Inishmaans versteckte Schönheit

5. Februar 2022. Das Meer rauscht, aber eigentlich wollen alle weg aus dem irischen Küstenkaff mit der Weltkulturerbe-Naturkulisse, in dem Martin McDonaghs Stück spielt. Regisseur Manuel Kressin macht daraus einen Dorfschwank voller skurriler Gestalten. Im Text steckt allerdings mehr.

Von Matthias Schmidt

Gera, 5. Februar 2022. Am Anfang rauscht das Meer, und dann erwacht die Insel. Sehr lebhaft, aufgeregt mit Tendenz zur Überdrehtheit gehen alle ihrem Tagwerk nach. Irland, 1930er Jahre, sagen die Kostüme und die Musik aus dem Sehnsuchtsland der Inselbewohner  – Amerika. Die Vorderbühne ist ein aus Kunststoff-Schwimmnudeln nachgebauter Giant’s Causeway, eine großartige Idee, das Klischee vom bildschönen Irland symbolistisch zu ironisieren. Denn die Insulaner haben kein Auge für diese Schönheit.

Es geht, kurz gesagt darum, dass sie eigentlich alle wegwollen, dass sie nicht verstehen, dass andere ihr Irland für den schönsten Platz der Welt halten, während sie von Amerika träumen. (Das Programmheft suggeriert eine Analogie zur Abwanderung aus Thüringen. Wobei eher unwahrscheinlich ist, dass man sie ohne die Lektüre hätte entdecken können.)

Schrullige Dorfgemeinschaft

Oh ja, und schrullig sind sie, die Leute in Martin McDonaghs Stück: Helen, die Dorfschönheit, die alles mit Eiern bewirft, was bei 3 nicht einverstanden mit ihr ist. Johnnypateenmike, der den skrupellosen Insel-Klatschreporter gibt und seine 90jährige Mutter, die alte Mammy O'Dougal, die vergeblich versucht, sich zu Tode zu trinken. Kate spricht mit Steinen, und Bartley ist ganz offiziell der Dorftrottel. Inklusive Deppenhut. Jeder hat seine Macke, auch Billy, den sie wegen seiner körperlichen Behinderung den Krüppel nennen. Billy schaut sich gerne und ausdauernd Kühe an.

Das ist natürlich alles sehr komisch, und Regisseur Manuel Kressin entscheidet sich dafür, diese Komik von der ersten Minute an regelrecht auszustellen, sie verbal und gestisch noch größer zu machen – unübersehbar – und die Fallhöhe zu dem, was sich dahinter verbirgt, möglichst groß zu machen. Bis auf Billy agieren alle geradezu verhaltensauffällig, sie laufen, ja hampeln teilweise wild herum. Sie sprechen und spielen laut gegeneinander an wie die Marktschreier, und bis auf wenige Momente kommt die Inszenierung aus dieser Schwankhaftigkeit nicht mehr heraus.

Eine Text-Unterforderung

Das ist, man muss das leider sagen, eine Unterforderung dieses großartigen Theatertextes. Der trockenen, lakonischen Humor mit viel Herz paart. Der die große Menschlichkeit der Inselbewohner, pathetisch gesagt ihre wahren Gefühle und guten Herzen, hinter ihren Marotten hervorscheinen lässt. Der von einem Mann stammt, der zuletzt mit dem Film 3 Billboards outside Ebbing, Missouri auf der Leinwand vorgeführt hat, wie großartig zurückgenommenes Inszenieren funktioniert, gerade wenn man seine Erwartungen von der Einfachheit, der Verschrobenheit und auch der Grobheit der Kleinstadtmenschen hat.

Krueppel von Inishmaan 2 RonnyRistok uZwischen Schwimmnudeln, mit denen die Bühnenbildnerin Emila Schmucker die Basaltsäulen der Weltkultuerbestätte "Giants Causeway" an der nördlichen Küste des Countys Antrim ironisiert. © Ronny Ristok

In Gera hingegen fliegen Dosen und Eier, und Schnapsflaschen poltern aus der Hängematte der alten Mammy O'Dougal, und dann poltern sie nochmal beim Einsammeln in eine Kiste und noch einmal, als sie wieder herausfallen aus Kiste. Es ist nicht ganz so wie beim Kasperl und dem Krokodil, aber im Grunde weiß man eben doch schon vor dem Kasperl, dass das Krokodil ihm wieder was geklaut hat. Und dass dann gelacht werden soll.

Billy rettet den Abend

Für das Ensemble ist das natürlich eine hervorragende Gelegenheit, sich auszutoben. Manuel Struffolino beispielsweise als endlos trinkende Alte macht das mit großer Lust, das ist zu spüren, und es wird dann auch gelacht im Saal, aber – zusammen mit der albernen Perücke – wirkt das auf Dauer in dieser Inszenierung eben leider doch genau so, wie man sich einen harmlosen Schwank im Kleinstadttheater vorstellt.

Weil es eben nicht so einfach ist, aus dieser Haltung herunterzubremsen in die ruhigen, die melancholischen Momente, von denen es im Stück nur so wimmelt, wenn man es exakt auf dem Grat zwischen Komik und Tragik interpretiert. Alle Figuren haben diese Momente, nur wirken sie hier, wenn man sie überhaupt wahrnimmt, eher verstörend, weil man sie den Insulaner-Karikaturen, als die sie bis dahin präsentiert werden, kaum zutraut.

Krueppel von Inishmaan 1 RonnyRistok uIm Zentrum steht Billy (Sebastian Schlicht), der nach Amerika geht und krank und voller Sehnsucht zurückkehrt © Ronny Ristok

Die meisten dieser Momente sind mit Billy verknüpft. Der nicht weiß, wie seine Eltern ums Leben kamen. Der fürchtet, sie hätten sich wegen seiner Behinderung umgebracht, der die Insel verlassen will, mit einem Filmteam nach Amerika geht und schließlich gescheitert, krank und voller Sehnsucht zurückkehrt zu denen, die ihn doch eigentlich immer nur verspotten.

Nicht nur auf irischen Inseln

Sebastian Schlicht als Billy schafft es, diese Szenen zur Wirkung zu bringen. Er rettet den Abend davor, ganz und gar unter Klamauk verschüttet zu gehen, indem er - als einziger - konzentriert und ernsthaft bleibt statt zu zappeln, seine Blicke sprechen lässt statt laut zu werden. Die wichtigsten Szenen des Stücks, er spielt und spricht sie auf den Punkt: "Es gibt so viele, die verkrüppelter sind als ich – man sieht es nur nicht." Am Ende, als auch Helen (Rebecca Halm) ihren Coolness-Panzer kurz ablegt - als klar wird, dass sie auch deshalb mit Eiern wirft, weil sie von den Männern der Insel belästigt wird, sogar vom Dorfpfarrer – und sich Billys Liebe öffnet, ist zu erahnen, dass McDonaghs Figuren vielleicht sogar etwas mit uns zu tun haben. Mit Einsamkeit und Isolation und Verletzungen und Ängsten, die es nicht nur auf irischen Inseln gibt. Man sieht es nur nicht. Oder eben erst viel zu spät.

Der Krüppel von Inishmaan
Stück in neun Szenen von Martin McDonagh
Deutsch von Martin Molitor und Christian Seltmann
Regie: Manuel Kressin, Bühne und Kostüme: Emilia Schmucker, Dramaturgie: Jörg Neumann.
Mit: Sebastian Schlicht, Mechthild Scrobanita, Marie-Luis Kießling, Thorsten Dara, Rebecca Halm, Markus Lingstädt, Johannes Emmrich, Bruno Beeke, Manuel Struffolino.
Premiere am 4. Februar 2022 am Theater Gera
Dauer: 1 Stunde 25 Minuten, eine Pause

www.tpthueringen.de

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