Heilendes Stampfen

11. Dezember 2021. Die Kompanie Ballet of Difference unter Leitung des amerikanischen Choreographen Richard Siegal steht für Diversität und Genre-Avantgarde. In ihrer neuesten Produktion zeigt sie, wie eine fragmentierte Gesellschaft wieder zusammenfinden könnte.

Von Max Florian Kühlem

11. Dezember 2021. Ja, so könnte es aussehen, das postpandemische (Tanz-)Theater. Richard Siegal und sein Ballet of Difference zeigen eine Gemeinschaft, die auseinander driftet, deren Mitglieder mit Vereinzelung, Isolation, Unsicherheit, Wut und Aggression konfrontiert werden, und die am Ende einen gemeinsamen Grund finden in der Verwurzelung auf einer Erde. Die Weltpremiere von "Made Two Walking / Made All Walking" am Schauspiel Köln ist ein Stück gewordenes schamanisches Heilungsritual und sein Konzept geht ganz unironisch auf, sein Funke, sein Rhythmus springen auf das Publikum über, das sich am Ende in einem Begeisterungssturm, einer regelrechten Eruption entlädt.

Spannung und Schwebe

Natürlich kann der von der westlichen Kultur geprägte Theatermensch eine gewisse Skepsis nicht verhehlen, wenn ein Beteiligter im Programmzettel zum Stück sagt: "Stampfen etwa verbindet uns mit der Mutter Erde. Man ist bei sich selbst und würdigt gleichzeitig seine Umwelt. Die Rhythmen sind dynamisch, ähnlich wie das Weltall, sie fließen und erwecken mit ihren Akzenten alles um einen herum." Der Beteiligte ist Percussionist Njamy Sitson, dessen Wurzeln in Kamerun liegen und dessen Drum-Workshops mit der Kompanie Grundlage für die Produktion waren.

Richard Siegal, der US-amerikanische Choreograph, der seine größten Erfolge derzeit in Deutschland und insbesondere Köln und NRW feiert, gehört selbst zu den Skeptikern und erwidert dem Musiker im Gespräch: "Ich liebe, wie du das beschreibst, auch wenn ich nicht dieselbe ganzheitliche Kosmologie habe. Alles ist zwar miteinander verbunden, ich nehme es aber fragmentierter wahr und frage mich, wie das Handeln der Tänzer:innen auf der Bühne Teil eines Universellen sein kann." Genau diese Spannung hält das Stück in einer interessanten Schwebe und gibt ihm eine Wucht, die an das hochenergetische Tanztheater von Sharon Eyal erinnert.

Stillstand ist tödlich

Am Anfang steht tatsächlich das Stampfen. "Made Two Walking" ist als eigene, 20-minütige Choreographie abgegrenzt für zwei Kompanie-Mitglieder, die man klar als Frau und Mann lesen kann. Die ersten Menschen, die diese Erde betreten? Die vom Rhythmus des Lebens durchpulst werden, sich mit festen Schritten selbst behaupten und dabei zum Beispiel an das Temperament von Tango-Tanzenden erinnern, mit den Händen in einem immer gleichen Bewegungsablauf Energien frei setzen, fließen lassen. Njamy Sitson sitzt bei diesem Teil noch selbst als Live-Musiker auf der Bühne, gibt aber keinen Rhythmus vor, sondern verbindet sein Spiel der Djembe und der Congas und einen feinen, hohen Gesang mit den Schritten der Tänzer:innen.

Made Two Walking 2 ThomasSchermer uVom Rhythmus des Lebens durchpulst © Thomas Schermer

Einmal steht kurz alles still und ein waberndes Bass-Geräusch erfüllt den Raum wie ein Kampf-Hubschrauber, der aus der Ferne heranfliegt. Gefahr im Verzug. Stillstand ist der Tod. Aber auch Bewegung führt nicht unbedingt zu Harmonie und Frieden. In der zweiten, doppelt so langen Stück-Hälfte, die mit "Made All Walking" betitelt ist, gibt es wieder einen ersten Menschen, der ein Stück Erde betritt: eine Tänzerin einen Dancefloor. Erst schüchtern, dann immer selbstbewusster. Die Musik ist jetzt elektronisch, härter und lauter, aber immer noch auf grundlegende Rhythmen fixiert, mitreißend.

Zuordnungen verirren sich

Nach und nach flutet fast das gesamte Ballet of Difference die Bühne, dessen Mitglieder aus vielen Weltregionen stammen und unterschiedlichste kulturelle Einflüsse mitbringen. In den Kostümen von Flora Miranda verschwimmen Geschlechterzuordnungen, Queerness ist hier der Standard. Und obwohl alle die gleichen transparenten Oberteile tragen und Nylonstrümpfe zu schwarzen Tanzschuhen, zerfällt die Gruppe doch in 14 Individuen, die sich nur temporär zusammenfinden, deren Bewegungsrepertoire nur manchmal, aber dann sehr imposant zusammenstimmt, die irren und wirren, scheinbar von widerstreitenden Emotionen, Haltungen und Personen geleitet werden.

Made Two Walking 3 ThomasSchermer uEine Gruppe, 14 Individuen © Thomas Schermer

Es ist absolut faszinierend, dem strukturierten Chaos auf der Bühne (Nadja Sofie Eller) zu folgen, die mehr und mehr als Dancefloor inszeniert wird. Alle Bewegungen haben eine Wucht und eine ungemeine starke Präsenz im Raum. Die Menschen hier, versteht man, vertreten ihre Positionen mit Nachdruck, es geht um alles – wie in der aktuellen Krise eben, die unsere Gesellschaft gerade durchlebt.

Wenn am Ende dann doch wieder Njamy Sitson ins Spiel kommt, der die ganze Zeit im Dunkel des Bühnenrands gestanden hat, dann entsteht zwar ein vielleicht einfaches, ein archaisches Bild: Eine Schamanenfigur, die eine Gemeinschaft in all ihrer Diversität (wieder) eint. Aber das Bild ist extrem kraft- und wirkungsvoll. Die Tänzer:innen finden sich in einem Kreis zusammen, dem hierarchiefreien Raum, finden wieder zu den stampfenden Schritten und Handbewegungen des Paares aus der ersten Stückhälfte. Der Rhythmus ihrer Schuhsolen hallt noch lange nach, wenn man draußen schon wieder durch die Kälte läuft und mit dem Smartphone in der Hand durch die Corona-Liveticker scrollt.

 

Made two walking / Made All Walking
von Richard Siegal / Ballet of Difference
Choreografie: Richard Siegal, Bühne: Nadja Sofie Eller, Kostüme: Flora Miranda, Licht und Video: Matthias Singer, Komposition: Lorenzo Bianchi-Hoesch, Live-Musik: Njamy Sitson.
Mit: Martina Chavez, Jemima Rose Dean, Livia Gil, Gustavo Gomes, Sean Lammer, Mason Manning, Allison McGuire, Nena Sorzano, Nicolas Martinez, Margarida Isabel De Abreu Neto, Ian Sanford, Madison Vomastek, Long Zou.
Premiere am 10. Dezember 2021
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, eine Pause

www.schauspielkoeln.de

Kritikenrundschau

"Was für ein wilder extravaganter Haufen! Ballettchef Richard Siegal weiß eben, wie man einem Trupp klassisch ausgebildeter Tänzerinnen und Tänzer aggressive Attraktivität verpasst" - so Nicole Strecker im Kölner Stadt-Anzeiger (13.12.2021). Das Ensemble exerziere "synchron simpelste Schritte. Allerdings eben nicht im vertrauten Vier-Viertel-Techno-Beat, sondern immerzu polyrhythmisch gebrochen. Die eigenwillige Phrasierung irritiert, hält den Intellekt wach". "Ein sinnliches Rave-Ballett, das sich mit seiner eigenwilligen Polyrhythmik jeder Vereinnahmung widersetzt und trotzdem überwältigt. Wen das nicht packt, dem ist nicht zu helfen", so die Rezensentin.

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