Gott hat ein paar Fragen

18. Dezember 2021. In Kroatien und Polen protestierte die katholische Kirche gegen seine Arbeit. Nun inszeniert Oliver Frljić am Schauspiel Köln ein Stück über den Dombau. "Das Himmelreich wollen wir schon selbst finden" beginnt als Traumspiel, doch am Ende steht ein böses Erwachen.

Von Gerhard Preußer

18. Dezember 2021. Wo sind wir denn hier? Im Theater oder in der Kirche? In der Theaterkirche oder im Kirchentheater? Ein Bischof steht verlegen auf der Bühne der Spielstätte Depot 1 herum, nichts passiert und er erklärt: "Das ist jetzt ein Loch, wie man im Theater sagen würde. Aber glücklicherweise sind wir nicht im Theater, sondern in der Kirche." Wer so mit der Wirklichkeit spielt, ist im Traum. Wir sind also in einem Traumspiel über eine Kirche. Die Kirche ist der Kölner Dom und Regie führt Oliver Frljić, kein Kölner, aber ein Kenner der katholischen Kirche und nicht ihr Freund. In Kroatien und in Polen hatte er sich mit ihr angelegt. Nun bringt er mit "Das Himmelreich wollen wir schon selbst finden" eine Stückentwicklung über den Dombau heraus.

Zwischen historischer Reportage, anti-katholischem Diskurs, Geschichtsparodie und Architekturkabarett (falls es so etwas schon mal gab) oszilliert dieser bunte Abend. Den Anfang machen Traumvisionen des ersten Dombaumeisters Gerhard und theologische Rabulistik des Erzbischofs und Reichskanzlers Rainald von Dassel, warum die Reichen doch den Vortritt vor den Armen auf dem Weg in den Himmel haben. Einen Haufen Knochen erklärt er nonchalant zu den Überresten der Heiligen Drei Könige und lässt sie nach Köln bringen. Weiter geht‘s im Sauseschritt durch die Jahrhunderte, über Pest, Judenprivileg und Judenpogrom bis zu Napoleon. Das leitmotivisch eingesetzte Volkslied "Ich hab die Nacht geträumet wohl einen schweren Traum" wird von einem Dutzend Sensenmänner und -frauen mit harten, schrappenden Schlägen rhythmisiert. Aber das Ensemble kann es auch wunderschön sanft a capella im Chorsatz von Johanns Brahms singen.

Das Himmelreich wollen wir schon selbst findenEin Projekt über den Dombauvon Oliver FrljićRegie: Oliver Frljić Regie: Oliver FRLJIĆBühne: Igor PauškaKostüme: Katrin WolfermannMusik: Daniel RegenbergLicht: Jan SteinfattDramaturgie: Sarah Lorenz Foto: JU_Schauspiel KölnDer Dom zu Mülheim © JU Schauspiel Köln

Dann führt Sulpiz Boisserée den kleinen General und Kaiser durch den Dom. Man diskutiert die ästhetischen Vorlieben in der Malerei: van Eyck oder Rubens? Und die Bedeutung der Religion. In dieser Alptraumrevue kann man zwischen Kalauern immer wieder auch theologische Argumentationsspiele entdecken: "Wenn Gott Fragen stellt, ist er nicht allwissend, also kann auch ich göttlich sein." Das Ensemble steckt die Köpfe durch Stefan Lochners Altar der Stadtpatrone und singt Madonnas Song "Secret". Immer wieder werden die großen Wände mit Abbildern von Fenstern des Südschiffs des Doms neu gruppiert und erleuchten warm den Bühnenraum.

Eine Glocke tritt auf

Weiter geht‘s mit Bismarcks Kulturkampf zur Zeit nach der Vollendung des Doms im 19. Jahrhundert. Ein verwirrter Priester weiß nicht, wie er ein gemischtkonfessionelles Paar trauen soll und wird von zwei Seiten in die Mangel kommen, vom Papst mit Bischofshut und dem preußischen Staat, einem bösartig kläffenden kleinen Polizisten mit Pickelhaube, der den säkularen Staat und die Zivilehe vertritt. Dann sprechen die Glocken des Doms, jede stellt sich einzeln vor. Speziosa, die 5 Tonnen schwere Marienglocke, ist schön, wohlgeformt und eben besonders. So flötet Yuri Englert mit kokettem Augenaufschlag ins Publikum und erntet die meisten Lacher (nicht nur vom Band).

Das Himmelreich wollen wir schon selbst findenEin Projekt über den Dombauvon Oliver FrljićRegie: Oliver Frljić Regie: Oliver FRLJIĆBühne: Igor PauškaKostüme: Katrin WolfermannMusik: Daniel RegenbergLicht: Jan SteinfattDramaturgie: Sarah Lorenz Foto: JU_Schauspiel KölnLeichen im Keller © JU Schauspiel Köln

Aber warum überhaupt diese aus allen möglichen Quellen zusammengeschusterte, kirchenkritisch animierte Lokalgeschichtsstunde? Einen Teil der Antwort erhält man, als es zum zweiten Weltkrieg kommt. Die Glocken schwingen gefährlich schräg im Flugwerk, es tobt der Feuersturm. Dann tritt Nicolaus Benda als Divel Sheepsplit auf, einer der Bomberpiloten, die 1943 in der "Nacht der 1000 Bomber" Köln zerstörten. Sheepsplitt hatte 2013 im Mülheimer Depot des Kölner Schauspiels auf dem Gelände der Kabelfabrik Felten & Guilleaume, auf die er damals Bomben fallen ließ, eine Vorstellung von Stefan Bachmanns Inszenierung "Genesis" gesehen und dem Intendanten den Vorschlag gemacht, ein Stück über den Kölner Dom zu schreiben. Dass das, was wir nun sehen, sein Stück sei, ist aber Teil der Traumfiktion des Abends.

Und die wird nun radikal gebrochen. Ein alter Mann kommt auf die Bühne und erklärt uns mit aller nötigen Detailgenauigkeit die psychischen Verletzungen eines als Kind sexuell Missbrauchten und den Stand der Ermittlungen und Vertuschungen der Missbrauchsskandale im Kölner Erzbistum. Karl Haucke, ehemaliger Sprecher des Kölner Betroffenenbeirats, ist kein Schauspieler, er ist ein "Experte des Alltags", der einmal eben nicht von der Fiktionsmaschine des Theaters vereinnahmt wird. Es geht nicht mehr um Geschichte, es geht um Gegenwart. Es geht nicht um Träume, es geht um Wirklichkeit. Wir sind nicht mehr im Theater und erst recht nicht in der Kirche. Diese Wende des Abends schmerzt und soll es. Vom Genuss höchst variabler, temporeicher Unterhaltung rutscht man in zähe, peinliche Betroffenheit. Und das ist die zweite Existenzberechtigung für diesen Abend.

 

Das Himmelreich wollen wir schon selbst finden
Ein Projekt über den Dombau
von Oliver Frljić
Regie: Oliver Frljić, Bühne: Igor Pauška, Kostüme: Katrin Wolfermann, Musik: Daniel Regenberg, Licht: Jan Steinfatt, Dramaturgie: Sarah Lorenz.
Mit: Nikolaus Benda, Yuri Englert, Andreas Grötzinger, Nicola Gründel, Rebecca Lindauer, Hannah Müller, Ines Marie Westernströer.
Premiere am 17.12.2021
Dauer: 2 Stunden, keine Pause

https://www.schauspiel.koeln


Mehr zum Thema: Oliver Frljić geriet in der Vergangenheit mehrmals mit der katholischen Kirche in Konflikt. In  Kroatien und Polen sorgte er mit seinen Arbeiten für weithin beachtete Skandale. 

The witch-hunt is on – Interview mit Oliver Frljić über den schweren Stand des politischen Theaters in Kroatien, auf Englisch (5/2016)

Rosenkranz ins Gesicht – Eine Analyse des Theaterskandals um Oliver Frljićs Inszenierung "Klątwa" (3/2017)

"Theatre was provocative from the very beginning" Video-Interview mit Oliver Frljić (5/2017)


Kritikenrundschau

Eine "lärmende Inszenierung" hat Max Florian Kühlem gesehen und schreibt in der Rheinischen Post (20.12.2021): "Auch hier stimmt die Regel, dass es einer Regie, die ihre Darsteller schreien und zetern lässt, an guten Einfällen mangelt, Relevanz und Dringlichkeit ihres Stoffs zu untermauern." Für Kühlem wäre die Inszenierung "ein ziemlicher Reinfall", wenn Frljic am Ende nicht noch einen von Missbrauch im Kölner Erzbistum Betroffenen aus dem Hut zaubern würde, "der einen eindringlichen Monolog hält".

"Das Stück über den Kölner Dom, das Oliver Frljić für das Schauspiel Köln entwickelt hat, ist eine schwarze Messe", schreibt Patrick Bahners in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (20.12.2021). "Hier ist ein passionierter Bastler am Werk. Aus den kleinen Münzen der antiklerikalen Polemik ist das Abbild der Kathedrale errichtet, doch die Akkumulation der Bosheiten produziert den Mehrwert einer Ästhetik des Mirakulösen. Die lebenden Bilder, zu denen sich das Ensemble gruppiert, sind verteufelt gut erfunden."

In der Kölnischen Rundschau (20.12.2021) zeigt Axel Hill sich beeindruckt vor allem vom Schluss der Inszenierung, wenn "die schmerzhafte Gegenwart das Ruder ergreift". Die ersten 90 Minuten erlebte der Rezensent als unterhaltsamen, auch informativen Abend, als "revueartige Zeitreise".

"Frljic findet durchgehend starke, karge Bilder und sein Ensemble spielt wie ein einziger Körper mit angespannten Muskeln", schreibt Christian Bos im Kölner Stadtanzeiger (20.12.2021). Dann werde es lustig und lustiger, bevor zum Schluss der Schockeffekt gesetzt wird, über den Bos meint: "Es ist keine künstlerische Meisterleistung, sich demonstrativ auf die richtige Seite zu stellen. Aber wie anders als mit den hässlichen Wahrheiten der Gegenwart hätte man diesen Abend beenden sollen, ohne Teil der Lüge zu werden?"

Cornelia Fiedler schreibt in der Süddeutschen Zeitung (21.12.2021), am Schauspiel Köln rechne Regisseur Oliver Frljić mittels einer "fiebrig albtraumhaften Stückentwicklung" mit der katholischen Kirche ab. Trotzdem wirke diese "katholische Verbrechensrevue" fast "milde", verglichen mit seinen früheren Arbeiten. Das Ende mit dem Auftritt des Opfers priesterlichen Missbrauchs und den Berichten über die Vertuschungen und Ableugnungen durch die Kirchenoberen, allerdings findet Fiedler offenbar eindrucksvoll.

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