Team gemacht hat, sie geben ihre eigenen Emotionen preis, arbeiten ihre erlebten Frustrationen ab und kommentieren die laufende Dokumentation: "Das ist die Probe, als Luana…", "Hier hatten wir gemeinsam geprobt, als…" usw. Die wechselvollen Stationen der letzten Wochen passieren Revue, die Geschichte einer seit Beginn gefährdeten Premierenvorstellung wird erzählt, während über allem die schweigende Hauptdarstellerin zugeschaltet ist. Erste Parallelen zeichnen sich ab: So wie der russische Adelige Oblomow einfach aussteigt und sich seinen sozialen Fürsorgepflichten gegenüber der Belegschaft entzieht, so lässt auch Luana aka Oblomowa ihre Kolleg*innen und das gesamte Theaterteam hängen, gefährdet ihre Existenzgrundlage, und das ausgerechnet in Zeiten der Pandemie.

Genauso gut wie auf Oblomowa könnte die Inszenierung aber auch auf den Staat zielen, der seine Kulturschaffenden während der Corona-Krise mehr oder weniger sich selbst überlässt und sich, bis auf einen knapp bemessenen Kulturfonds, aus der Affäre zieht. So zumindest klingt es in "Oblomow revisited" mehr als einmal an. Aus der Not pandemiebedingt geschlossener Theater wurde am Schauspiel Köln allerdings eine Tugend gemacht, wurden neue Konzepte ausprobiert. Diese Experimente werden weitergeführt, obwohl das Theater wieder analog spielen darf.

OblomowRevisited2 1000 SchauspielKoelnDem Regisseur (Luk Perceval, Vordergrund rechts) und der Kamera bei den Proben über die Schulter gucken © Schauspiel Köln

Zusammen mit Dramaturgin Lea Goebel entwickelte Regisseur Luk Perceval die Idee, für seine eigentlich als "Analog-Inszenierung" geplante Gontscharow-Adaption eine Hybrid-Version mit zwei Premieren zu erarbeiten. Im Falle eines erneuten Lockdowns wäre die Online-Premiere schon eingeplant gewesen – vorausschauend. Der eigentliche Clou aber war die Entscheidung, dem Ganzen eine Art Prequel zu verpassen und dafür digitale Formate so zu nutzen, dass die Spannung dort bereits Wochen vor der Premiere aufgebaut wurde.

Mittels eines eigenen Blogs und des Oblomowa-Accounts auf Twitch wurden seit Mitte Oktober täglich Meldungen geschaltet: Hier ein Foto, dort ein kleiner Aphorismus über das Nichtstun, und dann vor allem viele handgedrehte Filmaufnahmen von den Proben. Reaktionen von den Schauspieler*innen, Wortmeldungen der Dramaturgin, stets moderiert von Luk Perceval. Wiederum gespiegelt durch Luana Velis' Postings auf dem Oblomowa-Account bei Twitch. Und gib' uns unsere tägliche Dosis Schauspiel Köln…

Blick hinter die Pandemie-Kulissen

Was hier entstand, war eine sehr umfassende Real-Live-Begleitung des Probenprozesses am Theater. So eröffnete sich in nie dagewesener Dimension der Blick hinter die Kulissen, mitten hinein in den Theaterbetrieb zu Pandemiezeiten. Dieser selbstreferenzielle Tabubruch verknüpfte die Zustände am Theater auf kluge Weise mit unser aller Alltagsrealität im digitalen Kulturwandel: Da legt sich die zwischen mehreren Bühnenengagements hin- und herpendelnde freiberuflich arbeitende Hauptdarstellerin, die stärker als die fest angestellten Kolleg*innen auf Selbstinszenierung angewiesen ist, ein Twitch-Account für ihr Tagesjournal zu und postet dort ganz ungeniert private Aufnahmen ihrer nichtsahnenden Freund*innen und Kolleg*innen.

OblomowRevisited3 1000 SchauspielKoelnHauptdarstellerin Luana Velis, "Oblomowa" auf Twitch © Schauspiel Köln

In einer der ersten Probendokumentationen ist deren Entsetzen live zu betrachten: In der Ästhetik einer Realityshow sieht man Kristin Steffen dabei zu, wie sie sich an dem Vertrauensbruch abarbeitet, gespiegelt im nonchalanten Schulterzucken der ehemaligen Kollegenfreundin. Kamerafahrten von der Totale in die Großaufnahme und zurück, Handyvideos, Tonspuren vermischen sich zu einer authentischen Dokumentation, die – trotz der vermuteten Inszenierung des Ganzen, wie es in Realityshows üblich ist – vom echten Leben des Theaterbetriebs, von der privaten Textlernerei über die Garderobenwahl bis zur kollektiven Theaterprobe erzählt.

Als sich Luana Velis zunehmend zurückzieht, beobachten wir dann die Dynamik, die diese oblomoweske Verweigerung auslöst. Die Probenaufnahmen gehen plötzlich ganz anders unter die Haut: Der psychische Zusammenbruch von Velis, wie sie heulend auf dem großen Sofa liegt und "Ich kann nicht mehr" schluchzt, die verunsicherte, teils auch überforderte Reaktion ihrer Kollegen, die Wut – all das entfaltet ein Drama, das als Stück im Stück Wirkung zeigt und auch vom großen Corona-Burnout im deutschen Theaterbetrieb erzählt. Alexander Angelettas Verzweiflung, die er sich als Sascha von der Seele schreit, mag im Safe Space der Premiere tragikomisch wirken, aber sie rührt von der Hilflosigkeit der stets am Existenzminimum entlangschrammenden Theaterleute her. Ihre hier und da eingestreuten Gedanken zu Grundeinkommen und Hierarchien im Kulturbetrieb erhalten eine neue Prägnanz für das längst nicht mehr unbeteiligte Publikum.

Theater-Serie mit Suchtpotential

Über diese Oblomowa-Soap, die sich im Probenraum breitmacht und uns ihre Charaktere näherführt, wird also realer Theaterbetrieb sichtbar gemacht und verhandelt, wie es keine Inszenierungsdokumentation besser hinbekommen hätte. Gemäß der digitalen Sehgewohnheiten bleiben wir am Ball, twitchen täglich mal ein bisschen zur Oblomowa, erzählen uns gegenseitig ("Was war denn heute so los?" – "Ach, Luk und Luana haben telefoniert und so etwas ihren Konflikt bereinigt") von verpassten Szenen, diskutieren über die Handlung ("Luk ist abgehauen!" – "Ach, der kommt schon wieder." – "Meinst du wirklich?") – als wäre es eine Serie mit Suchtpotential wie "Friends".

Das Oblomow-Projekt überführt die Sehgewohnheiten des Theaters so in die Serialität, verlegt die parallele Inszenierung aus dem Schauspielhaus heraus in den Stream und schafft es – so zumindest wurde es im Rahmen der Premiere verkündet – über Wochen ein regelmäßiges Publikum von immerhin um die 3.000 Aufrufe im Durchschnitt (!) zu halten. Ein Coup sind die gelegentlichen Verlinkungen des Oblomowa-Streams auf der Startseite von Twitch, das den jeweiligen Events (die Abend-Probe am 18.10., die Premiere am 11.11.) Tausende von Followern beschert. Und damit Theater an ein völlig neues Publikum heranbringt. Wer auf Twitch herumsurft, will den Real-live-Event sehen und schaltet sich eben auch mal zum Schauspiel Köln und dieser Oblomowa hin. Leute, die womöglich nichts mit Theater zu tun haben, beobachten Luk Perceval dabei, wie er den Zusammenbruch seiner Hauptdarstellerin in der Probe auffängt ("Luk ist klug" – "Ist das echt oder inszeniert?"). Wir können dem Schauspiel Köln zu dieser Entwicklung nur gratulieren.

Kill your darlings!

So gesehen ist auch die doppelte Premiereninszenierung auf Twitch und Bühne eine gelungene Sache. Vieles macht auf einmal Sinn: Kristin Steffens Kleiderwahl für ihre Olga-Figur etwa, am Premierenabend im furios roten Kleid, zerschellt an der schweigenden Oblomowa-Sphinx, "Und da hab‘ ich mir soviel Mühe gegeben!!" schreit sie sich ihren Frust vom Leib. Der Premierenabend bestätigt, dass Iwan Gontscharows Grundthema seines "Oblomow"-Romans über die Folgen des Nichtstuns im Allgemeinen und der Verantwortungslosigkeit politischer Klassen im Besonderen ganz hervorragend auf den Theaterbetrieb Deutschlands in Pandemiezeiten passt. Als das Gespräch zwischen Luana und Luk darüber auf den Bildschirmen läuft, hören wir gebannt zu und nicken.

Der Abend hat auch Längen: Eine Albtraumsequenz im Leuchtturm, wo Oblomowa haust, zieht sich ellenlang unter Getöse und wirkt redundant, so dass schließlich um die 30 Zuschauer*innen genervt aus dem Saal flüchten – was wesentlich demotivierender wirkt, als wenn ebensoviele Follower sich einfach nur aus dem Chat klinken.

Der Clou der Analog-Premiere, die Auflösung des Rätsels um den Verbleib von Luana Velis aka Oblomowa, verpufft dadurch leider. Die auf der Wechselbühne plötzlich ins Geschehen gerückte Schauspielerin – sie war die ganze Zeit mit uns in einem Raum – bleibt nur Statistin in der völlig überzogenen Traumsequenz-Präsentation. Das kostet einiges an Premierenapplaus.

Trotz alledem: Kalte Nacht nach der Theater-Premiere, ich setze mich ins Auto und simse an meine Kollegin, die ich um ihre Sofa-Premiere beneide. "Ich werde ihn vermissen." – "Wen, Luk?" – "Ja, seine schöne Stimme, seine ruhige Art." – "Geht mir auch so. Mit Tini." Das "Oblomow"-Projekt endet, und wir entwickeln sofort Entzugserscheinungen.

Oblomow revisited
frei nach Iwan Gontscharows Roman "Oblomow"
in einer Überschreibung von Nele Stuhler
Regie: Luk Perceval, Bühne: Philip Bußmann, Kostüme: Ilse Vandenbussche, Licht: Jan Steinfatt, Video: Krzysztof Honowski, Videoassistenz: Luis Neuenhofer, Interaktives Storytelling: Roman Senkl, Dramaturgie: Lea Goebel.
Mit: Luana Velis, Kristin Steffen, Alexander Angeletta, Justus Maier.
Hybrid-Premiere am 11.11.2021 im Schauspiel Köln und auf Twitch
Dauer: 3 Stunden, keine Pause

Blog: Oblomow revisited Behind the Scenes
Instagram: @oblomow_revisited
Twitch: @Oblomowa

www.schauspiel.koeln

 

Kritikenrundschau

In einem kurzen Kommentar für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (12.11.2021) zeigt sich Simon Strauss von der Herangehensweise dieser Inszenierung wenig überzeugt: Die Darstellerin Luana Velis redee vom "maroden Theatersystem", wobei offen bleibe, "was genau marode ist". Und sie wolle "ihre Figur nicht 'zitieren', das heißt also: das Spiel abschaffen und durch die sogenannte Wirklichkeit ersetzen. 'Authentisch' lautet das ausgeleierte Schlagwort." Fazit: "Statt sich an Figuren heranzuhoffen, die mehr erlebt haben als man selbst, holt man sie zu sich herab, um die eigene Müdigkeit zu entschuldigen. Es geht dabei gerade nicht um einen anarchischen Anspruch auf die eigene Geschichte, sondern um die konformistische Forderung nach mehr Nabelschau."

Die ersten drei Stunden können man zusammen fassen als "Drei Leute wollen nichts tun, und machen dann doch was", so Stefan Keim auf WDR 3 Mosaik (12.11.2021). Die eigentliche Geschichte komme nur noch ganz am Rande vor, es gehe vielmehr darum, was dieses Nichtstun heute bedeuten kann. "Ist es vielleicht die einzig Mögliche, um ein System zu sprengen und Oposition zu machen. Diese Gedanken allerdings werden nicht wirklich ausdiskutiert, weil sich die Befindlichkeiten der SchauspielerInnen in den Vordergrund drängen."

Für die Süddeutsche Zeitung (11.11.2021) schaut Christiane Lutz wohlwollender auf das Twitch-Projekt: "Mit den Mitteln des Theaters wird in Köln der Zauber des Theaters dokumentiert. Die Kunst kann davon profitieren, wer sich auf das Spiel einlässt, auch."

Axel Hill schreibt in der Kölnischen Rundschau (13.11.2021): Sehr viel "technischer Aufwand" für ein Spiel im Spiel, in dem sich die Schauspieler vor allem Gedanken machten über ihre eigene Arbeit, über "berufliche Unsicherheiten", über "teils prekäre finanzielle Verhältnisse". Und immer wieder würfen sich die Akteure vor, die gemeinsame Arbeit torpediert zu haben, das Ganze in Beziehung gesetzt zum Romanthema der Überforderung. Über weite Strecken folge man diesen "mal sympathischen, mal sinnlosen, mal flachen, mal tiefsinnigen Abhandlungen" sehr gerne. Aber letztlich bleibe doch der "Beigeschmack" einer "Nabelschau" beigewohnt zu haben.

Im Kölner Stadt-Anzeiger schreibt Christian Bos (13.11.2021), der "reine Leerlauf" des Räsonnierens über den Stoff und das, was auf den Proben geschehen sei, erweise sich als "erstaunlich unterhaltsam". Nach und nach mache sich unter den Figuren Verzweiflung breit: Überall lauere Arbeit, das Innehalten, der Ausstieg aus dem Hamsterrad scheine unmöglich. Trotz überflüssiger Szenen am Ende ein "bemerkenswerter", mal "nervenzerrender", mal unterhaltsamer, und "ab und an sogar erschütternder Abend".

Geniales Audience Development sei die Live-Übertragung auf Twitch mit bis zu 8.000 Zuschauer:innen, schreibt Hans-Christoph Zimmermann in Der Freitag (26.11.2021). Der Theaterabend verkümmere indes eher zum ästhetischen Happening. "Oblomows postfeudales 'Ich-möchte-lieber-nicht' findet sein Äquivalent im folgenlosen Revoluzzergestus abgesicherter Mittelstands-Künstler:innen." Eine Beurteilung allein des Bühnenereignisses sei allerdings nicht fair, so der Rezensent: Weitere Aufführungstermine seien nicht vorgesehen, vom Gesamtprojekt aus Probenprozess und Aufführung blieben Videos und der Blog. "Oblomow revisited" habe seine Verdienste insofern als Experiment des digitalisierten Theaters: "In Köln werden dabei Tendenzen zu einem Hybrid zwischen Happening, Bühne und Technologie sichtbar."

mehr nachtkritiken

Kommentare

Kommentare  
#1 Oblomow, Köln: tolle Idee & WortwitzAtilla 2021-11-13 14:02
Freiheit in der heimeligen Vereinzelung.

Tolle Idee ein Stück ins Heute zu adaptieren....
mit viel Wortwitz .....
Twitch ....

Auf dem Sofa wird es sehr aufregend ....

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