Eine Mutter packt aus

19. Dezember 2021. "Doitscha", also "Deutscher" heißt Adriana Altaras' Roman, der vor sieben Jahren erschien und via Familien-Tohuwabohu von deutsch-jüdischer Gegenwart erzählt. Andreas Rehschuh bringt die Familienaufstellung nun in Bremerhaven auf die Bühne, als Mischung aus Sitcom und Drama um Identitäts- und Religionskonflikte.

Von Benno Schirrmeister

Bremerhaven, 19. Dezember 2021. Kläglich scheitert der Versuch sportiver Erziehung. Und nichts ist an diesem Abend im Kleinen Haus des Bremerhavener Stadttheaters schöner, als dabei zuzusehen. Einen langen Lauf zur Besinnung hat Adriana Altaras, gespielt von Marsha Zimmermann, ihrem adoleszenten Sohn David (Leon Häder) verordnet: Sie hält es nicht länger aus, wie der sich zu Hause mit dem Vater Georg (Henning Becker) verbal bekriegt und handgreiflich bekämpft. Sie kann seine Ziellosigkeit nicht ertragen, seine Unlust, sich körperlich zu betätigen. "Dein längster Weg ist vom Bett zum Kühlschrank", zieht sie ihn auf und bringt ihn mit sanftem Zwang schließlich dazu, mit ihr am frühen Sonntag rund um den Schlachtensee zu traben.

Und wie dann Marsha Zimmermann und Leon Häder da nebeneinander auf der Stelle joggen, und er vor Zorn schneller wird die Trittfrequenz erhöht und sie immer weiter zurückfällt, verzweifelt ihre Selbstüberschätzung erkennen muss, das ist einer der Momente, in denen der Inszenierung von Andreas Rehschuh gelingt, in echtes Bühnengeschehen zu übersetzen, was die Vorlage an Ereignissen bereit hält.

Eine schrecklick-schöne Familie

Der Roman "doitscha – eine jüdische mutter packt aus" ist 2014 erschienen, ein Bestseller, verfasst von Schauspielerin und Regisseurin Adriana Altaras, die eine Person ihres Namens als Protagonistin in das Werk hineingeschrieben hat. Der nach dem Intendantenwechsel zum Leiter der Schauspielsparte aufgestiegene Dramaturg Peter Hilton Fliegel hat das Buch für die Bühne eingerichtet. Unter dem Titel "Doitscha" ist diese Fassung am Samstag uraufgeführt worden.

Das Setting des Werks – eine kunstaffine Familie in Berlin-Neukölln, Mutter jüdisch, Regisseurin und Schauspielerin von einiger Prominenz, der Vater westfälisch-katholischer Komponist, zwei Söhne, davon einer zionistisch-renitent, der andere eher verträumt – hat erkennbare Ähnlichkeiten mit der biografischen Situation von Altaras in den frühen 2010er-Jahren: So hat die Autorin ihre 2011 in der Frankfurter Paulskirche gehaltene Rede zum 9. November mit nur geringfügigen Änderungen ins Buch übernommen, und Zimmermann reenactet diesen denkwürdigen Auftritt auf eine Weise, dass die Kühnheit der Absage an ein inhaltsleeres, ritualisiertes Gedenken sehr unmittelbar spürbar wird.

Therapie nutzlos

Ebenso offensichtlich aber sind die Abweichungen von der Vita. Altaras' Söhne heißen in Wirklichkeit nicht David und nicht Sammy. Mit einem Georg war sie nie verheiratet. Als völlig frei erfunden gelten dürfen schließlich die Sitzungen mit der Therapeutin Frau Dr. Luise, einer Schickse, die vor allem dafür da ist, dumme Ratschläge zu erteilen, und Isabel Zeume tut dies auch mit der notwendigen enervierender Penetranz. "Versetzen Sie sich in die Anderen hinein. Dann werden Sie verstehen“, predigt sie ihrer Patientin Altaras, die keinen Moment daran glaubt. Dass in Bremerhaven der promovierten Plattitüdenkönigin das Schlusswort überlassen wird, wo der Roman in ein Geistergespräch gemündet war, gehört sicher zu den unglücklicheren Entscheidungen der Produktion.

01 Stadttheater Bremerhaven DOITSCHA Foto Manja Herrmann Mit scharfzüngigen Witz, eine Mutter, an der man wachsen kann: Marsha Zimmermann in der Rolle der Familienmutter in "Doitscha" © Manja Herrmann

Besser wiegt der Umgang mit der Komik: Denn Adriana Altaras scharfzüngiger und tabuloser Witz bestimmt die Strahlkraft ihrer Prosa. Diese verhandelt Konflikte unerhörter Schwere mit unverschämter Leichtigkeit und irrwitziger Rasanz: Ihre spitzen und stahlharten Pointen aber hat Hilton Fliegel fast systematisch entschärft, ohne dass die Aufführung das Tempo reduzieren würde.

Mit der Boshaftigkeit und dem Biss aber geht auch die Abgründigkeit des Texts flöten. Statt das deutsch-jüdische Dilemma in den Blick zu bekommen, wie erklärtermaßen die Absicht, gerät die Inszenierung da zur Sitcom oder Nummernrevue: Als Herzstück erscheint die innerfamiliäre Auseinandersetzung um den älteren Sohn, was Leon Häder durch aufdringliches Spiel noch forciert.

Mit Witz gegen die Ungeheuerlichkeiten

Jens Bache, der als dessen jüngerer Bruder kaum Text hat, wirkt leicht überfordert durch die Vielzahl von Kleinstrollen – Polizisten, Schaffner, Sänger –, die er mehr schlecht als recht ausfüllen muss. Und der Vater Georg ist per se schweigsam, so will es halt das Klischee vom Westfalen, das hier zu bedienen ist. Und dem tut auch keinen Abbruch, dass Henning Bäcker ihm versehentlich einen rheinischen Tonfall verleiht.

Auffangen hätten das nur Momente der Reflexion können, des Innehaltens, in denen die Ungeheuerlichkeiten, die Altaras immer wieder ausgelassen formuliert, ins Bewusstsein hätten treten können. Auf einer von Sven Hansen mit einem verpixelten Schwarz-Weiß-Familienfoto im Hintergrund und ein paar wurschtigen Hockern geradezu lieblos eingerichteten Bühne traut sich die Inszenierung solche Zumutungen aber nicht zu. Sie verharrt im Harmlosen.

Besonderer Gestus

Das macht den Abend nicht zum Reinfall, aber es zeigt an, wieviel mehr möglich gewesen wäre – gerade mit einer so grandiosen Protagonistin. Denn Marsha Zimmermann ist eine ideale Altaras-Darstellerin. Sie kopiert die ältere Schauspielerin nicht. Gerade deshalb aber gelingt ihr, deren Gestus einzufangen, ihre Energie und Präsenz, ihre Rastlosigkeit und ihr Chaos zu reproduzieren. Und ihr gelingt es damit, auch die übrigen Akteur:innen anzustecken: Sie wachsen an ihr. Eine Regie, die mit diesem Pfund etwas anzufangen weiß – und der Abend wäre grandios geworden.

 

Doitscha
nach dem Roman von Adriana Altaras, Fassung von Peter Hilton Fliegel
Regie: Andreas Rehschuh, Bühne & Kostüme: Sven Hansen, Dramaturgie: Peter Hilton Fliegel.
Mit: Jens Bache, Henning Bäcker, Leon Häder, Isabel Zeumer, Marsha Zimmermann.
Premiere am 18. Dezember 2021
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten, keine Pause

www.stadttheaterbremerhaven.de

 

Kritikenrundschau

Christine Gorny schreibt auf der Website von Radio Bremen zwei (online 20.12.2021): Im Buch werde aus unterschiedlichen Perspektiven in der Ich-Form erzählt, die Inszenierung halte sich genau an die Vorlage, allerdings wurde gekürzt. Bleibt ein weites Spektrum: "vom Familienkrach […], über Konflikte in der jüdischen Gemeinde in Deutschland, bis zur Rolle Israels im Nahostkonflikt und zur Holocaust-Gedenkkultur". Adriana Altaras habe ein Gespür für gute Pointen und breche die "großen heiklen Themen" auf eine "amüsante alltägliche Ebene" herunter. Diese Vorlage erwecke die Bremerhavener Inszenierung zum Leben, Peter Hilton Fliegel habe das Stück auf Fragen der jüdischen Identität zugespitzt.

Regisseur Andreas Rehschuh, schreibt Anne Stürzer in der Nordsee Zeitung (20.12.2021) inszeniere die literarische Vorlage als Familienaufstellung. Alle Schauspielerinnen stemmten mehrere Rollen. All diese Figuren seien auf "der Suche", dabei verwickelten sie sich "in Widersprüche", schließlich gebe es ja "auch keine einfachen Antworten" auf "die Frage, wie Juden und Deutsche heute zusammen leben" könnten. Aber eines ist für Anne Stürzer klar, "erinnern und trauern" müsse heute "anders stattfinden als noch vor 20 Jahren", der Witz und das Tempo von Altaras Stück und seiner Inszenierung in Bremerhaven scheint ihr eine Möglichkeit.

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